Synästhesien: Wie Billie Eilish und Pharrell Williams Musik in Farben sehen

Gibt es einen Song, der bei dir sofort gute Laune auslöst und bei dem du mit deinen Freunden richtig abgehst? Für mich ist das ganz klar Freedom von Pharrell Williams (Kennst du nicht? Dann hier der Link dazu, das ist ein absoluter Stimmungsmacher! https://www.youtube.com/watch?v=LlY90lG_Fuw).

Ich dachte immer, dass meine Freunde und ich alle dieses Lied einigermaßen gleich hören – okay, einige haben vielleicht ein bisschen feineres Gehör oder spielen ein Instrument, weshalb sie besonders darauf achten – aber insgesamt sehr ähnlich. Umso überraschter war ich, als ich erfuhr, dass Pharrell Williams seinen Song selbst ganz anders wahrnimmt: Er hört nicht nur die Musik, sondern sieht bestimmte Akkorde zusätzlich in Farben. Lass uns über unser fantastisches Gehirn reden, das Formen schmecken, Musik riechen und Zahlen fühlen kann.

Die Vereinigung der Sinne

Kennst du den Begriff Synästhesie vielleicht bereits als rhetorisches Stilmittel aus Gedichtinterpretationen? Wenn Trakl von goldenen Tönen und blauem Weihrauch spricht, vermischen sich die Sinneswahrnehmungen des Sehens, Hörens und Riechens. Unter Synästhesie in der Neurowissenschaft wird genau dieses Phänomen im Gehirn beschrieben – die Vereinigung der Sinne. Dabei löst ein Reiz eines Sinns, beispielsweise eine gehörte Melodie, unwillkürlich und automatisch eine zusätzliche Sinneswahrnehmung, wie Farbensehen, aus 1,2

Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine besondere Form der Wahrnehmung, die schätzungsweise 4% der Bevölkerung betrifft. Synästhesie tritt jedoch häufiger bei Menschen im Autismus-Spektrum auf und ist auch häufiger mit Merkmalen von Zwangs- und Angststörungen, ADHS, Essstörungen und anderen psychischen Erkrankungen assoziiert, was auf eine gemeinsame genetische und neurobiologische Grundlage hindeutet 3. Tatsächlich sind Synästhesien zu einem gewissen Maße erblich und auch Umweltfaktoren spielen beim Auftreten eine Rolle 4. Auch bestimmte Drogen können synästhesieähnliche Erfahrungen auslösen, allerdings erfüllen diese substanzinduzierten Erfahrungen nicht die Kriterien echter Synästhesien, da die Sinneswahrnehmungen nur im Kontext des Drogenkonsums auftreten 5.

Die Vielfalt der Synästhesien ist wahrhaft erstaunlich. Über 60 verschiedene Synästhesie-Typen sind beschrieben. Eine große Studie identifizierte sogar bis zu 164 Formen, die sich grob in sieben Gruppen nach der gemeinsamen Begleitwahrnehmung teilen lassen (mit ein paar besonderen Ausnahmen) 6:

  • Graphem-Farbe: Bei dem häufigsten Typ lösen Buchstaben, Zahlen, Tage, Namen, Fremdwörter, Satzzeichen usw. Farbwahrnehmungen aus.
  • Sequenz-Raum: Dabei erleben Betroffene sequenzielle Konzepte wie Zahlenreihen, Wochentage, Monate,… in einer räumlichen Anordnung.
  • Visuelle Wahrnehmungen: Hierbei erwecken verschiedenste Sinneseindrücke sichtbare Reize. Wie bei Pharrell Williams oder Billie Eilish erwecken z.B. Töne und Musik Seheindrücke, aber es können auch Schmerzen oder Emotionen als Formen wahrgenommen werden.
  • Geruchs- und Geschmackswahrnehmungen: Hier beschreiben Betroffene verschiedene Geschmacks- oder Geruchsempfindungen bei unterschiedlichen Reizen wie Musik, Stimmen oder Wörtern.
  • Personifizierungen: Zu dieser Gruppe gehören Wahrnehmungen von Persönlichkeiten oder Geschlecht von Zahlen, Buchstaben, Monaten oder Tagen.
  • Sprache-Geschmack: Spezielle Sprachelemente wie Fremdwörter, Zahlen oder Buchstaben lösen Geschmacksempfindungen aus.
  • Sprache-Gefühl: Relativ selten sind Empfindungen von Sprachelementen als Berührungen.
  • Unzuordenbare Ausnahmen: Zu den besonderen Synästhesien, die keiner der obigen Gruppen zuordenbar sind, gehören zum Beispiel die Spiegel-Berührungs-Synästhesie (beim Zusehen, wie eine andere Person berührt wird, spürt man die Berührung selbst) oder die Ticker-Tape-Synästhesie (beim Zuhören von Reden erscheint der gesprochene Text wie geschrieben vor den Augen).

Dabei können Betroffene von einer bis zu vielen Synästhesie-Wahrnehmungen berichten. Charakteristisch ist jedoch allen Formen, dass die zusätzliche Wahrnehmung automatisch und unwillkürlich ausgelöst wird, über längere Zeit konsistent bleibt (derselbe Auslöser erzeugt immer dieselbe Zusatzwahrnehmung), nicht willentlich unterdrückt werden kann und typischerweise unidirektional verläuft (ein Buchstabe löst etwa eine Farbe aus, aber die Farbe nicht den Buchstaben) 1.

Eine Frage der Vernetzung

Doch wie entstehen Synästhesien im Gehirn? Bei Synästheten sind Sinnesbereiche im Gehirn stärker miteinander vernetzt als gewöhnlich. Bei Menschen, die Musik in Farben sehen, ist beispielsweise das Hauptleitungsbündel, das unter anderem Seh- und Hörregionen miteinander verbindet (der sogenannte inferiore fronto-okzipitale Fasciculus) deutlich stärker ausgeprägt 7. Je stärker diese Verbindung, desto intensiver die synästhetische Wahrnehmung. Weiter haben große Studien mit modernen Bildgebungsverfahren Unterschiede in 13 verschiedenen Merkmalen zwischen Gehirnen von Synästheten und neurotypischen Personen gefunden und zeigten insgesamt eine intensivere Vernetzung 8.

Vieles spricht dafür, dass die Grundlage für Synästhesie bereits vor der Geburt gelegt wird und alle Säuglinge mit einer Art überschießender sensorischer Vernetzung geboren werden 9. Überflüssige Verbindungen werden dann im Laufe der normalen Hirnentwicklung abgebaut – bei Synästheten bleibt dieser Abbau teilweise aus und einige der frühen Extraverbindungen überdauern bis ins Erwachsenenalter 10.

Wie genau diese Extraverbindungen zu synästhetischen Wahrnehmungen führen, darüber wird noch diskutiert. Ein Modell geht davon aus, dass benachbarte Sinnesareale sich direkt gegenseitig aktivieren (ein Buchstabe sendet direkt auch ein Signal an das Farbzentrum) 7. Ein anderes Modell sieht den Ursprung eher in übergeordneten Hirnregionen, die normalerweise als Filter dienen: Bei Synästheten ist dieser Filter durchlässiger, sodass Signale „rückwärts“ in andere Sinnesareale fließen und dort zusätzliche Wahrnehmungen auslösen 11,12. Wahrscheinlich spielen beide Mechanismen eine Rolle, je nach Synästhesie-Typ.

Besondere Gehirne – besondere Menschen

Wenn solche berühmten Künstler, wie Kandinsky und Musiker wie Lady Gaga Synästhesien aufweisen, handelt es sich dann womöglich um eine Superkraft?

Zumindest bringt Synästhesie einige bemerkenswerte kognitive Vorteile mit sich – auch wenn sie manchmal mit erhöhter sensorischer Empfindlichkeit einhergeht. Musiker sind viermal so häufig betroffen und im Schnitt verbringen Menschen mit Synästhesien signifikant mehr Zeit mit kreativen Künsten 13. Eine große niederländische Studie zeigte, dass Synästheten im Allgemeinen intelligenter, offener für Erfahrungen, emotionaler und fantasievoller sind und zudem eine lebhaftere Vorstellungskraft zeigen 14. Einschränkend muss hier erwähnt werden, dass sich freiwillig meldende Synästheten für so eine Studie möglicherweise nicht ganz repräsentativ für alle Synästheten sind.

Allerdings ist der wohl beeindruckendste Vorteil das deutlich bessere Langzeitgedächtnis von Synästheten. Bei Synästhesien handelt es sich nämlich um die einzige bekannte Gehirnentwicklungsbedingung, die mit einer durchgängigen Verbesserung des Langzeitgedächtnisses assoziiert ist und zwar nicht nur für Reize, die Synästhesie hervorrufen, sondern dieser Vorteil erstreckt sich auf alle Arten von Gedächtnisinhalten 15. Wahrhaft besondere Gehirne!

Das Faszinierende an Synästhesien ist, finde ich, dass vielen Synästheten ihre besondere Wahrnehmung gar nicht bewusst ist, schließlich ist es für sie ganz normal und gewohnt, Musik zu sehen oder Zahlen zu fühlen. Erst wenn sie aktiv darauf aufmerksam gemacht werden, erkennen sie ihre besondere Fähigkeit. Deshalb bin ich jetzt super gespannt! Ist dir beim Lesen dieses Blogbeitrags vielleicht eine eigene Synästhesie aufgefallen? 

Quellen:

Titelbild

Bild 1

1. Gennaro, R. J. Synesthesia, hallucination, and autism. Front. Biosci. (Landmark Ed) 26, 797–809 (2020). 

2. Grossenbacher, P. G. & Lovelace, C. T. Mechanisms of synesthesia: cognitive and physiological constraints. Trends Cogn Sci 5, 36–41 (2001). 

3. Neufeld, J. et al. Genetic and environmental contributions to the link between synaesthesia and neurodevelopmental and psychiatric features: a twin study. Transl Psychiatry 15, 240 (2025). 

4. Bosley, H. G. & Eagleman, D. M. Synesthesia in twins: incomplete concordance in monozygotes suggests extragenic factors. Behav Brain Res 286, 93–96 (2015). 

5. Luke, D. P., Lungu, L., Friday, R. & Terhune, D. B. The chemical induction of synaesthesia. Human Psychopharmacology: Clinical and Experimental 37, e2832 (2022). 

6. Ward, J. & Simner, J. How do Different Types of Synesthesia Cluster Together? Implications for Causal Mechanisms. Perception 51, 91–113 (2022). 

7. Zamm, A., Schlaug, G., Eagleman, D. M. & Loui, P. Pathways to Seeing Music: Enhanced Structural Connectivity in Colored-Music Synesthesia. Neuroimage 74, 359–366 (2013). 

8. Ward, J. et al. Synesthesia is linked to large and extensive differences in brain structure and function as determined by whole-brain biomarkers derived from the HCP (Human Connectome Project) cortical parcellation approach. Cereb Cortex 34, bhae446 (2024). 

9. Wagner, K. & Dobkins, K. R. Synaesthetic associations decrease during infancy. Psychol Sci 22, 1067–1072 (2011). 

10. Maurer, D. et al. Reduced perceptual narrowing in synesthesia. Proc Natl Acad Sci U S A 117, 10089–10096 (2020). 

11. Michalareas, G., Kusnir, F., Thut, G. & Gross, J. The timing of cortical activation in associator grapheme-colour synaesthetes using MEG. Neuropsychologia 181, 108491 (2023). 

12. Neufeld, J. et al. Disinhibited feedback as a cause of synesthesia: evidence from a functional connectivity study on auditory-visual synesthetes. Neuropsychologia 50, 1471–1477 (2012). 

13. Williamson, L., Bailey, S. & Ward, J. Increased prevalence of synaesthesia in musicians. Perception 55, 330–343 (2026). 

14. Rouw, R. & Scholte, H. S. Personality and cognitive profiles of a general synesthetic trait. Neuropsychologia 88, 35–48 (2016). 

15. Ward, J., Field, A. P. & Chin, T. A meta-analysis of memory ability in synaesthesia. Memory 27, 1299–1312 (2019).

Profilbild Corinna Kuhn

Veröffentlicht von

Mein Name ist Corinna Kuhn und ich studiere Medizin und Molekulare Medizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Im Rahmen meines Studiums lerne ich das Gehirn aus verschiedenen Perspektiven kennen: bei der intensivmedizinischen Behandlung von Patienten mit Demenz, in klinischen Studien der Nuklearmedizin zu Hirnmetastasen sowie durch die Forschung mit neuronalen Zelllinien. Besonders interessiere ich mich für die klinische Anwendung grundlegender Forschungserkenntnisse. Diese vielfältigen Zugänge möchte ich nutzen, um den noch offenen Fragen rund um unser Gehirn auf den Grund zu gehen.

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