Quarter-Life-Crisis: Ist unser Hirn mit 25 auf dem Zenit?

In meinem Freundeskreis kommt allmählich der Punkt, dass die meisten von uns über 25 Jahre alt sind. Wir sind nicht mehr Anfang 20. Erwachsen. Oft habe ich schon gehört, mit 25, da ist der Frontallappen endlich voll entwickelt! Das Denken nicht mehr geprägt vom jugendlichen Leichtsinn, den wir mit 18 noch hatten. 25 und dann geht es bergab. Aber was soll da eigentlich „voll entwickelt“ sein? Woher kommt diese Zahl 25 überhaupt? Welche Studiengrundlage steckt dahinter?

Es ist eine weit verbreitete Annahme: Mit 25 ist das Gehirn ausgereift. Die wilden Baustellen im Kopf sind abgeschlossen, der Beton ist trocken. Aber schwingt da nicht auch eine leise Bedrohung mit? Heißt „fertig“ auch Stillstand? Wenn der Gipfel erreicht ist, kann der Weg ja eigentlich nur noch nach unten führen. Das Lernen fällt immer schwerer, wir nehmen neue Inhalte nicht mehr so rasch auf wie Kinder es tun.

Aber stimmt das überhaupt? Oder haben wir vielleicht viel mehr Zeit, als wir dachten? Heißt Veränderung gleich Abbau? Im heutigen Beitrag schauen wir uns an, was die aktuelle Forschungslage tatsächlich zur Hirnentwicklung zu sagen hat – und was ich gefunden habe, dürfte alle aufatmen lassen, die die 30 noch vor sich haben (und auch alle, die sie schon hinter sich haben).

Der Mythos der 25: Ein Missverständnis der Wissenschaft

Wenn man nachforscht, warum sich ausgerechnet die 25 so hartnäckig in unseren Köpfen festgesetzt hat, landet man schnell in den 90er und 2000er Jahren. Damals führten die National Institutes of Health (NIH) in den USA bahnbrechende Langzeitstudien durch. Forscher wie Jay Giedd steckten tausende junge Menschen in den MRT, um ihrem Gehirn beim Wachsen zuzusehen [1].

Die Ergebnisse waren faszinierend: Sie zeigten, dass unser Gehirn nicht einfach nur größer wird, sondern sich fundamental umbaut – und zwar von hinten nach vorne. Das letzte Puzzlestück, das in diesem Prozess an die Reihe kommt, ist der präfrontale Cortex direkt hinter unserer Stirn. Das ist unser CEO im Kopf, zuständig für Planung, Impulskontrolle und vernünftige Entscheidungen. Mehr zu diesen sogenannten „exekutiven Funktionen“ lest ihr hier:

Warum ausgerechnet 25? In den Datenkurven sahen Gogtay, Giedd und ihr Team, dass sich die strukturellen Veränderungen in diesem Areal (z. B. die Dicke der Hirnrinde) etwa im Alter von 25 Jahren zu stabilisieren schienen oder die Kurven abflachten [2]. Die Medien, Versicherungen und die Politik stürzten sich auf diese Zahl als biologische Grenze zum Erwachsensein.

Doch Wissenschaftler warnen heute vor dieser Vereinfachung. Das Problem war oft das Studiendesign selbst: Viele dieser frühen Untersuchungen endeten schlichtweg bei Probanden Mitte 20. Die 25 war oft kein biologischer „Endpunkt“, sondern einfach das Ende der Datentabelle. Renommierte Kritikerinnen wie die Harvard-Professorin Leah Somerville wiesen bereits 2016 in einer Analyse im Fachmagazin Neuron darauf hin, dass es keinen magischen Schalter gibt, der mit 25 umgelegt wird [3]. Ihre Arbeit zeigte, dass viele Hirnstrukturen auch jenseits der 30 noch keine Ruhe geben. Studien zur weißen Substanz zeigen mittlerweile, dass die Vernetzung oft erst in den 30ern oder 40ern ihren Höhepunkt erreicht [4]. Die 25 war also nie eine harte biologische Mauer, sondern eher ein statistischer „Best Guess“ aus den damals verfügbaren Daten.

Human brain development
Human brain development von National Institutes of Health, Public Domain

Baustelle Gehirn: Mehr als nur Wachstum

Um zu verstehen, warum das Spiel mit 25 noch nicht vorbei ist, müssen wir kurz den Bauhelm aufsetzen. Was genau „reift“ da eigentlich? Entgegen der Intuition wird unser Gehirn im Erwachsenenwerden nicht voller, sondern leerer.

Zwei Hauptprozesse bestimmen die Reifung:

  1. Synaptic Pruning (Der Gärtner): In der Kindheit wuchern unsere Nervenverbindungen wie ein wilder Dschungel. In der Pubertät beginnt unser Nervensystem all die Verbindungen und Stränge zu kappen, die kaum genutzt werden. Wie beim Gärtnern werden schwächere Stränge abgeschnitten, was mehr Energie für die verbleibenden Leitungen lässt. Das Motto: „Use it or lose it“. Das Gehirn wird effizienter. [1]
  2. Myelinisierung (Der Straßenbau): Die verbleibenden wichtigen Verbindungen werden nun isoliert. Eine Schicht aus Myelin, eine fetthaltige Isolierschicht, umhüllt die Nervenbahnen, ähnlich wie Gummi um ein Stromkabel. Das sorgt für eine massive Beschleunigung der Signalübertragung – bis zu 100-mal schneller! Der Prozess der Myelinisierung beginnt bereits im Mutterleib, hat seinen Höhepunkt in den ersten Lebensmonaten, setzt sich allerdings noch bis über die Pubertät hinaus fort.

Und hier liegt der Knackpunkt: Während das Pruning schon früher abnimmt, setzt sich die Myelinisierung viel länger fort als gedacht. Besonders die wichtigen „Datenautobahnen“, die unsere Gefühle mit dem Verstand verknüpfen, werden teils bis ins dritte Lebensjahrzehnt hinein ausgebaut [4]. Unten sind zwei Neuronen zu sehen, links ohne Myelinisierung, rechts mit Myelinscheiden.

Update aus Cambridge: 32 ist das neue 25

Dass die 25 wackelt, vermuten Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler schon länger. Eine aktuelle Studie aus Cambridge, veröffentlicht in Nature Communications, liefert nun neue Daten [5]. Die Forschenden haben nicht nur auf das Volumen geschaut (wie viel Gehirn ist da?), sondern auf die Topologie – also den Bauplan des Netzwerks.

Was diese Untersuchung so besonders macht, ist ihre gewaltige Datenbasis. Während frühere Studien oft nur kleine Gruppen untersuchten, analysierte das Team hier Scans von über 4.200 Menschen. Und das Entscheidende: Die Spanne der Teilnehmenden reichte vom Säuglingsalter bis hin zu 90-Jährigen. Erst durch diesen Blick auf die gesamte Lebensspanne konnten die Forschenden Muster erkennen, die vorher unsichtbar blieben.

Stell dir dein Gehirn wie ein U-Bahn-Netz vor. Das Forschungsteam analysierte, wie gut die Stationen vernetzt sind und wie effizient man von A nach B kommt. Sie identifizierten sogenannte „Topologische Wendepunkte“ (turning points) im Leben – Momente, in denen sich die Organisation des Gehirns grundlegend ändert.

Fünf Epochen der Hirnentwicklung

Daraus ergeben sich laut den Forschenden fünf ungefähre Epochen in der Hirnentwicklung, die wir im Leben durchlaufen [5]:

  1. Epoche 1 (0–9 Jahre): Die Kindheit, geprägt von rasantem Aufbau lokaler Verbindungen.
  2. Epoche 2 (9–32 Jahre): Die “verlängerte Adoleszenz”. Hier wird das Netzwerk massiv integriert und auf Effizienz getrimmt.
  3. Epoche 3 (32–66 Jahre): Das Erwachsenenalter. Hier ändert sich die Strategie hin zur Spezialisierung.
  4. Epoche 4 & 5 (ab 66 Jahren): Die Phasen des Alterns, in denen sich die Strukturen erneut verändern

Das Ergebnis? Ein massiver Wendepunkt liegt nicht bei 25, sondern bei 32 Jahren. Die Studie zeigt: Die Phase der „adoleszenten Entwicklung“, in der das Netzwerk immer stärker integriert und effizienter wird, zieht sich bis Anfang 30 hin. Erst danach, in der dritten Epoche (32–66 Jahre), ändert das Gehirn seine Strategie. Es baut nicht mehr primär auf globale Vernetzung, sondern auf Spezialisierung (Segregation). Man kann sich das wie in einem wachsenden Unternehmen vorstellen: Am Anfang machen alle alles (hohe Integration). Später bilden sich spezialisierte Fachabteilungen (hohe Segregation), die Expertenwissen aufbauen. Wir werden vielleicht etwas weniger flexibel, dafür aber kompetenter in unseren Fachbereichen.

Das bedeutet: Mit 25 bist du biologisch gesehen noch mitten im Feinschliff deiner kognitiven Hardware. Dein Gehirn optimiert seine Netzwerkeffizienz noch jahrelang weiter. Die „Quarter-Life-Crisis“ ist also vielleicht gar kein Zeichen dafür, dass du feststeckst, sondern dass dein System gerade erst richtig hochfährt.

Wichtig zu erwähnen ist jedoch auch hier: Bei diesen Zahlen handelt es sich um statistische Mittelwerte einer großen Gruppe, nicht um starre biologische Gesetze. Die Entwicklung des Hirns ist höchst individuell. Die Zeitpunkte aus der Studie beschreiben den Durchschnitt – dein persönlicher Wendepunkt kann früher oder später liegen. Aber eines ist sicher: Mit 25 ist das letzte Kapitel noch lange nicht geschrieben.

Exkurs: Wenn es nicht am Gehirn liegt – Warum die 20er trotzdem hart sind

Jetzt wissen wir also: Biologisch gesehen sind wir mit 25 noch voll im „Ausbau“. Warum fühlt es sich trotzdem oft so an, als müssten wir längst fertig sein? Warum trifft uns die Quarter-Life-Crisis genau jetzt? Die Psychologie und Soziologie haben hierfür Erklärungen, die nichts mit Myelin oder Synapsen zu tun haben, sondern mit dem Druck, der auf uns lastet.

Drei Faktoren, die in die Quarterlife-Crisis mit hineinspielen:

  • Der Verlust des „Drehbuchs“: Bis zum Schulabschluss, dem Ende des Studiums oder der Berufsausbildung war unser Leben wie eine Schiene. Das Ziel war klar vorgegeben: Versetzung, Schulabschluss, Gesellenbrief, Bachelor oder sonstiges. Für die meisten endet dieses vorgefertigte Skript Mitte der 20er dann plötzlich. Zum ersten Mal gibt es keine Noten mehr, die uns sagen, ob wir „gut“ sind. Gleichzeitig haben wir so viele verschiedene Wege vor uns und müssen einen für uns wählen. Diese plötzliche Freiheit ist riesig – und sie macht Angst. Die Struktur bricht weg, und wir müssen selbst Regie führen, ohne das Handbuch gelesen zu haben.
  • Die Qual der Wahl (Option Paralysis): Unsere Großeltern hatten oft nur einen Weg: Ausbildung, Heirat, Haus, Rente. Wir haben tausende. Wir können Digital Nomad auf Bali werden, Finance Bro in Frankfurt werden oder eine Töpferwerkstatt in der Uckermark eröffnen. Doch die Forschung zeigt: Zu viele Optionen machen unglücklich (das sogenannte Paradox of Choice). Wir haben ständig Angst, die „falsche“ Tür zu wählen und optimieren uns zu Tode, statt einfach mal loszulaufen [6].
  • Der Vergleichs-Wahnsinn: Früher verglich man sich mit dem Nachbarn oder dem Cousin. Heute vergleichen wir uns auf den verschiedensten sozialen Medien mit der ganzen Welt. Und dort sehen wir nur die Highlights: Die 23-jährige Gründerin, der 25-jährige Weltreisende. Andere haben mit 24 schon ein Haus gekauft und zwei Kinder. Dass diese Bilder kuratiert sind, weiß unser Verstand zwar – unser Gefühl aber meldet trotzdem: „Alle haben es geschafft, nur ich hänge hinterher.“

Biologie vs. Leistungsgesellschaft

Über all diesen inneren Kämpfen schwebt jedoch noch etwas Größeres, das von außen auf uns drückt: die sogenannte „Social Clock“ (soziale Uhr) [7]. Auch die Forschenden aus Cambridge betonen in ihrer Studie, dass der Übergang ins Erwachsenenalter eben nicht nur biologisch ist, sondern stark von „kulturellen und sozialen Faktoren“ abhängt [5]. Unsere Gesellschaft diktiert einen unsichtbaren Zeitplan: Studium mit 22, Karriere mit 25, Familie mit 30. Wir messen unser modernes, komplexes Leben an einem veralteten Maßstab. Listen wie „Forbes 30 under 30“ befeuern zudem einen subtilen Ageism (Altersdiskriminierung), der uns suggeriert, dass Potenzial ein Verfallsdatum hat. Dieser gesellschaftliche Druck erzeugt eine künstliche Hektik („Ich muss mich jetzt beeilen!“), die im direkten Widerspruch zu der Geduld steht, die unsere Biologie eigentlich an den Tag legt.

Letztlich ist diese Hektik ein Symptom einer auf Effizienz getrimmten Leistungsgesellschaft. Wir versuchen kollektiv, einen langsamen, komplexen biologischen Prozess in den Takt einer beschleunigten Wirtschaftsordnung zu pressen. Dass es dabei knirscht, ist kein individuelles Versagen, sondern ein Problem des Systems.

Fazit: Durchatmen!

Was lernen wir daraus? Wenn dich mit 25 (oder 29) die Panik packt, ist das kein Zeichen von Schwäche oder geistigem Abbau. Es ist eine logische Reaktion auf eine Lebensphase, in der maximaler gesellschaftlicher Druck auf eine noch laufende biologische Baustelle trifft. Dein Gehirn arbeitet noch hart daran, die besten Verbindungen zu knüpfen. Die große Integration, die Vernetzung deiner Fähigkeiten, läuft noch bis in die 30er auf Hochtouren. Also: Wenn du das nächste Mal denkst, du müsstest längst „fertig“ sein, weißt du, dass auch dein Gehirn noch seine Zeit braucht. Du bist nicht langsam. Du renderst noch. Und das Ergebnis wird vermutlich besser, als du jetzt denkst.

Quellen

  1. Giedd, J. N., Blumenthal, J., Jeffries, N. O., Castellanos, F. X., Liu, H., Zijdenbos, A., Paus, T., Evans, A. C., & Rapoport, J. L. (1999). Brain development during childhood and adolescence: A longitudinal MRI study. Nature Neuroscience, 2(10), 861–863. https://doi.org/10.1038/13158
  2. Gogtay, N., Giedd, J. N., Lusk, L., Hayashi, K. M., Greenstein, D., Vaituzis, A. C., Nugent, T. F., Herman, D. H., Clasen, L. S., Toga, A. W., Rapoport, J. L., & Thompson, P. M. (2004). Dynamic mapping of human cortical development during childhood through early adulthood. Proceedings of the National Academy of Sciences, 101(21), 8174–8179. https://doi.org/10.1073/pnas.0402680101
  3. Somerville, L. H. (2016). Searching for signatures of brain maturity: What are we searching for? Neuron, 92(6), 1164–1167. https://doi.org/10.1016/j.neuron.2016.10.059
  4. Lebel, C., Gee, M., Camara, E., & Beaulieu, C. (2012). Diffusion tensor imaging of white matter tract evolution over the lifespan. NeuroImage, 60(1), 340–352. https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2011.11.094
  5. Mousley, A., Bethlehem, R.A.I., Yeh, FC. et al. Topological turning points across the human lifespan. Nat Commun 16, 10055 (2025). https://doi.org/10.1038/s41467-025-65974-8
  6. Schwartz, B. (2004). The paradox of choice: Why more is less. Harper Perennial.
  7. Neugarten, B. L. (1976). Adaptation and the life cycle. The Counseling Psychologist, 6(1), 16–20. https://doi.org/10.1177/001100007600600104

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Antonia Ceric

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Ich heiße Antonia Ceric und studiere im Master Neurowissenschaften an der Uni Frankfurt. Während ich in meinem Psychologie-Bachelor die neuronalen und psychologischen Grundlagen der Wahrnehmung und unseres Gehirns kennenlernen durfte, konnte ich mich parallel im Kunststudium an der HfG Offenbach dem Bereich auch aus einer philosophischen Perspektive nähern. Durch meinen interdisziplinären Hintergrund interessieren mich besonders Grenzbereiche, wo die Neurowissenschaft auf andere – etwa geisteswissenschaftliche und kreative – Felder trifft oder das Verständnis unseres Hirns plötzlich im Alltäglichen überrascht.

7 Kommentare

  1. Schätze mal, daher kommt der Mythos vom Club 27 – etwa in dem Alter stirbt der Rockstar in uns allen. Wir sind fertiggestellt. Unser Schicksal steht fest, denn Schicksal ist ein Algorithmus aus festgefrorenen Gewohnheiten. Muss es deshalb ein schlechtes Schicksal sein?

    Hängt von der Umwelt ab. Durch Wiederholungen, Dauerschleifen, erhalten wir eine bestimmte Welt aufrecht, sind Lego-Steine in einer bestimmten Struktur. Doch diese Struktur ist wiederum ein Organismus wie jeder andere auch. Er wird alt. Er verändert sich und die Welt um sich herum, und wenn die Strukturen zu verfestigt sind, kann er sich nicht mehr anpassen. Seine Zahnräder drehen sich immer gleich, auch wenn sie nicht mehr mit anderen zusammenpassen. Das viele Knirschen zerfetzt den Körper, das Hirn, die Gesellschaft. Durch Perfektionierung der Maschine wird sie zu ihrem eigenen Henker.

    In der Jugend passen Sie sich der Umwelt an. Mit zunehmendem Alter passen Sie die Umwelt sich selbst an. In der Jugend suchen, konfigurieren Sie Ihr Schicksal. Ab Mitte 20 verwirklichen Sie es. Ab Mitte 40 kämpfen Sie dagegen. Sie fangen früh an, es auf jüngere Festplatten zu kopieren, doch wenn Sie alt sind, ist es alles, was Ihnen bleibt, und Sie langweilen die Jugend mit Ihren Weisheiten und Ihrer Lebensgeschichte, die Gehirnwaschmaschine dreht sich und dreht, bis die Kids Sie vorzeitig im Altenheim begraben, wo Sie aus Mangel an memetischen Festplatten so sehr vor Frust durchdrehen, wie Teenager aus Mangel an genetischen. Daten sind Daten, sie wollen sich fortpflanzen, sie kämpfen ums Überleben, darum, sich von Moment zu Moment zu kopieren, und ob sie in DNA, Neuronen, Schrift codiert sind, spielt für den Darwinismus genauso wenig eine Rolle wie der Körper, der sie als Vehikel durch ein weiteres Stücklein Weltgeschichte trägt.

    Und falls Trumps Kopf auf Sie wirkt wie das Genital eines Teenager-Jungen, der allein mit einem Playboy-Heft auf dem Klo hockt, liegt das daran, dass beides Varianten des gleichen Phänomens verwirklicht.

    Ihre Zellen leben und sterben viel schneller als Sie, und auch Sie sind eine Körperzelle für das Erbgut größerer Organismen, die sich durch stete Erneuerung ihres Gewebes erhalten – ich nenne sie Dämonen, weil’s so schön unwissenschaftlich und reißerisch klingt. Die entsprechenden Interessenkonflikte sind eigentlich immer und überall sichtbar.

    Und da es Anfang 30 noch viele Unterschiede zwischen Theorie und Praxis gibt, ist auch klar, dass das Gehirn noch viel Anpassungspotenzial braucht. Das Gehirn sieht nicht umsonst wie ein Baum aus, es gibt Parallelen vom Frühling bis zum Herbst des Lebens: Wir gefrieren sehr selektiv, während die Äste schon feste Form annehmen, kann sich das Laubwerk noch verändern und blüht auf, bevor es im Winter abzufallen beginnt und nur noch die Äste zum Denken übrig bleiben.

    Wäre echt interessant zu checken, ob wir auch tatsächlich die gleiche DNA benutzen wie die Bäume, oder ob es sich um konvergente Evolution handelt. Schließlich haben wir und Pflanzen gemeinsame Vorfahren, und die hatten Wachstum schon drauf, bevor sich die Sippen trennten.

    Vielleicht werden die entsprechenden Gene ja zwischen 25-27 aktiviert, doch die Auswirkungen machen sich erst um 32 bemerkbar? Das Gehirn ist eine gigantische Baustelle. Wenn die alten Ägypter die Pyramiden auf Würfel umbauen wollten, müssten sie vorher auch ziemlich viele Steine, Meißel, Arbeiter, Baugerüste und Futter organisieren, und das dauert seine Zeit.

    Was Sie hier anführen, ist die übliche Anlage-vs-Umwelt-Debatte, die eigentlich längst gegessen ist: Die Erkenntnis, dass man beides so wenig trennen kann wie Huhn und Ei, hatten wir schon, und eine neue wird es auch nicht geben. Die Gene bestimmen, wie sich die Gesellschaft organisiert und wie und wann sie welchen sozialen Druck ausübt, und die Gesellschaft modifiziert die Wirkung der Gene. Würde es für eine Gesellschaft Sinn machen, Fünfjährige so zu behandeln wie Dreißigjährige?

    Heute sehen Sie im Westen ein Paradoxon – die Sklaverei wurde weitgehend auf Maschinen übertragen oder ins Ausland outgesourct, wir übernehmen überwiegend die Aufgaben des Adels, der Verwalter der globalen Plantage. Das erfordert das Erlernen von mehr Fähigkeiten, also dehnen wir die Kindheitsphase möglichst aus, bleiben möglichst lange flexibel, neugierig und blind für Konsequenzen. Aber Verwaltung bedeutet auch Verantwortung, man wird zum Wächter eines Sollzustands, des Wohls seiner Mitmenschen. Doch, weil uns die Sklaven so gut versorgen wie die Gebärmutter, verkindlichen wir, wie es jeder Adel tut, dem es viel zu gut geht, und verrecken an Sandkastenspielen, kindischem Streit um Schippchen und Förmchen, der Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Sehen Sie auch im Kopf von Trump, oder von jedem, der an Demenz erkrankt ist – man wird zum Baby, wenn man alt wird, ob man Mensch ist oder Imperium.

    Bei all dem wirkt die innere Zeitschaltuhr mit, doch die Umwelt versucht, auf der Klaviatur der Gene mitzuspielen. Phasen hinauszuzögern, zu beschleunigen, Elemente des Lernens und Wissens, des flüssigen, kindlichen Verstandes und des festgefrorenen Erwachsenen-Verstandes neu zu kombinieren.

    In der Kindheit liegen viele Schicksale vor ihnen, und fast alle müssen sterben, damit ein einziges geboren werden kann. Was Sie jetzt haben, ist ein wenig Torschlusspanik und die üblichen Wiedergeburtsschmerzen, die Sie wohl schon mal durchgemacht haben und bei dem Übergang in die nächste Phase wieder durchmachen werden.

    Was ich unfair finde ist, dass Teenager aufgeklärt werden über die Veränderungen ihres Körpers. Ins Erwachsenensein und ins Alter tritt man hingegen völlig unvorbereitet. Wenn Sie in alten Romanen die Symptomatik mangelnder sexueller Aufklärung nachlesen und mit der Symptomatik der AfD oder des Trumpismus vergleichen – es ist irgendwie das Gleiche, der Geist ist verwirrt, weil er mit den Veränderungen des Körpers und der Wahrnehmung nicht umgehen kann, man wird Senior als naive Jungfrau, die alles auf die harte Tour herausfinden muss.

    Aber ich wünsche Ihnen erst mal ein langes und glückliches Erwachsenensein, bevor es bei Ihnen so weit ist. Behalten Sie es aber im Hinterkopf, ja? Damit Sie nicht genauso durchdrehen, wie wir Oldtimer von heute.

  2. Danke. Ich hatte auch überlegt, über die neue Studie mit ihren Wendepunkten zu schreiben. Aber 32 als “Ende der Adoleszenz” zu beschreiben, ob erweitert oder nicht, ist schon Unsinn.*

    Schau gerne mal in Kap. 2 meines neuen Buchs über das Thema (open access & peer reviewed). Da ist auch die meiner Meinung nach viel aussagekräftigere Nature-Publikation von derselben Forschungsgruppe aus 2022 dargestellt, basierend auf den MRT-Daten von mehr als 100.000 Personen von vor der Geburt bis zum Alter von 100.

    Da sieht man, dass aufgrund verschiedener Marker die Hirnentwicklung in den frühen Teenagerjahren doch schon sehr weit fortgeschritten ist und die Änderungen eher gradueller als absoluter Natur sind.

    Und die Ventrikel werden immer größer, bis man stirbt.

    *Unsinn, weil “Adoleszenz” psychosozial als Ende der Übergangszeit ins Erwachsenenleben verstanden wird. Die Grenze verschiebt sich zwar nach hinten, in vielen westlichen Ländern zurzeit in der Tat so um das Alter von 25 Jahren, aber sicher nicht bis in die 30er.

    • Das freut mich erstmal, dass das Thema ganz tagesaktuell Anklang findet. Dass man mit 30 noch adoleszent ist, darüber lässt sich natürlich streiten (das würde ich so jetzt auch nicht formulieren). Allerdings betrachten wir hier ja vor allem die Entwicklung des Gehirns und die ist – wie Sie schon sagen – definitiv eine stetige. Ich bin gespannt, was zu dem Thema noch kommt. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt vor allem wunderbar, dass wir mehr und mehr solcher großen Datensätze haben, um zuverlässigere Aussagen über eine durchschnittliche Entwicklung treffen zu können. So oder so können wir festhalten: das Gehirn entwickelt sich unser Leben lang weiter und wir können uns in jedem Alter auch noch weiter entwickeln.

      • Gewissermaßen kommt im Artikel selbst ja zum Ausdruck, dass die sogenannte Quarterlife-Crisis keine Folge der Gehirnentwicklung ist, sondern der Kultur, in der wir leben: denn die genannten Großeltern hatten auch Gehirne, die sich in ihren 20ern noch (langsamer, aber stetig) veränderten; und sie waren mit 25 nicht mehr adoleszent, sondern schon erwachsen.

        Ich kam in meiner Zeit in der Hirnforschung irgendwann selbst auf dieses Umdenken, dass für uns als Individuen zwar “ohne Hirn ist alles nichts” gilt (ich winke unserem Co-Blogger Christian Hoppe an der Epileptologie in Bonn zu), aber dass der Körper und seine Organe doch sehr stark von der Umgebung und unseren Erfahrungen darin geprägt werden. In der Willensfreiheitsdiskussion wurde so oft gerufen, das Gehirn determiniere (unbewusst) unser Verhalten – aber man muss bei der Frage beginnen, wie die Umwelt das Gehirn determiniert. In diesem Sinne: Ohne Umwelt ist das Gehirn nichts. Und ohne Gehirn? Ist die Umwelt – Umwelt.

        P.S. Steht ihr jungen Blogger hier bei den SciLogs etwa nicht alle auf der Forbes 30 unter 30-Liste? 😉 Nein, ich beneide euch nicht um diesen (vermeintlichen) Konkurrenzkampf, der immer stärker wird. Das wird sich nicht ändern, bis die jungen Menschen sich wieder als gemeinsame Generation mit gemeinsamen Bedürfnissen sehen, anstatt sich spalten zu lassen; wie es zuletzt vielleicht bei den 1968ern der Fall war, wovon ich (geb. 1980) noch profitieren konnte, bis das mit dem Neoliberalismus ab Ende der 1990er allmählich umschlug.

        • Das wäre ja auch eine spannende Frage, wie sich die Hirnentwicklung im Laufe der Menschheitsgeschichte mit anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen verändert hat. Denn auch hier sind ja diese und jene Wechselwirkungen nicht auszuschließen. Und damit meine ich nicht bloß die Quarterlife-Crisis. Wenn wir von dieser reden, dann ist wie Sie schon andeuten ganz klar, dass wir da eine große psychologische Komponente haben, die natürlich im engem Zusammenhang mit der Gesellschaft steht. Und die Gesellschaft ist nicht mehr so, wie sie bei unseren Groß- und Urgroßeltern war. Bleibt zu sehen, was noch kommt. Was ich zumindest aus meinen Erfahrungen im wissenschaftlichen Nachwuchs berichten kann: Ich freue mich hier zumindest schon ein Gefühl von Zusammenhalt genießen zu dürfen, das so wichtig ist!

  3. Es ist naheliegend die Phaseneinteilung der Hirnentwicklung auch in Zusammenhang zu bringen mit der gesellschaftlichen Rolle, die Menschen in verschiedenen Lebensaltern einnehmen. Und das wird hier ja auch teilweise gemacht, wird doch von Adoleszenz, Alterdiskriminierung und einer Leistungsgesellschaft gesprochen, die Junge vor Alten bevorzuge. Tatsächlich haben ja ältere Menschen mehr Schwierigkeiten eine neu Stelle zu finden.
    Interessant scheint mir aber, dass das etwa in der Politik nicht gilt. Es gibt heute in nicht wenigen Ländern ziemlich alte Politiker und vor allem Regierungschefs. Man denke nur an Joe Biden, Donald Trump, Vladimir Putin oder Xi Jinping, wobei einige Leser hier vielleicht Putin (73 Jahre) und Xi (72 Jahre) für gar nicht so alt halten, was gut verständlich ist, wenn man Biden und Trump zum Massstab nimmt. Wie aber ist es zu erklären, dass Leute, die ihrem Ende entgegengehen und die wohl geistig nicht mehr so flexibel sind, in so hohe Stellungen kommen, in Posten wo sie über das Schicksal ganzer Länder und sogar der Welt entscheiden? Menschen, die man nach einer ärztlichen Untersuchung möglicherweise für fahrunfähig erklären würde, können also das Steuerrad ganzer Nationen, ja das Steuerrad der Menschheit in den Händen halten.
    Dass das möglich ist, verwundert mich und ich frage mich, was das über unsere Welt aussagt.

    • Die Antwort auf diese Frage ist wohl eher psychologischer, soziologischer und politischer Natur. Ich rätsele da auch.

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