Nachgefragt: Was steht an im Juli?

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Hinter den Kulissen eines Forschungsnetzwerks
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1. Ich bin…
Martin Rolfs, Leiter der Emmy Noether Nachwuchsgruppe „Aktives Sehen und Kognition“ am Bernstein Zentrum in Berlin. Wir kombinieren psychophysikalische Methoden mit Körper- und Blickbewegungsmessung, um dynamische Interaktionen von visueller Verarbeitung und motorischer Kontrolle zu verstehen. Ich bin von Hause aus Psychologe, nähere mich aber meinen Fragen über Wahrnehmung, Kognition und Verhalten immer mit einem starken Bewusstsein der neurobiologischen Grundlagen an. Besonders fasziniert mich, wie einige etablierte, theoretisch postulierte Mechanismen in der visuellen Wahrnehmung stolpern und fallen, sobald man sich diese Prozesse in aktiven Organismen (in unserem Fall Menschen) ansieht.

2. Diesen Monat möchte ich mich darauf konzentrieren…
eine (Gott sei Dank interessante) Altlast loszuwerden. Ich habe vor zweieinhalb Jahren meine Gruppe in Berlin gestartet. Es gab seit dem ersten Tag viel zu tun. Anfangs ging es darum, Equipment einzukaufen, Labore aufzubauen, Mitarbeiter zu finden, neue Themen zu definieren, sich in die Administration einzuarbeiten, und so weiter. Das ging nahtlos darin über, dass ich in einem Dutzend Projekte involviert bin, Anträge schreibe, Vorlesungen halten, und täglich gefühlte 6 Stunden damit verbringe, Emails und damit verbundene Aufgaben zu bearbeiten. So sind bei mir einige Projekte, die noch aus meiner Postdoc-Zeit stammen, über Jahre hinweg liegengeblieben. Das nagt am Gewissen und am Produktivitätsgefühl. Ich bin mir sicher, das geht anderen Kollegen genauso und es ist spannend, dem eigenen Entscheidungsprozess zuzusehen, ob man diese Projekte irgendwann abschließt oder verwirft. In diesem Monat habe ich vor, eines dieser Projekte (mit Eric Castet an der Aix-Marseille Université) entscheidend voranzutreiben und in ein Manuskript zu verwandeln. Für die Interessierten: Es geht darum, die Lehrbuchweisheit zu verwerfen, dass während schneller Augenbewegungen visuelle Informationen aktiv unterdrückt werden.

3. Das ist ein aktuelles wissenschaftliches Highlight für mich
Eines der Themen, die mich beschäftigen ist prädiktives Verhalten—vor allem in der Kontrolle von Aufmerksamkeit und Bewegungen. Beispielsweise fangen wir einen Ball selbst bei hoher Geschwindigkeit im Bruchteil einer Sekunde, indem wir den Arm blitzschnell und präzise an eine Stelle bewegen, an der die offene Hand und der Ball genau aufeinander treffen. Wir können auf diesem Gebiet selbst von Insekten sehr viel lernen. Gerade vor kurzem sind zwei spannende Artikel erschienen, die diese Fähigkeiten in Motten und in Libellen untersucht haben.

4. Ein Event, worauf ich mich in diesem Monat besonders freue
Jedes Jahr im Juli findet das Treffen der Emmy Noether Gruppenleiter in Potsdam statt. Die Leute sind großartig, haben ähnliche Lebenswandel und bringen dann eine solche Breite an wissenschaftlichen Themen mit, dass ich jedes Mal wieder erstaunt, fasziniert und inspiriert bin. Dieses Jahr werden wir anschließend mit ein paar Leuten eine Fahrradtour Richtung Hamburg machen. Bei 40 Grad wird das sicher einiges an kreativem wissenschaftlichem Potential freisetzen.

5. Was ich diesen Monat außer der Wissenschaft noch machen will
Ich gehe Ende des Monats mit meiner Familie und Freunden auf einen zweiwöchigen Segeltörn in den Kykladen. Im Juli und August bläst dort der Meltemi sehr stark und stetig aus Nordwesten. Ich war bisher nur auf Binnengewässern segeln — das wird also spannend. Wenn wir den ersten Tag überleben, schaffen wir es bestimmt, einen Travel-Log zu führen (der wäre dann hier). Over and out.

Martin Rolfs, Bernstein Zentrum Berlin
Martin Rolfs, Bernstein Zentrum Berlin

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Bernstein Autor – das kann jeder werden, der mit dem Bernstein Netzwerk verbunden ist. Unter diesem Namen bloggen Studenten, Doktoranden, Postdocs, PIs und Projektassistenten. Sprich uns an, wenn auch du über deine Sicht des Bernstein Netzwerks berichten willst!

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