Frontiers for Young Minds: eine echte wissenschaftliche Zeitschrift für Kinder und Jugendliche

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
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Als Wissenschaftler/in will man seine Befunde ja gern unter die Leute bringen. In der Praxis heißt “Publizieren” jedoch leider häufig, dass der Verlag den Artikel hinter einer sogenannten “Paywall” versteckt – vor dem Lesen muss man also erst mal löhnen, so man denn keinen Zugang über seine Universität hat. Open-Access-Journals dagegen verfolgen das Ziel, dass Forschungsergebnisse frei zugänglich sein sollen. Die Idee finde ich grundsätzlich gut, und so begab ich mich auf die Suche nach entsprechenden Zeitschriften. Und machte dabei eine Entdeckung, die möglicherweise für wissenschaftlich interessierte Kinder und Jugendliche mit Englischkenntnissen sehr interessant ist!

Die Frontiers In-Gruppe beherbergt eine ganze Reihe verschiedenster wissenschaftlicher Zeitschriften; mein Artikel zu den Vorurteilen der Deutschen gegenüber Hochbegabten ist beispielsweise bei Frontiers in Psychology erschienen, weshalb ich mir mal anschauen wollte, was es dort noch so gibt.

Ich kam, sah – und was ich sah, gefiel mir ausnehmend gut: nämlich Frontiers for Young Minds, eine echte wissenschaftliche Zeitschrift für Kinder und Jugendliche! Das Journal deckt vier thematische Rubriken ab:

  • Astronomie und Weltraum (Understanding Astronomy and Space Science)
  • Gesundheit (Understanding Health)
  • Neurowissenschaften (Understanding Neuroscience)
  • Umwelt (Understanding the Earth and its Resources)

Die Artikel stammen aus der Feder von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die ihre Forschungsergebnisse auf die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen zuschneiden – und von dieser auch begutachtet werden, denn die peers im Peer-Review-Prozess sind die zukünftigen Leserinnen und Leser. Üblicherweise sind wissenschaftliche Artikel heutzutage ja eher nüchtern; da man die Jugend damit jedoch eher nicht locken kann, gibt es eine sehr schöne Anleitung, wie man die eigene Forschung ansprechend aufbereiten kann; sie gibt auch Beispiele, wie Texte für die verschiedenen Altersgruppen hinsichtlich Wortwahl, Komplexität etc. konkret aussehen könnten.

Außerdem beinhaltet die Anleitung teilweise sehr erfrischende Zitate aus tatsächlichen Gutachten – einer meiner Favoriten, geschrieben von einem oder einer Zwölfjährigen: ““This seems important, but the way it is written is so boring I can’t even get to the end. Could the authors maybe sound excited about what they are doing?” (S. 2 der Anleitung). Hier wird deutlich, dass die emotionale Komponente eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass die Inhalte überhaupt ankommen – und schwer verständliches Material schafft eher negative Emotionen, in diesem Fall Langeweile. Ein weiteres Zitat eines neunjähriges Kindes: “I wish that the pictures were easier to understand just by looking at them. When it takes me a long time just to figure out what they mean, it feels like homework.”[1] In der klassischen Poetik heißt es, ein Werk möge nützen und erfreuen. Letzteres kommt jedoch im Wissenschaftsbetrieb, so mein Eindruck, häufig zu kurz – und das ist schade, denn so rein rational, emotionsbefreit und sachlich, wie man vermutet (und wie es gern auch nach außen vermittelt wird), ist Wissenschaft keineswegs [2]. Im Gegenteil: Freude, Begeisterung, Enthusiasmus, Leidenschaft für das, was man tut, gehören zum wissenschaftlichen Prozess dazu (und trösten über viele strukturelle Defizite des Wissenschaftsbetriebs hinweg).

Aus meiner Erfahrung sind die besten Beiträge diejenigen, die verständlichen fachlichen Gehalt und persönliche Begeisterung verbinden. Das sind Leute, denen ich bei Konferenzen gern zuhöre; das sind Texte, die mich fesseln. In eigenen Vorträgen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Begeisterung für das, was man beforscht, eine ganz besondere Verbindung zum Publikum schafft. Vielleicht erhöht die daraus resultirerende unmittelbare emotionale Verständlichkeit sogar die Bereitschaft der Zuhörerschaft, sich auf die Inhalte überhaupt einzulassen[3].

Ich glaube daher, eine Verbindung von Unverständlichkeit und Unemotionalität mit Wissenschaftlichkeit zu suggerieren, ist der Wissenschaft langfristig sogar eher schädlich – denn eine Wissenschaft, die von Menschen gemacht wird, ist niemals frei von Emotionen (dazu hatte ich mich anderweitig ja schon mal ausgelassen). Oder anders gesagt: “Research is Me-Search”; es wäre daher eher befremdlich, wenn einen etwas, was so stark mit der eigenen Identität verbunden ist, völlig kalt ließe.

Insofern vermittelt eine solche wissenschaftliche Zeitschrift für Kinder vielleicht sogar ein schöneres und motivierenderes Bild von Wissenschaft: Neugierige Leute stellen sich interessante Fragen und versuchen, schlüssige Antworten darauf zu finden. Diese Herangehensweise knüpft an den eigenen Erfahrungshorizont der jungen Leser/innen und vielleicht auch an den der Junggebliebenen unmittelbar an (auch insofern finde ich den Titel “Frontiers for Young Minds” ganz gelungen). Und vielleicht hilft es einem ja auch als Forscher/in selbst, sich diese schönen Seiten des eigenen Berufs ab und an mal wieder ins Gedächtnis zu rufen 😉

Fußnoten:

[1] Dass Hausaufgaben und negativer Affekt derart miteinander einherzugehen scheinen, ist an sich ja schon ein … interessantes Statement.

[2] Einen in vielfacher Hinsicht interessanten (und sehr unterhaltsamen!) Einblick gibt das Buch The Secret Anarchy of Science von Michael Brooks, das anhand zahlreicher Beispiele den Mythos der völlig rationalen Wissenschaft demontiert.

[3] Das würde auch ganz gut zu Prozessmodellen der sozialen Wahrnehmung und der Emotion passen. Auf die zwei Dimensionen der sozialen Wahrnehmung, Wärme und Kompetenz, die sich ja auch in den Hochbegabtenstereotypen wiederfinden, komme ich irgendwie immer wieder zurück, scheint es mir; im sozialen Wahrnehmungsprozess wird das Gegenüber erst nach der Wärme beurteilt (gut oder gefährlich?), erst dann nach seiner Kompetenz (falls “gefährlich”: Wäre er/sie überhaupt in der Lage, mir zu schaden?).

Tanja Gabriele Baudson

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

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