Das Leid mit den Hausaufgaben

Philipp besucht die 4.Klasse einer Grundschule, ist pfiffig und kontaktfreudig, ein guter Denker und hochbegabt. Schwierigkeiten bereitet ihm das Erledigen von Hausaufgaben, was letztlich seit dem 2.Schuljahr – mit Schwankungen – ein den Nachmittag belebendes Element sein kann. Die ganze Familie hat gelegentlich etwas von Philipps Hausaufgaben …

Hausaufgaben dienen meist zweierlei: Zum einen würden Hausaufgaben methodisch-didaktisch betrachtet, also in erster Linie auf die Vorbereitung, Ergänzung oder Nachbereitung des Unterrichtsstoffes bezogen, um die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten von Schülerinnen und Schülern zu fördern. Zum anderen können man Hausaufgaben als erzieherische Maßnahme verstehen, die mitunter das Interesse an Themen, die Selbstständigkeit und auch die Gewissenhaftigkeit zu fördern versucht.

Braucht Philipp das? Philipp ist auf nahezu jede Stunde bestens vorbereitet, ergänzt und schnell nachbereitet. Auch hat er Interesse an Themen des Unterrichts (und darüber hinaus), kann sehr gut selbstständig arbeiten und durchaus gewissenhaft sein. Seine Lehrerin bestätigt dies, zumal es in der Schule keine nennenswerten Probleme mit Philipp gibt. Gelegentlich wirke er gelangweilt, sei aber auf Ansprache „immer dabei“. Ob man in den Zustand eines dauerhaften „hausaufgabenfrei“ kommen könne, war ein Gedanke, den Philipp und ich in unseren Gesprächen über die schwierigen Nachmittage hatten. Immerhin hatten wir zuvor festgestellt, dass die vorgesehenen Funktionen der Hausaufgaben bei Philipp ohnehin sehr vernachlässigend wirken mussten. Schnell war der Entschluss gefasst, diesem Ziele näherzukommen.

Im nächsten Schritt überlegten wir, wie wir uns in eine Ausgangsposition bringen konnten, die mit zahlreichen Argumenten so aufwarten konnte, dass Klassenlehrerin (und Mutter) wenig entgegenbringen konnten. Hierbei – so einigten wir uns – mussten die Noten her, die mit sechs Einsen im Endjahreszeugnis der 3.Klasse sich günstig zeigten. Die ersten Tests und Arbeiten der 4.Klasse waren ebenfalls in acht Fällen bei Eins, lediglich eine Zwei hatte sich eingeschlichen. In der Schule mitzuarbeiten, fiel Philipp leicht; Heftführung und die generelle Ordnung schätzte er auf „mindestens gut“ ein. Mehr fiel uns nicht ein.

Im Hinblick auf unsere Strategie besannen wir uns auch auf mögliche Gegenargumente und versetzen uns in die Sichtweise der anderen hinein. Was könnten Klassenlehrerin und Mutter hervorbringen, was wir übersehen könnten? Diese Frage brachte Philipp ins Grübeln. Lehrer- wie mutterseits fand er – aus seiner Sicht – keine Argumente, was die Funktionen von Hausaufgaben betrifft; ihm war klar, dass es um die anderen geht – seine Mitschüler und seine Geschwister, hier insbesondere seine Zwillingsschwester. Nach einem kurzen resignativen Loch und temporärer Hoffnungslosigkeit bei Philipp stellten wir Überlegungen an, auch den Punkt der „sozialen Gerechtigkeit“ aufzugreifen. Dabei haben wir uns auf die Dinge konzentriert, bei denen Menschen unterschiedlich behandelt werden. Das – so unsere Idee – wäre ja ungleich und somit ähnlich der Hausaufgabenbefreiung zu sehen. Ich schreibe mal schnell ab, was Philipp als Stichworte genannt hat:

→ Lewin und Justin haben LRS, die schreiben andere Diktate

→ Noah darf immer vorne sitzen, weil der was mit den Ohren hat (alle anderen rotieren)

→ Lea (Zwillingsschwester) darf beim Autofahren immer vorne sitzen, weil sie sonst kotzt

Dies ist der aktuelle Stand der Dinge. Philipp wird nun in den nächsten Tagen das Gespräch mit seiner Lehrerin suchen. Und ich berichte dann.

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

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