Pop statt Pille gegen Übelkeit?

Der Reisebus rüttelt sich durch den palermitanischen Stadtverkehr. Bremst heftig. Ein Fußgänger ist einfach auf die Straße getreten – das ist hier normal. Anfahren, Autogehupe, Stopp. Ein zerbeulter Fiat Punto hat sich plötzlich in unsere Spur gedrängt. Das war verdammt knapp! Ich frage mich, ob jemals festgelegt wurde, wie viele Spuren die Straßen in dieser Stadt haben. Zwei, drei, fünf?

Die Freundin zu meiner linken schaut mich unglücklich an. Ihr wird bei solchen Fahrten schnell schlecht – Reiseübelkeit. Sie steckt sich Kopfhörer in die Ohren und schließt die Augen. Nur eine halbe Stunde später, wir rollen inzwischen gleichmäßig über die Autobahn, sieht sie schon wieder richtig zufrieden aus. „Wieso hilft Musik mir immer so verdammt gut gegen Übelkeit?“, fragt sie mich.
Gute Frage!

AUGE VS. INNENOHR

Schauen wir uns zunächst an, wie Reiseübelkeit entsteht. Unser Gehirn versucht fortlaufend, alle eingehenden Sinnesreize des Körpers miteinander in Einklang zu bringen. Wenn wir in einem Reisebus sitzen, senden unsere Muskeln und Sehnen ans Gehirn: Wir sitzen ruhig auf unserem Platz. Auch die Augen sagen: Wir sind bewegungslos und schauen auf ein sehr langsam vorüberziehendes Panorama. Nur das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet Bewegung, etwa durch die vertikalen Stöße bei Schlaglöchern und die Beschleunigungskräfte beim Anfahren. Im Gehirn entsteht folglich ein Widerspruch zwischen dem, was wir sehen und dem, was wir fühlen. Der Körper reagiert mit Schwindel, Schwitzen, Müdigkeit etc.

Anfälliger für Reiseübelkeit sind zum Beispiel Kinder, Personen die an Migräne leiden und Menschen, die vor der Fahrt (oder auch am Abend zuvor!) Alkohol getrunken haben. Übrigens: Auch VR-Brillen können eine Pseudo-Reisekrankheit auslösen, weil sie den Augen eine Bewegung vortäuschen, die in Wirklichkeit gar nicht da ist.

Auch VR-Brillen können eine Art Reisekrankheit auslösen.

BEATS WIRKEN ÄHNLICH WIE OPIOIDE

Hören wir Musik, wird diese im Hörzentrum der Großhirnrinde, dem auditiven Cortex, verarbeitet. Dadurch erkennen wir Harmonie und Rhythmus und können verschiedene Melodien unterscheiden.

Auch motorische Areale im Gehirn werden aktiviert. Musikerinnen und Musiker scheinen unbewusst die Musik auf ihrem gelernten Instrument mitzuspielen. Bei Nicht-Musizierenden sind zum Beispiel Areale zur Steuerung des Kehlkopfes oder der Beine aktiv – man ist also jederzeit bereit zum Mitsummen und Tanzen.

Wichtig für unsere Bewertung der Musik ist vor allem die Aktivierung des limbischen Systems, zu dem auch das Belohnungssystem gehört. Durch Musikhören kann auf diesem Wege das Stresshormon Cortisol reduziert werden. Gleichzeitig werden Endorphine, die körpereigenen Opioide, ausgeschüttet. Das führt dazu, dass von uns positiv bewertete Musik unsere Laune hebt.

MUSIK STATT PILLE GEGEN ÜBELKEIT?

Doch zurück zur Übelkeit. In verschiedenen Studien wurde Menschen, die unter Übelkeit nach Operationen oder Chemotherapie litten, Musik vorgespielt. Die Kontrollgruppe verbrachte die gleiche Zeit in Stille.

Und tatsächlich führte Musikhören oftmals zu weniger Übelkeit und seltenerem Erbrechen. Dieser Effekt war am größten, wenn die Personen die Musik frei auswählen durften.

Eine Erklärung für diese Wirkung dürften die oben erwähnte Endorphin-Ausschüttung und die Stressreduktion sein. Außerdem zieht Musik die Aufmerksamkeit des Gehirns auf sich und kann dadurch den Fokus auf Stressoren, in unserem Beispiel die Reiseübelkeit, reduzieren.

Zugegeben, die Studienergebnisse zu Musiktherapie bei Übelkeit sind aktuell noch sehr uneindeutig. Medikamente gegen (Reise-)Übelkeit wirken sicherer, gehen aber oft mit Nebenwirkungen wie starker Müdigkeit einher. Insofern ist Musikhören auf Reisen zumindest einen Versuch wert. Vor allem wenn ihr im süditalienischen Verkehr unterwegs seid…

Welche Playlist müsste man euch vorspielen, um von Übelkeit abzulenken? Und in welchen Lebenslagen setzt ihr Musik als „Therapie“ ein?

Quellen:

  • Çetinkaya F. The effects of listening to music on the postoperative nausea and vomiting. Complement Ther Clin Pract. 2019;35:278-283. doi:10.1016/j.ctcp.2019.03.003
  • Koch A, Cascorbi I, Westhofen M, Dafotakis M, Klapa S, Kuhtz-Buschbeck JP. The Neurophysiology and Treatment of Motion Sickness. Dtsch Arztebl Int. 2018;115(41):687-696. doi:10.3238/arztebl.2018.0687
  • Wei TT, Tian X, Zhang FY, Qiang WM, Bai AL. Music interventions for chemotherapy-induced nausea and vomiting: a systematic review and meta-analysis. Support Care Cancer. 2020;28(9):4031-4041. doi:10.1007/s00520-020-05409-w
  • Titelbild von JESHOOTS.com from Pexels
  • Foto VR-Brille von Sound On from Pexels

Veröffentlicht von

Martje Sältz studiert seit 2016 Humanmedizin am UKE in Hamburg und promoviert zum Einfluss der Ernährung auf die Halsgefäße. Medizin auf Italienisch lernte sie in ihrem Auslandssemester in Palermo kennen. Sie möchte wissenschaftliche Themen verständlich und spannend beschreiben und damit mehr Menschen für Gesundheit und ihren Körper begeistern.

6 Kommentare

  1. Wer unter Stress leidet, der sollte einmal einen italienischen Gottesdienst besuchen. Wenn die Frauen ihren Choral anstimmen, dann toppt der jede Oper.

    Wem der Drive abhandengekommen ist, der sollte sich mal ein paar Songs von Nina Hagen anhören. Dann brennen die Haare.

    Und wer romantische Stimmung braucht, für den sind die Bee-Gees die erste Wahl.

    Zur Arbeit braucht man keine Musik. Das ist eine Unsitte. Und erst beim Autofahren. Wenn einer zum Walzer Schlangenlinien fährt.

    Kühe sollen ja bei bestimmter Musik mehr Milch geben.

  2. Obwohl ich es weiß und sicher auch hätte brauchen können (Reisen, Zahnarzt, Migräne), habe ich Musik noch nie zur Entspannung dabei eingesetzt, ausser allein im Auto.
    Bei schlechter Laune bringt mich Freejazz von Ornette Coleman zuhause schnell wieder in die Spur, aber über Kopfhörer ausserhalb, da bin ich überfragt, wohl auch weil mich die Kopfhörer stören – Beim Zahnarzt und sonstigen OP’s wo ich mir ohne Narkose gewünscht hätte, kann ich mir Stoner-/Psychedelic- und/oder Hardcorerock vorstellen, auf Reisen Miles Davis, John Coltrane, David Murray, Steve Coleman, usw., bei Migräne klassische Streicher von Bach, Beethoven, etc., wenn das Aufstehen und Bedienen der Fernbedienung dann nicht schon Mühe und/oder Stress bedeuten würde, aber eben ohne Kopfhörer 🙂 🤔 hmmh, “Alexa” wäre eine Option!? 🙃

  3. hwied: “Zur Arbeit braucht man keine Musik.”

    Hah, wenn ich meine Bude aufräume, besonders beim Abwaschen, brauche ich Musik nach Stimmung. Leider kann ich die dann nicht so laut drehen wie ich es gerne hätte, ich lebe eben nicht in Italien, Jamaika oder sonstigen Ländern wo es Sitte ist / zum guten Ton gehört laut zu sein 👊🙂

  4. Als Kind liess sich bei mir Reiseübelkeit 🤢 beim Autofahren 🚗 ( im englischen car sickness genannt) vermeiden indem ich nach vorne auf die Strasse 🛣️ schaute.
    So weit ich mich erinnern kann, hing es auch vom Fahrstil ab.

  5. “Musik gegen Übelkeit…”
    Wirkt sicher nur wenn diese Musik in ihrem Gehirn als wohltuendes Gefühl abgespeichert ist. So wird ihnen Trommelmusik der Naturvölker Neuguineas kaum helfen da diese Melodien ihnen fremd sind. Alten Senioren wird wahrscheinlich geholfen wenn sie Opern/Operetten bzw. Musicals hören, ehemaligen DDR- Bürgern wenn sie KARAT oder die Puhdys hören, die heutige Generation braucht einen anderen stärkeren Reiz…Es kann also nur “Vertrautes” ihr limbisches System erweichen und ablenken. Besonders grausam waren hierin die Nazis die in KZs die Neuangekommenen mit einem Musikorchester empfingen um sie danach in die Gaskammern zu schicken….

    • Absolut! Siehe der Satz dazu, dass der Effekt am größten war, wenn Proband:innen die Musik selbst auswählen durften. Wenn die Musik vorgegeben war, half sie in Studien oftmals gar nicht.

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