Von wegen Bauchgefühl!

“Am Mittwoch fraß sie sich durch drei Pflaumen, aber satt war sie noch immer nicht”. Die kleine Raupe Nimmersatt futtert sich seit Jahrzehnten durch die Kinderzimmer dieser Welt. Auch nachdem ihr Zeichner Eric Carle vor wenigen Wochen verstorben ist, isst die kleine Raupe weiter, unermüdlich, nimmersatt. Doch kann das angehen – nimmersatt? 

Im Beitrag über Magersucht habe ich die Regulation des Hungergefühls beschrieben – und wie diese bei Magersucht aus dem Ruder laufen kann. Vereinfacht bin ich dabei auch auf die Hormone eingegangen, die unser Hungergefühl steuern. Eines davon war das Ghrelin, ein vor allem vom Magen ausgeschüttetes Hormon. Es nimmt insofern eine Sonderrolle ein, als dass es das einzige (bekannte) appetitfördernde Hormon ist, das in der Körperperipherie und nicht im Gehirn ausgeschüttet wird. 

Ghrelin steigt im Fastenzustand sowie zu den gewohnten Essenszeiten an und vermittelt darüber Hunger. Es fällt wiederum nach dem Essen ab und vermittelt somit Sättigung. Dieser Abfall ist aber abhängig von der Kalorienaufnahme und der Zusammensetzung der aufgenommenen Nahrung. Die Ghrelinantwort nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit fällt also anders aus als nach einem fettreichen Essen.  

Man könnte schlussfolgern, unser Bauch sei ziemlich clever, was die eigene Hungerregulation angeht. Jedoch bringt ein neuer Versuch aus dem vergangenen Jahr diese Ansicht etwas ins Schwanken: Lässt sich das Bauchgefühl von unserem Gehirn überlisten?  

In der besagten Studie bekamen die 46 Probanden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen den gleichen Milkshake serviert, mit dem gleichen Energiegehalt von 380 Kilokalorien. Jedoch: An einem Tag versprach die Aufschrift auf der Flasche reichhaltige 620 Kilokalorien, am anderen Tag schonende 140 Kilokalorien. 

Wenn der Ghrelinabfall nach dem Essen wirklich rein proportional zur Kaloriendichte der aufgenommenen Nahrung wäre, dann sollte die Aufschrift auf der Flasche keinen Unterschied machen. Erstaunlicherweise sank der Ghrelinspiegel aber deutlich stärker ab, nachdem das vermeintlich hochkalorische Getränk zu sich genommen wurde. Gleichzeitig gaben die Probanden an, sich auch subjektiv satter zu fühlen. Was wir über unser Essen denken, scheint also die körperliche Hormonausschüttung mit zu beeinflussen!

Vielleicht überlistet die kleine Raupe Nimmersatt ihr Bauchgefühl ja bewusst, weil sie weiß, wozu das ganze Essen am Ende führt: Zur Verwandlung in einen schönen, bunten Schmetterling. Schade nur, dass das bei uns Menschen nicht genauso funktioniert.

Literatur:

  • Crum AJ, Corbin WR, Brownell KD, Salovey P. Mind over milkshakes: mindsets, not just nutrients, determine ghrelin response. Health Psychol. 2011;30(4):424-431. doi:10.1037/a0023467
  • Yanagi S, Sato T, Kangawa K, Nakazato M. The Homeostatic Force of Ghrelin. Cell Metab. 2018;27(4):786-804. doi:10.1016/j.cmet.2018.02.008
  • Carle, Eric. Die kleine Raupe Nimmersatt. Gerstenberg Verlag.

Veröffentlicht von

Martje Sältz studiert seit 2016 Humanmedizin am UKE in Hamburg und promoviert zum Einfluss der Ernährung auf die Halsgefäße. Medizin auf Italienisch lernte sie in ihrem Auslandssemester in Palermo kennen. Sie möchte wissenschaftliche Themen verständlich und spannend beschreiben und damit mehr Menschen für Gesundheit und ihren Körper begeistern.

4 Kommentare

  1. Hunger und Sättigung sind also vor allem hirngesteuert und dort – beim Hirn – muss man also auch ansetzen, wenn zu viel oder zu wenig gefuttert wird.

    Ist nun wirklich einfach. Nur dass das Hirn eben nicht einfach zu überlisten ist und nicht ohne weiteres zur Homöostase neigt.

  2. Die Pawlow-Konditionierung funktioniert immer noch sehr gut – auch wenn wir diese Wirkweise heute Placebo-/Nocebo-Effekt nennen.

  3. Einige Dinge die ich nicht verstehe:
    Das Bauchgefühl ist-wie der Name es sagt-ein Gefühl aus dem Bauch. Gefühle entstehen aber im Gehirn. Es werden hier also über Nervenbahnen körperliche Empfindungen die wir dann als “Gefühle” bewertet werden, weitergeleitet zum Zwischenhirn .Dieses Bauchgefühl ist also nicht mehr als ein evolutionäres Vorstadium der “Gefühle” . Ghrelin wird in der Magenschleimhaut produziert. Der Magen ist über verschiedene Nervenstränge (Nervus Vagus etc.) Bestandteil des Symphatikus. Das Gehirn kann auch über vermeintliche Völlegefühle einen Sättigungsgrad interpretieren ,sich also selbst betrügen in dem es eine Situation
    nach einem manipulierten Gefühl bewertet was dann entsprechende Hormonausschüttungen mit sich bringt. Wir bewerten also unseren Selbstbetrug als Realität .Die Werbeprofis arbeiten mit solchen Methoden in dem bestimmte Bilder in uns Hunger nach Urlaub/Freizeit/Glück etc. auslösen…

  4. @Golzower

    Unser Gehirn arbeitet mit Mustern, mit Erfahrungen.
    Erfahrungen bestehen in jeweils unterschiedlicher Intensität aus den Komponenten a) Faktenwissen, b) Körper-Reaktion, c) Sinnes-reaktion, d) Immunsystem-Reaktion und e) Emotionen

    Wenn wir einen neuen Reiz wahrnehmen, wird sofort eine dazu passende Erfahrung aus dem Gedächtnis reaktiviert – dies ermöglicht eine sofortige Reaktion.
    Im obigen Beispiel kam als neuer Reiz die Information, dass das Getränk einen hohen Kalorien-wert hat. Damit wurde eine dazu passende Erfahrung reaktiviert – welche suggeriert, dass man damit viele Kalorien zu sich nimmt – also schneller satt ist

    Das ist der gleiche Reaktionsmechanismus wie bei den Pawlow-Versuchen – wo das Läuten einer Glocke dem Hund suggerierte, dass es jetzt etwas zu Fressen gibt.

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