Schwanger nach Schlaganfall: Worauf sollte man achten?
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3 Fragen an Prof. Dr. Annerose Mengel, Leiterin der Forschungsgruppe „Schlaganfallerholung und Outcome“ in der Abteilung „Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen“ am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, welches gemeinsam mit der Neurologischen Universitätsklinik das Hertie-Zentrum für Neurologie bildet.
1. Wann ist eine Schwangerschaft nach einem Schlaganfall medizinisch vertretbar?
Grundsätzlich sollte man nach einem Schlaganfall die Genesungsphase abwarten. Klassisch spricht man von etwa drei Monaten, aber wir wissen aus Studien, dass es eher 12 Monate dauert, bis man wirklich sagen kann: Das ist jetzt der stabile Zustand, mit dem die Patientin lebt. Deshalb empfehlen wir in der Regel, frühestens nach einem Jahr über eine Schwangerschaft nachzudenken. Körperlich bedeutet das: Die Rehabilitation sollte weitgehend abgeschlossen sein. Also motorische und sensible Defizite sollten sich bestmöglich gebessert haben, idealerweise durch konsequente Therapie wie Physio-, Ergo- und Logopädie. Auch die Psyche sollte man im Blick haben: Nach einem Schlaganfall treten bei bis zu 40 Prozent der Patientinnen und Patienten im ersten Jahr neuropsychiatrische Veränderungen auf – zum Beispiel Depressionen, Ängste oder Antriebsminderung. Das wird häufig übersehen. Gerade bei Kinderwunsch sollte man gezielt darauf achten und gegebenenfalls auch behandeln. Ein zentraler Punkt ist zudem, dass die Ursache des Schlaganfalls möglichst genau geklärt und – wenn möglich – behoben sein sollte. In dem Fall von Frau Schenk war es eine Hirnblutung, bei der vor einer Schwangerschaft wichtige Fragen zu klären sind: Ist das Risiko für eine erneute Blutung minimiert? Gab es zum Beispiel Gefäßveränderungen wie arteriovenöse Malformationen, also angeborene seltene Gefäßfehlbildungen? Bei ischämischen Schlaganfällen fragen wir uns: Liegt eine Gerinnungsstörung vor, die in der Schwangerschaft besonders relevant wäre und behandelt werden muss? Gibt es ein sogenanntes persistierendes Foramen ovale – ein kleines Loch in der Herzscheidewand, das sich eigentlich nach der Geburt schließen sollte? Solche Ursachen versuchen wir konsequent zu identifizieren und zu behandeln. Erst wenn die Patientin körperlich und psychisch stabil ist und die Ursache des Schlaganfalls bestmöglich geklärt und adressiert wurde, kann man verantwortungsvoll über eine Schwangerschaft nachdenken. Trotzdem bleibt es eine Risikoschwangerschaft, die eng begleitet werden sollte.
2. Welche Risiken bestehen, und wie lassen sie sich minimieren?
Eine Schwangerschaft bringt an sich ein erhöhtes Risiko für thrombembolische Ereignisse wie zum Beispiel Schlaganfälle mit sich. Das liegt vor allem an den hormonellen Veränderungen, die die Gerinnung beeinflussen. Schwangere haben dadurch ein erhöhtes Thromboserisiko. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass sich venöse Thrombosen bilden, die – etwa bei einem persistierenden Foramen ovale – vom venösen in den arteriellen Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen. Auch seltenere Ursachen wie eine Sinusvenenthrombose, also eine Thrombose in den hirneigenen Venen, treten in der Schwangerschaft häufiger auf. Bei einer vorangegangenen Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) – wie in dem Fall von Frau Schenk – spielt vor allem der Blutdruck eine entscheidende Rolle. In der Schwangerschaft kann es zu einem Schwangerschaftshypertonus kommen. Deshalb ist ein wichtiger Punkt zur Risikominimierung ein engmaschiges Monitoring mit konsequenter Kontrolle des Blutdrucks. Aber auch andere Faktoren wie der Blutzucker sollten regelmäßig überprüft werden, zum Beispiel im Hinblick auf einen Schwangerschaftsdiabetes. Kurz gesagt: Das Risiko lässt sich nicht komplett vermeiden, aber durch eine gute Vorbereitung und eine enge medizinische Begleitung während der Schwangerschaft deutlich reduzieren.
3. Welche Faktoren beeinflussen die Genesung nach Schlaganfall? Was können Betroffene dazu beitragen – und welche Fortschritte gibt es in Therapie und Rehabilitation?
Die Genesung nach einem Schlaganfall hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend sind vor allem die Lokalisation und die Schwere des Schlaganfalls sowie der Zustand der Patientin oder des Patienten vor dem Ereignis. Wer vorher körperlich fit war, hat in der Regel ein besseres Rehabilitationspotenzial. Auch spielt es eine Rolle, ob es bereits frühere Schlaganfälle oder Einschränkungen gab – dann ist die Erholung oft schwieriger. Was Betroffene selbst tun können, ist nicht zu unterschätzen. Eine möglichst positive Grundhaltung hilft, aktiv an der Rehabilitation teilzunehmen. Denn wir wissen: Konsequentes, multimodales Training ist zentral. Dazu gehören Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie – ergänzt durch eigenes Üben im Alltag. Das Ziel ist, das neuronale Netzwerke zu stärken, so dass Funktionen erneut übernommen werden können. In der Therapie gibt es zudem Fortschritte: Ein Beispiel ist die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Dabei wird die elektrische Hirnaktivitäten gemessen und gezielt von außen mittels transkraniellem Magnetstimulus aktiviert, um neuronale Netzwerke zu unterstützen. Hier setzt auch die neue Studie BOSS STROKE des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung unter der Leitung von Prof. Dr. Ulf Ziemann an. Ziel ist es, mithilfe der closed loop TMS eine neue Therapie für Schlaganfallpatientinnen und -patienten zu entwickeln, die sowohl die motorischen Funktionen verbessert als auch durch Spastik bedingte Einschränkungen reduziert. Gleichzeitig legt das HIH und unsere Arbeitsgruppe einen besonderen Schwerpunkt auf die Erforschung von genetischen Faktoren von Schlaganfällen sowie auf die Primärprävention, insbesondere bei jungen Patientinnen und Patienten.
Die Fragen stellte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.
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