HLF-Querverbindungen

BLOG: Heidelberg Laureate Forum

Laureates of mathematics and computer science meet the next generation
Heidelberg Laureate Forum

Wenn ich aus einigen Tagen Entfernung auf das diesjährige Heidelberg Laureate Forum zurückschaue, dann stechen weniger die einzelnen Vorträge hervor – so beeindruckend eine Vielzahl von ihnen auch war – als die Querverbindungen zwischen ihnen. Charakteristisch für das HLF ist schließlich, dass nicht nach jedem Vortrag eine Ruheperiode intensiven Sackenlassens folgt; stattdessen gibt es – mit Ausnahme des Bootsfahrt-und-Exkursions-Mittwoch – ein regelrechtes Feuerwerk an Vorträgen, und zum Teil mit ungewöhnlichen Querverbindungen.

Einige Vorträge waren dabei fast demonstrativ antiparallel. Ich erinnere noch, mich beim Anhören des Vortrags von Joseph Sifakis, “Is computing a science?” wieder und wieder über zu vage Begriffe und wenig überzeugende Behauptungen geärgert zu haben. Aber ehe ich mir überlegt hatte, wie ich dazu wohl einen kritischen Blogbeitrag schreiben könnte, war mit dem nächsten Vortrag schon die richtige Amtwort da, nämlich mit Leslie Lamports Vortrag darüber, wie man mathematische Beweise schreiben sollte – mit der Betonung auf Klarheit und Struktur (natürlich ohne expliziten Bezug auf Sifakis, aber trotzdem wunderbar passend).

Andere Verbindungen waren unterstützender Natur. Hätte ich Gerd Faltings Freitags-Vortrag über diophantische Gleichungen einfach so gehört, wäre das meiste davon mit deutlichem Abstand über mich hinweggesegelt (wie es vorher beispielsweise schon Ngos Zahlentheorie-Vortrag getan hatte). Glücklicherweise war da aber noch Manjul Bhargavas Vortrag über rationale Punkte auf elliptischen und hyperelliptischen vom Vortag gewesen; eines der Highlights in einem ansonsten ja auch durchaus starken Feld von Vorträgen – wie Bhargava es schaffte, ohne großes Vorwissen vorauszusetzen in verständlicher Weise bis zu den Themen seiner eigenen Forschung zu kommen, war schon beeindruckend. Und das hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass nach solcher Vorarbeit auch weite Teile des Faltings-Vortrags verstehbar wurden, der, wenn auch in sehr viel höherem Tempo, ganz ähnliche Fragen behandelte.

Einige der Querverbindungen führten nicht von einem Vortrag zum anderen, sondern von den Hauptthemen des HLF, Mathematik und Informatik, nach außen. Über Martins Hairer Forschung habe ich hier und hier einigermaßen ausführlich geschrieben. Sie hat unmittelbaren Bezug zur Physik der Grenzflächen. Eine andere Querverbindung ergab sich für mich aus einem Gespräch mit Ivan Sutherland in einer Kaffeepause. Was Sutherland (Pionier grafischer Oberflächen für Computer) über eine der seiner Meinung nach wichtigsten aktuellen Herausforderungen der Informatik erzählte, betraf das Problem, auf großen und komplexen Chips sicherzustellen, dass alles im Takt läuft – die Schwierigkeit dabei: die endlich großen Laufzeiten der Signale auf dem Chip – schlagen direkt den Bogen von der Informatik zu einer Grundfrage der Speziellen Relativitätstheorie, nämlich der Definition von Gleichzeitigkeit.

Das HLF ist als Veranstaltung in seinem zweiten Jahr, und damit noch recht neu. Die Laureaten dürften noch keinen so engen Zirkel bilden, wie es meinem Eindruck nach bei den Stammgästen des Lindauer Nobelpreisträgertreffens der Fall ist. Und dass die HLF-Organisatoren den Laureaten inhaltlich keine Vorgaben machen, ist sicher die richtige Herangehensweise. Aber vielleicht kommt es ja mit der Zeit dazu, dass die Laureaten sich abstimmen und einige absichtliche Querverbindungen schaffen – sei es aufeinander aufbauend, sei es zu Themen zu denen sie unterschiedlicher Ansicht sind. Ich würde es mir wünschen.

Damit ist es auch schon an der Zeit, dem diesjährigen HLF Ade zu sagen – es war, wie beim ersten Mal, faszinierend und anregend; ein herzliches Dankeschön an Teilnehmer und Organisatoren, und ich hoffe, nächstes Jahr wieder dabei sein zu können und mitzuerleben, wie die Geschichte weitergeht!

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

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