Die Geburt des Internet, Datenschutz und ein Geek-Witz: Interview mit Vint Cerf

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Vint Cerf and Markus Pössel at HLF13
Picture by Markus Pössel

Das hier ist, glaube ich, der erste “selfie”, den ich jemals online gepostet habe.

Zu meiner Entschuldigung kann ich vorbringen, dass ich mir die Verantwortung dafür, dass dieses Bild jetzt im Internet steht, mit dem Herrn links teile. Ich bin für das Online-Stellen verantwortlich. Er zumindest teilweise dafür, dass es ein Internet zum Hineinstellen überhaupt gibt.

In den frühen 1970er Jahren hat Vint Cerf, zusammen mit Bob Kahn und einigen ihrer Studenten, das Transmission Control Protocol (TCP) und das Internet Protocol (IP) entwickelt, also so etwas wie die Sammlung von Regeln, nach denen Computer und Computernetzwerke zu einem größeren Netzwerk zusammengeschaltet werden können – einem größeren Netzwerk, in dem die Datenpakete ihren Weg von A nach B finden, ohne sich dabei groß darum zu kümmern, wie das Netzwerk konkret realisiert ist.

Das erste Netzwerk, das TCP/IP umsetzte, war das ARPANET, betrieben vom US-Verteidigungsministerium.

Seit 2005 arbeitet Cerf bei Google. Seine offizielle Jobbezeichnung dort scheint Internetevangelist zu sein.

Im Zeitalter von Facebook und PRISM ist es nicht überraschend, dass wir bald über Datenschutz und Privatsphäre reden. Cerfs Aussage, dass die größte Gefahr in dieser Richtung (von Überwachung und Spionage abgesehen) unser eigenes Verhalten sei, Informationen freiwillig ins Netz zu stellen, ist nicht von der Hand zuweisen –  das und der Umstand, dass es für Dritte immer einfacher wird, uns betreffende Informationen zu teilen.

Nachdem andererseits Google eine der Firmen ist, die gewaltige Mengen an personenbezogenen Daten sammelt, liegt die Nachfrage nahe, ob nicht bereits das die Privatsphäre bedrohe? Cerf besteht darauf, dass in Googles Geschäftsmodell weder das Teilen noch das Verkaufen von personen-spezifischen Informationen beinhalte – und dass, wäre dies nicht der Fall, wohl jedermann aufhören würde, Google zu nutzen. Ich bin in dieser Hinsicht zugegebenermaßen skeptisch – die Schritt-für-Schritt-Änderungen der Regeln dafür, wie Facebook persönliche Daten seiner Nutzer verwendet, haben ja offenbar auch nicht zum großen Exodus aus Facebook geführt.

Was die Möglichkeiten angeht, wie bei Facebook die Optionen dafür einzustellen, wie die eigenen Daten verwendet werden und wie nicht, beklagt Cerf, dass solches Privacy Management immer komplizierter werde. Wie, frage ich, stehe es denn dann erst mit jenen komplizierten Dokumenten, die kaum jemand liest und bei denen fast jeder “Ich stimme zu” klickt? Cerf fällt dazu ein, dass es vor 20 Jahren oder so in den Vereinigten Staaten ein Gesetz gegen den Missbrauch des Kleingedruckten in Versicherungspolicen gegeben habe, welches die Versicherungen zwang, in einfachen Worten auszudrücken, was gemäß dieser Police versichert sei und was nicht.

Wir sind uns einig, dass es den Menschen ebenso einfach und klar gemacht werden sollte, was sie online teilen und wie sie dies kontrollieren können. Aber wollen die Firmen das überhaupt? Cerf weist darauf hin, er könne “nicht für [Facebooks] Mark [Zuckerberg] sprechen, der ist ein junger Spund, der andere Ansichten über die Privatsphäre hat als viele von uns anderen”. Google, sagt er, habe genau deswegen bei Google+ die Circles eingeführt, mit denen sich regeln lasse, was man mit wem teile – “vielleicht nicht komplett erfolgreich”. Denn auch mit Circles hat man keine Kontrolle darüber, was nun wiederum die Menschen, mit denen man Informationen geteilt hat, damit anstellen.

Sollte es vielleicht, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden – einiges, was das zwanzigjährige Ich macht, ist dem vierzigjährigen Ich ja dann vielleicht doch peinlich – eine Art automatisches Verfallsdatum für alle Information da draußen geben? Cerf erwähnt, dies sei schon jetzt eine Empfehlung der Rechtsberater der meisten Firmen – insbesondere da E-Mails sonst eventuell im Zuge von Gerichtsverfahren als Beweismittel offengelegt werden müssten. Bei Google, so glaubt er zu erinnern, gälte dies für anderthalb Jahre alte oder ältere E-Mails. Aber das bringt natürlich das nächste Problem mit sich: Wie entscheidet man, welche Informationen man aufhebt?

Dann ist da noch die Frage der Abhörskandale. Für Google selbst ist sich Cerf recht sicher, dass die NSA oder andere Agenturen keine geheime Hintertür direkt in die Datenbestände des Konzerns hätten. Als Hauptgrund für seine Überzeugung gibt er an, dass Google eben all die Geräte und die Software für seine Kerngeschäfte – etwa die riesigen Datencenter – selbst herstelle. (Allerdings gibt er auf Nachfrage zu: die Chips dazu würde Google natürlich auch einkaufen. Wenn die bereits manipuliert seien, könne dies die Situation ändern.)

Wenn er damals gewusst hätte, was er heute weiß – hätte er dann stärkere Verschlüsselung zu einem integralen Bestandteil des Internet gemacht? Seine Antwort ist, dass er genau dies 1975 getan habe – damals habe er mit der NSA zusammengearbeitet, eine gesicherte Version des Internet zu erfinden. Die dafür nötigen Gerätschaften hätten damals allerdings der Geheimhaltung unterlegen. Und die Public-Key-Verschlüsselungssysteme seien gerade etwas zu spät praxistauglich geworden, um noch in die Spezifikation für das Internet aufgenommen werden zu können – da sei ganz knapp eine große Chance verpasst worden.

Am Ende wenden wir uns dann noch kurz den leichteren Dingen zu.

Wie steht Cerf zum Humor im Internet? Er ist schließlich auch der Autor von RFC 968 (einem der Memoranden der Internet Engineering Task Force – freilich in Gedichtform).

Als erstes kommt heraus, dass Cerf noch nie irgendeine Art von Katzenbild online gestellt hat. Aha.

Aber er hat einen Geek-Witz für uns. Leider ist er unübersetzbar, hier daher die englische Version: What’s the good thing about UDP jokes? It doesn’t matter if you don’t get them.

[Und nein, ich habe den Witz am Anfang nicht verstanden. Wie sich herausstellt, gibt das User Datagram Protocol UDP, eines der Bestandteile des Internetprotokolls, keine Garantie dafür, dass man eine bestimmte Nachricht auch wirklich erhält.]

Markus Pössel

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

3 comments

  1. Markus Pössel schrieb (27 September 2013):
    > Das hier ist, glaube ich, der erste “selfie”, den ich jemals online gepostet habe. Zu meiner Entschuldigung […]

    Wann bedürfen “selfie”s keiner Entschuldigung? –
    Wenn es egal ist, wie sie bei anderen ankommen.

  2. Vint Cerf, Tim Berners Lee und ein paar andere sind gute Beispiele von Leuten, die zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren und deren Ideen weder hochkomplex noch genial waren, sondern einfach richtig und mutig zu einer bestimmten Zeit.
    Solche Leute gibt es also auch bei den Theoretikern, bei den Leuten, von denen die Öffentlichkeit annimmt, sie streben nach dem heiligen Gral der Abstraktheit, und nicht nur bei den Phyiskern und anderen Nobelpreisträgern. Beispiele von Physikern, die zur richtigen Zeit das richtige taten ohne durch Genialität hervorzustechen, sind sicher die SupraleitentdeckerHeike Kamerlingh-Onnes sowie Alexander Müller und Georg Bednorz (Hochtemperatursupraleiter).