Der Ganztag als Allheilmittel?

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Wir unterliegen dem Zwang, uns selbst erklären zu müssen, was wir tun. Insbesondere dann, wenn das, was wir tun, nicht zweckmäßig ist – in welcher Hinsicht auch immer. Mit einer Spannung in sich leben zu müssen, ist auf Dauer unangenehm und so reduzieren wir diese, indem wir uns über Bewertungen unseres Tun eine Konstruktion bauen, die dieses erreichen kann. Dieses Phänomen der Kognitiven Dissonanz könnte eine Vorlage für die Förderung von Hochbegabung sein, wie ich in der vergangenen Woche aus dem Gespräch mit einem Lehrer, der lange Zeit in England unterrichtet hat, erfahren konnte. Verkürzt: Dissonanz entsteht, wenn ich etwas tue, was nicht mit meinen Einstellungen übereinstimmt. Es passt mir nicht, aber ich mache es eben oder habe es bereits getan. Dies ist angelehnt an Festinger, der auf Grundlage dieser Annahmen Untersuchungen durchführte und herausarbeiten konnte, dass die erzeugte kognitive Dissonanz durch nachfolgende Bewertungen reduziert wurde. So wurde eine Tätigkeit entsprechend auf- oder abgewertet – also passend gemacht.

Wagen wir es, diese Theorie in Kindesentwicklung einzubetten. Die Grundlage, dass überhaupt etwas reduziert werden kann, ist, dass Einstellungen entwickelt sind, zu denen ein konträres Verhalten gezeigt werden kann. Im Grunde tut ein 4-Jähriger ja auch nichts, was seinen Einstellungen widerspricht. Die in hohem Maße an eigenen Interessen und Bedürfnissen ausgerichtete Handlungsmotivation wie auch die verhältnismäßig freien Strukturen erlauben dem Vorschulkind eine weitestgehend „dissonanzfreie“ Zeit. Beschränken wir uns daher auf den schulischen Bereich, so müssten Kinder zunehmend „Dissonanzen“ erfahren (was nun zugegebenermaßen auf nur eine Perspektive einschränkt). Wenn nicht erfolgte Auslastung (oder auch gerne Unterforderung) konstant erfolgt, müssten sich beim Kind Spannungen im Sinne der Dissonanz zeigen („Was mache ich hier eigentlich den ganzen Tag?!“ ). Zwar ist die Grundvoraussetzung hierfür noch ungeklärt, nämlich die Existenz zugehöriger verletzter Einstellungen wie z.B. Anspruch auf Produktivität, doch gehen wir davon aus, dass es so ist. Reduziert werden könnte dann durch Umbewertungen der Tätigkeiten – in diesem Falle Aufwertungen („Das bringt etwas.“ oder „Es wird sich auszahlen.“). 

Das Ganze könnte man weiterführen: Führe ich eine Situation herbei, die durch ihre Rahmenbedingungen nicht veränderbar ist und im Inneren zu Dissonanzen führt, kann der Betroffene die Tätigkeit nur aufwerten. Die Sache muss ihm gefallen, denn ansonsten reduziert sich die Anspannung nicht. Die Motivation, sich konstruktiv mit der Situation auseinanderzusetzen und sie “passender” zu machen, könnte eine der möglichen Konsequenzen sein.

Die Schlagworte des deutschen Lehrers im englischen Ganztagsland lauteten: Ganztagsschule von Beginn an, flächendeckend, keine Alternativen, klare Ansage fürs Lernen von 9 bis 16 Uhr. Aus seiner Erfahrung wären wir dann die Probleme mit Hochbegabten los.

Very pointed –
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Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

2 Kommentare

  1. Oh, noch keine Kommentare hier?

    Ja dem Vorurteil ist man ja hierzulande auch erlegen. Statt dass man sich die Tatsache mal vor Augen führt, dass diese Kinder deutlich weniger Zeit brauchen um das gymnasiale Lernziel zu erreichen, zwingt man sie in den Ganztag und lässt sie powern, mehrere Sprachen, ein Instrument, weiteres Enrichtment.

    Der Übergang von der Grundschule an eine Ganztagsschule mit Hochbegabtenförderung prasselt dann auf die Kinder ein als völlige Reizüberflutung. Zum einen ist da dieser ungewohnt lange Schultag. Und auch inhaltlich müssen sie von Null auf 150 gehen. Dies Übergang ist sicher oft kein leichter und sicher auch häufiger mit Frustration verbunden. Denn für diese Kinder ist die Tatsache, das gewisse Dinge aktiv auch mal gelernt werden müssen, vor allem wenn viel auf einmal kommt, wegen der Breite des Angebotes, eine ganz neue Erfahrung.

    Warum nutzt man nicht einfach das Potenzial dieser Kinder, lässt sie lernen in ihrer Geschwindigkeit und bereitet ihnen nachmittags Angebote, die sie je nach Interessenlage annehmen oder auch nicht?

  2. Also das gilt sicher nur für eine gute, interessante Schule.

    Ich selbst habe Schule als extrem langweilig empfunden, wenn ich das auch noch ganztags hätte machen müssen, wann wäre dann Zeit gewesen für kreatives Spielen, lesen, Computer, Natur, Sport, Musik, und all die Dinge, die in der Schule nicht vorkommen?

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