Mathematik im Tafeltempo

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Laureates of mathematics and computer science meet the next generation
Heidelberg Laureate Forum

Als Klaus Tschira in seiner Eröffnungsrede seine Erfahrungen mit einem besonders schnellen Mathematikdozenten erzählte, fühlte ich mich sofort an einige der Mathematikvorlesungen aus meiner Studentenzeit erinnert. In Tschiras Fall ging es um einen Hochschullehrer, der Gleichungen offenbar beidhändig von links und rechts gleichzeitig an die Tafel schreiben konnte, mit dem Gleichheitszeichen als letztem (man ist geneigt zu vermuten: triumphierenden) Abschluss.

In meinen eigenen Erfahrungen spielt etwas veraltete Technologie eine Rolle: Ein Overheadprojektor, der mit einer Rolle transparenter Folie ausgestattet war, die per Elektromotor vorgespult werden konnte. Die meisten Vorlesenden nutzten den Vorlauf, um eine komplett vollgeschriebene Seite durch eine neue zu ersetzen. Der Professor, den ich meine, stellte den Vorlauf an und schrieb dann in hoher Geschwindigkeit auf die stetig durchlaufende Folie.

Wie man einen großartigen Vortrag hält, ist vermutlich keine Fähigkeit, die man direkt lernen kann. Wie man einen guten, soliden Vortrag hält dagegen schon – dabei dürften angeborenes Talent und Handwerk in einem für die Erlernbarkeit deutlich günstigeren Verhältnis zueinander stehen. Tschiras Ermahnung zu angemessenem Tempo ist ein wichtiger Teil des Vortragshandwerks. Und sein Lob der Tafel als Präsentationsmittel, die zu einem mitverfolgbaren Tempo zwingt, wird jeder unterschreiben, der schon einmal einem Powerpointvortrag mit zu hoher Folienfrequenz ausgesetzt war.

Was das für die HLF-Vorträge bedeutet? Wir dürfen gespannt sein: Komplexe Themen einerseits, erfahrene Vortragende andererseits. Und – auch bei den Plenarvorträgen – eine Tafel, die darauf wartet, benutzt zu werden:

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Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

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