Adventskalender: Das dreiundzwanzigste Türchen

BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Morgen ist Heiligabend – und zum vorletzten Mal öffnen wir heute das Adventskalendertürchen … Vorher aber noch ein Hinweis auf das Gewinnspiel, das heute nacht um 23:59:59 Uhr abläuft (Stichpunkt ist das Datum des Kommentars): Wenn Sie noch Lust haben, eins von drei Büchern zu Hochbegabung zu gewinnen, finden Sie hier die Modalitäten. Nun aber zum Türchen!

Why should society feel responsible only for the education of children, and not for the education of all adults of every age? (Erich Fromm)

(Übersetzung: Warum sollte sich die Gesellschaft nur für die Bildung von Kindern verantwortlich fühlen, und nicht für die Bildung aller Erwachsener jedes Alters?)

Eine Frage, die ich mir auch schon oft gestellt habe. Ein Universitätsstudium fällt sicherlich unter Erwachsenenbildung – schwierig wird es aber dann für die “Spätzünder”, beispielsweise Hochbegabte, die erst später im Leben erfahren haben, welches Potenzial eigentlich in ihnen steckt. Es ist einerseits nachvollziehbar, dass irgendwann von einem erwartet wird, dass man sein Potenzial doch bitteschön endlich mal in Leistung umgesetzt haben möge – die Kehrseite ist jedoch, dass diejenigen, die lange Zeit überhaupt keine Ahnung hatten, dass ihr Potenzial von der Einschätzung, die andere von ihren Fähigkeiten hatten, doch massiv abweicht.

Die “offiziellen Botschaften” sind auch recht widersprüchlich. Allerorten klagt man über den Fachkräftemangel; will jemand aber mitten in seiner Berufslaufbahn noch einmal eine völlig andere Richtung einschlagen (die möglicherweise auch dazu beitrüge, den Fachkräftemangel zumindest um eine Person zu verringern – in der Regel geht es dabei ja um Weiter- und Höherqualifikationen), wird dies nicht unterstützt. Die Schlagworte “Überalterung der Gesellschaft”, “lebenslanges Lernen” im Zusammenhang mit der (m.E. sinnvollen) Verschiebung des Rentenalters nach hinten (die ursprüngliche Idee war ja, diejenigen, die älter wurden als der durchschnittliche Arbeiter, finanziell abzusichern, nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung knapp ein Viertel ihres Lebens im Ruhestand verbringt) legt es doch nah, dass man auch mal etwas Neues ausprobieren will. Die Reihenfolge “Job finden => morgens hingehen => abends zurückkommen => Schritte 2 und 3 so lange wiederholen, bis man tot umfällt bzw. in Rente geht” ist heute nicht mehr der Regelfall; die Reaktionen auf diese Veränderungen lassen indes noch auf sich warten.

Was meinen Sie: Können (und sollen!) wir als Gesellschaft es uns leisten, begabte Spätzünder zu unterstützen und/oder berufliche Neuorientierungen zu fördern? Wie ließe sich das konkret umsetzen? Kennen Sie vielleicht sogar Maßnahmen, die diese Idee bereits verwirklichen?

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

2 Kommentare

  1. Spätzünder fördern?

    Aus meiner eigenen Biographie weiß ich Folgendes: BAFöG wird nur bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres für das Abitur und Studium bezahlt. Hat man aber NACH dem 30. Geburtstag das Abitur gemacht, d.h. aus eigenem Säckel bezahlt (und damit bewiesen, dass es einem ernst ist), bekommt man im Studium aber durchaus wieder BAFöG. Vorausgesetzt man fängt nach dem Abitur unverzüglich mit dem Studium an. Ich finde, das ist doch schon einmal nicht schlecht geregelt. Sicherlich war die Abiturzeit finanziell sehr angespannt, ich musste einen Großteil meiner Ersparnisse opfern. Das ist dann eben eine Frage der Motivation…

  2. Prima Hinweis!

    Dann ist die Frage des Timings wohl eine ganz relevante. Vielen Dank für den wertvollen Hinweis!

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