Neuro-Forschung im Konzertsaal

Neulich fand in der Kölner Philharmonie ein etwas anderes Konzert statt. Die Reihe „Noten und Neuronen – Musik für die Gehirngesundheit“ schlägt die Brücke zwischen Medizin, Neurowissenschaft und Musik. Klingt erstmal weit hergeholt? Ist es aber keinesfalls. Bestimmt hast du selbst schon erlebt, wie ein vertrautes Lied binnen Sekunden Erinnerungen wachruft oder die Stimmung komplett drehen kann. Töne und Rhythmen greifen tief in unser Nervensystem ein. Das ist nicht nur ein faszinierendes Alltagsphänomen. Wir können uns dies sogar in der Medizin zu Nutze machen. Wo Worte und rationale Zugänge versagen, wird Musik zu einem biologisch hochwirksamen Werkzeug.

Die Veranstaltung hatte daher noch weit mehr als Unterhaltung und Information zu bieten. Ganz nebenbei verwandelte sich der vollbesetzte Konzertsaal in ein riesiges Labor, in dem knapp 2.000 Probandinnen und Probanden zugleich die aktuelle Konzertforschung unterstützten. Völlig unkompliziert über das eigene Smartphone lieferte das Publikum über Fragebögen und kurze musikalische Spiele wertvolle Echtzeit-Daten darüber, wie Musik, Emotion und Gedächtnis zusammenhängen. Als Teil der Forschungsgruppe von Dr. Daniela Sammler, die diese Reihe mitorganisiert, durfte ich bei der wissenschaftlichen Erhebung helfen und spannende Blicke hinter die Kulissen werfen.

Zwischen Mischpult, Messgeräten und Fachvorträgen blieb mir dabei ein Phänomen besonders im Kopf. Menschen, die an Demenz erkranken, verlieren nach und nach all ihre Erinnerungen und erkennen sogar ihre Familie nicht mehr. Doch selbst in diesen späten Stadien der Erkrankung, erinnern sich viele noch an die Musik ihrer Jugend. Warum ist die Musik hier so eine Ausnahme?

Eine anatomische Schutzinsel

Um zu verstehen, warum Melodien selbst dann noch lebendig bleiben, wenn der Alltag längst im Nebel versinkt, lohnt ein genauer Blick in die Neuroanatomie. Bei neurodegenerativen Erkrankungen, wie der Alzheimer-Demenz, folgt das zelluläre Absterben einem ganz bestimmten Muster. Typischerweise greift die pathologische Kaskade aus verschiedenen zellulären Ablagerungen zuerst den Hippocampus, den entorhinalen Cortex und weite Teile des Temporallappens an. Genau hier sitzt das episodische und semantische Gedächtnis, das festhält, was wir heute Morgen gefrühstückt haben, wie die eigenen Enkelkinder heißen oder in welchem Jahr wir leben. Werden diese Synapsen zerstört, reißt der Zugriff auf zeitliche Orientierung, Namen und Faktenwissen unwiederbringlich ab.

Das musikalische Gedächtnis sitzt allerdings gar nicht hier. Es nutzt ein vollkommen anderes Netzwerk. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften um Jörn-Henrik Jacobsen [4] ging diesem besonderen Phänomen auf den Grund. Mittels hochauflösendem funktionellem MRT (fMRT) identifizierten die Forschenden die primären Speicherorte für musikalische Langzeiterinnerungen:

  • Kaudaler anteriorer cingulärer Cortex (ACC): Ein tief im Gehirn liegendes Areal, das eine Schnittstelle zwischen emotionaler Bewertung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis bildet.
  • Prä-supplementärmotorisches Areal (pre-SMA): Eine Region, die eng mit der Vorbereitung von Handlungen, Sequenzen und Rhythmen verknüpft ist.

Und warum ist das nun so besonders im Zusammenhang mit Demenz? Eben genau diese beiden Regionen gehören zu den letzten Arealen der Großhirnrinde, die dem Gewebeverlust und dem verlangsamten Glukosestoffwechsel bei Alzheimer zum Opfer fallen. Während weite Teile des Gehirns bereits schwere Degenerationsspuren zeigen, bleibt die anatomische Struktur des Musikgedächtnisses bis in weit fortgeschrittene Stadien nahezu intakt. Die Regionen werden zu einer Art Schutzinsel für die Musik in unserem Kopf.

Kaudaler anteriorer cingulärer Cortex (ACC)
Kaudaler anteriorer cingulärer Cortex (ACC)
Quelle: RAZVAN V. MARINESCU, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Prä-supplementärmotorisches Areal (pre-SMA)
Prä-supplementärmotorisches Areal (pre-SMA)
Quelle: Danielsabinasz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Musik, Emotion und Gedächtnis

Die bloße Lage des Speichers ist jedoch nur ein Teil der Lösung des Rätsels. Musik ist außerdem untrennbar mit unserem emotionalen Bewertungssystem verknüpft. Eben diese Verbindung macht sie zu einem so außergewöhnlichen Gedächtnisträger. Während viele alltägliche Sinneseindrücke rein kognitiv verarbeitet werden, greifen Rhythmen, Klangfarben und Harmoniewechsel unmittelbar auf unsere tiefsten Gefühlsebenen zu.

Musikalische Reize nehmen eine anatomische Schnellstraße in subkortikale Zentren wie die Amygdala und das mesolimbische Belohnungssystem. Vertraute und berührende Melodien triggern unverzüglich die Ausschüttung von Dopamin, dem Botenstoff für Freude und Motivation. Musik muss nicht erst logisch verstanden oder sprachlich entschlüsselt werden. Sie wirkt unmittelbar als gefühltes und körperliches Erlebnis. [9]

Je intensiver ein Erlebnis emotional aufgeladen ist, desto redundanter und dauerhafter wird es im Nervensystem verankert. Die Amygdala agiert dabei wie ein biochemischer Verstärker, der dem Gehirn signalisiert: Das ist bedeutsam, das muss gespeichert werden. Die Amygdala reagiert beispielsweise stark, wenn etwas Angst in uns auslöst. Dann wissen wir: Das ist gefährlich, ich muss handeln! Fight, Flight or Freeze! Aber auch starke positive Emotionen erinnern wir besser. Da wir Musik vor allem in formativen Lebensphasen – etwa bei ersten großen Emotionen, der ersten Liebe, Freundschaften und Umbrüchen in der Jugend – intensiv hören, verschmelzen Melodien untrennbar mit konkreten autobiografischen Ereignissen. [8]

Bei einer Demenzerkrankung ist das biografische Gedächtnis oft nicht vollständig gelöscht, sondern der gezielte, bewusste Zugriff über semantische Pfade (Fakten, Namen, Daten) blockiert. Erklingt nun ein prägender Song, reaktiviert er sekundenschnell genau den emotionalen Zustand der damaligen Zeit. Dieses wiederbelebte Gefühl dient als assoziativer Abrufreiz (Retrieval Cue): Über die intakte emotionale Brücke werden plötzlich verschüttete Erinnerungsfetzen und sogar vergessene Sprachmuster wieder frei zugänglich. Manche Betroffene können schon nicht mehr wie gewohnt sprechen. Wenn sie allerdings singen, fließen die Worte wieder. [6]

Musik nutzt somit die tiefste Schicht unseres Gedächtnisses: Sie dockt direkt an dem an, was evolutionär mit am ältesten und emotional am stärksten konserviert ist.

Musik als Therapie

Dass Musik das Wohlbefinden steigert, ist keine esoterische Wohlfühlbehauptung, sondern harte klinische Evidenz. Eine wachsende Zahl randomisierter kontrollierter Studien belegt die therapeutische Wirksamkeit gezielter Klanginterventionen.

Die Forschungsgruppe um den finnischen Neurowissenschaftler Teppo Särkämö (Universität Helsinki) untersuchte die langfristigen Effekte von regelmäßigem Musikhören und Singen bei Menschen mit Demenz. Das Ergebnis: Regelmäßige musikalische Stimulation verbesserte signifikant das Arbeitsgedächtnis, die räumlich-visuelle Orientierung und die Exekutivfunktionen. Gleichzeitig sanken depressive Verstimmungen und Angstzustände bei den Betroffenen deutlich. [10]

Auch in der Arbeit an Verhaltensmustern kann Musik wirksam eingesetzt werden. Zu den größten Herausforderungen in der Pflege zählen diese sogenannten nicht-kognitiven Symptome (BPSD – Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia), darunter Unruhezustände, motorische Getriebenheit, Aggressionen und das sogenannte Sundowning (eine Phase akuter Verwirrtheit und Angst in den Abendstunden). Untersuchungen zu Programmen wie „Music & Memory“ belegen, dass individuell abgestimmte Playlists diese Phasen drastisch abmildern können, da sie den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit vermitteln. [11]

Musik auf Rezept

In der gängigen Pflegepraxis werden herausfordernde Verhaltensweisen wie Agitation, Angst oder nächtliche Unruhe primär medikamentös behandelt. Häufig kommen Psychopharmaka wie Neuroleptika oder Sedativa zum Einsatz. Diese dämpfen zwar die Symptome, bringen jedoch erhebliche Risiken mit sich: Sie erhöhen die Sturzgefahr, führen zu kognitiver Abstumpfung und stehen mit einer erhöhten Mortalität in Verbindung [1]. Fachleitlinien betonen deshalb seit Langem auch evidenzbasierte, nicht-medikamentöse Interventionen [2].

Vor diesem Hintergrund gewinnt ein Ansatz an Bedeutung, der unter dem Begriff Social Prescribing international etabliert wird – etwa im britischen Gesundheitssystem (NHS) und gestützt durch umfassende Berichte der Weltgesundheitsorganisation: Musik als verordnungsfähige, non-pharmakologische Therapie [3].

Und das funktioniert ganz ohne Nebenwirkungen! Strukturierte, musiktherapeutische Einheiten und personalisierte Hörprogramme regulieren das vegetative Nervensystem auf natürliche Weise. Groß angelegte Untersuchungen in Pflegeeinrichtungen zeigen, dass individualisierte Musikangebote den Bedarf an Beruhigungsmitteln und Antipsychotika signifikant senken sowie Verhaltensauffälligkeiten und depressive Episoden spürbar reduzieren. [11, 12]

Entscheidend für die Wirksamkeit ist, dass keine beliebige Hintergrundbeschallung läuft, sondern eine gezielte Auswahl. Studien zur autobiografischen Gedächtnisforschung belegen, dass das Gehirn am stärksten auf Musik aus der formativen Lebensphase zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr reagiert [5, 7]. In dieser Phase bilden sich Identität und prägende emotionale Bindungen heraus. Die Melodien dieser Zeit bleiben im Nervensystem als stabiler Anker bestehen.

Musik auf Rezept entfaltet ihren Nutzen über die Betroffenen hinaus. Klinische Studien zeigen, dass regelmäßige musikalische Aktivitäten auch die psychische Belastung von Pflegekräften und pflegenden Angehörigen messbar senken und wieder Räume für echte zwischenmenschliche Begegnungen öffnen. [10]

Von der Philharmonie in die Praxis

Der Abend in der Kölner Philharmonie hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie viel Potenzial in der Verbindung von Kunst, Medizin und Neurowissenschaft steckt. Wenn ein voller Konzertsaal gleichzeitig zum Forschungsraum wird, zeigt das vor allem eines: Musik ist nicht nur schön, sie verbindet. Sie ist ein hocheffektives, evolutionär tief verankertes Phänomen, in dem noch so viel steckt, was wir bis lang noch kaum verstehen. Die ersten Schritte, herauszufinden, wie sie unsere Hirngesundheit positiv beeinflusst, sind getan.

So eben zum Beispiel bei Demenz. Wenn das logische Denken schwindet und die Sprache verblasst, bleibt die Musik als stabiler Anker der eigenen Identität bestehen. Vielleicht ist es an der Zeit, dieses Wissen aus den Laboren und Konzertplätzen auch bei uns direkt dorthin zu tragen, wo es am dringendsten gebraucht wird: auf das Rezeptblatt von Ärztinnen und Ärzten und in den täglichen Pflegealltag. Ich fände es zumindest fantastisch, Musik auf Rezept zu bekommen. Und die Forschung ist da ganz auf meiner Seite.

Hier findet ihr mehr Infos zu Noten und Neuronen: https://notenundneuronen.de

Quellen

[1] Ballard, C., Hanney, M. L., Theodoulou, M., Douglas, S., McShane, R., Kossakowski, K., Gill, R., Juszczak, E., Yu, L. & Jacoby, R. (2009). The dementia antipsychotic withdrawal trial (DART-AD): long-term follow-up of a randomised placebo-controlled trial. The Lancet Neurology, 8(2), 151–157. https://doi.org/10.1016/s1474-4422(08)70295-3

[2] Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, & Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). S3-Leitlinie Demenzen (AWMF-Registernummer 038-013). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013

[3] Fancourt, D., & Finn, S. (2019). What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review (Health Evidence Network Synthesis Report 67). World Health Organization. Regional Office for Europe. https://iris.who.int/handle/10665/329834

[4] Jacobsen, J.-H., Stelzer, J., Fritz, T. H., Chételat, G., La Joie, R., & Turner, R. (2015). Why musical memory can be preserved in advanced Alzheimer’s disease. Brain, 138(8), 2438–2450. https://doi.org/10.1093/brain/awv135

[5] Jakubowski, K. & Ghosh, A. (2019). Music-evoked autobiographical memories in everyday life. Psychology Of Music, 49(3), 649–666. https://doi.org/10.1177/0305735619888803

[6] Janata, P. (2009). The neural architecture of music-evoked autobiographical memories. Cerebral Cortex, 19(11), 2579–2594. https://doi.org/10.1093/cercor/bhp008

[7] Krumhansl, C. L., & Zupnick, J. A. (2013). Cascading reminiscence bumps in popular music. Psychological Science, 24(10), 2057–2068. https://doi.org/10.1177/0956797613486486

[8] Phelps, E. A. (2004). Human emotion and memory: Interactions of the amygdala and hippocampal complex. Current Opinion in Neurobiology, 14(2), 198–202. https://doi.org/10.1016/j.conb.2004.03.015

[9] Salimpoor, V. N., Benovoy, M., Larcher, K., Dagher, A., & Zatorre, R. J. (2011). Anatomically distinct dopamine release during anticipation and experience of peak emotion to music. Nature Neuroscience, 14(2), 257–262. https://doi.org/10.1038/nn.2726

[10] Särkämö, T., Tervaniemi, M., Laitinen, S., Numminen, A., Kurki, M., Johnson, J. K., & Rantanen, P. (2014). Cognitive, emotional, and social benefits of regular musical activities in dementia: A randomized controlled study. The Gerontologist, 54(4), 634–650. https://doi.org/10.1093/geront/gnt100

[11] Thomas, K. S., Baier, R., Kosar, C., Ogarek, J., Trepman, A., & Mor, V. (2017). Individualized music program is associated with improved outcomes for U.S. nursing home residents with dementia. The American Journal of Geriatric Psychiatry, 25(9), 1000–1008. https://doi.org/10.1016/j.jagp.2017.04.008

[12] van der Steen, J. T., Smaling, H. J. A., van der Wouden, J. C., Bruinsma, M. S., Scholten, R. J. P. M., & Vink, A. C. (2018). Music-based therapeutic interventions for people with dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2018(7), Article CD003477. https://doi.org/10.1002/14651858.CD003477.pub4

Beitragsbild: Bild von magnific

Antonia Ceric

Veröffentlicht von

Ich heiße Antonia Ceric und studiere im Master Neurowissenschaften an der Uni Frankfurt. Während ich in meinem Psychologie-Bachelor die neuronalen und psychologischen Grundlagen der Wahrnehmung und unseres Gehirns kennenlernen durfte, konnte ich mich parallel im Kunststudium an der HfG Offenbach dem Bereich auch aus einer philosophischen Perspektive nähern. Durch meinen interdisziplinären Hintergrund interessieren mich besonders Grenzbereiche, wo die Neurowissenschaft auf andere – etwa geisteswissenschaftliche und kreative – Felder trifft oder das Verständnis unseres Hirns plötzlich im Alltäglichen überrascht.

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