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BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Überschrieben ist dieser Gastbeitrag von Herrn Dr. Christian Hoppe, bekannter Wirklichkeits-Brainlog-Blogger der mit “junger” Unterstützung ein Projekt gestaltet hat, welches die Brücke zwischen schulischer und hochschulischer Begabungsförderung schlägt und Lust auf mehr macht. Begabung und deren Förderung macht es erforderlich, nicht nur manche geistige Grenzen zu durchbrechen, sondern gelegentlich auch einmal die räumlichen Grenzen zwischen Bildungsinstitutionen zu überwinden.

Vielen Dank, lieber Götz Müller, für die Möglichkeit, in einem Gastbeitrag in Ihrem Blog über ein Projekt zur Hochbegabten- und Nachwuchsförderung an der Bonner Klinik für Epileptologie zu berichten.

Seit August 2007 besteht mit freundlicher Förderung der Karg-Stiftung für Hochbegabtenförderung (Frankfurt/Main) eine Jungforschergruppe von hochmotivierten und leistungsbereiten Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Die Teilnehmer treffen sich wöchentlich an der Klinik und durchlaufen innerhalb eines Schuljahres ein umfassendes englischsprachiges Curriculum zur Hirnforschung: Wissenschaftstheorie, Statistik, Psychologie und Psychometrie, Neuroanatomie, Neurophysiologie, Kognitive Neurowissenschaften und Neurophilosophie.

Spätestens zum zweiten Schulhalbjahr beginnt die praktische Phase, in der die Schüler/-innen unter Supervision ein Projekt durchführen, das im Kontext aktueller wissenschaftlicher Fragestellungen möglichst relevant ist; d.h. es wird kein „Schülerlabor“ realisiert, sondern das Ziel ist die Beteiligung an realer akademischer Forschung. Konkret können die Schüler Verhaltensstudien durchführen, z.B. Pilotstudien zu neuen Paradigmen, die im Bereich der funktionellen Bildgebung eingesetzt werden sollen, oder Normierungsstudien für neue psychodiagnostische Instrumente, die zukünftig auch klinisch bei Patienten genutzt werden sollen.

Der Kurs 2008/2009 hat nun das kleine Kunststück fertiggebracht, ein international publikationswürdiges Projekt durchzuführen. Vor dem Hintergrund der Gedächtnisprobleme vieler Epilepsiepatienten haben die Schüler die Frage untersucht, ob das Lernen (z.B. von Wortlisten oder Musterabfolgen) dadurch verbessert werden kann, dass das Lernmaterial in kleineren Päckchen dargeboten wird und der Proband dadurch die Möglichkeit erhält, das neue Material päckchenweise zuverlässig korrekt und vollständig zu wiederholen. Auf die Lernsituation der Schüler übertragen, hieße dies, dass man zum Beispiel einen kleineren Textabschnitt liest und aus dem Gedächtnis wiederholt, bevor man weiter liest – statt erst den gesamten Text zu lesen und ihn dann (unvollständig) zu wiederholen. Sollte die Methode des päckchenweisen Darbietens und Erinnerns bei Gesunden wider Erwarten nicht funktionieren, dann wäre es sehr unwahrscheinlich, dass sie bei Patienten mit Gedächtnisstörungen funktioniert.

Die Schüler haben insgesamt N=126 gleichaltrige Mitschüler untersucht. Die Teilnehmer wurden zufällig auf vier verschiedene Versuchsbedingungen verteilt: Darbietung der gesamten Wort- und Musterliste mit jeweils 12 Items (Bedingung GS=12, entspricht dem Standard vieler Gedächtnistests), Darbietung der Liste in zwei Päckchen á 6 Items (GS=6), Darbietung von vier Päckchen á 3 Items (GS=3) und Darbietung von zwölf „Päckchen“ á 1 Item (GS=1); unter allen vier Bedingungen wird das Material also insgesamt gleich häufig dargeboten. Nach jedem dargebotenen Päckchen durfte der Proband das zuvor Gehörte/Gesehene wiederholen. In allen Bedingungen wurden zwei Lerndurchgänge durchgeführt, das heißt das Material wurde insgesamt zweimal präsentiert.

In den beiden Lerndurchgängen erreichten die Teilnehmer unter den Bedingungen GS=1 und GS=3 erwartungsgemäß höhere Leistungen; für sie war es ja leicht, das dargebotene Material direkt nach der päckchenweisen Darbietung komplett zu wiederholen. Überraschenderweise wirkte sich dieser Vorteil jedoch beim späteren Abruf nicht aus: Die Leistungen im freien Abruf sowie beim Ja-/Nein-Wiedererkennen nach zeitlicher Verzögerung plus Ablenkung durch andere Aufgaben waren in den vier Experimentalgruppen ununterscheidbar; dabei lag kein Boden- oder Deckeneffekt vor. Bei den Wörtern erschien die Darbietung der Gesamtliste im Hinblick auf den späteren freien Abruf tendenziell sogar vorteilhaft gegenüber den erleichternden Lernbedingungen!

Unsere Schlussfolgerungen: Die Methode der päckchenweisen Darbietung und Wiederholung konnte bei den untersuchten Schülern die Abrufleistung nicht verbessern; es erscheint daher unwahrscheinlich, dass sich die Methode in der Therapie von Patienten mit Gedächtnisstörungen bewähren könnte. Die fehlenden Effekte auf die Wiedererkennensleistung zeigen, dass die Methode schon die Enkodierung des Materials während des Lernens nicht positiv beeinflussen konnte: Der einfache direkte Abruf von „frisch dargebotenem“ Material aus dem Kurzzeitgedächtnis scheint für das langfristige Behalten keinen Vorteil zu bieten – im Gegenteil: Die Ergebnisse bei den Wörtern lassen vermuten, dass Lernbedingungen, die einen direkten Abruf aus dem Kurzzeitgedächtnis erschweren, die spätere Abrufleistung begünstigen. Die Studie zeigt erneut, in welchem Maße Kurzzeit- und Langzeitgedächtnisprozesse unabhängig voneinander sein können.

Die Ergebnisse wurden kürzlich publiziert in der Fachzeitschrift „Seizure: European Journal of Epilepsy“.

Die neue Hypothese lautet nun, dass die späteren Abrufleistungen dadurch verbessert werden können, dass bereits beim Lernen eine Abrufanstrengung gefordert wird, zum Beispiel indem das Material jeweils erst mit Verzögerung nach 1-2 weiteren dargebotenen Items wiederholt werden darf (n-back-Bedingung); ein direkter, anstrengungsloser Abruf aus dem Kurzzeitgedächtnis wird dadurch unmöglich gemacht. Diese Hypothese wird derzeit von der aktuellen Jungforschergruppe (2009/2010) in einem neuen Experiment geprüft.

Wir können aufgrund unserer Erfahrung an der Bonner Klinik für Epileptologie andere wissenschaftliche Arbeitsgruppen – insbesondere im Bereich der kognitiven Neurowissenschaften – nur ermutigen, ebenfalls Jungforschergruppen von Schülern und Schülerinnen einzurichten. Die Schüler erhalten realistische Einblicke in die akademischen Abläufe, verlieren ihre Scheu und können sich vielleicht auch eher eine Vorstellung von einem wissenschaftlichen Beruf bilden – ein wichtiger Beitrag zu ihrer Berufswahl. Die Durchführung auf Englisch führt sie an die Wissenschaftssprache heran und baut auch hier Hemmungen ab; beispielsweise wird ein Auslandsaufenthalt vorstellbarer, wenn man bereits erfahren hat, dass Englischsprechen kein Problem ist. Die gemeinsame Arbeit macht zudem sehr viel Spaß, es existieren kaum oder keine Motivationsprobleme – die Sache läuft ja komplett freiwillig. Und neben den Projekten, die interessante und sinnvolle Daten liefern können, kann man durch das Lehren selbst auch immer sehr viel lernen – zum Beispiel im Hinblick auf Allgemeinverständlichkeit des Vortrags, methodische Interaktivität oder freie Präsentation in Englisch.

Wir sind gerne bereit, Kollegen bei der Einrichtung von Schülergruppen zu unterstützen.

Christian Hoppe

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

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