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Gibt es menschliche Pheromone?

Wir alle kennen die geflügelten Worte rund um unseren Geruchssinn. Intuitives Verhalten ist „immer der Nase nach“. Ein vages Gefühl der Abneigung umschreiben wir oft mit „Den Typ kann ich nicht riechen“ und Menschen, die wir mögen, sind „dufte“. Der menschliche Geruchssinn ist ganz ohne Zweifel eng mit unserem psychischen Zustand verknüpft und beeinflusst unser Verhalten oft sogar ganz unbewusst. Allerdings gehen manche mit ihren Spekulationen noch weiter und sprechen davon, dass wir, neben den zahlreichen Molekülen, die wir über unseren Geruchssinn wahrnehmen können, auch ganz direkt von einer Art der chemischen Kommunikation betroffen sind, die man an vielen Stellen im Tierreich findet. Die Rede ist natürlich von den Pheromonen.

Das Konzept von menschlichen Pheromonen ist beliebt. An manchen Stellen im Internet werden sogar Pheromonpräparate angeboten, die den Nutzer attraktiver machen sollen. Eine chemische Geheimwaffe in der Partnersuche. Man sprüht sie auf und schon macht man sich attraktiver.

Wissenschaftlich ist dieses Phänomen allerdings hoch umstritten und auch schon länger im öffentlichen Auge. Im Jahr 2005 erklärte das renommierte Wissenschaftsjournal Science die Frage nach der Existenz von menschlichen Pheromonen zu einer der 100 wichtigsten Fragen der Gegenwart. Doch auch 20 Jahre später scheint sie nicht abschließend geklärt. Werfen wir also mal einen Blick in die Datenlage. Lasst uns über Ameisen, schwitzige T-Shirts und sexuelle Anziehung reden und nachsehen, ob die momentane Wissenschaft uns die Frage beantworten kann: Gibt es menschliche Pheromone?

Die Basics

Wenn es euch so wie mir geht, dann habt ihr den Begriff „Pheromon“ schon oft gehört und habt auch einige Assoziationen, die mit ihm aufkommen. Wenn ihr aber fragt, wie der Begriff genau definiert wird, dann wird es schwieriger. Also lasst uns erst einmal ein paar Grundlagen klären.

Die erste wissenschaftliche Beschreibung der Pheromone kam tatsächlich aus Deutschland. Im Jahr 1932 beschrieb der Frankfurter Physiologe Albrecht Bethe in seinem Artikel „Vernachlässigte Hormone“ die Kommunikation von Insekten [1]. Hier unterschied er zwischen endogenen und exogenen Hormonen, also zwischen Botenstoffen innerhalb des Körpers von Insekten (endo) und solchen, die freigesetzt werden (exo). Exogene Hormone, die Insekten freisetzen, um mit ihren Artgenossen zu kommunizieren, nannte er Homiohormone, solche, die zur Kommunikation mit anderen Arten genutzt wurden, nannte er Alliohormone. Eben diese Homiohormone waren es, die später zu den Pheromonen umbenannt wurden. Wir können also festhalten, dass Pheromone chemische Botenstoffe sind, die von einem Tier freigesetzt werden, um Signale an andere Tiere derselben Spezies zu senden. Wahrgenommen werden diese Stoffe mit den chemischen Sinnen. Bei Insekten gibt es dafür spezifische Pheromon-Rezeptoren auf sogenannten Sensillen, also kleinen Härchen, die auf ihren Körpern verteilt sind.

Bildquelle: Pixabay.com

Mittlerweile kennen wir viele Moleküle, die als Pheromone von Insekten freigesetzt werden. Zudem verstehen Insektenforscher (Entomologen) mehr und mehr über die Funktionen dieser Moleküle. Manche dieser Stoffe fungieren als simple chemische Signaturen, damit Artgenossen einander erkennen können, andere dienen als Aphrodisiakum, provozieren also die Paarung. Andere Botenstoffe stellen aber auch Alarmsignale dar. Das macht man sich beispielsweise in der Landwirtschaft zunutze, wenn man Beta-Farnesene auf die Felder sprüht, um Blattläuse abzuschrecken. Eine Art chemische Vogelscheuche [2].

So spannend das alles ist, beweist es natürlich noch lange nicht, dass es ebensolche Botenstoffe auch zwischen Säugetieren gibt. Ist ein Pheromonparfüm ein plausibles Konzept, oder kann man höchstens darauf hoffen, ein paar Insekten auf sich aufmerksam zu machen?

Wie soll das genau funktionieren?

Wirbeltiere nehmen vermutlich Pheromone mit einem kleinen Organ in der Nase wahr. Das vomeronasale Organ (VNO) befindet sich meist auf der Innenseite der Nasenscheidewand und enthält chemische Sensorproteine, die denen des Riech-Epithels zwar ähneln, sich aber dennoch in ihrer Struktur von diesen unterscheiden. Die Signale aus dem VNO werden dann über den accessory olfactory bulb, einem kleinen Bündel von spezialisierten Nervenzellen neben dem Riechhirn, an die emotionalen und hormonellen Schaltzentralen im Gehirn weitergeleitet. So können kleine Mengen von bestimmten Moleküle in der Luft auch bei manchen komplexeren Tieren das Verhalten stark beeinflussen.

Bei Mäusen wurde etwas gezeigt, dass das VNO absolut zentral für die sexuelle Anziehung ist. Zu diesem Zweck isolierten Jose Moncho-Bogani und Kollegen weibliche Mäuse von Männchen und deren Gerüchen. Danach setzten sie die Tiere gezielt den Gerüchen von Männchen (in Form von Urin) und dem benutzten Streu aus den Käfigen der männlichen Tiere aus. Interessanterweise führte zunächst nur die Streu zu einem verstärkten Interesse bei den Weibchen. Nachdem die Tiere der Streu aber ausgesetzt waren, entwickelten sie auch ein Interesse an den Gerüchen. Spätere Studien zeigten, dass diese Effekte eng mit Aktivität im AOB korrelieren, also mit den Inputs des VNO und nicht mit denen der Riechschleimhaut [3, 4]. Wir wissen also, dass es chemische Signale bei Säugetieren gibt, die sich direkt auf das Sexualverhalten auswirken und eigene Rezeptoren im VNO finden.

Beim Menschen gibt es das VNO auch, allerdings geht man davon aus, dass es sich dabei nur noch um ein evolutionäres Relikt handelt, das keine relevanten Informationen mehr ans Hirn weiterleitet. In einem kürzlichen Artikel in einer Zeitschrift für HNO-Mediziner ist sogar davon die Rede, dass bei chirurgischen Eingriffen keine besonderen Maßnahmen getroffen werden müssen, um das VNO nicht zu beschädigen [5]. Wenn uns also das primäre Sinnesorgan für die Pheromonwahrnehmung fehlt, stellt sich die berechtigte Frage:

Gibt es Beweise für menschliche Pheromone?

Um diese Frage zu klären, müssen wir erst einmal festhalten, welche Kriterien ein Molekül oder eine Kombination von Molekülen erfüllen müsste, um als Pheromon gelten zu können. Leider scheint es keinen klaren Konsens dafür zu geben, wie ein Pheromon genau zu definieren ist. Dies beklagt auch Prof. Richard Doty, ein führender Geruchsforscher von der University of Pennsylvania. Doty schlägt deshalb vor, dass ein Molekül, um als menschliches Pheromon zu gelten, eine gut definierbare Verhaltens- oder Hormonantwort hervorrufen muss, die nur bei Artgenossen auftritt und am besten nicht erst erlernt werden muss [6]. Ganz generell ist Prof. Doty ein einschlägiger und kritischer Wissenschaftler im Bereich der menschlichen chemischen Wahrnehmung. Sein Buch „The Great Pheromone Myth“ ist ein detaillierter und hochinteressanter Beitrag zu dieser Debatte und war hoch informativ für die folgende Darstellung.

Um solche Botenstoffe zu finden, wurden über die letzten 50 Jahre diverse Experimente vorgenommen, und teilweise wurden auch vielversprechende Ergebnisse berichtet. Allerdings weist Prof. Doty darauf hin, dass diese Ergebnisse oft unzulänglich waren, um die oben genannten Kriterien zu erfüllen. Und welcher Ort wäre besser geeignet, um nach einem menschlichen Pheromon zu suchen, als:

Achselschweiß

In den 70er Jahren wurde beispielsweise eine Studie designt, in welcher untersucht wurde, ob Menschen das Geschlecht von anderen, ihnen unbekannten Studienteilnehmern allein am Geruch ihres Achselschweißes erkennen können. Dazu wurden getragene T-Shirts präsentiert, deren Träger gebeten wurden, während des Tragens auf Deodorant oder Parfüm zu verzichten.

Tatsächlich konnten die meisten Studienteilnehmer die T-Shirts korrekt in die männliche bzw. die weibliche Kategorie zuordnen, was damals als Hinweis auf ein geschlechterspezifisches chemisches Kommunikationssystem verstanden wurde [7].

Prof. Doty hatte allerdings damals Zweifel an dem Konzept und beantwortete die Studie mit einem ähnlichen Experiment, in dem er die Teilnehmenden neben dem Geschlecht auch die Intensität klassifizieren ließ. Es zeigte sich, dass stärkere Schweißgerüche meist zu einer männlichen Einordnung führten und umgekehrt. Präsentierte man einer weiteren Gruppe von Teilnehmenden ausschließlich von Frauen getragene T-Shirts, setzte sich der Trend fort. Stärkere Schweißgerüche wurden als männlich eingeschätzt, leichtere als weiblich. Da Männer im Schnitt größere Schweißdrüsen und seltener rasierte Achseln haben, ist dies eine schlüssige Erklärung für den Erfolg der Teilnehmenden der ersten Studie. Doty war somit nicht von der Existenz eines olfaktorischen Geschlechtersignals überzeugt [6].

Andere Ansätze

In den folgenden Jahren wurde die Suche nach menschlichen Pheromonen präziser. Man stellte einzelne Kandidatenmoleküle heraus, die man im menschlichen Schweiß oder in anderen Sekreten fand, und testete sie auf verschiedene Effekte. Der größte Fokus lag dabei auf der Steigerung von sexueller Attraktivität.

Die Stoffe, die dabei bis heute am häufigsten im Rennen sind, sind die Androstenone (Bildquelle: Wikimedia Commons). Dieser Begriff beschreibt eine kleine Gruppe von Steroiden, die dem Androstenon ähneln. Dieses Molekül wurde als erstes Säugetier-Pheromon in männlichen Schweinen identifiziert. Es ist ein Stoffwechselprodukt des Testosterons und kommt somit in höheren Konzentrationen bei Männchen vor, wo es vor allem im Speichel vorkommt. Bei fruchtbaren Weibchen löst Androstenon Paarungsverhalten aus.

Auch beim Menschen kommt dieses Stoffwechselprodukt vor und kann beispielsweise im Schweiß, im Urin oder im Speichel nachgewiesen werden. Dies verleitet natürlich zu der Annahme, dass sie auch im Menschen ähnliche Funktionen erfüllen. Laut Doty kommt dabei noch hinzu, dass Frauen etwas sensibler für die Gerüche solcher Androstenone zu sein scheinen, was den Fall natürlich noch verdächtiger wirken lässt [6].

Auch hier gibt es Probleme

Allerdings hat Prof. Doty auch hier einiges auszusetzen: Zum einen merkt er an, dass Androstenon und seine engen Verwandten oft nur in geringen Mengen bei Menschen gefunden werden können. Gleichzeitig gibt es diverse andere Moleküle, die einen viel größeren Teil des Körpergeruchs ausmachen. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass viele Leute den Geruch von Androstenonen überhaupt nicht wahrnehmen können und andere den Geruch abstoßend finden. Zudem weist er an vielen Stellen darauf hin, dass Pheromone artspezifisch sein sollten. Ein Schweinehormon würde also in sich einen widersprüchlichen Kandidaten darstellen.

Auch der Biologe Dr. Tristan Wyatt wies zudem im Jahr 2020 darauf hin, dass bisher keine direkte Evidenz für eine reproduzierbare Reaktion auf Androstenone gegeben sei. Viele Artikel würden auf die Androstenone, Androstadienon und Estratetraenol als „mögliche menschliche Pheromone“ verweisen und auf Basis dieser Annahme dann Experimente durchführen, doch eine systematisch erarbeitete Grundlage für diese Möglichkeit wurde nie wirklich gezeigt [8]. Er kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Androstenone nicht eher „mögliche menschliche Pheromone“ sind als alle anderen Moleküle, die man in menschlichen Sekreten finden kann [9]. Die resultierenden Studien, die auf dieser Annahme aufbauen, sieht er deshalb höchst kritisch. Er befürchtet, dass es dabei wegen kleiner Stichproben und einiger methodischer Probleme zu häufigen falsch-positiven Ergebnissen kommen könnte, die sich nicht wiederholen lassen werden.

Bildquelle: Pixabay.com

Ein besonders spannender Aspekt dieser Forschung kam in den späten 90er- und frühen 2000er-Jahren zum Vorschein, als eine Reihe von Studien zu synthetischen „Pheromonen“ und deren Einfluss auf menschliches Sexualverhalten erschienen. Hier wurde einem Parfüm ein nicht näher definierter Stoff beigemischt und der sexuelle Erfolg der Träger anhand mehrerer Variablen über die nächsten Wochen dokumentiert und mit einer Placebogruppe verglichen. Doty kritisiert diese Studien scharf, bemängelt problematische Entscheidungen im Design, etwa Unterschiede darin, wie viele Menschen in der Pheromongruppe und der Placebogruppe in festen Partnerschaften waren. Außerdem verweist er auf eine unabhängige Zweitanalyse der Daten, in der die berichteten positiven Effekte auf den sexuellen Erfolg verschwanden [10].

Können wir die menschlichen Pheromone also vergessen?

Während die bisherige Suche nach einem menschlichen Pheromon erfolgslos blieb und von zahlreichen methodischen Problemen geplagt war (genug, um ein ganzes Buch zu füllen), betont Wyatt in seiner 2015er Review, dass er das Konzept an sich nicht für völlig unplausibel hält. Nur müsste die Suche in Zukunft rigoroser geführt werden, um starke Behauptungen aufstellen zu können [9].

Richard Doty hingegen ist der Meinung, dass das Konzept des Pheromons so weit entfremdet werden müsste, um in der menschlichen chemischen Kommunikation sinnvoll verwendet werden zu können, dass es falsch wäre, weiter an ihm festzuhalten. Er betont dabei, dass selbst bei simpleren Organismen mittlerweile festgestellt wurde, wie raffiniert diese Prozesse doch sind. Oft sind es komplexe Cocktails an Molekülen, die freigesetzt werden und deren Wirkung stark vom motivationalen Zustand der Tiere abhängt [6]. Muss die Komplexität des Konzeptes schon für Ameisen erweitert werden, so Doty, stehe man bei Säugetieren klar auf einem verlorenen Posten. Er glaubt also nicht an ein einzelnes artenspezifisches Molekül, das eine spezifische Reaktion verlässlich und unerlernt in einem menschlichen Nervensystem bewirkt.

Klar ist aber dennoch, dass Duftstoffe sich enorm auf unsere Stimmung, Motivation und Emotionen auswirken können. Diese Prozesse können auch in funktionellen Hirnscans nachgewiesen werden. Allerdings sind diese Reaktionen individuellen Variationen unterworfen und basieren nicht auf einem klar isolierbaren endokrinologischen Mechanismus.

Die Lage ist also, so wie immer, komplex. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass man mit dem Kauf von angeblichen Pheromon-Parfüms niemanden von sich überzeugen wird. Dafür aber wenigstens hocheffizient sein Geld verschwendet.

Autor des Beitrags ist Florian Walter. Er war bis Ende Januar 2025 Mitglied des Redaktionsteams und verfasst zukünftig ab und an Gastbeiträge.

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