Pareidolie: Freundliche Autos und überraschte Steckdosen

Ich wurde vor kurzem gefragt, was denn mein Traumauto wäre, überrumpelt von der Frage antwortete ich schnell: “Auf jeden Fall eins, das freundlich guckt!”. Daraufhin guckte mein Gegenüber ziemlich verdutzt. Aber du verstehst sofort, was ich meine, oder? Hast du das auch schon erlebt? In Objekten, in Wolken oder Bäumen, in zufälligen Mustern Gesichter zu entdecken? Unser Gehirn ist extrem empfindlich und aufmerksam, wenn es um Gesichtserkennung geht, dabei ist es manchmal dermaßen übermotiviert, dass es Gesichter sieht, wo eigentlich gar keine sind. Das wird als Pareidolie bezeichnet.

Jetzt geht es um ein uns gut bekanntes Alltagsphänomen, das die Hirnforschung in den Millisekundenbereich treibt. Nach diesem Artikel kannst du bei der nächsten Wanderung mit dem Wissen brillieren, warum die Felsformation uns an Gesichter erinnert.

Pareidolie als Überlebensvorteil

Was auf uns, wie ein witziges Austricksen unseres Gehirns wirkt, war lange Zeit überlebensnotwendig: Nur wer sofort Gesichter, Tiere und relevante Figuren entdeckte, konnte sich vor potenziellen Gefahren schützen und hatte Vorteile bei sozialen Interaktionen. Unser Gehirn ist also evolutionär bedingt auf eine besonders empfindliche Gesichtserkennung getrimmt: Lieber sehen wir ein Gesicht zu viel, wo keines ist, als dass wir einen Menschen zu spät entdecken (Sensitivität vor Spezifität).

Der Fachbegriff dafür ist Pareidolie und bezeichnet genau die Wahrnehmung von bedeutungsvollen Formen, etwa Gesichtern, Tieren, Figuren oder Objekten in uneindeutigen Mustern. Das können wir zum Beispiel an alltäglichen Objekten wie Autos oder Steckdosen beobachten, in der Natur an Felsformationen oder Bäumen, aber auch im Rauschen auf Bildschirmen 1. Dabei handelt es sich um ein von klein auf angelegtes und ganz normales Phänomen. Schon Babys orientieren sich zu gesichtsähnlichen Mustern und schauen diese lieber an 2. Spannend ist, dass Menschen, die besonders von spirituellen, paranormalen und religiösen Vorstellungen überzeugt sind, noch mehr zu Gesichts-Pareidolie-Wahrnehmungen neigen 3.

Was ist ein Gesicht?

Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Nein, die Nase ist gar nicht notwendig und ein Strich als Mund auch nicht unbedingt, wie das Auto zeigt, reicht auch eine andere Form. Eine einfache Frage, aber ganz schön herausfordernd zu beantworten: Was macht für unser Gehirn überhaupt ein Gesicht aus?

Die Gesichtserkennung im Gehirn, egal ob echtes oder illusorisches Gesicht, erfolgt in einem ausgedehnten Netzwerk, vornehmlich in der rechten Hirnhälfte. Dabei sind drei Kernregionen auf die Detektion von Gesichtern spezialisiert (Wie krass ist das, dass ganze Areale in unserem Gehirn nur für die Gesichtswahrnehmung zuständig sind?!? Das zwigt, wie wichtig diese Fähigkeit ist!) 4. Von diesen Kernregionen gilt die okzipitale Gesichtsregion (englisch: occipital face area, kurz: OFA) als der Eingangspunkt der optischen Informationen aus der Sehrinde. Die OFA analysiert einzelne Gesichtsmerkmale wie Augen und Mund, und die fusiforme Gesichtsregion setzt diese Merkmale dann zu einem Gesamteindruck zusammen 4.

Dieser Weg der Information vom Auge ins Gehirn zu komplexeren Verarbeitungszentren wird als der Bottom-up-Vorgang, also von unten nach oben, bezeichnet. Umgekehrt erfolgt eine Top-down-Erwartung, von höheren Verarbeitungszentren zurück zum Gesehenen. Wenn wir zum Beispiel gezielt nach einem Gesicht suchen, greift unser Gehirn auf unser Wissen über das Aussehen eines menschlichen Gesichts zurück und bereitet vorab eine Art Schablone vor, mit der das Gesehene abgeglichen wird 5. Und genau diese Top-down-Erwartung ist ein großes Problem bei Experimenten mit Freiwilligen: Sobald man nach Gesichtern sucht, findet man sie auch. Versuch mal, dich dabei zu beobachten, wie du zufällig Gesichter in Mustern entdeckst, ohne gezielt danach zu suchen – eigentlich unmöglich. 

Millisekunden entscheiden dann in unserem Gehirn, ob wir ein echtes Gesicht oder nur eine Pareidolie-Illusion wahrnehmen. Mit der Magnetenzephalographie (der Aufzeichnung magnetischer Felder, die durch elektrische Ströme im Gehirn entstehen) hat eine Forschungsgruppe gezeigt, dass illusorische Gesichter in den ersten rund 160 Millisekunden neuronal ähnlich verarbeitet werden wie echte Gesichter. Erst nach etwa 250 Millisekunden verändert sich die Verarbeitung, und das Gesehene wird eher wie ein Objekt oder Muster behandelt. In den allerersten Millisekunden unterscheidet unser Gehirn also nicht genau, sondern signalisiert erst einmal: Gesicht! Erst danach wird genauer analysiert und entschieden, ob es sich tatsächlich um ein menschliches Gesicht oder nur ein zufälliges Muster handelt  6.

Fig. 1: Was ist ein Gesicht?

Aber was erkennt unser Gehirn eigentlich als Gesicht?
Das untersuchte eine Forschungsgruppe, indem sie Menschen alltägliche Objekte mit ‚Gesicht‘ bewerten ließ und systematisch einzelne Merkmale wie Augen, Mund, Zähne oder Ohren wegnahm. Das Ergebnis ist überraschend sparsam: Entscheidend sind vor allem die Augen und der Mund, denn nimmt man sie weg, zerfällt der Gesichtseindruck. Zähne oder Ohren dagegen sind verzichtbar 7.

Aktuellste Forschung

Leider mussten unsere Vorfahren ohne die Errungenschaften des 21. Jahrhunderts auskommen – sie haben sich sicher nicht gefragt, welches Auto am freundlichsten dreinschaut, und schon gar keine Bildschirme betrachtet. Unterscheiden sich Pareidolie-Erlebnisse deshalb, je nachdem, ob wir Naturbilder oder künstlich erzeugte Muster ansehen?

Genau das untersuchte eine Forschungsgruppe. Sie zeigte ihren Versuchsteilnehmern zwei Arten von Bildern: unveränderte Naturaufnahmen und künstlich erzeugtes ‚weißes Rauschen‘.

Fig. 2: Die obere Reihe zeigt Bilder von Natur und natürlichen Landschaften und in der unteren Reihe ist ein künstlich erzeugtes ‚weißes Rauschen‘ dargestellt. Die Teilnehmer durften fünf Minuten lang frei aufzeichnen und benennen, was immer sie darin zu erkennen glaubten.

Das überraschendste Ergebnis: Mit Abstand am häufigsten (in rund 40 Prozent aller Fälle) wurden Tiere gesehen, noch vor Menschen oder Gegenständen. Und das galt für beide Bildarten gleichermaßen. Zwischen Naturbildern und Rauschen gab es aber einen aufschlussreichen Unterschied: In den Naturaufnahmen tauchten häufiger Gestalten aus der natürlichen Welt auf (Tiere, Menschen, Pflanzen), während im Rauschen eher von Menschen geschaffene Objekte erkannt wurden. Die Forschenden erklären das mit den zwei verschiedenen Vorgängen unseres Gehirns: Naturbilder bieten genug Struktur, um sie Bottom-up zu ordnen, aber das strukturlose Rauschen dagegen zwingt das Gehirn, Top-down auf gespeichertes Wissen und Vorstellungskraft zurückzugreifen 1.

Das Auto Toni

Zum Glück ist unser Talent, Gesichter und Gestalten zu entdecken, heute nicht mehr ganz so überlebensnotwendig für uns selbst. Aber hat es vielleicht einen Überlebensvorteil für unsere Gegenstände, in denen wir Gesichter erkennen? Tatsächlich könnte es so sein!

Als Anthropomorphismus wird die menschliche Neigung bezeichnet, Objekten menschliche Eigenschaften, Absichten oder Gefühle zuzuschreiben – so, wie ich am Anfang die Autos als ‚freundlich schauend‘ beschrieben habe. Es ist ein kognitiv-interpretativer Schritt, der über die reine Pareidolie hinausgeht: Ich sehe nicht nur ein Gesicht, sondern deute es auch als freundlich, stur oder traurig 8. Gut belegt ist, dass diese Vermenschlichung eine emotionale Bindung an das Objekt begünstigt und seinen sentimentalen wie praktischen Wert in unseren Augen steigert.

Ob das aber tatsächlich dazu führt, dass Gegenstände mit Gesicht seltener im Müll landen, ist bislang nicht direkt erforscht. Bekannt ist immerhin: Wer Dinge stark vermenschlicht, tut sich schwerer, sich von ihnen zu trennen 9.

Vielleicht hast du ja Lust, dein eigenes kleines Experiment zu starten: Gegenständen Augen aufmalen und die Reaktion deiner Mitmenschen beobachten. Dafür braucht es kein Ethikvotum… (möglicherweise allerdings die Erlaubnis des Gegenstand-Eigentümers!).

Bildquellen:
Titelbild
Fig. 2: Ausschnitt aus Figure 1

Quellen:

1. Göbel, N. et al. Image type reveals evolutionarily shaped perceptual and conceptual mechanisms of pareidolia. Sci Rep 16, 17606 (2026). 

2. Kato, M. & Mugitani, R. Pareidolia in infants. PLoS One 10, e0118539 (2015). 

3. Riekki, T., Lindeman, M., Aleneff, M., Halme, A. & Nuortimo, A. Paranormal and Religious Believers Are More Prone to Illusory Face Perception than Skeptics and Non-believers. Applied Cognitive Psychology 27, 150–155 (2013). 

4. Rapcsak, S. Z. Face Recognition. Curr Neurol Neurosci Rep 19, 41 (2019). 

5. Peek, L., Koush, Y. & Vuilleumier, P. Trial-by-trial fMRI-neurofeedback dissociates fusiform and occipital contributions to face detection and recognition. Nat Commun 17, 7515 (2026). 

6. Wardle, S. G., Taubert, J., Teichmann, L. & Baker, C. I. Rapid and dynamic processing of face pareidolia in the human brain. Nat Commun 11, 4518 (2020). 

7. Omer, Y., Sapir, R., Hatuka, Y. & Yovel, G. What Is a Face? Critical Features for Face Detection. Perception 48, 437–446 (2019). 

8. Epley, N., Waytz, A. & Cacioppo, J. T. On seeing human: a three-factor theory of anthropomorphism. Psychol Rev 114, 864–886 (2007). 

9. Kwok, C., Grisham, J. R. & Norberg, M. M. Object attachment: Humanness increases sentimental and instrumental values. J Behav Addict 7, 1132–1142 (2018). 

Profilbild Corinna Kuhn

Veröffentlicht von

Mein Name ist Corinna Kuhn und ich studiere Medizin und Molekulare Medizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Im Rahmen meines Studiums lerne ich das Gehirn aus verschiedenen Perspektiven kennen: bei der intensivmedizinischen Behandlung von Patienten mit Demenz, in klinischen Studien der Nuklearmedizin zu Hirnmetastasen sowie durch die Forschung mit neuronalen Zelllinien. Besonders interessiere ich mich für die klinische Anwendung grundlegender Forschungserkenntnisse. Diese vielfältigen Zugänge möchte ich nutzen, um den noch offenen Fragen rund um unser Gehirn auf den Grund zu gehen.

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