Adventskalender: Das zweite Türchen

BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Neuer Tag, neues Zitat … hinter einem neuen Türchen! Das zweite Türchen öffnet sich …

Intelligence appears to be the thing that enables a man to get along without education. Education enables a man to get along without the use of his intelligence. (Albert Edward Wiggam)

(Übersetzung: Intelligenz scheint das zu sein, was es einem Menschen ermöglicht, ohne Bildung zurecht zu kommen. Bildung macht es einem Menschen möglich klarzukommen, ohne seine Intelligenz zu benutzen.)

Finde ich ein interessantes Zitat. Intelligenz lässt sich ja definieren als Problemlösekompetenz – gerade da, wo die traditionellen (anders gesagt: erlernten) Lösungswege versagen, da Intelligenz in der Lage ist, Zusammenhänge zu erkennen. Bildung im Sinne eines Wissenserwerbs ist einerseits die Voraussetzung dafür, solche Probleme kompetent einschätzen zu können: Vorwissen ist hilfreich, weil es einem die Mühe ersparen kann, das Rad mehrfach zu erfinden. Wer sein Gebiet kennt, weiß, was bereits erfunden wurde und welche Probleme sich lohnen. Umgekehrt kann einem aber gerade dieses Wissen auch den Blick verstellen für neue Ansätze. Die Expertiseforschung befasst sich mit Personen, die durch langjährige Übung und intensives Befassen mit einem Gegenstand (als Faustregel spricht man von 10.000 Stunden oder 10 Jahren) zu Experten auf ihrem Gebiet geworden sind. Wer zu sehr Experte ist, bringt allerdings irgendwann nichts Neues mehr – zu viel Wissen ist also auch nicht gut.

Eindrucksvoll konnte dieses kognitive Sich-Festfahren im kleineren Rahmen schon in einem Versuch von Luchins (1942) gezeigt werden. Seine Probanden hatten jeweils drei unterschiedlich große Gefäße zur Verfügung, um eine bestimmte Menge Wasser abzumessen. Die Größe der Gefäße variierte, jedoch konnte die erforderliche Wassermenge immer nach dem gleichen Schema ermittelt werden (das größte Gefäß, daraus einmal mit dem mittleren und zweimal mit dem kleinsten ausschöpfen, formal: A – B – 2C. An einem Beispiel: Das größte Gefäß fasst 100 Liter, das zweite 10 Liter und das dritte 1 Liter. Abgemessen werden soll die Menge von 88 Litern. Man füllt also das 100-Liter-Gefäß und schöpft darauf einmal 10 und zweimal 1 Liter. Voilà.). Er unterteilte seine Gruppe in zwei Teilgruppen: Die erste hatte fünf Übungsdurchgänge, die alle nach dem genannten Muster funktionierten, bevor sie mit einem kritischen Problem konfrontiert waren, das sich nicht auf die gleiche Art lösen ließ. Die zweite Gruppe hatte keine Übungsdurchgänge, sondern war direkt mit dem kritischen Problem konfrontiert. Und danach wurde es dann spannend: Das nächste Problem (Gefäße in den Größen 39, 15 und 3 Liter standen zur Verfügung, eine Menge von 18 Litern sollte abgemessen werden) ließ sich nämlich entweder auf die alte Art und Weise lösen (A – B – 2C) oder viel einfacher – nämlich durch B + C, wie die aufmerksame Leserin bzw. der aufmerksame Leser vermutlich festgestellt hat – sofern sie/er nicht ebenfalls schon in diesem kognitiven Set (so nennen die Psychologen eine solche Einstellung) verhaftet war! Und in der Tat zeigte sich, dass die Gruppe mit den Übungsdurchgängen das alte Muster anwandten, während die zweite Gruppe das Problem auf die einfache, elegantere Art löste.

Was meint die geschätzte Leserschaft: Wie hilfreich oder hinderlich sind Wissen und Bildung bezüglich der Problemlösekompetenz?

Quelle:

Luchins, A. S. (1942). Mechanization in problem solving. Psychological Monographs, 54, Whole No. 248.

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

3 Kommentare

  1. Wissen schlägt Intelligenz!?

    Elsbeth Stern sieht das ja ganz anders, nachzulesen in ihrem Buch und kaum an dieser Stelle erschöpfend zu diskutieren.
    Ohne Bildung (Rechenfertigkeiten) hätte die zweite Gruppe das Problem auch nicht lösen können und so stellt sich eher die Frage, ob das Problem von Gruppe 1 nicht eher “Routine” heißt. Hierfür gibt es auch aus dem schulischen Bereich schöne Beispiele:
    “Ein Schäfer hütet 25 schwarze und 42 weiße Schafe. Wie alt ist der Schäfer?” Während Drittklässler fleißig losrechnen, schauen sich die Erstklässler ratlos um…

  2. Die Frage ist ja …

    … ob (schulische) Bildung nicht genau die Ausbildung solcher Routinen fördert, sodass innovatives Problemlösen mehr oder weniger unnötig wird – die Aussage lese ich zumindest in dem Zitat.

  3. Intelligenz+Kreativität kaum erlernbar?

    Das Zitat besteht darauf, dass Bildung und Intelligenz wenig miteinander zu tun haben. Und das ist wohl so. Der Intelligenzquotient wird durch eine lange Bildungskarriere kaum eröht. Ist also, um wirklich neues zu schaffen, Intelligenz und Kreativität entscheidend und Bildung gar nicht so wichtig oder sind zuviel Bildung und die damit geschaffene “Verbildung” sogar hinderlich?

    Dazu passt, dass bis vor kurzem viele bahnbrechende Arbeiten in der Wissenschaft – zum Beispiel in der Grundlagenphysik – von recht jungen Wissenschaftlern erbracht wurden. Einstein war in seinem Annus mirabilis, also 1905, in dem er 4 bahnbrechende Arbeiten veröffentlichte, gerade einmal 26 Jahre alt.
    Doch in letzter Zeit scheinen Nobelpreisträger ihre entscheidenden Arbeiten immer mehr in recht reifem Alter abzulieferen.

    Vielleicht gibt es auch ein Wissen und eine Bildung, die die Problemlösekompetenz erhöht. Es gibt jedenfalls viele Bücher zu Kreativitätstechniken (das “laterale Denken” von de Buono war ein frühes Beispiel). Dass mehr Vorwissen und mehr Bildung das Problemlösen gar erschwert liegt wohl vor allem an der menschlichen Denkfaulheit. Wirkliches Denken und Problemlösen findet nur selten statt, denn das ist schlicht zu anstrengend und gar gefährlich, wenn man es auf das eigene Leben anwendet.

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