Adventskalender, Tag 5: 24 Gedanken und Wünsche für Hochbegabte

Hochbegabung

Einige Kommentator/innen merkten an, dass die hier vorgebrachten Gedanken doch etwas resigniert bis deprimierend seien. Sind es also immer die Hochbegabten, die sich anpassen müssen, damit der Laden einigermaßen läuft? Die Antwort ist, denke ich, ein klares Jein.

Diejenigen unter Ihnen, die schon einmal von dem Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget gehört haben, sind in diesem Zusammenhang möglicherweise auch auf die Konzepte der “Assimilation” und der “Akkomodation” gestoßen. Dabei handelt es sich um zwei komplementäre Prozesse der Anpassung des Individuums an seine Umwelt, die dazu dienen, ein Gleichgewicht (“Äquilibration”) herzustellen.

Was hat es damit auf sich? Piaget geht davon aus, dass Menschen bestimmte kognitive Schemata haben. Ein frühes Beispiel sind Reflexe, etwa der Greifreflex. Jeder, der mal die Handfläche eines Babys gekitzelt hat, kennt das: Die Faust des Kindes schließt sich um den Finger des Erwachsenen, der Finger wird sozusagen ins Schema “assimiliert”. Nun ist aber nicht jedes Objekt gleichermaßen dazu geeignet, um es mit der Faust zu greifen; sehr kleine Objekte, etwa Perlen, die man auffädeln will, bekommt man damit nicht auf die Schnur. Das Schema muss also an die Erfordernisse der Umwelt angepasst (“akkomodiert”) werden, etwa, indem man die Perle mit den Fingerspitzen greift. Hier wird also das bisherige Schema geändert, weil es nicht mehr funktioniert.

Jürgen Brandstädter hat diesen Grundgedanken auf die Psychologie des Alterns übertragen und weiterentwickelt. Mit zunehmendem Alter stellt man fest, dass bestimmte Dinge nicht mehr so funktionieren wie früher (etwa hart Party feiern oder ohne vorangegangenes Training 10 Kilometer laufen), was die Identität und den Selbstwert bedroht, wenn einem diese Dinge wichtig sind. Dem kann man sich einerseits stellen, indem man versucht, weiter die Assimilationsstrategie zu verfolgen. Man bleibt dem Ziel (“Party”) also verbunden und versucht eine Anpassungsstrategie (etwa gezieltes Anlegen und Konsum von Aspirin- und Heringsvorräten am Morgen danach – “geht doch noch!”). Problematisch wird das allerdings, wenn dadurch der Blick auf alternative Ziele verstellt wird, etwa langfristige Gesundheit. Insofern wäre die alternative akkomodative Strategie, sich vom Ziel zu lösen. Was im Einzelfall besser ist, ist eine Frage der Abwägung; erleichternd kommen sogenannte Immunisierungsprozesse hinzu, die es einem leichter machen, die Dissonanz zwischen Ziel und seiner Erreichbarkeit auszuhalten (etwa, indem man seine Standards senkt und/oder das Ziel abwertet – “Partys, die länger dauern als Mitternacht, braucht sowieso kein Mensch”).

Um nun den Sprung zur Hochbegabung vorzunehmen: Von Leta Hollingworth, der Pionierin der Höchstbegabtenforschung (ihr nach wie vor lesenswertes Werk “Children above 180 IQ Stanford-Binet” erschien 1942), stammt das Zitat, Hochbegabte müssen lernen “to suffer fools gladly” – unter Umständen ein harter Lernprozess. (Mit der Bezeichnung “fools” bin ich persönlich ja nicht so glücklich, aber sei’s drum.) Das wäre also in etwas freier Übertragung der oben genannten Prinzipien ein Beispiel für eine eher akkomodative Strategie: sich selbst anpassen. Ein eher assimilatives Beispiel – und das ist das ultrakompakte Türchen für heute nach dieser langen Hinleitung – kommt von Stefan (38):

“Mach Dein Ding.”

Die Message ist also, sich selbst nicht zu verbiegen und das zu tun, was man selbst für richtig hält. Was hierbei vermutlich hilft und letztlich möglicherweise sogar einer Immunisierung zuträglich ist, ist die gezielte Selektion: passende Personen und Kontexte zu suchen und zu finden, in denen man sein kann, wie man ist, und die einen idealerweise darin unterstützen, die eigenen Ziele zu verfolgen. Herauszufinden, was das “eigene Ding” ist und wann Anpassung diesen Zielen zuträglich ist und ab wann sie einem schadet, ist vermutlich eine lebenslange Aufgabe. Ich wünsche auf jeden Fall allen Hochbegabten, dass sie “ihr Ding” finden – und allen anderen auch.

Tanja Gabriele Baudson

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg. Davor hatte sie ein Jahr lang die Vertretung des Lehrstuhls für Methoden der Empirischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dortmund inne. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

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