Wahr und klar und schön – was motiviert Laureaten?

Was macht einen anspruchsvollen Fachvortrag zu einer tollen Präsentation, die auch für ein gemischtes Publikum, wie hier beim Heidelberg Laureate Forum geeignet ist? Es sind meiner Meinung vor allem drei Faktoren, um das Publikum für sich zu gewinnen:

  • Wer es schafft die eigene Forschung historisch einzuordnen.
  • Wer auf konkrete Anwendungen oder Probleme hinweist, auf die sich die eigene Forschung bezieht.
  • Wer die eigene Motivation deutlich macht, warum er an gerade diesem Thema arbeitet.
Leonore Blum ist Schönheit und Neugierde zu oberflächlich.  Bild: Tobias Maier (CC BY-SA)
Leonore Blum ist Schönheit und Neugierde zu oberflächlich. Bild:Tobias Maier (CC BY-SA)

Ich habe Leonore Blum, Professorin an der Carnegie Mellon, nach generellen Motivatoren gefragt, die ihrer Meinung nach, sie und ihre Kollegen antreiben. Blum meinte, sie höre am häufigsten, dass von den meisten die Freude an der Schönheit der Mathematik und die Gierde nach Neuem als Motivatoren genannt würden.

Was ist mit Schönheit gemeint? Es hat offenbar etwas mit Klarheit und Einfachheit zu tun, wie die Laureaten Ivan Sutherland und Butler W. Lampson am Donnerstag Vormittag in ihren Vorträgen deutlich machten.

Michael Atiyah, ebenfalls Laureat und hier in Heidelberg anwesend, führt in dem von Anna Kepes Szemerédi editierten Buch “Art in the Life of Mathematicians”, das jüngst erschienen ist, näher aus: “The choice of a theory is a human choice; we prefer the the theory which appeals to us best, the simplest or most beautiful  […] The success of science seems to indicate that the beauty which we humans search for in mathematical theories does capture aspects of truth […].”

Michael Atiyah erklärt mir den Zusammenhang zwischen Schönheit und Wahrheit
Michael Atiyah erklärt mir den Zusammenhang zwischen Schönheit und Wahrheit. Bild: Tobias Maier (CC BY-SA).

Einfachheit und Klarheit und vielleicht noch weitere übergeordnete ästhetische Leitgedanken sind es also, die zur Schönheit einer Theorie beitragen und die gleichermaßen mit der Wahrheit verbunden zu sein scheinen.

Ich habe versucht im Gespräch mit Atiyah den vermeintlichen Zusammenhang von Schönheit und Wahrheit weiter zu erkunden. Seine Antwort hier auf dem Heidelberg Laureate Forum hat eine philosophische Dimension: “When in doubt between truth and beauty, go for beauty. Because you never know if something is actually true.

Mir ist ein etwas schiefes Bild eingefallen, um Schönheit und Neugierde in den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess einzuordnen. Wenn Forschung eine Reise ist, dann ist die Schönheit die Reiseroute und die Neugierde der Treibstoff.

Leonore Blum war hingegen mit beiden Begriffen eher unglücklich. Sie meinte, dass sowohl Schönheit wie auch Neugierde doch etwas oberflächlich klängen und nicht ihrer eigenen Motivation gerecht würden. Sie motiviert der Wunsch nach einem tiefen Verständnis unbekannter Zusammenhänge.

Das klingt doch schön, oder?

Tobias Maier

Tobias Maier ist promovierter Molekularbiologe mit über zehn Jahren Forschungserfahrung an internationalen Instituten. Er ist Wissenschaftlicher Leiter am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) in Karlsruhe. Seit 2008 schreibt Tobias das Blog WeiterGen auf den deutschen ScienceBlogs und twittert unter @WeiterGen. --- Tobias Maier is a science communication professional with a ten year track record in biomedical research. He’s the scientific head at the National Institute for Science Communication in Germany (NaWik). Tobias writes a blog on the German ScienceBlogs network and he’s on Twitter as @WeiterGen

7 comments

  1. Sie motiviert der Wunsch nach einem tiefen Verständnis unbekannter Zusammenhänge.

    Das klingt doch schön, oder?

    Negativ.

    Die Schönheit meint, einige wird dies vielleicht überraschen, die Zweckdienlichkeit oder Einfachheit, aus irgendwelchen Gründen ist diese Sicht nie “so richtig” populär geworden, findet sich aber belegfähig bei Schönheitskonkurrenzen wieder, hier ist fast ausschließlich weibliches Personal gemeint, mit der möglichen Gen-Replikation wird dies wohl nicht zusammenhängen, äh, …, wo war der Schreiber dieser Zeilen stehen geblieben?, …, …., …, ach ja:
    Models sind “von der Stange” und auch in ihren Gesichtszügen möglichst dem Durchschnitt entsprechend, sie sind idealerweise unterernährt und taugen insofern als “Kleiderständer” (es gibt fellartige Kleidung, die nur von Spindeldürren getragen werden kann) und zwar nur sie.

    Soviel zur angeblichen oder algemein berichteten Schönheit, kA, was mit dem ‘tieferen Verständnis unbekannter Zusammenhänge’ genau gemeint war, wenn hier Unbekanntheit im Spiel ist.
    Das Konzept der Schönheit gilt jedenfalls als vglw. brauchbar gut verstanden.

    MFG
    Dr. W

    • Einfachheit wird ja oben erwähnt. Schönheit ist aber selbstverständlich mehr und kann meiner Meinung nach häufig auch erst nach Ausbildung eines spezifischen Geschmacks erkannt und gewürdigt werden. Beispiel:
      Klassische Musik klingt schön. Wer Die Sonatenhauptsatzform versteht und die musikalische Formsprache in den Kompositionen erkennt, findet sie noch schöner.
      Cedric Villani, Fields Medaillen Gewinner, der leider dieses Jahr nicht in Heidelberg war, hat in seinem Buch “Das Lebendige Theorem” (http://amzn.to/1UjscY2) angeblich seitenlang Formeln abgebildet, die in seien Augen “schön” sind. Für mich (ich habe das Buch nicht gelesen) sehe so etwas eher wie eine Ansammlung unverständlicher Hyrogplyphen aus.
      Ergo: Schönheit ist mehr als Einfachheit und deren Wahrnehmung hängt mit der Ausprägung eines spezifischen Geschmacks zusammen.

      • Das wäre dann ‘Gefallen‘, Schönheit [1] muss natürlich auch gefallen, damit sie als Zweckdienlichkeit und Einfachheit so genannt werden kann, abär Gefallen ist etwas anderes.

        MFG
        Dr. W (der für Ihre Nachrichten dankt, natürlich auch für Ihre Geduld, und noch ein schönes WE wünscht, gute Arbeit!)

        [1]
        Korrekt bleibt natürlich, dass die Schönheit ein sozialer Prozess ist, nichts anderes sein kann, einfache Lösungen abär vielleicht doch in der Schönheit ein Synonym oder ein Fachwort finden könnten, das allgemein anerkannt wird.
        Insofern ist Musik bspw. nie schön, sondern weiß zu gefallen, teilweise.

  2. Die Wahrheit muss nicht immer schön sein, sich mit Schönem zu beschäftigen ist aber zweifelsohne schön und wenn man die Wahl zwischen einer “schönen” und einer “hässlichen” Theorie hat fällt die Entscheidung leicht, zumal auch diejenigen, denen man die Theorie vermitteln will sich von der Schönheit angezogen, von der Häasslichkeit aber abgestossen fühlen werden.
    Schönheit ist mit (Zitat) Klarheit und Einfachheit wohl noch nicht vollkommen beschrieben. Es gehört auch die ausgewogene Proportion dazu, was verallgemeinert die Beziehung der Teile zueinander und zum Ganzen meint. Nur wer diese Beziehungen erkennt, erkennt die Schönheit, und die Beziehungen zu erkennen erfordert oft eine Ausbildung des Auges (auch des inneren Auges) und Geschmacks.
    der Begriff Schönheit als Triumvirat von Einfacheit, Klarheit und Ausgewogenheit entstammt der Welt des Menschen wird aber oft auch für das eingefordert, was von uns Menschen studiert wird, also von der externen Welt, der Welt in der der Mensch lebt. Der Mensch möchte gern in einer schönen Welt leben. Doch lebt er wirklich in einer schönen Welt oder mindestens in einer Welt, die schön sein könnte? Schwierige Frage. In Bezug auf die vom Menschen geschaffene Welt bringt der Mensch sowohl das Schöne als auch das Hässliche, in Bezug auf die den Menschen beherbergende Welt, die Erde und das Universum scheint aber das Schöne und Stimmige zu überwiegen. Es gibt zwar den Witz vom Universum, das in einen Ausnahmezustand gerät und dann terminiert, doch das ist – zum Glück – nur ein Witz. Auch missratene, imperfekte, Ausschuss darstellende Atome oder Elementarteilchen gibt es ebensowenig wie Risse im Raumzeitgefüge. Leben wir in der besten aller denkbaren Welten? Wer weiss das und wer könnte es in Bezug auf die Gesetze, die unser physikalisches Universum bestimmen, begründet verneinen. Welcher Physiker also könnte begründete Änderungsvorschläge für physikalische Gesetze vorlegen und behaupten, mit diesen Änderungen lebten wir in einer besseren Welt? Zumal wir wissen, dass nur geringfügig andere Werte für wichtige physikalische Konstanten ein steriles Universum hervorbrächten – also ein Universum in dem es keine Menschen gäbe. Einige mögen ja behaupten das wäre eine bessere, eine schönere Welt.

    • @ Herr Holzherr :

      Die Wahrheit muss nicht immer schön sein, sich mit Schönem zu beschäftigen ist aber zweifelsohne schön und wenn man die Wahl zwischen einer “schönen” und einer “hässlichen” Theorie hat fällt die Entscheidung leicht, zumal auch diejenigen, denen man die Theorie vermitteln will sich von der Schönheit angezogen, von der Häasslichkeit aber abgestossen fühlen werden.

      Vor allem ist es (einigen) nicht ‘schön’, wenn mit dem missbräuchlichen Begriff der Wahrheit hantiert wird. W. gibt es in tautologischen Systemen, W. auf die Physik oder Natur angewendet, im Kommunikativen, wäre hässlich, zumindest im skeptizistischen Sinne.
      Insofern bedarf auch die Substantivierung der Schönheit eine Definition, wie sie sich eben über den Nutzen und dessen Einfachheit bspw. ergeben könnte.
      Die Schönheit ist ein Begriff, der (wie die Wahrheit) außerhalb der Naturlehre steht und insofern nur geisteswissenschaftlich oder noch darunter stehend vorgeschlagen wie angenommen werden kann.

      Doch lebt er wirklich in einer schönen Welt oder mindestens in einer Welt, die schön sein könnte?
      […]
      Leben wir in der besten aller denkbaren Welten? Wer weiss das und wer könnte es in Bezug auf die Gesetze, die unser physikalisches Universum bestimmen, begründet verneinen.

      Der Anthropologe weiß oder “weiß” dies, definitorisch würde bspw. ein Gute-Laune-Bär, auch oder gerade wenn er Sanguiniker ist, hier bejahen wollen, natürlich nur: definitorisch. [1]

      Welcher Physiker also könnte begründete Änderungsvorschläge für physikalische Gesetze vorlegen und behaupten, mit diesen Änderungen lebten wir in einer besseren Welt? Zumal wir wissen, dass nur geringfügig andere Werte für wichtige physikalische Konstanten ein steriles Universum hervorbrächten – also ein Universum in dem es keine Menschen gäbe. Einige mögen ja behaupten das wäre eine bessere, eine schönere Welt.

      Mal vom Biozentrismus (das Fachwort, Pete Singer und so, aber im Bundesdeutschen konnte hier Dr. Karim Akerma beibringen, auf das Beste ungünstig beibringen, wie der Schreiber dieser Zeilen findet) abgesehen, die sogenannten Naturgesetze sind von Erkenntnissubjekten gesetzt, sie unterscheiden sich von herkömmlicher physikalischer Theoretisierung hauptsächlich dadurch, dass die empirische Lage sozusagen besonders stabil scheint.
      Und klar, die Erde ohne Primaten wäre für einige, religions-artig sozusagen, höchst erstrebenswert, auch für unsere pathozentrischen (das Fachwort) Freunde, bliebe aber erkennbar etwas für die anderen.

      MFG
      Dr. W (der im Abgang noch gerne zwei mehrfach gehörte Aussagen anderer wiedergibt: 1.) “Die Erde wäre besser dran ohne uns (Menschen (oder Bären))!” und 2.) “Mein Motto ist ‘Entschuldige, dass ich da bin!'”)

      • PS:

        Zumal wir wissen, dass nur geringfügig andere Werte für wichtige physikalische Konstanten ein steriles Universum hervorbrächten – also ein Universum in dem es keine Menschen gäbe.

        Niemand weiß dies, die Theorie, dass alles so und wie jetzt gefunden sein muss, ist ein konservativer Gedanke, der abgelehnt werden darf.
        Witzigerweise promovieren zurzeit vorgefundene kollektivistische Kräfte, bspw. im Rahmen eines Öko-Sozialismus, genau dies, werden inkohärent konservativ.

      • Auch Physiker, Historiker, Philosophen und selbst Theologen sind auf der Suche nach der Wahrheit. Und selbst Mathematiker meinen mit Wahrheit mehr als die durch einen Beweis erbrachte Tautologische Aussage. Der Beweis ist zudem eine wichtige, aber nicht die wichtigste Aufgabe eines Mathematikers.
        Was macht nun Wahrheit aus? Was mit der Wirklichkeit, dem Sachverhalt übereinstimmt, das ist wahr und liegt oft in der Tiefe,,die sich dem oberflächlichen Blick oder dem Blick auf die Oberfläche entzieht.

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