Vom Müssen und Können

“Alles klar, alle nochmal auf Toilette und dann ist Abfahrt!” Natürlich kann man in dieser Situation nicht, muss aber 12 Minuten nach Abfahrt wie selbstverständlich auf Toilette. Probiert man noch vor dem Losfahren auf Toilette zu gehen, sitzt man häufig wie bestellt und nicht abgeholt, weil es einfach nicht anfangen will… Und obwohl man das Pullern jederzeit willentlich unterbrechen kann, ist es nicht möglich, „auf Kommando” anzufangen. Wieso eigentlich nicht? Dieser Frage wollen wir in diesem Artikel nachgehen.

Was passiert eigentlich beim Urinieren?

Unser Harn wird kontinuierlich von den Nieren produziert, fließt über die Harnleiter in die Blase, wird dort gesammelt und anschließend, wenn die Blase “voll” ist, durch die Harnröhre nach außen abgeleitet. Damit unser Harn nicht einfach die ganze Zeit herauströpfelt, gibt es zwei Schließmuskel, welche den Übergang zwischen Blase und Harnröhre verschließen. Bevor wir pullern können, müssen diese beiden Muskel sich entspannen, sodass der Harn einfach abfließen kann.

Die Blase selbst ist ebenfalls ein Muskel, ein ballon-artiger Hohlmuskel, welche sich langsam durch die Flüssigkeit aufdehnt. Ist eine bestimmte Spannung überschritten, wird im Gehirn das Signal ausgelöst, dass wir nun auf Toilette müssen. Sind wir dann auf Toilette sendet unser Gehirn das Signal zum Wasserlassen an die Blase und an die Schließmuskel.

Nervale Steuerung von Muskeln

Wie alle unsere Muskeln im Körper, sind auch die Muskeln, welche für das Wasserlassen verantwortlich sind, durch Nervenzellen („nerval“) gesteuert. Es werden dabei zwei Hauptformen der nervalen Steuerung unterschieden. Die meisten Skelettmuskeln, wie beispielsweise der Biceps oder der Oberschenkelmuskel sind willkürlich kontrolliert. Das bedeutet, dass wir willentlich darüber entscheiden können, ob wir die Muskeln anspannen wollen oder nicht. Natürlich laufen viele Bewegungen automatisiert ab – so denken wir beim Laufen nicht darüber nach, welche Muskeln gerade angespannt werden und welche nicht. Dennoch können wir uns jederzeit entscheiden, dass wir Laufen wollen, extra große Schritte machen oder eben einfach stehen bleiben…

Die zweite Art der Steuerung betrifft Muskeln, wie das Herz oder die Darmmuskulatur. Diese werden durch das Autonome Nervensystem angesteuert und unterliegen einer unwillkürlichen Kontrolle. Stress oder körperliche Anstrengung führen dazu, dass eine hohe Herzfrequenz begünstigt wird, aber willentlich können wir uns keine Wunschfrequenz aussuchen oder sagen, dass unser Herz jetzt mal kurz stehen bleiben soll.

Kontrolle der Harnblase

Bei der Blase spielen beide Mechanismen eine Rolle, sowohl die willkürliche, als auch die unwillkürliche Steuerung – und genau das macht den Unterschied, warum man aufhören, aber nicht anfangen kann. Die Harnblase und einer von zwei Schließmuskeln sind autonom, also nicht willentlich, gesteuert. Die autonome Steuerung ist darauf ausgelegt, dass wir in Stresssituationen Urin in der Blase sammeln und während Ruhezeiten auf Toilette gehen können.

Der zweite Schließmuskel ist willkürlich gesteuert, was den Vorteil hat, dass wir bewusst steuern können, wann genau wir uns erleichtern. Haben wir zwar eine volle Blase, sind aber gerade am Autofahren, verhindert unter anderem die Anspannung in diesem Muskel, dass wir einfach lospullern. Oder, wenn wir auf Toilette sind und merken, dass die anderen gerade ohne einen losfahren – könnten wir mit Hilfe dieses Muskels das Pullern beenden und schnell hinterherlaufen…

Doch das Entspannen dieses willentlich kontrollierten Schließmuskels reicht nicht aus, um das Wasserlassen zu starten. Dafür muss sich zusätzlich die Blasenmuskulatur anspannen (den Urin raus drücken) und der andere Schließmuskel muss sich ebenfalls entspannen. Da diese beiden unter autonomer Kontrolle sind, können wir dies nur bedingt willentlich beeinflussen.

Was kann beim Pullern schiefgehen?

Mehrere Zentren im Gehirn und im Rückenmark sind für die Kontrolle des Urinierens (auch Miktion genannt) zuständig. Dass dieses Wechselspiel zwischen sensorischen Feedback aus der Harnblase (aktueller Füllstand) und einer adäquaten Antwort doch recht komplex ist, kann man gut daran erkennen, wie lange Kleinkinder brauchen, um die völlige Kontrolle über ihre Harnblase zu erlernen. Interessanterweise, werden die Nervenzellen, welche für die Steuerung der Blasenmuskulatur und Schließmuskel zuständig sind, mit als allererstes „myelinisiert“. Beim Myelinisieren, wird eine spezielle Struktur um die Nervenzellen gelegt, welche die Signalweiterleitung besonders effizient und zeitlich präzise macht.

Später im Leben können leider verschiedenste Schädigungen in diesem Netzwerk dazu führen, dass wir diese Kontrolle wieder verlieren. Krankheiten, wie Parkinson oder Multiple Sklerose, Tumore, Schlaganfälle oder Querschnittslähmungen können die Kontrollnetzwerke oder Weiterleitungen schädigen oder unterbrechen. Je nach Lokalisation kann das zu Inkontinenz oder der Unfähigkeit Wasser zu lassen, führen. In bestimmten Situationen können Blasenschrittmacher helfen, welche durch elektrische Stimulation den Miktionsreflex auszulösen.

Beeinflusst unsere Blase auch das Gehirn?

Andersherum gibt es auch eine sogenannte Miktionssynkope – also eine durch das Urinieren bedingte Bewusstlosigkeit. Ausgelöst durch eine Abflussstörung der Harnröhre (beispielsweise durch eine vergrößerte Prostata) oder die lang ersehnte Entspannung durch den Anfang des Pullerns, kann es zu einer kurzzeitigen Sauerstoffunterversorgung des Gehirns und dadurch zu Bewusstlosigkeit kommen. Auf der heimischen Toilette ist die Fallhöhe vielleicht noch gering, aber es soll wohl schon der eine oder andere Matrose genau deswegen über Board gegangen sein…

In diesem Sinne – viel trinken bei der Hitze und ein (nicht zu) entspanntes Wasserlassen 😉

Veröffentlicht von

Friedrich Schwarz studiert Humanmedizin und Angewandte Informatik mit Schwerpunkt Neuroinformatik. Aktuell fasziniert ihn die Theorie, dass Humor und Kreativität als Positivfaktoren in der sexuellen Selektion dazu beigetragen haben könnten, dass die menschliche Gehirngröße evolutionär zunahm. Mit dem Schreiben hier probiert er, seine Begeisterung über das Gehirn mit der Welt zu teilen – ob sie möchte oder nicht.

5 Kommentare

    • Psychosomatisch, der Mensch (und Bär!) ist ein Wesen, das sich sozusagen gute Gelegenheit kaum entgehen lässt.

      Was es ebenfalls gibt, menschlicherseits ist die Prävention, vielleicht kennen Sie, Kommentatorenfreund Gerald Fix, Leutz, die bei besonderer Anforderung (“Prüfungen”) erst einmal den “Bathroom” aufsuchen.

      MFG
      Dr. Webbaer (der vom Viel-Trinken bei Hitze eher abrät, eher zu Ayran und so zurät)

  1. Vielleicht gerade auch für ältere Personen interessant, Dr. Webbaer ist ein wenig älter und hat sich’s gerne durchgelesen.
    Mit freundlichen Grüßen und weiterhin viel Erfolg
    Dr. Webbaer
    PS zu :

    Beeinflusst unsere Blase auch das Gehirn? [Die Textauszeichnung, die eine Absatzüberschrift meint, ist von Dr. W übernommen worden]

    Davon darf womöglich ausgegangen werden, auch Schlafstörungen meinend.
    Kennt jemand den Film “The Godfather Part II”, dort hat “Hyman Roth” ein wenig dazu erklärt?

  2. Zitat aus obigem Beitrag:

    Krankheiten, wie Parkinson oder Multiple Sklerose, Tumore, Schlaganfälle oder Querschnittslähmungen können die Kontrollnetzwerke oder Weiterleitungen schädigen oder unterbrechen. Je nach Lokalisation kann das zu Inkontinenz oder der Unfähigkeit Wasser zu lassen, führen. In bestimmten Situationen können Blasenschrittmacher helfen, welche durch elektrische Stimulation den Miktionsreflex auszulösen.

    Beeinflusst unsere Blase auch das Gehirn?

    Andersherum gibt es auch eine sogenannte Miktionssynkope – also eine durch das Urinieren bedingte Bewusstlosigkeit.

    Ja, paradoxerweise gilt ja, dass ein Auto im Vergleich zum Menschen nur ein Ding ist, aber man Autos, die Anfälligkeiten und Funktionsstörungen zeigen würden wie sie beim Menschen zu beobachten sind, nicht akzeptieren würde. Autos mit dem Äquivalent von Schlaganfällen, MS, Parkinson oder Miktionssynkopen würden in den USA wohl zu Sammelklagen gegen die herstellende Firma führen.
    Mindestens dann, wenn solche Ereignisse bereits in der „Jugend“ des Autos passieren würde. Ältere Autos würden aufgrund solcher Vorfälle ausgemustert und verschrottet.
    Doch Menschen sind eben nicht Autos. Ein Menschenleben lässt sich nicht in Geld aufwiegen, sagt man sogar (wobei es in der Praxis etwas anders aussieht). Jedenfalls erklärt das eben gesagte gut, warum die Kosten in der Medizin zuverlässig von Jahr zu Jahr ansteigen. Zwar sind Menschen heute alterskorrigiert gesünder, aber sie erleiden dennoch immer wieder gesundheitliche Schäden. Die musste man früher einfach so hinnehmen. Doch mit dem stetigen Fortschritt in der Medizin gilt das immer weniger. Eingriffe, zum Teil Heilungen und Wiederherstellungen sind heute möglich geworden, die früher undenkbar waren.

    Im Zusammenhang mit dem menschlichen Schicksal (Conditio humana) und dem medizinischen Fortschritt offenbaren sich aber auch zunehmend Widersprüche. Wie etwa passt es zusammen, dass man Menschen gesundheitsschädliche Praktiken im Alltag erlaubt, sie andererseits aber im Schadensfall wieder mit grösstem Aufwand zusammenflickt. Eigentlich müsste man gesundheitlich gefährliches Verhalten verbieten oder wenn nicht verbieten, dann mit anderen Mitteln stark einschränken.

    Und klar, eine Miktion, ein Wasserlassen über Bord, müsste beim Risiko, das damit verbunden ist, unterbunden werden.

    • Ganz genau Herr “Holzherr” (die doppelten Anführungszeichen nur deswegen, weil Sie ein als solches unkenbares Pseudonym verwenden) :

      Eigentlich müsste man gesundheitlich gefährliches Verhalten verbieten oder wenn nicht verbieten, dann mit anderen Mitteln stark einschränken.

      Und klar, eine Miktion, ein Wasserlassen über Bord, müsste beim Risiko, das damit verbunden ist, unterbunden werden.

      Dr. W war mal Skipper und keinem Lebewesen soll so unwohl werden, die Auflösung von Giften im Meer hat hier unbearbeitet zu bleiben, auch möglicher Nährstoffgewinn.

      MFG
      WB

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