Genie und kein Wahnsinn
BLOG: Heidelberg Laureate Forum
Wie ist das, wenn man einem absoluten Ausnahmetalent begegnet? Vielleicht fällt es im alltäglichen Umgang überhaupt nicht auf. So ging es mir mit dem neuesten Träger das Abelpreises, Gerd Faltings. Ein Anlass, alte Erinnerungen hervorzukramen.
„Sie waren bestimmt in Ihrer Schulklasse die Besten, und die Mathematik ist Ihnen immer leichtgefallen. Rechnen Sie nicht damit, dass das hier so bleibt.“ Mit solchen Worten begrüßten die Professoren uns Erstsemester. Und sie hatten ja so recht.
Im Hörsaalgebäude in Münster gab es für jede angekündigte Vorlesung einen Aushang mit den notwendigen Angaben: Ort, Uhrzeit, stichwortartige Beschreibung des Stoffs und notwendige Vorkenntnisse. Bei den Anfängervorlesungen stand in der Vorkenntnisse-Spalte standardmäßig „Lesen und Schreiben“. Und so fingen sie auch an: ohne irgendetwas vorauszusetzen. Das war die ersten zwei Wochen richtig gemütlich; aber ab da ging die Vorlesung über den Schulstoff hinaus, und wir hatten sehr plötzlich richtig zu kämpfen. Ich selbst fand mich nicht, wie ich es bis dahin gewohnt war, in der Spitzengruppe wieder; vielmehr war da noch mächtig Luft nach oben.
Der Abstand zu den höheren Semestern war ohnehin himmelweit. Die Hiwis, die uns in den Übungen betreuten, waren höchstens ein paar Jahre älter als wir und schienen doch in einer völlig anderen Liga zu spielen. Aber auch in meinem eigenen Jahrgang gab es etliche Leute, zu denen man nur bewundernd hochgucken konnte. Stephan zum Beispiel. Wir alle bemühten uns, jedes Wort des Dozenten sorgfältig mitzuschreiben, und hofften dann, dass uns später beim Nacharbeiten doch noch die Erleuchtung käme. Stephan hatte einen einzigen Zettel in der Tasche seines schwarzen Jacketts, auf dem er genau dann etwas notierte, wenn er es nicht auf der Stelle verstand. Am Ende des Semesters war der Zettel noch nicht voll.
Stephan hatte dementsprechend wenig Bedarf an Kommunikation mit uns gewöhnlichen Menschen – und deswegen auch wenig Übung. Ihm fiel nicht unbedingt auf, wenn er, ein fernes Ziel bereits vor Augen, zwei oder drei gedankliche Schritte auf einmal machte. Anschreiben an die Tafel war ihm lästig, weil es seine Denkgeschwindigkeit zu sehr herabsetzte, und geriet deswegen auch ziemlich krakelig und wortkarg. Insgesamt gewann ich den Eindruck: Wer genial ist, der ist zwangsläufig auch ein bisschen komisch.
Im vierten Semester, in der Funktionalanalysis-Vorlesung, setzte sich dann ein Mensch zu uns, der erst im zweiten Semester war. Zur allgemeinen Faszination war er nicht nur uns alsbald weit voraus, sondern auch dem Stephan deutlich überlegen. In ruhigen, klaren Worten machte er uns Dinge begreiflich, an denen wir mächtig zu knabbern hatten, und ließ zugleich erkennen, dass er geistig weit über diesen Dingen schwebte. Dabei wirkte er kein bisschen komisch. Unauffällige äußere Erscheinung, saubere Handschrift, wie sie in der Schule geübt wird. Das war Gerd Faltings.
Viel habe ich von ihm und seinem rasanten Aufstieg zum Professor nicht mitbekommen – nicht weil er sich verschlossen hätte, sondern weil ich keine Chance hatte, mit seinen Ideen mitzuhalten. Und das wäre wahrscheinlich selbst dann so gewesen, wenn ich mich in sein Spezialgebiet Algebraische Geometrie ernsthaft vertieft hätte.

Auf einem Studienstiftlertreffen stellte unser Gastgeber, der Medizinprofessor Klaus-Ditmar Bachmann, uns Scharade-Aufgaben der übel-abstrakten Art: Versuche, deinen Mit-Gästen einen Begriff wie „Ödipuskomplex“ zu vermitteln, nur durch Gesten, ohne ein Wort zu sagen und ohne irgendwelche Gegenstände zu verwenden. Das mit dem Ödipuskomplex hat sogar funktioniert, auf einem ausgeklügelten begrifflichen Umweg. Gerd Faltings ist es nicht gelungen, uns die „Ölpest“ begreiflich zu machen. Und ich bin am „Sittenstrolch“ kläglich gescheitert. Sagt das etwas über irgendwelche kommunikativen Defizite? Nicht wirklich.
Als 1983 die Nachricht die Runde machte, dass Gerd Faltings die Mordell-Vermutung bewiesen hatte, war die Aufregung groß, und die Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung wurde flugs um einen Sondervortrag des Meisters zum Thema erweitert. Da kam Stephan extra angereist! Das leuchtet ein: So viele Leute gab es nicht, die ihm überlegen waren; da lohnte es schon, sich den einen aus der Nähe anzusehen.
Unter meinen journalistischen Kollegen trifft man gelegentlich die Unsitte an, die Mathematiker nach den Methoden der Völkerkunde als eine exotische Spezies zu beschreiben: abgeschieden vom Rest der Welt in einem virtuellen Urwald lebend, mit unverständlicher Sprache, befremdlichen Sitten und Gebräuchen und problematischer psychischer Konstitution. Kein Wunder, dass Georg Cantor in schwere Depressionen verfiel, nachdem er sich mit den wahrlich kopfzerbrechenden Paradoxien der Mengenlehre herumgeschlagen hatte; oder dass Kurt Gödel, nachdem er seine überragende geistige Kraft auf die Unvollständigkeitsresultate verwendet hatte, die in der Tat die Grundlagen der Mathematik erschütterten, paranoide Wahnvorstellungen entwickelte, in deren Folge er sich zu Tode hungerte.
Für diese Kollegen war die Person Grigori Perelman ein gefundenes Fressen. Der Mensch hatte die Poincaré-Vermutung bewiesen, eines der schwersten Probleme der Gegenwart. Aber statt den dafür gebührenden Ruhm in Empfang zu nehmen, zog er sich in die Wälder in der Nähe von St. Petersburg zurück, verschloss sich bis auf wenige Ausnahmen jeglichem Kontakt mit der mathematischen Welt und weigerte sich sogar, den Millionenpreis abzuholen, den das Clay Institute auf diese Leistung ausgesetzt hatte. Der muss doch verrückt sein, oder?
Eben nicht. Perelmans Motive mögen für uns nicht nachvollziehbar sein; aber die Leute, die mit ihm gesprochen haben, sehen keinen Anlass zu vermuten, er habe ernsthafte psychische Probleme. Den Ausnahmetalenten Cantor und Gödel steht eine große Mehrheit von ebenso fähigen Mathematikern gegenüber, die bei klarem Verstand alt geworden sind.
Man muss nicht verrückt sein, um sich für eine Fields-Medaille (Faltings 1986) oder einen Abelpreis (Faltings 2026) zu qualifizieren. Genialität reicht völlig aus.
Übrigens: Der Eindruck, Stephan sei seltsam, verschwand bis zur Unkenntlichkeit, als wir uns besser kennenlernten. Ein eigenwilliger Typ ist er immer noch; aber das ist nicht wirklich ungewöhnlich.

Der Unterschied zwischen Genie und Wahnsinn ist, dass das Genie jemanden findet, der es für seinen Wahnsinn bezahlt, und dass dieser Jemand nicht nur die Sekte Menschheit ist, sondern auch die Realität – Lob ist Lob, Zustimmung ist Zustimmung, aber die Menschheit kann per demokratischen Konsens an die flache Erde glauben. Bis ein Wahnsinniger, der die Dinge aufgrund einer geistigen Behinderung oder Missbildung einfach nicht so sehen kann, wie alle anderen auch, erkennt, dass die Erde da nicht mitspielen will und es die Menschheit ist, die an einem Wahnsinn festhält, der bekannte Tatsachen ignoriert, solange es weniger Arbeit ist, sich vor der Erde in der Sekte zu verstecken als die Sekte auf Erden zu holen. Ein alter Konsens muss zerstört werden, damit sich ein neuer etablieren kann, und das macht kein Netzwerk gern – ob Sie jetzt ein Streichholz zerbrechen oder das Borg-Kollektiv updaten, Sie müssen eine bestimmte Schwelle überschreiten, bis zu der Ihre Versuche nur wachsenden Widerstand erzeugen, weil alle Teilchen ihre gewohnte, sichere und zuverlässige Lebensweise schützen wollen, die nun mal auf einem gemeinsamen Betriebssystem, einem gemeinsamen Weltbild mit gemeinsamer Sprache basiert.
Ich wäre bei der Scharade wohl die totale Spaßbremse gewesen, weil ich den Begriff einfach mit dem Finger in der Luft geschrieben hätte. Oder mir einen Haufen Cheerleader zur Hilfe geholt, die sind es gewohnt, Buchstaben zu tanzen. Oder erst mit dem Finger auf Anton, Brigitte und Christian gezeigt, bis allen klar würde, dass ich ABC meine, und dann mit meinen Mitstudenten geschrieben, wie auf einer Ein-Finger-Schreibmaschine. Wären Buchstaben auch verboten, hätte ich wohl Schwierigkeiten, eine Kommunikation herzustellen, weil bei Pantomime eine Bildsprache herauskommt, die viel zu viele Bedeutungen haben kann, weil alles im Universum irgendwie gleich aussieht, und dann wäre es das übliche Ausschlussverfahren, wie bei jeder anderen Sprache – mit Aliens und Chinesen kann ich schlechter kommunizieren als mit Leuten, die Deutsch sprechen, weil wir schon eine gemeinsame Sprache mit klarer Zuordnung von Bild und Symbol haben, sodass jedes Wort ein eindeutiger Fingerzeig ist – bei den anderen hätte ich nur die vieldeutige Realität als gemeinsame Sprache, und da müssten sie einfach verschiedene Bedeutungen durchprobieren, bis sie jene gefunden haben, den ich meine.
Früher kommunizierte man mit Geschichten und Anekdoten, heute zeigen wir uns gemeinsam kurze Filmchen auf unseren Handys. Auch das ist eine neue Sprache, die sehr viel vor sich hin plappert, um gemeinsame Bezüge und ein gemeinsames Denken zu schaffen, auf deren Grundlage man kommunizieren kann.
Sie können nicht kommunizieren, ohne ein Wort zu sagen, damit wäre die ganze Aufgabe Unsinn. Und wenn Sie die Wörter nicht gebrauchen können, die Sie kennen, müssen Sie sich mehrdeutiger Wörter bedienen, den geltenden Quantenkollaps ignorieren und die Kommunikation wieder in Parallelwelten auflösen, um einen neuen herbeizuführen, der ein Paralleluniversum schafft, das durch eine neue Sprache vernetzt ist. Das ist dann entropiebedingt recht instabil, denn es gibt einen niedrigeren Energiezustand, auf den man zurückfallen kann – und das ist das bewährte Sprach-Universum. Das verändert sich aber auch, wenn schnellere, effizientere Kommunikationsmethoden auftauchen, und so drängt es das alte in den Untergrund, es überlebt in dessen Nischen und findet kaum Beachtung, wie die Amish.
Bei Genies kann ich nur mitreden, wenn sie mich nach der Uhrzeit fragen, aber mit freakigem Denken kenne ich mich aus. Und dazu kann ich erst mal sagen, dass gerade die Entfremdung von den Mitmenschen die sozialen Fähigkeiten formen kann, weil man dann erst recht versucht, die Barriere zu überwinden und Kommunikation möglich zu machen. Es kann also ein Symptom der gleichen „Krankheit“ sein, die dazu führt, dass man genau diese Fähigkeiten verliert, dass man sich in einer geistigen Mönchszelle einschließt und in irgendeine Form von Irrsinn hinein eskaliert, dass man paranoid wird, weil man Dinge anders gewichtet, ordnet, sieht als alle anderen. Psychopathen sind deswegen großartige Politiker und Verkäufer, weil sie ihre Beute so eingehend studieren, wie Mathematiker abstraktere Probleme – schließlich folgt beides Regeln, die man von Außen besser erkennen kann, als wenn man mittendrin ist.
Das heißt, Sie klinken sich aus dem Borg-Kollektiv aus, das sich auf eine bestimmte Sprache, eine bestimmte Ordnung, eine bestimmte Relideologie, ein bestimmtes Weltbild, ein gemeinsames Betriebssystem geeinigt hat, und beobachten die Welt als Individuum, mit mehr Energie dahinter – man entkommt dem niedrigsten Energiezustand und dem Kollektiv, in dem sich alle immer wieder gegenseitig auf einen gemeinsamen Sprach-, Denk-, Wahrnehm- und Fühl-Konsens eichen, und kann Kalorien für interne Scharaden verheizen. Abweichende Gedanken werden nicht zensiert, merkwürdige Ideen nicht als „doof“ gelöscht, Sie können sich recht frei in Ihrem Gehirn bewegen und so Ressourcen dazu schalten, die die Anderen nicht haben, weil sie ihr Hirn so sehr in Zuständigkeitsbereiche und Fakultäten und Spezialgebiete unterteilt haben, dass diese es nicht mal mehr mit Scharade versuchen, um miteinander zu kommunizieren. Während der Normalo für jede Aufgabe, für jeden Teilbereich des Lebens ein eigenes Gehirn konfiguriert, kann der Freak sie alle nützen, um jedes Problem anzugehen.
Oft ist die Ursache Kompensation. Gerade hat sich die ganze Menschheit darauf geeinigt, dass 2+2 alles Mögliche sein kann, nur nicht 4. Am Ende werden wir dann doch bei der 4 landen, doch im Moment zerschellen wir daran – überall explodieren Inflationsblasen, wir versuchen, uns vor der 4 zu drücken, dem Offensichtlichen zu entkommen. Ist wie das Leben – die einfachste Lösung für unsere Probleme ist der Tod, doch wir wollen nicht sterben, also probiert das Universum alle anderen Möglichkeiten aus, und so entstehen all die Wellen, aus dem es besteht – jedes Mal, wenn sich Sinus und Cosinus schneiden, ist es eine Geburt und/oder ein Tod. Alle Energie der Welt kommt von unlösbaren Widersprüchen, und das Universum an sich ist ein Wellencomputer, der die Gleichung 1=0 zu lösen versucht. Mit anderen Worten, wir sind ein ewig zuckender Lichtblitz zwischen zwei Elektroden.
Und weil das Ganze immer und überall stattfindet, kann ich mir auch Gehirne damit erklären, so wie ich mir alles mit allem erklären kann. Und damit wären wir wieder bei der Scharade – Möglichkeiten durchprobieren, bis man eine hat, die auf die Situation passt.
All das folgt aber Regeln, und so kann man Symbole finden, die für alles Mögliche stehen, diese Symbole kombinieren und dann die fiktive Kombination auf die parallel laufende reale Kombination von Faktoren projizieren. Und genau das macht die Mathe – sie hat die Regeln des Universums halbwegs entschlüsselt, Symbole dafür gefunden und so kann sie Universen genauso gut simulieren, wie die Physik eins schaffen kann.
Das Ganze wirkt wie ein Affe im Käfig, der durch Versuch und Irrtum herausgefunden hat, dass er auf der Tastatur vor ihm nur einen bestimmten Knopf zu drücken braucht, damit eine Banane herausspringt, denn das ist es auch. Sie müssen nicht wissen, was 1 und 1 zusammenbringt, um zu wissen, dass dabei doppelt so viel 1 herauskommt. Und das Ganze läuft so gut, dass wir Quantencomputer bauen können, während wir gleichzeitig an Quantenfeen glauben – denn das Gedöns von „anderen Regeln“ in der Quantenwelt ist eindeutig Unsinn, da läuft nur die Zeit schneller, deswegen sieht alles komisch aus, und dass für größere Massen die Uhren langsamer ticken, wissen sowohl Einstein wie ein jeder Computer-Chip-Hersteller, der die Dinger ständig miniaturisieren muss.
Ein Gehirn kann man mit einer Stadt vergleichen – wenn alle in ihren Vierteln bleiben, könnten sie genauso gut in verschiedenen Dörfern leben. Wenn es aber keine Grenzen zwischen ihnen gibt, formen sie früher oder später ein gemeinsames Borg-Kollektiv, das alle alternativen Gedanken löscht, und das ist dann nur dann schlauer als das Dorf, weil die Inquisition mehr Genies und Freaks übersieht, deren Gedanken dann doch auch ihren Verstecken, Mönchszellen, Tüftler-Kellern, Autisten-Schädeln herausbrechen können, um Wellen zu schlagen und mit ihren Echos das ganze Kollektiv zu verändern. Es funktioniert am besten als Team, als Welle – das Problem kommt in mehrere Computer, die es jeder auf eigene Weise verarbeiten, doch all diese Parallelwelten kollabieren immer wieder, tauschen Informationen aus, lassen sich auf die Ideen der anderen ein, bis ein neuer Kollaps erfolgt – die Lösung des Problems.
Das gleiche Neural-Netzwerk, das sich mit dem Zusammenfügen von Menschen beschäftigt, kann auch 1+1 zusammenfügen. Es wird trainiert, egal was es tut, und es hängt wohl von der persönlichen Konfiguration ab, ob die Zweckentfremdung zum Genie dazu führt, dass es seine ursprüngliche Funktion nicht mehr erfüllen kann, oder im Gegenteil – dass es auch sie besonders gut erfüllt.
Ein Genie müsste also einerseits die Stimme des Zensors umgehen, den Torquemada und Papst in seinem Kopf, der immer wieder sein Veto einlegt, wenn seine Gedanken in eine bestimmte Richtung gehen. Ein Beispiel: Alle suchen Dunkle Materie und Dunkle Energie, das unsichtbare finstere Zeug, aus dem fast das gesamte Universum besteht – aber irgendwie kommt keiner auf die Idee, den Kopf nach hinten zu kippen, in den Sternenhimmel zu schauen und sich zu fragen, ob das ganze unsichtbare, finstere Zeug, aus dem fast das ganze Universum besteht bis auf die paar Lichtkleckse, irgendwas mit dem zu tun haben könnte, was er sucht. Das Kollektiv der Wissenschaft hat sich einfach mal darauf geeinigt, dass es das nicht sein kann, man kommt sich blöd vor. Nein – Sie lernen, die Stopp-Schilder in Ihrem Gehirn zu erkennen, die Gedanken abwürgt, bevor sie entstehen, und sehen Sie als Hinweise: Sobald Sie merken, dass Ihr Gehirn einen Weg nicht beschreiten will, beschreiten Sie ihn erst recht.
Wie beim Ei des Kolumbus, liegt alles Genie manchmal darin, das Offensichtliche nicht zu ignorieren.
Mit anderen Worten, es hilft, ein vierjähriges Trotzköpfchen zu sein, dem es Spaß macht, Papa mit Streichen und Tabubrüchen zu nerven. Wie man an Trump sieht, reicht das für einen nicht aus. Wie man an der Welt sieht, reicht das für das Gehirn Welt aus, denn plötzlich passieren Dinge, die noch vor ein paar Jahren unmöglich schienen, alle haben Probleme und den nötigen Arschtritt, sie zu lösen, statt sie zu ignorieren.
Andererseits lebt es nicht auf einem anderen Planeten, im Gegenteil – ein Freak nimmt sehr viele Impulse auf, kann recht sensibel sein. Ein Kopernikus, ein Einstein, waren die Kinder ihrer Zeit, sie saugten Ideen auf, die sowieso schon im Kollektiv-Hirn herumschwirrten, und fügten sie zusammen. Im Grunde waren sie eher Übersetzer, Ombudsmänner, Diplomaten, die zwischen verschiedenen Parallelwelten die Grenzen einrissen, sodass die Ideen miteinander kommunizieren konnten. Ihre Ideen wurden sogar vom Zeitgeschehen inspiriert – für Kopernikus drehte sich über Nacht plötzlich nicht Polen um den Ordensstaat, sondern der Ordensstaat um Polen.
Und so erschafft jede Zeit ihre eigenen Genies, als Knotenpunkte, Kollaps-Punkte in einem gigantischen Denkprozess namens Evolution. Alles hängt mit allem zusammen.
Auf all die Inflationsblasen heute folgt logischerweise ein Kollaps – und so können Sie sich auf eine Flut von Genies, Wahnsinniger und Freaks freuen, deren Ideen kombiniert werden, um noch weltbewegendere Genies, Wahnsinnige und Freaks zu schaffen. Die Welt hat sehr lange gegrübelt, wird mal wieder Zeit für ein Heureka.
Wie gesagt, es sind nur die Ansichten eines Freaks – im Ansatz richtiger Wahnsinn, aber zu wenig Rechenleistung, um davon zu profitieren, und mentale Blockaden an den falschen Stellen, die Ressourcen unzugänglich machen, die Mutation erzeugt keine Superkräfte, sondern nur ein Knäuel geistige Tumore. Man muss ziemlich viele Gummizellen mit Experimenten füllen, bis ein Gehirn herauskommt, das seine Rechenpower auf die richtige Weise zweckentfremdet und missbraucht. Aber vielleicht helfen all die Irrtümer dabei, das Erfolgsprodukt zu verstehen.