Impulse außer Kontrolle: Von Diebstahl bis Brandstiftung

Ihr kennt das bestimmt: Eigentlich wollte man ja keinen Zucker mehr essen, doch dann stehen da diese verlockenden Törtchen – und plötzlich greift man doch zu. Später, in einer Auseinandersetzung bei der Arbeit, kann man sich nicht zurückhalten und es rutscht einem ein unbedachter Satz heraus. Und am nächsten Morgen beim Shoppen fällt der Blick auf diese eine Bluse, die man eigentlich nicht braucht, aber trotzdem kauft! Diese kleinen Kontrollverluste im Alltag kennen wir alle und sie sind auch ganz normal.
Doch was, wenn solche Impulse nicht mehr so einfach kontrollierbar sind? Wenn der Drang etwas zu tun so stark ist, dass er alles andere überlagert? Und was ist, wenn der Impuls nicht nur ein Erdbeertörtchen betrifft, sondern wenn es um schwerwiegende Verhaltensweisen geht, die sich negativ auf einen selbst und die Gesellschaft auswirken können? In solchen Fällen redet man von Impulskontrollstörungen – psychischen Störungen, bei denen die „innere Bremse“ im Gehirn nicht mehr richtig funktioniert.
Was sind Impulskontrollstörungen?
Bei allen Impulsstörungen fühlen Betroffene den starken internen Drang, problematische Verhaltensweisen zu zeigen, gegen die kein oder nur sehr schwer Widerstand geleistet werden kann. Wie der Name passend beschreibt, handelt es sich um eine Störung der Impulskontrolle – man ist also nicht einfach in der Lage, sich zu beherrschen oder das Verhalten willentlich zu stoppen, so sehr man es sich auch wünschen würde.
Die neurologischen Ursachen der Störungen führen dazu, dass Betroffene nicht-kontrollierbares, sich wiederholendes und teilweise zwanghaftes Verhalten an den Tag legen [1]. Obwohl die Taten negative Folgen für die Person und auch die Gesellschaft haben, kann die Person dem Impuls nicht widerstehen und wird ausgeübt [2]. Daher behaupten auch einige Wissenschaftler, dass man Impulskontrollstörungen auch zu Süchten zählen sollte, wiederum andere sind jedoch der Meinung, dass die Unterscheidung von Kontrollstörungen und Süchten wichtig sei. Es gibt zwar inhaltliche Überschneidungen, zum Beispiel, dass bei beidem das Belohnungssystem eine Rolle spielt, jedoch werden die beiden nach DSM-5 und ICD-11 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th edition; International Classification of Diseases, 11th edition) unterschiedlich klassifiziert [3], [4].
Je nach DSM oder ICE werden mindestens 5 – 7 offizielle Impulskontrollstörungen beschrieben, zwei davon sind Kleptomanie und Pyromanie, um die es in diesem Beitrag geht [3], [4].
Die Ursachen liegen im Gehirn
Der aktuelle Forschungsstand zeigt, dass Impulskontrollstörungen auf komplexen neurobiologischen Prozessen beruhen. Obwohl die Studienlage zur exakten anatomischen Ursache leider noch sehr dünn ist, wird vermutet, dass das Gehirn zu aktiv arbeitet und spezifische Handlungen (die Impulse) weniger gut unterdrücken kann. Der präfrontale Kortex ist vermutlich an der mangelnden Hemmung impulsiven Verhaltens beteiligt, sodass man dem Drang einfach nicht widerstehen kann, die Tat auszuführen [5].
Besonders Dopamin und Serotonin, zwei wichtige Neurotransmitter im Gehirn, spielen eine zentrale Rolle – sie beeinflussen, ob ein Impuls tatsächlich in eine Handlung umgesetzt wird. Vermutlich ist vor allem das dopaminerge Belohnungssystem beteiligt (siehe Abbildung), ebenso wie die Amygdala, die an der Steuerung emotionaler Impulse beteiligt ist und bei der Ausschüttung von Dopamin mitwirkt. Die Balance der beiden Neurotransmitter ist vermutlich an einem normalen Impulsverhalten beteiligt – Serotonin verhindert impulsives Verhalten, während Dopamin es eher begünstigt [6], [7]. Daher wird vermutet, dass genau diese Balance bei Impulskontrollstörungen gestört ist und es zu verringerten Serotonin- und zugleich erhöhten Dopaminkonzentrationen in den beteiligten Hirnarealen kommt. Die Folge: Impulse werden schlechter unterdrückt [8].
Ein gewöhnlicher Verlauf bei einer Impulskontrollstörung startet normalerweise mit einem wachsenden, inneren Drang, eine bestimmte Verhaltensweise auszuführen. Wenn dies getan wurde, empfindet die Person große Befriedigung und Erleichterung, gefolgt von Schuldgefühlen, Scham und Reue, dass man die Tat ausgeführt hat [9]. Um zu verstehen, welche Ausmaße Impulskontrollstörungen annehmen können, lohnt sich ein Blick auf zwei seltene und wenig bekannte Störungen: Kleptomanie und Pyromanie.
Kleptomanie
Ganz normal einkaufen gehen klingt für die meisten von uns nach einer selbstverständlichen Alltagshandlung. Doch für manche Menschen ist genau das alles andere als einfach. Bei ihnen wird der Einkauf zu einer inneren Zerreißprobe, denn sie sind von dem unwiderstehlichen Drang getrieben, Dinge zu klauen.
Der Impuls, um den ist bei der Kleptomanie (altgriechisch kléptein „stehlen“ und manía „Raserei, Wut, Wahnsinn“) geht, ist der des Stehlens von Gegenständen, die meist nicht mal von besonderem Wert sind. Das Diebesgut ist oft weder für den persönlichen Gebrauch von Nutzen, noch ist der Ansporn finanzielle Absicherung. Kennzeichnend ist, dass der Akt des Stehlens selbst den Antrieb bildet, nicht das Diebesgut, welches manchmal sogar nach der Tat weggeworfen wird. Die gestohlenen Gegenstände sind meistens Alltagsgegenstände, wie zum Beispiel Kosmetikartikel, Süßigkeiten, Batterien, Feuerzeuge oder Kleidung. Diese werden oft an einem geheimen Ort gelagert, nicht benutzt, zerstört oder manchmal durch Schuldgefühle getrieben sogar zum Tatort zurückgebracht [10]. Anders als Kriminelle planen Kleptomane ihre Tat meistens nicht, es handelt sich eher um eine Reaktion eines spontanen Impulses.
Kleptomanie ist bis heute noch sehr schlecht verstanden [11]. Die Literatur zu dem Thema ist außerordentlich begrenzt, daher ist es auch schwer zu sagen, wie häufig diese Störung ist [2]. Man vermutet, dass Frauen im Vergleich zu Männern im Verhältnis 3:1 wohl öfter betroffen sind, meistens beginnend im späten Teenager- und jungen Erwachsenenalter. Ca. 4 – 24 % aller Ladendiebstähle wurden von betroffenen Personen mit Impulskontrollstörungen begangen [10].
Betroffene leben oft ein geheimes Leben, da sie sich schämen, Angehörigen davon zu erzählen und nach Hilfe zu suchen. Ihnen ist bewusst, dass das Stehlen nicht den sozialen Normen entspricht, aber sie können ihr Verhalten nicht ändern. Auf die Frage „Wieso hast du das getan?”, wird oft mit „ich weiß es nicht“ geantwortet.
Faktoren, die das Auftreten der Störung beeinflussen, sind ebenfalls noch nicht gut erforscht. Es spielen aber höchstwahrscheinlich genetische, familiäre und persönliche Faktoren eine Rolle. Studien zufolge litten Betroffene in ihrer Kindheit oft unter einem Mangel an sozialer Nähe, Liebe und Zuneigung der Familie, weswegen man vermutet, dass das Stehlen als eine Art Kompensation für die Verluste in der Kindheit steht [10]. Studien zeigen außerdem, dass Betroffene von Kleptomanie häufig eine ausgeprägte Selbstbezogenheit aufweisen und weniger Empathie für andere zeigen. Diese Persönlichkeitszüge treten oft gemeinsam mit weiteren psychischen Störungen auf, sodass Kleptomanie häufig im Kontext eines komplexeren Störungsbildes mit Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Zwangsstörungen zu sehen ist [12].
Pyromanie
Schön im Dunkeln am warmen Lagerfeuer sitzen und sich in Gedanken verlieren, kennen wir bestimmt alle. Feuer ist schon was Schönes: Es spendet Licht, Wärme und sieht toll aus. Bei Menschen mit Pyromanie (von altgriechisch pyr, deutsch ‚Feuer‘, und maníā‚ Raserei, Wut‚ Wahnsinn‘) hingegen geht die Faszination von Feuer weit über das Normale hinaus.
Bei dieser seltenen Störungen haben Betroffene den starken inneren Drang, Feuer zu legen, und das nicht aus Wut oder Rache, sondern wegen des starken inneren Verlangens, das Feuer selbst zu legen und verantwortlich dafür zu sein. Dabei ist nicht nur das Feuerlegen an sich reizend – die Störung verursacht nahezu obsessives Verhalten und Faszination zu jeglichen Ereignissen mit Feuer und den Folgen davon. Es kann vom Anzünden von Streichhölzern bis hin zum Entfachen großer Brände gehen. Die Störung kann sowohl chronisch sein, sodass immer wieder Feuer gelegt werden, oder es beschränkt sich auf einige wenige Male [9].
Wichtig ist, dass Pyromanen nicht primär darauf abzielen, Menschen zu verletzten (anders als kriminelle Brandstiftung), sondern es werden meistens an isolierten Orten die Feuer gelegt, etwa in Wäldern, Feldern oder verlassenen Gebäuden. Viele Pyromane beobachten ihre selbst gelegten Brände sogar heimlich aus der Ferne – nicht selten mit einem Gefühl von Macht oder Kontrolle.
Wie auch bei Kleptomanie gibt es noch sehr wenig Forschung zu Pyromanie. Anders als bei Kleptomanie sind bei Pyromanie mehr Männer betroffen [13]. Bei Erwachsenen mit Pyromanie treten häufig Begleitsymptome wie depressive Verstimmungen und teilweise auch Suizidgedanken auf. Zudem werden nicht selten Anzeichen von Zwangsstörungen beobachtet [9].
Als Hauptursache wird vor allem Stress vermutet, aber auch das Suchen nach Aufmerksamkeit wird von einigen Experten als Ursache spekuliert. Ähnlich wie bei Kleptomanie stehen auch emotional negative Erlebnisse in der Kindheit, antisoziales Verhalten der Person und andere psychische Störungen im Raum, Pyromanie zu begünstigen [9].
Weitere Impulskontrollstörungen
Neben Kleptomanie und Pyromanie gibt es noch weitere Impulskontrollstörungen, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen können. Dazu zählen beispielsweise Trichotillomanie, wo man sich impulshaft die eigenen Körperhaare ausreißt. Bei der intermittierenden explosiven Störung, bei der es zu plötzlichen, heftigen Wutausbrüchen ohne angemessenen Anlass kommt. Auch die pathologische Spielsucht wird heute oft zu den Impulskontrollstörungen gezählt, da Betroffene hier die Kontrolle über ihr Glücksspielverhalten verlieren [3], [4].
Auch bei diesen Störungen sind die Ursachen komplex und umfassen viele Faktoren, vermutlich sind innere Spannungen und Stress die Hauptauslöser, die durch neurobiologische abweichende Verhaltensmuster im Gehirn verursacht werden.
Therapie
Eine sorgfältige Diagnostik ist entscheidend, um Impulskontrollstörungen richtig zu behandeln, besonders, da Kleptomanie und Pyromanie oft in Kombination mit anderen Erkrankungen auftreten [12].
Die kognitive Verhaltenstherapie gilt bei beiden Impulskontrollstörungen als die hilfreichste Therapieoption. Dabei lernen Betroffene, den inneren Drang zum Stehlen bzw. Feuerlegen besser zu verstehen und zu kontrollieren. Studien und Fallberichte zeigen, dass Betroffene durch die Therapie ihr Verhalten deutlich verbessern und kontrollieren können [14]!
Bei schweren Fällen und wenn die Therapie alleine keine Verhaltensbesserung zeigt, kann man auch auf Medikamente zurückgreifen. Wie bereits oben beschrieben besteht Grund zur Annahme, dass der Serotoninspiegel bei Menschen mit Impulskontrollstörungen zu niedrig, und zeitgleich der Dopaminspiegel erhöht ist.
Stimmungsstabilisatoren wie Valproat können das Gehirn durch eine verstärkte Ausschüttung hemmender Neurotransmitter (z.B. GABA) „beruhigen“. In einigen Fällen werden auch Antidepressiva eingesetzt, um den Serotoninspiegel im Gehirn zu erhöhen.
Fazit
Impulskontrollstörungen sind tiefgreifende und komplexe Verhaltensstörungen, die leider noch viel zu wenig erforscht sind. Menschen mit Impulskontrollstörungen sollten sofort Hilfe in Anspruch nehmen, um sich selbst, aber auch alle anderen Menschen in ihrer Gemeinschaft vor Schaden zu bewahren.
Es ist wichtig, dass wir offen über diese Themen sprechen, um Vorurteile abzubauen und Betroffenen Mut zu machen. Denn hinter diesen Störungen stecken oft starke innere Konflikte und Hilfsbedürftigkeit, die oft nicht einfach so verschwinden. Impulskontrollstörungen sind nicht heilbar, aber behandelbar! Es ist daher wichtig, dass man über seine Situation spricht und mit Hilfe lernt, die Kontrolle über die Impulse wiederzugewinnen und seine Lebensqualität zu steigern.
Das Thema Impulskontrollstörung sollte mehr Aufmerksamkeit in Forschung und Öffentlichkeit erhalten, um Betroffene besser begleiten und therapieren zu können.
Quellen
[1] W. A. Williams and M. N. Potenza, ‘The Neurobiology of Impulse Control Disorders’, Rev. Bras. Psiquiatr. Sao Paulo Braz. 1999, vol. 30, no. 0 1, pp. S24–S30, May 2008, doi: 10.1590/s1516-44462008005000003.
[2] L. Munguía et al., ‘Kleptomania on the impulsive–compulsive spectrum. Clinical and therapeutic considerations for women’, Sci. Rep., vol. 15, no. 1, p. 7886, Mar. 2025, doi: 10.1038/s41598-025-85705-9.
[3] American Psychiatric Association, DSM. 2013. Accessed: Jul. 11, 2025. [Online]. Available: https://www.psychiatry.org:443/psychiatrists/practice/dsm
[4] World Health Organization, ICD-11. 2019. Accessed: Jul. 11, 2025. [Online]. Available: https://icd.who.int/en/
[5] N. Pan et al., ‘Brain gray matter structures associated with trait impulsivity: A systematic review and voxel‐based meta‐analysis’, Hum. Brain Mapp., vol. 42, no. 7, pp. 2214–2235, Feb. 2021, doi: 10.1002/hbm.25361.
[6] R. Yarmolinsky, ‘Lack of Serotonin Receptor Plays Role in Aggressive and Impulsive Behaviors’, Columbia University Department of Psychiatry. Accessed: Jul. 11, 2025. [Online]. Available: https://www.columbiapsychiatry.org/news/lack-serotonin-receptor-plays-role-aggressive-and-impulsive-behaviors
[7] A. Pine, T. Shiner, B. Seymour, and R. J. Dolan, ‘Dopamine, Time, and Impulsivity in Humans’, J. Neurosci., vol. 30, no. 26, pp. 8888–8896, Jun. 2010, doi: 10.1523/JNEUROSCI.6028-09.2010.
[8] V. Kaasinen et al., ‘Serotonergic and dopaminergic control of impulsivity in gambling disorder’, Addict. Biol., vol. 28, no. 2, p. e13264, Feb. 2023, doi: 10.1111/adb.13264.
[9] J. Hemmings, Ed., How psychology works: applied psychology visually explained. London: Dorling Kindersley Limited, 2018.
[10] Z. Zhang, F. Huang, and D. Liu, ‘Kleptomania: Recent Advances in Symptoms, Etiology and Treatment’, Curr. Med. Sci., vol. 38, no. 5, pp. 937–940, Oct. 2018, doi: 10.1007/s11596-018-1966-2.
[11] J. E. Grant and B. L. Odlaug, ‘Kleptomania: clinical characteristics and treatment’, Braz. J. Psychiatry, vol. 30, pp. S11–S15, May 2008, doi: https://doi.org/10.1590/S1516-44462006005000054.
[12] K. A. Fariba and S. B. Gokarakonda, ‘Impulse Control Disorders’, in StatPearls, Treasure Island (FL): StatPearls Publishing, 2025. Accessed: Jul. 11, 2025. [Online]. Available: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK562279/
[13] ‘The Difference Between Pyromania and Arson’, Verywell Mind. Accessed: Jul. 01, 2025. [Online]. Available: https://www.verywellmind.com/what-is-a-pyromaniac-4160050
[14] E. Kipoulas, A. Sideri, B. Driver, and P. I. Beazley, ‘The effectiveness of psychological interventions for adults who set fires: A systematic review’, Aggress. Violent Behav., vol. 78, p. 101945, Sep. 2024, doi: 10.1016/j.avb.2024.101945.
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