Gehet hin und mähet Rasen!

BLOG: Heidelberg Laureate Forum

Laureates of mathematics and computer science meet the next generation
Heidelberg Laureate Forum

In einer Zeit wo leider eine ganze Reihe von Studenten, Postdocs und sogar Professoren dem gefährlichen Kult des wer-kommt-am-frühesten-geht-am-spätesten-bleibt-am-längsten-im-Institut verfallen sind, ist es immer wieder schön, klare Gegenstimmen zu hören.

So geschehen vor ein paar Tagen in der Triplex-Mensa, wo ich an einer Konversation zwischen einem Turing-Preisträger und einem erfolgreichen Nachwuchsgruppenleiter teilnehmen konnte. Die beiden tauschten ihre Erfahrungen mit dem Rasenmähen aus und waren sich einig, dass ihre Gehirne solche Auszeiten dringend brauchten, um gute Leistung liefern zu können. Die fast zen-artige Tätigkeit präzisen Streifenmähens war da gerade das richtige. Das ganze hat mich an einen Vortrag erinnert, den Physik-Nobelpreisträger Brian Schmidt vor ein paar Jahren in Heidelberg hielt. Schmidt erzählte, seiner Erfahrung nach würden die Arbeitszeit-Fetischisten in der Regel keine bessere Arbeitsleistung abliefern würden als ihre vernünftigeren Kollegen. Ihm kämen seine besten Ideen üblicherweise bei der Arbeit in seinem Weinberg oder unter der Dusche.

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Ein wichtiger Teil des mathematischen Ökosystems. Bild: M. Pössel

Nun kann man natürlich nicht unbegrenzt lange unter Duschen verweilen; der Nachwuchsgruppenleiter erzählte außerdem, bei ihm reiche die Dusche gar nicht aus, um die Arbeitsgedanken zu vertreiben. Er und der Turingpreisträger waren sich aber einig, dass Kinder in einem Alter, wo die Ansprüche an die Zeit der Eltern noch größer sind als später dann, sich ideal zu diesem Zweck eignen würde. (Und was der Problemkreis Zeitaufteilung zwischen Arbeit und Familie anging, so wiederholte der Laureat die bekannte Äußerung, wohl noch niemand habe auf dem Sterbebett bedauert, nicht mehr Zeit mit der Arbeit verbracht zu haben).

Insofern, liebe Young Researchers beim Heidelberg Laureate Forum, lasst euch gerne durch die Vorträge und Workshops stimulieren, lasst euch hineinziehen in die Diskussionen mit den Preisträgern und anderen Forschern. Aber vernachlässigt bitte nicht euren Rasen.

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OK, solange man es nicht übertreibt: Zuhörer/innen auf dem HLF.     Bild: © HLFF// B. Kreutzer – All rights reserved 2015
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Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

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