Kopf auf Dauerschleife: Warum haben wir Ohrwürmer?

Wer kennt es nicht? Manche Lieder lassen uns einfach nicht mehr los. Seit Tagen läuft in meinem Kopf immer wieder Suzie Q von Creedence Clearwater Revival auf Dauerschleife. Manchmal denke ich schon, jetzt ist es vorbei. Aber sobald der nächste Gedanke in Richtung Musik wandert, ist er wieder da: der Ohrwurm. Und zwar ein wirklich hartnäckiger! Egal wie oft ich versuche, an etwas anderes zu denken. Es scheint aussichtslos. Da heißt es wohl abwarten und hoffen, dass es bald ein Ende hat. Immerhin ist es ein verdammt gutes Lied, das sich da in meinem Kopf festgesetzt hat. Aber warum ist das eigentlich so? Warum beißen sich manche Lieder so fest in unsere Gedanken, dass wir sie Ohrwurm nennen?

Das Tonband im Kopf

Der Ursprung des Ohrwurms hat viel damit zu tun, wie unser Arbeitsgedächtnis funktioniert. Verantwortlich dafür ist die sogenannte phonologische Schleife (Phonological Loop). Das ist ein Teil unseres Kurzzeitgedächtnisses, den man sich wie ein imaginäres Tonband vorstellen kann. Dieses Tonband läuft im Alltag ununterbrochen im Hintergrund. Wir brauchen es, um uns eine Telefonnummer im Kopf mehrmals vorzusagen, bis wir einen Stift gefunden haben, oder um die Sätze zu verstehen, die unser Gegenüber gerade spricht. Also damit, wenn wir das Ende hören, uns der Anfang noch präsent ist. [1] Normalerweise wird das Band danach sofort wieder gelöscht.

Musik hat allerdings Eigenschaften, die unser Gehirn fast magisch anziehen. Sie ist rhythmisch, wiederholt sich ständig und löst Emotionen aus. Wenn wir ein Lied mit einer besonders eingängigen Melodie hören (zum Beispiel eben der geniale Riff gleich zu Beginn von Suzie Q) verfängt sich diese Tonfolge in unserer phonologischen Schleife. Das Gehirn fängt an, das Tonband unbewusst im Kreis abzuspielen. Es entsteht ein mentaler Juckreiz, und das Gehirn versucht ihn zu kratzen, indem es uns das Lied immer wieder innerlich vorsingt. Und warum können wir nicht einfach aufhören?

Der Zeigarnik-Effekt

Die Antwort darauf liefert eine bekannte Theorie aus der Psychologie: der Zeigarnik-Effekt. Die Forscherin Bluma Zeigarnik fand heraus, dass unser Gehirn eine fundamentale Eigenschaft hat. Es hasst unvollendete Aufgaben. Unerledigte Dinge bleiben im Gedächtnis extrem präsent, während erledigte Aufgaben sofort gelöscht werden. [3] Und genau da sitzt die Schwachstelle, an der sich der Ohrwurm festbeißt. Aus der Musikpsychologie wissen wir, dass wir selten einen ganzen Song als Ohrwurm haben. Meistens sind es nur Fragmente, ein paar Sekunden des Refrains oder, wie bei mir gerade, der markante Gitarrenriff am Anfang.

Wenn wir das Lied irgendwo im Radio oder beim Vorbeigehen kurz aufgeschnappt haben, hat unser Gehirn oft nur diesen einen Ausschnitt parat. Und der läuft nun auf Dauerschleife. Da wir das Ende des Liedes in diesem Moment womöglich nicht im Kopf haben, stuft unser Hirn den Song als „unvollendete Aufgabe“ ein. Die phonologische Schleife springt an, um das Rätsel zu lösen.

Manchmal sitzen Ohrwürmer so fest, dass es zum Verzweifeln sein kann.

Und weil sie das Ende nicht findet, fängt sie am Ende des bekannten Fragments einfach wieder von vorne an. Schon sind wir in einer Dauerschleife gefangen. Der Ohrwurm. [4]

Bildquelle: Image by kues1 on Magnific

Halluzinierte Melodien

Was allerdings noch spannend bleibt, ist die Frage, wie wir überhaupt etwas hören können, das eigentlich überhaupt nicht da ist. Was passiert im Gehirn, wenn wir den Ohrwurm “hören”? Mithilfe funktioneller MRT-Untersuchungen, durch die wir sehen können, wo im Hirn erhöhte Aktivität zu finden ist, hat die Neurowissenschaft eine spannende Beobachtung gemacht. Ein Ohrwurm ist keine reine Einbildung, nicht bloß ein abstrakter Gedanke oder die Idee des Songs. Wenn wir einen Ohrwurm haben, dann hören wir das Lied gewissermaßen tatsächlich. [2]

In den Hirnscans können wir sehen, dass eben das Areal, das beim wirklichen Musikhören aktiv ist, auch hier aktiviert wird: der primäre auditorische Kortex, die Hörrinde. Gleichzeitig kommt auch der tiefer liegende Hippocampus ins Spiel, der zentral für das Gedächtnis ist. Er speichert die Erinnerung an das Lied ab und triggert die Hörrinde im Falle des Ohrwurms “den Song nochmal zu spielen”.

Zusätzlich findet im Hirn eine spannende Rückkopplung statt. Wenn wir im Kopf Mitsingen spannen wir unbewusst die Muskeln unseres Kehlkopfs und rund um die Stimmbänder ganz leicht an. Diese minimale körperliche Reaktion reicht, dass die motorischen Areale, die nun aktiv werden, wiederum Signale zurück an die Hörrinde senden. Diese Signale nennen wir Efferenzkopien. Sie teilen der Hörrinde mit, dass akustische Signale erzeugt werden. Das Gehirn feuert also einen Reiz ab, der Körper reagiert minimal und füttert schließlich die phonologische Schleife selbst direkt wieder von vorne. Der Ohrwurm geht weiter und weiter. Das System erhält sich also selbst.

Das Gehirn schläft nicht

Das Phänomen Ohrwurm zeigt uns, wie aktiv unser Gehirn selbst dann ist, wenn wir meinen, an gar nichts zu denken. Ohrwürmer treten nämlich besonders dann auf, wenn unser Kopf entweder unterfordert (beim Zähneputzen oder Spazierengehen) oder völlig überfordert (bei Stress) ist. In beiden Fällen sucht sich das Gehirn ein vertrautes, rhythmisches Muster, um sich entweder zu beschäftigen oder zu beruhigen.

Unser Gehirn ist sogar  evolutionär darauf programmiert. Bevor die Menschheit die Schrift erfand, mussten Geschichten, Wissen und Traditionen über Generationen hinweg durch Gesang und Rhythmus weitergegeben werden. Unser Kopf liebt Melodien, weil er sich Informationen so am besten merken kann. An diese grundlegenden neuronalen Verschaltungen knüpft der Ohrwurm an.

Und wie schalte ich das Kopfradio wieder aus?

Das nächste Mal, wenn dir ein Song den letzten Nerv raubt, ärgere dich also nicht. Es ist nur dein Gehirn, das versucht, eine offene Akte in deinem Gedächtnis zu schließen.

Und wenn dich der Ohrwurm zu sehr nervt, ist hier ein praktischer Tipp, wie du den Zeigarnik-Effekt austricksen kannst. Du musst dir das Lied, das in deinem Kopf feststeckt, einmal ganz bewusst von Anfang bis ganz zum Ende anhören. Sobald dein Gehirn das echte Finale hört, hakt es die Aufgabe als „erledigt“ ab. Das Tonband stoppt, die Akte wird geschlossen – und im Kopf ist endlich wieder Ruhe. Zumindest so lange, bis der nächste Ohrwurm anbeißt.

Quellen

[1] Baddeley, A. (2000). The episodic buffer: a new component of working memory? Trends in Cognitive Sciences, 4(11), 417-423.

[2] Kraemer, D. J., Macrae, C. N., Green, A. E., & Kelley, W. M. (2005). Musical imagery: Sound of silence activates auditory cortex. Nature, 434(7030), 158-158.

[3] Zeigarnik, B. (1927). Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen. Psychologische Forschung, 9(1), 1-85.

[4] Williamson, V. J., et al. (2012). How do „earworms“ start? Classifying the everyday triggers of Involuntary Musical Imagery (INMI). Psychology of Music, 40(3), 259-284.

[5] Bildquelle

[6] Bildquelle

Beitragsbild: Image by jcomp on Magnific

Antonia Ceric

Veröffentlicht von

Ich heiße Antonia Ceric und studiere im Master Neurowissenschaften an der Uni Frankfurt. Während ich in meinem Psychologie-Bachelor die neuronalen und psychologischen Grundlagen der Wahrnehmung und unseres Gehirns kennenlernen durfte, konnte ich mich parallel im Kunststudium an der HfG Offenbach dem Bereich auch aus einer philosophischen Perspektive nähern. Durch meinen interdisziplinären Hintergrund interessieren mich besonders Grenzbereiche, wo die Neurowissenschaft auf andere – etwa geisteswissenschaftliche und kreative – Felder trifft oder das Verständnis unseres Hirns plötzlich im Alltäglichen überrascht.

3 Kommentare

  1. Und was macht man eigentlich, wenn sich das Gehirn in Liedern verfangen hat, die kein Ende haben? Wenn man sich nur den Refrain merken kann, hat man Pech, denn das Gehirn weiß nicht, welche Strophe gerade gespielt wurde oder wie viele Strophen das Lied hat, dann hört der Ohrwurm nie auf. Das Lied im Radio und das Lied im Kopf sind zwei verschiedene Sachen. Und das Gehirn ist auch nur ein Mensch, hauptsächlich will es sich selbst auf die Nerven gehen, sodass es das Ende auch dann ausblenden kann, wenn man sich das Original angehört hat.

    Meine Erfahrung mit solchen Tricks ist, sie funktionieren – aber nur ein paar Mal. Dann hat sich das Hirn angepasst, Resilienz aufgebaut und macht weiter mit dem gleichen Quark, den es schon immer gemacht hat, ob der Sinn macht oder nicht. Aber ich nehme an, die Persönlichkeit eines Menschen hat viel damit zu tun, wie sein Hirn funktioniert und wie sein Hirn funktioniert, mit seiner Persönlichkeit.

    Alles wird in Dauerschleifen erhalten und alles endet, wenn es fertig ist. Theoretisch kennen wir zwei Arten der Informationsspeicherung – einerseits, Sachen in Stein zu meißeln, der sehr langsam zerfällt, andererseits die Axt des Großvaters, bei der Sie mal den Stiel austauschen, mal den Kopf, sodass es immer dieselbe Axt ist, doch mit einem regen Stoffwechsel.

    In der Praxis sehen Sie, dass auch in dem Stein auf Molekularebene reger Wartungsbetrieb herrscht. Lauter Eichhörnchen, die hinausziehen, Nüsse sammeln und in die Höhle zurückbringen, um ihr eigenes Leben zu erhalten, lauter Arbeiter, die hinausziehen, Steine Sammeln und den Dom in der Mitte des Atoms zu erhalten – was wir bei Organismen Stoffwechsel nennen, in der Wirtschaft Wirtschaftskreislauf, bei Menschen Alltagstrott, nennen wir bei Atomen und Sternen elektromagnetische Felder. Auch bei Ihnen werden ständig Zellen und Moleküle ausgetauscht, sodass sich nur die Information von Augenblick zu Augenblick teleportiert – ohne all die Kopierfehler dabei gäbe es gar nicht so was wie die Zeit, wir würden in einem Standbild leben, einem Universum aus purem Gedächtnis, das nur einen Augenblick umfasst.

    Einem Ohrwurm aus nur einem Ton gewissermaßen. Dennoch würde kein Tinnitus draus, denn wir würden nicht merken, dass sich dieser Ton wiederholt – es wäre immer derselbe Augenblick. Das ist sehr wichtig für Einstein-Physiker, die über so Sachen wie Zeitdilatation nachdenken, für Quantenphysiker, die über so Sachen wie Zeitdilatation dringend nachdenken sollten, es aber nicht tun, weil sie in kognitiven Dauerschleifen gefangen sind, aber auch für Neurologen, die ja auch mit einem Organ zu tun haben, in dem Zeitdilatation wie bei Inception eine Rolle spielt – wo also Uhren, die unterschiedlich schnell ticken, miteinander in Einklang gebracht werden müssen, wie große und kleine Zahnräder, die wiederum eine größere Uhr formen.

    Für Neurologen wäre es wohl auch interessant, den Ohrwurm mit dem Trauma zu vergleichen, oder mit der Zwangskrankheit. Im echten Leben sehen Sie häufig, dass wir unerledigte Aufgaben lieben, dass eine Firma, ein Staat, ein Mensch, die mit ihrem Job fertig sind, sich extra Arbeit machen, dass zum Beispiel Hilfsorganisationen, die zunächst den Bedürftigen helfen wollten, anfangen, Bedürftige zu züchten, um im Geschäft zu bleiben. Gerade in Deutschland hat das Slapstick-Niveau erreicht, weil der Großteil von uns arbeitslos ist und von den Almosen der ganzen Welt lebt, wir uns aber gegenseitig streicheln, lausen und bezahlen, um das elektromagnetische Feld der Wirtschaft zu erhalten, das die Gesellschaft aufrecht erhält. Und dennoch weigert sich die Welt, ein Land, das vom Industriestandort zum Schmarotzer geworden ist, gratis durchzufüttern, und so verhalten wir uns wie die Zellen einer Leiche – wenn wir nicht mehr von Nutzen füreinander sind, zerfällt der ganze Bakterien-Blob in lauter Kannibalen-Zellen, die sich gegenseitig zerfleischen und ihn zum Milupa für die Geier vorverdauen.

    Trauma und unerledigte Aufgaben. Angst und Zwangskrankheit. Natürlich müssen die Zahnräder ganz anders ineinander greifen, um jedes dieser Phänomene zu erzeugen, deswegen wird die Neurologie für jedes einen getrennten Mechanismus finden. Aber es sind immer nur Variationen ein und desselben Phänomens.

    Schauen Sie sich die Sonne und die Planeten an – sie alle kreisen umeinander und um das Zentrum der Galaxie, weswegen wir auch so tun können, als wären sie Scheiben, den 4D-Raum auf 3D plätten uns sehen, dass sie so was wie Stifte sind, die Spiralen um die Zeitachse zeichnen. Als wären es sehr viele Laserstrahlen parallel, die eine CD namens Universum in einen riesigen Diamanten namens Raumzeit brennen, oder Würmer, die sich durch einen kosmischen Käse fressen und dabei vorne immer länger werden, hinten aber nicht kürzer. Im Gehirn müssen Sie auf der Größen-Skala schon ziemlich runtergehen, um was Analoges zu finden. Aber so was wie Galaxien, Sternensysteme und Astrologie, bei der Netzwerke und Neuronen, die eigentlich nix miteinander zu tun haben, auf weit entfernte Areale so wirken, als gehörten sie zusammen wie Sternbilder, finden Sie schon mit dem Mikroskop.

  2. Ein sehr guter Beitrag
    phonologische Schleifen, gehörte Flüche gehören auch dazu, geistreiche Begrüßungen, ganze Sätze.
    Gerade heute morgen gehört, zwei Frauen unterhalten sich , daneben ein Zweijähriger mit Roller, die eine Frau:“ Wir flitzen da jetzt rum“,
    der Junge wiederholt:“Wir flitzen da jetzt rum“. Er hat den Sinn des Satzes verstanden und das Wort „flitzen“ auch, mir ebenso, weil es die Situation genau beschrieben hat.
    Riffs sind natürlich die Krone , die sind mehr als nur eine Lautfolge, bei Smoke on the water, hört/sieht man förmlich die Brandwolken über dem Genfer See.

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