Bis in die Oberstufe

BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Bekannt ist es vielen aus der eigenen Schulzeit – ganz unabhängig davon, ob Sie sich zur Gruppe höher oder Hochbegabter zählen. Mit zunehmendem Schulalter nehmen nicht die intellektuellen Fähigkeiten ab, sondern durch die Veränderung der formalen und inhaltlichen Bedingungen verändern sich die Anforderungen derart, dass auch für Hochbegabte kleine oder größere Anpassungsschwierigkeiten auftreten können.

Anlass für diesen Beitrag gibt mir das Gespräch mit einer Mutter, die bei ihrem hochbegabten Sohn, der die 7.Klasse eines Gymnasiums besucht, eine Versetzungsgefährdung befürchtet, „wenn das so weiter geht“. Aus der Grundschulzeit seien als Zensuren nur 1er und 2er bekannt; mit dem Wechsel auf das Gymnasium hätten sich wenige 3er, dann auch 4er ergeben. Doch sei nun mit dem zweiten Halbjahr der 6.Klasse und dem 1.Halbjahr der 7.Klasse eine deutliche Verschlechterung aufgetreten.

Abgesehen davon, dass eine Diskussion über eine hohe Erwartungshaltung, über familiäre Leistungsnormen und die Diskrepanz zwischen Mutter und Sohn angebracht wäre, findet sich dieser „Notenabfall“ bei vielen Schülerinnen und vor Allem Schülern. Worin kann dies begründet sein? Schauen wir uns zunächst die Grundschule an: Aus der Praxiserfahrung ist zunächst zu benennen, dass die Notengebung im Grundschulalter im Grand mit den Noten 2 und 3 abgedeckt ist. Insbesondere für Hochbegabte ist die Umsetzung des Schulstoffs leicht, so dass zudem kaum höhere Lernstrategien entwickelt werden müssen, was ein weiterer Aspekt in der Betrachtung ist. Außerdem werden in der Grundschule die Inhalte überwiegend sprachlich vermittelt, so dass auch im mathematisch-naturwissenschaftlichen Feld die Umsetzung durch sprachliche Fähigkeiten erfolgt. Der sprachlich Begabte hat Vorteile.

Mit dem Wechsel auf das Gymnasium verändert sich die Zusammensetzung der Klasse, die formalen Bedingungen nehmen eine Erweiterung des Fächerspektrums sowie der Lehrkäfte vor und auch in der kindlichen Entwicklung kommt es durch die anstehende Pubertät zu Veränderungen. Alles in Allem beginnt ein (nicht ganz) neues Spiel für die Schüler. Zu Beginn des Gymnasiums überwiegt nach wie vor die sprachliche Vermittlung schulischen Stoffes, was sich in dem hohen Anteil von Lesen, Verschriftlichen und mündlichem Arbeiten zeigt. Strategien der Textverarbeitung stehen in vielen Fächern im Vordergrund, wobei auch zunehmend reproduzierendes Lernen aufkommt, was am Beispiel „Europa und sein Länder“ für das Fach Erdkunde zu verdeutlichen ist. Für den Hochbegabten, der bis dato nebenbei gelernt hat, sind hier Umstellungsprozesse erforderlich. Zuhören und Drüberlesen reichen nicht mehr aus.

Mit zunehmender Laufbahn gesellt sich eine Vertiefung der Naturwissenschaften hinzu, die dann zu einer Ablösung der Hegemonialstellung der sprachlichen Fähigkeiten führt. Dies hat zwangsläufig auch eine Veränderung der Notengebung zur Folge, wenn nicht mehr die sprachlich orientierte Wiedergabe von Versuchsprotokollen, sondern Hebelgesetze o.ä. Anwendung finden. Insofern kommt es mit der 8. und 9.Klasse häufig auch zu Veränderungen der Notenstruktur der gesamten Lerngruppe. Deutlich erkennen kann man diesen Interaktionsprozess, wenn man einen Blick auf die Zeugnisse der Oberstufe wirft und die unterschiedlichen Lernfelder miteinander vergleicht. Durch die Spezifizierung, die die Oberstufe ermöglicht, lassen sich diese Unterschiede wieder etwas ausgleichen, so dass für viele Betroffene das Notebild wieder Besserung erfährt.

Aus der Praxis lässt sich klar sagen, dass es wichtig ist, die kritischen Jahre bis zum Eingang in die Oberstufe zu überstehen. Dass sich Noten verschlechtern, ist sozusagen vorprogrammiert. Auch durch innere Reifungsprozesse verliert sich die Begabung der Schülerin bzw. des Schülers nicht – egal, wie sich das System anstrengt, eine Verblödung kommt kaum zustande!

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

13 Kommentare

  1. Das ist zwar

    Dass sich Noten verschlechtern, ist sozusagen vorprogrammiert. Auch durch innere Reifungsprozesse verliert sich die Begabung der Schülerin bzw. des Schülers nicht – egal, wie sich das System anstrengt, eine Verblödung kommt kaum zustande!

    …richtig, aber auch kein anzunehmender Zustand – wenn man nicht dem gemeinsamen Lernen stark gewogen ist.

    Im Umkehrschluss würde sich anbieten das vor-universitäre Lernen lockerer, also selektiver zu gestalten.

    MFG
    Dr. W (der auch die Gratwanderung begutachtet, die hiesige, der sogenannten Hochbegabung zugewandten Kräfte beim heutigen d-typischen Bildungswesen schaffen)

  2. @Volko

    Grundsätzlich ist der Erfolg im vor-universitären Bildungssystem, so eine These des Artikels, die der Schreiber dieser Zeilen teilt, eher eine Folge der Konformität als der Begabung.

    Wenn Sie schulisch Hochleister oder ‘Vorzugsschüler’ waren, wäre in der Folge zu prüfen, wie oft Sie heute, sozusagen in gereiftem Alter, konform gehen mit umläufigen oder umlaufenden Meinungen. Tun Sie dies, sind Sie nicht hochbegabt. [1]

    SCNR
    Dr. W

    [1] An dieser Stelle gleich die Warnung, dass Nonkonformität kein Indiz ist für Hochbegabung, sondern notwendige Bedingung.

  3. @Volko

    Sind Sie überhaupt hochbegabt?

    Zumindest so begabt, um das Konzept der im letzten Jahrhundert erfundenen Intelligenz und die sogenannte Hochbegabung auf den Prüfstand stellen zu können.

    BTW, Sie haben in Ihrem WebLog einen Fehler gemacht beim Ziegenproblem.
    Weiteres öffentliches Feedback soll Ihnen aber erspart bleiben.

    MFG
    Dr. W

  4. @W

    Steht die Aussage, dass für die Schulnoten Konformität und nicht Intelligenz entscheidend sei, nicht in Widerspruch zu diesem Artikel (“Bis in die Oberstufe”)?

    Dieser Artikel weist klar auf Intelligenzdefizite ehemals guter (angeblich “hochbegabter”) Schüler hin, die erst ab der 7. Klasse zu Tage treten, weil sich da die Inhalte des Unterrichts ändern.

    Meiner Meinung nach ist es fraglich, ob diese Kinder wirklich die Bezeichnung “hochbegabt” verdienen.

    Bei der Gelegenheit würde mich interessieren, welchen Fehler mein Artikel zum Ziegenproblem enthält, denn ich konnte bei nochmaligem Durchlesen keinen Fehler finden.

  5. @Volko

    Steht die Aussage, dass für die Schulnoten Konformität und nicht Intelligenz entscheidend sei, nicht in Widerspruch zu diesem Artikel (“Bis in die Oberstufe”)?

    Nöh, es wird zwar angeblich für den Begabten in der Oberstufe mit dem ‘Notebild’ besser, aber es stand eben lange Zeit die ‘Textverarbeitung im Vordergrung’. Der Begabte hat sich eben wesentlich mehr an den ‘Lehrkäften’ zu prüfen als früher üblich.

    Netter Artikel, sachnah & angenehm fazitär.

    MFG

  6. @W

    Der Artikel sagt, dass sich manche Schüler in den ersten 6 Schuljahren leicht tun, weil die Anforderungen eher sprachlicher Natur sind, und dann ab der 7. Klasse Probleme auftreten, weil logisches Denken gefragt ist. Das spricht doch nicht für die Intelligenz dieser angeblich “hochbegabten” Schüler!

  7. Herr Volko

    Der Schreiber dieser Zeilen räumt hiermit ein diesen Artikel nicht ernst genommen zu haben, rät aber weiterhin vom sogenannten gemeinsamen Lernen ab.

    MFG
    Dr. W (der hofft, dass Sie die kleine Nachricht zu Ihrer Minderleistung beim sogenannten Ziegenproblem mittlerweile erhalten haben, allgemein auch noch ein schönes Rest-Wochenende wünscht)

  8. Hierhin

    , wohin es sich gehört, Herr Volko:
    -> http://iqmagazin.wordpress.com/2012/09/12/das-monty-hall-problem/

    Sollten Sie die Nachricht nicht erhalten können: Nur der kurze Hinweis, dass das Verhalten des Quizmasters nicht bekannt ist, aber in Abhängigkeit dieses Verhaltens vom Spielteilnehmer zu entscheiden ist.
    Das sogenannte Ziegenproblem unterstellt in der Regel ein bestimmtes Quizmaster-Verhalten, legt es aber nicht genau dar.

    MFG
    Dr. W

  9. Gewagt…

    Die hier präsentierte These mag evtl. auf einige zutreffen, aber lange nicht auf alle. Ich bin auch hochbegabt und ich hatte nur schlechte Noten wenn ich bzw. die Lehrer mich nicht leiden konnten oder ich schlichtweg keine Lust hatte mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Der Wechsel der Lernformen hat auf mich eher anregend gewirkt und ich habe es nie so empfunden das ich als HB nicht mitkommen könnte.

  10. Schulprobleme ab Klasse x

    Bei den weiterführenden Schulen in NRW ist ein höherer Klassenfrequenzrichtwert als in den Grundschulen, somit kommen mehr Schüler in eine Klasse (28 plus – außer Sekundarschule = 25 plus), die Pubertät beginnt, der Stoff wird schwerer. Da muss niemand hochbegabt sein, um abzusacken, das ist systemimmanent. Wer die Mittelstufe überlebt und den Eintritt in den Oberstufe schafft, landet beim Klassenferquenzrichtwert von 19,5. Gewonnnen.

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