Adventskalender: Das neunte Türchen

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Guten Morgen! Schön, dass Sie auch heute wieder mit mir in den Adventskalender schauen! Was wohl heute drin ist …?

A harmless hilarity and a buoyant cheerfulness are not infrequent concomitants of genius; and we are never more deceived than when we mistake gravity for greatness, solemnity for science, and pomposity for erudition. (Charles Caleb Colton)

(Übersetzung: Eine arglose Heiterkeit und lebhafte Fröhlichkeit gehen nicht selten mit Genie einher; und nichts wäre irreführender, als Ernst mit Größe, Feierlichkeit mit Wissenschaftlichkeit und Aufgeblasenheit mit Gelehrsamkeit zu verwechseln.)

Das ist doch mal etwas anderes als die genialen Melancholiker, oder? 😉 Und die Möglichkeit, seine Potenziale auszuleben, ist m.E. eine sehr gute Voraussetzung zum Glücklichwerden.

Bei dem letzten Element des Zitats wurde ich ans wissenschaftliche Schreiben erinnert, das ich aus der Warte recht verschiedener Fächer – Literaturwissenschaften (=Geisteswissenschaft) einerseits, Psychologie (=Naturwissenschaft) andererseits – kennenlernen durfte; die Schreibkulturen unterscheiden sich da ganz massiv. Aber ganz abgesehen von den verschiedenen Fachkulturen, so mein Gefühl, bekommen wissenschaftliche Autoren ja insbesondere hierzulande einen gewissen Vertrauensbonus, wenn sie so schreiben, dass man sie nicht versteht. Vor ein paar Tagen habe ich dazu einen Artikel gefunden, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Persönlich finde ich im Gegenteil, dass man ein Thema erst dann klar formulieren kann, wenn man es selbst verstanden hat; insofern gehen bei mir bei allzu verschraubter Sprache erst mal die Warnlampen an …

Wie sehen Sie das? Was macht für Sie ein “Genie” aus? Der Begriff ist in der Psychologie ja eher ein ungeliebtes Kind, weil er so unscharf definiert ist und jeder etwas anderes darunter versteht (was möglicherweise dazu beiträgt, dass er gar nicht zu definieren ist); vielleicht ist es aber trotzdem spannend, sich außerhalb der empirischen Messbarkeit mal ein paar Gedanken zu machen und das Ganze eher phänomenologisch anzugehen, könnte ich mir vorstellen. Gibt es heute noch Genies, und wen würden Sie dazu zählen?

Tanja Gabriele Baudson

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

2 Kommentare

  1. Was macht ein Genie aus?

    Ich denke ein Genie zeichnet sich natürlich in erster Linie durch herausragende Fähigkeiten aus als auch im weiteren durch ein gewisses Charisma. Soweit meine Einschätzung.

  2. Ein Genie überrascht …

    wie ein Naturereignis. Seine Gedanken und Werke sind so frisch und unverbraucht wie gerade geboren und bestimmt nicht angelesen. Neben der Intelligenz (Kombinationsfähigkeit) erwarte ich also auch Originalität und Kreativität.
    Zu den Genies zähle ich aber auch Personen, die über ihre Überzeugungen und Kraft ihrer Ausstrahlung und Suggestivkraft die Welt verändern. Steve Jobs beispielsweise hat selbst nichts grosses geschaffen, weder im technischen noch geistigen Bereich, dennoch hat er die Welt verändert (wenn die Veränderung auch nur darin besteht die Kunden dazu verführt zu haben, Apples Produkte zu kaufen).

    Was die oben erwähnte Verquastheit gewisser Intellektueller angeht (… wenn sie so schreiben, dass man sie nicht versteht) und die Tendenz gewisser Autoren ihre Gebildetheit wie ein Pfauenrad zu prästentieren, so muss man das deutlich unterscheiden vom Problem, etwas Komplexes zu kommunizieren. Dazu hat Einstein den besten Ratschlag gegeben: Mache die Dinge so einfach wie möglich – aber nicht einfacher

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