Überraschende Studie: erhöht eine Ehe das Demenzrisiko?

Lange galt die Ehe als ein Schutzfaktor für die Gesundheit, vor allem im Alter. Verheiratete Menschen leben statistisch länger, gelten als besser versorgt und sozial eingebundener (1-3). Jetzt stellt eine aktuelle, groß angelegte US-Studie diese Annahmen infrage: Eheleute sollen ein höheres Demenzrisiko haben als nie Verheiratete – und als Geschiedene.

Ein Forschungsteam um Selin Karakose von der Florida State University analysierte Daten von über 24.000 Erwachsenen (50 Jahre und älter), die im Rahmen des National Alzheimer’s Coordinating Center (NACC) bis zu 18 Jahre lang regelmäßig untersucht wurden (2). Alle Teilnehmenden waren zu Studienbeginn frei von Demenz und im Durchschnitt 72 Jahre alt. Neben der hohen Zahl untersuchter Menschen liegt die Qualität der Studie auch in der Berücksichtigung vieler für Demenz relevanter Risikofaktoren wie z.B. mentale Gesundheit, Bildungsniveau, Demografie oder genetische Veranlagung. Das Herausrechnen dieser Faktoren erlaubte einen relativ klaren Vergleich des Ehestatus für das Demenzrisiko.

Zentrales Studienergebnis: Heiraten könnte ein Risikofaktor sein

Im direkten Vergleich zeigten sich deutlich niedrigere Raten von Demenz bei Personen, die ledig, geschieden oder verwitwet waren, als bei verheirateten Personen. Auf Basis der allgemeinen Wahrscheinlichkeit, eine Demenz zu entwickeln, wurde ein Hazard Ratio berechnet (ein übliches Maß für Risikowahrscheinlichkeit). Damit kann geschätzt werden, um wie viel Prozent sich die Wahrscheinlichkeit für Demenz senken lässt. Die Ergebnisse im Detail: über alle Arten von Demenz hinweg hatten Geschiedene ein um 17% geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken, als Verheiratete. Menschen, die niemals verheiratet waren, hatten sogar ein um 24% geringeres Risiko für Demenz als Verheiratete.

Schaut man sich nur die Alzheimerdemenz als (häufigste) Unterform an, so sinkt das Risiko für Alzheimer, im Vergleich zu Eheleuten, um

  • 16% für Verwitwete
  • 16% für Geschiedene und
  • 27% für Personen, die nie verheiratet waren.

Das sind beträchtliche Effekte. Niemals an einem Altar gestanden und nie das Ja-Wort gegeben zu haben – das senkte in der Studie das Risiko für Alzheimer um fast ein Drittel. Für fast alle anderen Unterformen von Demenz sank das Risiko ebenfalls, allerdings waren die Unterschiede dabei statistisch selten signifikant.

Vom Schutzfaktor zum Risikofaktor – kann das sein?

Die Daten sprechen dafür, dass verheiratet zu sein – anders als bislang angenommen – kein Schutzfaktor gegenüber Demenz ist, sondern tendenziell ein Risikofaktor dafür. Aber warum zeichnen die aktuellen Daten ein so gegensätzliches Bild zu früheren Untersuchungen?

Eine naheliegende Erklärung ist der Klassiker der Statistik: Korrelation vs. Kausalität. Die Forscher betonen zu Recht, dass ihre Resultate nicht zwingend bedeuten, dass eine Ehe schädlich ist. Es könnte auch sein, dass Demenz bei Verheirateten einfach früher erkannt wird. Der Ehepartner oder die Ehepartnerin bemerken möglicherweise erste Anzeichen wie Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit oder leichteste Verhaltensänderungen schneller und drängen dann auf eine ärztliche Abklärung. Unverheiratete – vor allem Alleinlebende – haben seltener ein solches ‚Frühwarnsystem‘, was zu verspäteten Diagnosen führen könnte. Tatsächlich zeigten sich in der Studie Hinweise darauf, dass verwitwete Personen erst in fortgeschrittenem Alter und dann mit schwereren Symptomen diagnostiziert wurden.

Ein Gedanke, zu dem in der Studie leider nichts zu finden ist, ist der mental load der Ehepartner. Damit ist gemeint, dass Partnerinnen häufig für ihre Männer mitdenken und deshalb eine größere kognitive und emotionale Bürde tragen. (5, 6) Es gibt hinsichtlich des mental loads nun zwei Szenarien, die theoretisch einen Einfluss auf das Demenzrisiko haben könnten: das Mitdenken könnte die Damen kognitiv fit halten und ihre Männer kognitiv reduzieren – oder aber das ständige Mitdenken macht den Frauen im Alter zu schaffen. Liest man die Daten, die im Anhang der Studie fast versteckt sind, so kann man sehen, dass eine Ehe größere Effekte auf die Hazard Ratio für Männer hat als für Frauen. Sprich: Für die Männer in der Studie war ein Ehering besonders unvorteilhaft hinsichtlich des Demenzrisikos. Für die Frauen war der Unterschied geringer – was für erstere These spräche. Für belastbare Aussagen braucht es hier jedoch noch viel mehr Forschung.

Fazit: Ehe schützt nicht pauschal vor Demenz

Doch auch andere Erklärungsansätze sind denkbar. So zeigen frühere Studien, dass manche Menschen nach einer Scheidung mehr soziale Kontakte pflegen oder sich gesünder verhalten als während unglücklicher Ehen. Die Qualität der Beziehung zählt – nicht der Trauschein per se. Die Wissenschaftler verweisen dabei in ihrer Studie auf frühere Arbeiten. Diese legen nahe, dass unglückliche Ehen ganz allgemein mit einem höheren Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen einhergehen. Auch die soziale Integration in den Freundeskreis kann unter einer unglücklichen Beziehung leiden – man zieht sich zurück, ist einsam trotz Ehering.

Dass eine Ehe das Risiko für Demenz erhöht, wäre also vielleicht ein vorschnelles Fazit. Die Studienlage deutet eher darauf hin, dass eine Ehe nicht pauschal vor Demenz schützt.

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Quellen:

(1) Johnson, N. J., Backlund, E., Sorlie, P. D., & Loveless, C. A. (2000). Marital status and mortality: the national longitudinal mortality study. Annals of epidemiology10(4), 224-238.

(2) Wong, C. W., Kwok, C. S., Narain, A., Gulati, M., Mihalidou, A. S., Wu, P., … & Mamas, M. A. (2018). Marital status and risk of cardiovascular diseases: a systematic review and meta-analysis. Heart104(23), 1937-1948.

(3) Waite, L., & Gallagher, M. (2001). The case for marriage: Why married people are happier, healthier and better off financially. Crown.

(4) Karakose, S., Luchetti, M., Stephan, Y., Sutin, A. R., & Terracciano, A. (2025). Marital status and risk of dementia over 18 years: Surprising findings from the National Alzheimer’s Coordinating Center. Alzheimer’s & Dementia21(3), e70072.

(5) Reich-Stiebert, N., Froehlich, L., & Voltmer, J. B. (2023). Gendered mental labor: A systematic literature review on the cognitive dimension of unpaid work within the household and childcare. Sex Roles88(11), 475-494.

(6) Barigozzi, F., Biroli, P., Monfardini, C., Montinari, N., Pisanelli, E., & Vitellozzi, S. (2025). Beyond Time: Unveiling the Invisible Burden of Mental Load. PREPRINT (arXiv): https://doi.org/10.48550/arXiv.2505.11426

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Mein Name ist David Wurzer. Ich bin Medizinstudent und Philosophiedoktorand an der LMU München, davor habe ich Philosophie, Psychologie und Neurowissenschaften studiert. Besonders interessieren mich die aktuellen Forschungsergebnisse aus der Neurotechnologie, die als Schnittstelle für die zunehmende Verschmelzung von Mensch und Technik fungiert. Dabei werden spannende klinische und ethische Fragen aufgeworfen, die ich zusammen mit der interessierten Öffentlichkeit durchdenken möchte.

7 Kommentare

  1. Eine interessante Studie. Was kann man nun aber daraus lernen oder ableiten um die erkannte Situation zu verbessern?

    Es tut zwar nichts direkt zur Sache, aber zur obigen Aussage “Ein Gedanke, zu dem in der Studie leider nichts zu finden ist, ist der mental load der Ehepartner. Damit ist gemeint, dass Partnerinnen häufig für ihre Männer mitdenken und deshalb eine größere kognitive und emotionale Bürde tragen.” fiel mir spontan der Spruch ein “Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau” – oder gemeinsam kommt man weiter, aber wird man auch eher dement.

  2. Damit sind war aber sofort bei der zweiten, weit verbreiteten Annahme, die man ebenfalls auf den Prüfstand stellen könnte. Die Annahme nämlich, dass häufige soziale Kontakte vor Alzheimer schützen. Dabei sind doch Faktoren wie Anzahl und Qualität der sozialen Kontakte, körperliche Betätigung, Kaffeekonsum und der Beziehungsstatus (verheiratet, ledig geschieden) nicht unabhängig voneinander.
    Jeder kann heute einen anderen Faktor als wichtig in der Alzheimerprävention finden und das ohne dass man ihn widerlegen könnte, denn es gibt keine Studien die die möglichen Faktoren klar auseinanderhalten.

    Und nun zu meinen Favoriten was die Alzheimerprävention angeht: ich glaube, dass etwa der VO2max einer Person, also ihre körperliche Leistungsfähigkeit, ein sehr wichtiger Faktor ist. Ich kenne etwa von You-Tube Videos einige recht alte top-fitte Personen, die gleichzeitig einen fitten Körper und einen fitten Geist haben. Dazu gehören Richard Dawkins (1941 geboren) und James Hansen (1941 geboren) und James Hansen sagt sogar selbst, dass er regelmässig Cardio mache und sich deshalb top fit fühle.
    In den you-Tube Videos mit diesen beiden Personen finde ich die häufig zu beobachtende Verlangsamung oder die Unfähigkeit sich auf den anderen Gesprächspartner einzustellen, überhaupt nicht. Gut, das kann auch einfach Veranlagung sein. Doch ich vermute dennoch, dass körperliche Betätigung ein sehr wichtiger Faktor ist.

  3. Hallo Herr Wurzer,
    wieviele Probanden hatte diese Studie ?
    Mir sieht das sehr nach Katastrophenjournalismus aus.

  4. “Für die Männer in der Studie war ein Ehering besonders unvorteilhaft hinsichtlich des Demenzrisikos.”

    Ich würde auch sagen, dass dieser Umstand dafür spricht, dass es an der Diagnose des Umfeldes liegt. Soweit ich mich erinnere deuten andere Daten darauf hin, dass Männer ohne Ehe stärker sozial isoliert sind als Frauen. Dies könnte dann die Demenzdaten erklären.

  5. Sachlicher Beitrag:
    Aus der Apothekenrundschau: Verheiratete Männer altern gesünder !
    oder Umgekehrt formuliert,
    Unverheiratete sterben früher
    und jetzt die logische Schlussfogerung
    wenn man früher stirbt, ist der Anteil der Demenzen geringer,
    denn das Demenzrisiko steigt mit dem Alter.

    Fazit: Ohne Altersangaben oder dem durchschnittlichen Sterbealter ist die Behauptung, dass die Ehe ein Demenzrisiko beinhaltet “tendenziös”.

  6. Zitat: „ Zentrales Studienergebnis: Heiraten könnte ein Risikofaktor sein“
    Beurteilung: mit einer Korrelation – Heirat und Demenz korrelieren – sollte sich eine empirische Naturwissenschaft nie zufrieden geben. Eine rein empirische Wissenschaft vielleicht, aber eine in der Naturwissenschaft basierte nie. Naturwissenschaft bedeutet, dass letztlich Physik, Chemie, Biologie, etc. als letzte Ursachen gesucht werden müssen. Demenz ist so gesehen ebenfalls auf eine physikalisch-chemisch-biologische Veränderung des Zentralnervensystems zurückzuführen und es sind wiederum physikalisch-chemisch-biologische Faktoren, die wohl eine Rolle spielen.
    Das schliesst soziale Faktoren überhaupt nicht aus, weil auch soziale Einflüsse letztlich biologisch-chemisch-physikalische Wirkungen haben. Hier ein paar Spekulationen wie Heirat Demenz begünstigen könnte:
    1) Verheiratete könnten später diagnostiziert werden, denn demente Single fallen früher auf
    2) Verheiratete könnten im Durchschnitt weniger körperlich aktiv sein, da das Zusammensein sie daran hindert
    3) Heirat reduziert durch die damit verbundene (oft inaktive) Routine geistige und körperliche Betätigung.

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