Von Mandelkernen, Seepferdchen und wie wir besser(e) Geschichten erzählen

Magst du eine Geschichte hören?

Eine Geschichte über die Menschheit, über unser Gehirn, über Gemeinschaft und Fantasie, übers Schmerzenlindern und fürs Lebenlernen?

Dies ist die Geschichte der Geschichten.

Es war einmal, vor langer, langer Zeit. Lange vor dem Internet, sogar lange vor Häusern. Vielleicht gar nicht so weit weg von hier lebte eine kleine Gruppe unserer Vorfahren, die sich nach einem anstrengenden Tag bei Einbruch der Dunkelheit im Schutz einer Höhle versammelte. Doch bevor sie sich zum Schlafen legten, begann Oma zu erzählen. Von ihren Abenteuern, von den Gefahren der Wildnis, vielleicht von einem Tier, dem man besser nicht zu nahe kam, oder einem Ort, an dem es Wasser gab. Möglicherweise eine der ersten Geschichten: Warnung für die Kinder, Lehre für die Älteren und Unterhaltung für alle. 

So oder so ähnlich begannen Menschen, einander Geschichten zu erzählen. Und seitdem geben wir sie von Generation zu Generation weiter. Nichts bewegt uns so sehr und nichts merken wir uns so gut wie eine richtig gute Erzählung. Kurz gesagt: Unser Gehirn liebt Geschichten.

Was passiert im Gehirn beim Hören einer Geschichte?

Geschichten begeistern alle! Schon den kleinsten Kindern erzählen wir Märchen und lesen von Abenteuern und Fantasiewelten vor. Wie komplex der Vorgang des Geschichtenverstehens ist, wird uns auf den ersten Blick gar nicht klar. Das ist aber absolut kein Kinderspiel: Unser Gehirn muss beim Lauschen Gedächtnisinhalte bilden, sich empathisch in die Figuren hineinversetzen, einzelne Ereignisse zu einem zusammenhängenden Handlungsstrang verknüpfen und das Erzählte mit bisherigen Erfahrungen und gelerntem Wissen verknüpfen1. Und das über Minuten bis Stunden hinweg!

Das schafft nicht ein Areal im Gehirn alleine, sondern ein ganzes Netzwerk an Verarbeitungs- und Integrationsinstanzen muss dafür auf Hochtouren arbeiten.

Das Default-Mode-Netzwerk: Regisseur der Handlung

Das wohl entscheidendste neuronale Netzwerk, um einer komplexen Handlung folgen zu können, ist das Default-Mode-Netzwerk (DMN). Es spielt die Hauptrolle dabei, Geschichtselemente in eine zusammenhängende Handlung einzuordnen2.

Funktionellen Magnetresonanztomographie-Studien (fMRT), mit denen sich Veränderungen der Hirnaktivität indirekt erfassen lassen, zeigten Verblüffendes: In Momenten, in denen einzelne Ereignisse im größeren Zusammenhang der Handlung verstanden und an die bisherige Geschichte angeknüpft werden, ist das DMN besonders aktiv. Das DMN erschafft ein Situationsmodell – eine geistige Karte der Handlung, der Eigenschaften der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander sowie von Zeit und Ort des Geschehens – das ständig durch neue Informationen geupdated wird. Besonders angestrengt arbeiten die Gehirnareale des DMN (unter anderem der Gyrus angularis, der Precuneus und der mediale präfrontale Kortex), wenn das Situationsmodell, etwa durch einen Plot Twist, dramatisch umgebaut oder gar ganz verworfen und neu aufgestellt werden muss3.

Hineinversetzt: das Mentalisieren-Netzwerk (Theory of Mind)

Wenn wir gebannt mit unserer Lieblingsfigur mitfiebern, versetzen wir uns automatisch in ihren Kopf: Was fühlt sie gerade? Was hat sie vor? Diese Fähigkeit, als Theory of Mind oder Mentalisieren bezeichnet, wird durch ein eigenes neuronales Netzwerk im Gehirn ermöglicht. Das Mentalisieren-Netzwerk besteht aus dem medialen präfrontalen Kortex, der temporoparietalen Junction, dem oberen Schläfensulcus und den Temporalpolen4. Besonders faszinierend: Unser Mentalisieren-Netzwerk springt automatisch an, sobald wir soziale Interaktion beobachten – wir müssen uns dafür gar nicht bewusst in die andere Figur hineinversetzen5. Die Aktivität dieser Gehirnareale ist deutlich gesteigert, wenn wir bemerken, dass die Figur etwas Falsches glaubt oder eine andere Perspektive einnimmt6.

Kopfkino: die verkörperte Simulation im Gehirn

Jeder, der bei einem gruseligen Kapitel selbst Schnappatmung bekommt oder bei einer dramatischen Szene ein paar Tränen verdrückt, erlebt am eigenen Körper, wie sehr wir uns in Geschichten hineinversetzen. Tatsächlich zeigen fMRT-Studien, dass die Handlung im Gehirn gewissermaßen mitsimuliert wird: Beschreibungen von Bewegungen, etwa einer rasanten Verfolgungsjagd, sprechen (prä-)motorische Areale an und emotionale Passagen, etwa ein herzzerreißender Abschied, die emotionsverarbeitenden Hirnregionen7. Dabei gilt: Je mehr persönliche Erfahrung wir mit dem Geschilderten haben (hoffentlich keine wilde Verfolgungsjagd, aber vielleicht eine traurige Verabschiedung), desto stärker kann die funktionelle Kopplung zwischen Sprachregionen und den beteiligten sensorischen oder motorischen Systemen ausfallen8.

Woran erkennen Neurowissenschaftler:innen eine gute Geschichte?

Natürlich an Messergebnissen in den Gehirnen der Zuhörenden!

Das faszinierendste Maß dafür ist die Inter-Subjekt-Korrelation (ISC) und beschreibt, wie stark sich die Hirnaktivität verschiedener Zuhörenden synchronisiert, während sie dieselbe Geschichte hören. Eine hohe ISC zeigt, wie sehr die Geschichte die Zuhörer in ihren Bann zieht und ihnen im Gedächtnis bleibt1. Fesselnde Momente treiben die Synchronisation im DMN nach oben und weisen spezifische Aktivitätsmuster im Gehirn auf. Diese Aktivitätsmuster zeigen, wie aufmerksam und involviert wir in der Geschichte sind und sagen voraus, welche Ereignisse wir uns tatsächlich merken9,10.

Bessere Geschichte – stärkere neuronale Synchronisation

Was verstärkt die neuronale Synchronisation und ISC?

Emotionale Erregung: Emotional aufwühlende Momente steigern die neuronale Synchronisation bei den Zuhörenden und werden besser erinnert. Emotionale Erregung stärkt dabei die Vernetzung und Zusammenarbeit der großen Hirnnetzwerke und damit die Genauigkeit der Erinnerung9.

Negative Gefühlstönung: Inhalte, die wir mit negativen Empfindungen verbinden, erzeugen ebenfalls eine besonders starke Synchronisation der Gehirne. Diese negativ bewerteten Handlungselemente hinterlassen Nachwirkungen in DMN, der Amygdala (dem sogenannten Mandelkern) und sensorischen Arealen1.

Spannung: Steigende Spannung verengt den Aufmerksamkeitsfokus. So wird das ventrale Aufmerksamkeitsnetzwerk des Gehirns besonders aktiv, während das DMN zurücktritt11. Spannung beruht auf kognitiven Prozessen wie sozialem Denken, Erwartung und Vorhersage12.

Wie erzählen wir besser(e) Geschichten?

Welche Elemente ziehen unser Gehirn (und uns) am meisten in den Bann?
Dazu liefert die Hirnforschung einige erstaunlich konkrete Antworten. Pass auf – jetzt erfährst du, wie dir das nächste Mal deine Freund:innen an den Lippen hängen oder wie du dich durch Storytelling in der Werbung nicht mehr so leicht austricksen lässt.

  1. Gehirne im Gleichtakt: Nicht nur die Gehirne der Zuhörenden synchronisieren untereinander, sondern auch mit dem Gehirn des Erzählenden. Beim Erzählen „überträgt“ sich die Hirnaktivität der erzählenden Person auf die Zuhörenden, deren Gehirne bilden mit kurzer Verzögerung dann dieselben Muster ab13. Bricht die Verständigung zusammen, verschwindet diese Kopplung. Praktisch heißt das: klar, lebendig und mit hörbarer Betonung sprechen.
  2. Keine Aufzählung: Weil das DMN besonders dann aktiviert wird, wenn neue Informationen mit der bestehenden Handlung verknüpft werden, verstehen wir Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge besonders gut. Fürs Geschichtenerzählen lässt sich daraus ableiten: Mach Ursache und Wirkung deutlich. Ein „deshalb“, „daraufhin“ oder „weil“ verbindet Ereignisse stärker miteinander als ein bloßes „und dann … und dann …“2.
  3. Spannungsbogen bauen: Steigende Spannung fokussiert die Aufmerksamkeit und verbessert die Erinnerung an das Geschehene11. Der klassische Bogen aus Aufbau, Zuspitzung bis zum Höhepunkt und Auflösung nutzt genau diesen Effekt.
  4. Plot Twists: Wenn eine Geschichte unsere Erwartung bricht, entsteht ein sogenannter Vorhersagefehler (prediction error). Der Hippocampus (lateinisch für Seepferdchen) signalisiert die Überraschung und macht Erinnerungen formbar: Kleine Überraschungen aktualisieren bestehendes Wissen, große Wendungen legen neue Gedächtnisspuren an14. Eine gut gesetzte Wendung bleibt deshalb besonders haften.
  5. Nahbare Figuren: Engagement mit den Hauptfiguren synchronisiert Areale für Mentalisieren, Belohnung, Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit; sympathische und unsympathische Figuren erzeugen dabei unterschiedliche Synchronisationsmuster10. Figuren, mit denen wir stark mitfühlen (oder die wir überhaupt nicht ausstehen können), treiben unser emotionales Engagement mit einer Geschichte an.
  6. Sinnliche Sprache: Anschauliche, handlungs- und sinnesreiche Details lösen verkörperte Simulation aus und holen die Zuhörenden körperlich in die Szene7.
  7. Emotionen vor Fakten: Emotional aufgeladene Geschichten binden großräumige Hirnnetzwerke und verbessern die Erinnerungstreue9. Deshalb bleiben Informationen in einer Geschichte verpackt besser in unserem Gedächtnis hängen als eine reine Faktenliste.

Unser Gehirn liebt wahrhaftig Geschichten, sie fesseln unsere Aufmerksamkeit für Stunden (oder sogar Tage bei einem dicken Schmöker), prägen sich fest ins Gedächtnis ein und können sogar das Empfinden von Schmerzen lindern, wie Studien mit Kindern im Krankenhaus zeigten15. Nun erzähle deine Geschichte besser!

Bildquellen:

Titelbild

Quellen:

1. Jääskeläinen, I. P., Klucharev, V., Panidi, K. & Shestakova, A. N. Neural Processing of Narratives: From Individual Processing to Viral Propagation. Front Hum Neurosci 14, 253 (2020). 

2. Song, H., Park, B., Park, H. & Shim, W. M. Cognitive and Neural State Dynamics of Narrative Comprehension. J. Neurosci. 41, 8972–8990 (2021). 

3. Adezati, E. et al. Situation model manipulations differently engage semantic and default mode networks during narrative comprehension. Cortex 200, 92–115 (2026). 

4. The Neural Bases of Social Cognition and Story Comprehension. ResearchGate https://doi.org/10.1146/annurev-psych-120709-145406 (2026) doi:10.1146/annurev-psych-120709-145406. 

5. Miao, Z. et al. Common and distinct neural correlates of social interaction processing and theory of mind in narratives. Nat Commun 17, 4830 (2026). 

6. Processing of false belief passages during natural story comprehension: An fMRI study. https://doi.org/10.1002/hbm.22907 doi:10.1002/hbm.22907. 

7. Chow, H. M. et al. Embodied Comprehension of Stories: Interactions between Language Regions and Modality-specific Neural Systems. J Cogn Neurosci 26, 279–295 (2014). 

8. Chow, H. M. et al. Personal experience with narrated events modulates functional connectivity within visual and motor systems during story comprehension. Human Brain Mapping 36, 1494–1505 (2015). 

9. Neural signatures of attentional engagement during narratives and its consequences for event memory | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2021905118. 

10. Ohad, T. & Yeshurun, Y. Neural synchronization as a function of engagement with the narrative. Neuroimage 276, 120215 (2023). 

11. Bezdek, M. A., Wenzel, W. G. & Schumacher, E. H. The effect of visual and musical suspense on brain activation and memory during naturalistic viewing. Biological Psychology 129, 73–81 (2017). 

12. Lehne, M. et al. Reading a Suspenseful Literary Text Activates Brain Areas Related to Social Cognition and Predictive Inference. PLoS One 10, e0124550 (2015). 

13. Speaker–listener neural coupling underlies successful communication | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1008662107. 

14. Bein, O., Gasser, C., Amer, T., Maril, A. & Davachi, L. Predictions transform memories: How expected versus unexpected events are integrated or separated in memory. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 153, 105368 (2023). 

15. Storytelling increases oxytocin and positive emotions and decreases cortisol and pain in hospitalized children | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2018409118.

Profilbild Corinna Kuhn

Veröffentlicht von

Mein Name ist Corinna Kuhn und ich studiere Medizin und Molekulare Medizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Im Rahmen meines Studiums lerne ich das Gehirn aus verschiedenen Perspektiven kennen: bei der intensivmedizinischen Behandlung von Patienten mit Demenz, in klinischen Studien der Nuklearmedizin zu Hirnmetastasen sowie durch die Forschung mit neuronalen Zelllinien. Besonders interessiere ich mich für die klinische Anwendung grundlegender Forschungserkenntnisse. Diese vielfältigen Zugänge möchte ich nutzen, um den noch offenen Fragen rund um unser Gehirn auf den Grund zu gehen.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren. -- Auch möglich: Abo ohne Kommentar.