Adventskalender: Das zehnte Türchen

BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Es ist Wochenende! Ich hoffe, Sie hatten die Gelegenheit auszuschlafen und sind fit für die erste sportliche Übung des Tages: die Öffnung des heutigen Adventskalendertürchens! (Hau-ruck!) Ui … was ist heute drin?

The important thing in science is not so much to obtain new facts as to discover new ways of thinking about them. (Sir William Henry Bragg)

(Übersetzung: Das Wichtige bei der Wissenschaft ist nicht so sehr, neue Fakten zu ermitteln, als vielmehr neue Möglichkeiten zu entdecken, über sie nachzudenken.) Fakten und Informationen gibt es heute ja bekanntlich nicht nur in unüberschaubarer Fülle, oft sind sie dank Internet auch schnell zugänglich. Fast alle empirisch arbeitenden Wissenschaftler haben eine große Menge an Daten, die sie noch nicht ausgewertet haben. Die neuen Fakten sind also in der Tat nicht das, was wissenschaftlichen Fortschritt ausmacht. Um jedoch neuartige Verknüpfungen zwischen ihnen zu finden, ist ein gewisses Vorwissen – gerne auch quer durch die Disziplinen – durchaus hilfreich. Intelligenz ist von Vorteil, wenn es darum geht, Ähnlichkeiten und Unterschiede schnell zu erkennen; für die integrierende und sinngebende Neuverknüpfung von Bereichen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, ist Kreativität vonnöten.1 Hier sehe ich eine gewisse Verbindung zur gestrigen Frage, was ein “Genie” ausmacht – da lag Herr Holzherr mit seinem Kommentar, Genie erfordere gleichermaßen Kombinationsfähigkeit und Originalität, also nah dran 🙂

Das Quäntchen Glück – oder anders gesagt, den Zufall – sollte man bei der Frage aber m.E. auch nicht außer acht lassen. Gagnés Modell, wie Begabungsanlagen (gifts) in Leistungen (talents) umgesetzt werden, beinhaltet diesen Faktor (chance) sogar explizit.2 Damit in der Wissenschaft – oder auch in anderen kreativen Domänen – etwas entstehen kann, das die Welt revolutioniert, braucht es überdies eine günstige Konstellation (einen “fruchtbaren Boden”, auf den die Saat fallen kann), damit eine solche Neuverknüpfung der Fakten auch angenommen wird und erfolgreich sein kann. Stark überspitzt bringt ein Zitat aus “Tomorrow never dies” diesen Gedanken auf den Punkt: The distance between insanity and genius is measured only by success – der Abstand zwischen Wahnsinn und Genie bemisst sich am Erfolg. Ihnen einen entspannten und sonnigen Samstag!

 


 

1 Am Rande: Wie genau die Beziehung zwischen beiden aussieht, ist eine noch nicht definitiv geklärte Frage, da die erfassten Zusammenhänge sehr stark von der Definition und Messung jedes einzelnen Konstrukts abhängen.

2 Wer sich das (sehr interessante, meiner Ansicht nach das umfassendste) Differentiated Model of Giftedness and Talent (DMGT) von Françoys Gagné einmal genauer anschauen will, wird hier fündig.

Tanja Gabriele Baudson

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

1 Kommentar

  1. Kreativität schon, Kreative weniger

    Also ich wurde in der Schule überall für meinen Einfallsreichtum gelobt (und für mein Gedächtnis, aber das hängt zusammen). Für herausragende Intelligenz nie, womöglich zu Recht. Mein Rat an alle, die nicht wissen, wohin mit der ganzen Kreativität: Kunst oder Mathematik. In den Naturwissenschaften wird man Sie verstehen, aber nicht brauchen. Bei empirischen Disziplinen, die seit langem hohe methodische Standards etabliert haben, zählt Quantität. Wenn Sie schnell lesen können, einfache Aufgaben schnell lösen-wie bei einem Intelligenztest- sind Sie also im Vorteil. Mehr Wissen aufzunehmen ist effektiver als originelle Gedanken: Der See des Unbekannten braucht keine Ideenbrücke, sondern wird zur Pfütze, um die Sie herumgehen. Und während Sie Experte werden, ergibt sich das nötig Bisschen Anders-Sehen von selbst.

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