Geschichten aus der Neurowissenschaft

Ein Mann, der mit einer Eisenstange im Kopf überlebte – doch sich in seiner Persönlichkeit veränderte. Lobotomien, durchgeführt von einem Arzt ohne chirurgische Ausbildung. Elektroschocks zur Verhaltenstherapie bei Autismus. Schädelabtasten als vermeintlicher Persönlichkeitstest.
Galls Phrenologie
Franz Joseph Gall entwickelte im 19. Jahrhundert die Phrenologie – eine Theorie, die heute als Pseudowissenschaft gilt. Damals ging man davon aus, dass geistige Fähigkeiten, sogenannte Vermögen, bestimmten Bereichen des Gehirns zugeordnet seien. Gall vertrat die Auffassung, dass sich diese Bereiche durch die äußere Schädelform ertasten und analysieren ließen.
Nach Galls Theorie existierten 27 solcher „Organe“ im Gehirn, von denen jedes für eine bestimmte Eigenschaft oder Fähigkeit verantwortlich war. So sollte das erste Organ den Fortpflanzungstrieb steuern, das zweite die Liebe zur Nachkommenschaft darstellen, das siebte die Besitzgier widerspiegeln und das sechsundzwanzigste den Glauben an Gott repräsentieren [1].
Galls grundlegende Idee, dass bestimmte mentale Funktionen in bestimmten Gehirnregionen lokalisiert sind, war wegweisend. Auch wenn seine Methoden und Schlüsse falsch waren, trug die Vorstellung der funktionellen Spezialisierung zur späteren Entwicklung der Neuropsychologie und Hirnforschung bei. So ist das Broca-Areal für Sprachproduktion zuständig und das Wernicke-Areal für das Verständnis von Sprache [2, 3].
Der Fall Phineas Gage
Im September 1848 verursachte der Bahnarbeiter Phineas Gage, damals 25 Jahre alt, einen schweren Unfall: Bei einer von ihm durchgeführten Sprengung schoss eine etwa 1,10 m lange und 3 cm dicke Eisenstange von unten nach oben durch seinen Schädel. Seine Arbeitskollegen berichteten, dass er bereits kurz nach dem Unfall wieder stand und gehen konnte. Kurze Zeit später war er zwar auf einem Auge blind, aber seine intellektuellen Fähigkeiten, einschließlich Wahrnehmung, Gedächtnis, Intelligenz, Sprachfähigkeit sowie Motorik waren intakt.
Nach dem Unfall mit der Eisenstange zeigte sich bei Gage allerdings eine tiefgreifende Veränderung seines Wesens. War er zuvor bei Vorgesetzten und Kollegen als ruhiger, pflichtbewusster Mitarbeiter geschätzt worden, so trat nun eine ganz andere Persönlichkeit zutage: unbeherrscht, grob und respektlos. Er gebrauchte häufig derbe Ausdrücke, schwankte in seiner Stimmung und begegnete Ratschlägen oder Anweisungen mit schroffer Ablehnung und aufbrausender Wut [4, 5].
Gage erlitt eine Beschädigung des präfrontalen Cortex und wurde für die neurowissenschaftliche Forschung von großer Bedeutung. Der präfrontale Cortex hat Funktionen in der Emotionsregulation, Planung und Selbstkontrolle [6, 7].
Obwohl die Fallberichte zum Teil widersprüchlich sind und spätere Darstellungen Gages Zustand möglicherweise überzeichneten, bleibt sein Fall ein Klassiker der Neurogeschichte. Er trug wesentlich zur Idee bei, dass bestimmte Hirnregionen mit komplexen kognitiven und sozialen Funktionen verknüpft sind – ein zentraler Gedanke der modernen Neuropsychologie.
Der Fall Henry Molaison, “H.M.”
Der Patient H.M., mit bürgerlichem Namen Henry Molaison, wurde durch einen neurochirurgischen Eingriff im Jahr 1953 zu einem der bekanntesten Fälle der modernen Neurowissenschaft. H.M. litt seit seiner Kindheit an schweren epileptischen Anfällen, die durch ein Schädel-Hirn-Trauma ausgelöst worden waren. Im Alter von 27 Jahren unterzog er sich einem experimentellen Eingriff, bei dem große Teile des medialen Temporallappens beidseitig entfernt wurden – darunter auch der Hippocampus, die Amygdala und angrenzende kortikale Strukturen [8].
Der Eingriff reduzierte die epileptischen Anfälle erheblich, führte jedoch zu einer tiefgreifenden anterograden Amnesie: H.M. war nicht mehr in der Lage, neue explizite Erinnerungen zu bilden. Er konnte sich an Ereignisse und Gespräche nur für wenige Minuten erinnern. Gleichzeitig blieben ältere, vor dem Eingriff gespeicherte Erinnerungen weitgehend erhalten. Auch seine Intelligenz, Sprache, Wahrnehmung und motorischen Fähigkeiten waren intakt [9].
Der Fall H.M. lieferte entscheidende Erkenntnisse über die Rolle des Hippocampus in der Gedächtnisbildung. Die Untersuchungen zeigten, dass das deklarative Langzeitgedächtnis, also das bewusste Erinnern von Fakten und Ereignissen, auf intakte Strukturen im medialen Temporallappen angewiesen ist. Gleichzeitig bewies H.M.s Fähigkeit, motorische Lernaufgaben (z. B. Spiegelzeichnen) zu meistern, dass prozedurales Lernen, also das implizite Wissen darüber, wie man bestimmte Handlungen ausführt, etwa Fahrradfahren oder Schreiben, über andere Hirnregionen vermittelt wird [10, 11].
Henry Molaison blieb bis zu seinem Tod 2008 ein zentraler Proband der Gedächtnisforschung. Sein Fall prägt bis heute unser Verständnis über die funktionelle Spezialisierung des Gedächtnissystems im menschlichen Gehirn.
Elektrokonvulsionstherapie
Bei der Elektrokonvulsionstherapie (EKT) wird durch einen wenige Sekunden andauernden Stromimpuls unter Narkose eine kurzzeitige Überregung der Nerven im Gehirn ausgelöst. Die Methode basierte ursprünglich auf der Beobachtung, dass epileptische Anfälle bei psychisch kranken Menschen gelegentlich zu einer Symptomverbesserung führten.
Eingesetzt wurde die EKT vor allem bei therapieresistenten Depressionen, bipolaren Störungen, Schizophrenie und psychotischen Zuständen. Kritisch diskutiert wurden jedoch die Nebenwirkungen der Therapie: Dazu gehörten u. a. Gedächtnisverluste und kognitive Beeinträchtigungen [12]. Vor allem der häufige Einsatz ohne informierte Einwilligung oder gegen den Willen der Betroffenen – etwa in psychiatrischen Einrichtungen – führte zu massiver ethischer Kritik [13]. Heute wird EKT nur noch unter strengen medizinischen Auflagen und mit Einverständnis der Patienten durchgeführt.
Am Judge Rotenberg Center (JRC), einer Betreuungseinrichtung für Schüler mit Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten in Massachusetts, werden allerdings sogenannte „aversive Elektroschocks“ eingesetzt. Dabei handelt es sich nicht um die klassische Elektrokonvulsionstherapie (EKT), sondern um elektrische Hautreize, die über tragbare Geräte verabreicht werden. Das Ziel besteht nicht in der Behandlung einer psychiatrischen Erkrankung, sondern in der Bestrafung unerwünschten Verhaltens wie verbaler Ausbrüche oder selbstverletzenden Verhaltens bei Menschen mit Autismus oder anderen Behinderungen [14].
Dieses Verfahren war extrem umstritten und wurde von Menschenrechtsorganisationen als Folter eingestuft. Im Jahr 2020 verbot die FDA den Einsatz solcher Geräte, doch das JRC klagte gegen dieses Verbot, welches 2021 von einem Bundesgericht aufgehoben wurde. Im März 2024 hat die FDA erneut ein Verbot dieser Geräte vorgeschlagen. Das JRC ist die einzige Einrichtung in den USA, die diese Geräte verwendet. Laut FDA sind etwa 50 Personen im JRC betroffen. Die Anwendung erfolgt ausschließlich auf Grundlage gerichtlicher Anordnungen. Befürworter argumentieren, dass diese Methode bei extremen Fällen von selbstverletzendem Verhalten hilfreich sein kann. Kritiker, darunter zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, verurteilen die Praxis jedoch als unmenschlich und fordern ein vollständiges Verbot [15, 16, 17].
Lobotomien
Die Lobotomie war ein neurochirurgisches Verfahren, das ab den 1930er-Jahren zur Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen eingesetzt wurde. Das Ziel bestand darin, Nervenverbindungen zwischen dem Frontallappen und tieferliegenden Hirnregionen zu durchtrennen, in der Hoffnung, emotionale Übererregung zu dämpfen und aggressive oder psychotische Symptome zu lindern.
Besonders bekannt wurde der US-amerikanische Neurologe Walter Freeman, der die sogenannte transorbitale Lobotomie etablierte. Dabei wurde unter Lokalanästhesie ein eispickelähnliches Instrument durch die Augenhöhle ins Gehirn eingeführt und dort mit Hammerschlägen in das Frontalhirn getrieben. Diese Behandlungen erfolgten oft ohne Zustimmung der Betroffenen oder deren Angehörigen und obwohl Freeman Neurologe, aber kein Chirurg war [18].
Ein tragisches Beispiel ist Rosemary Kennedy, die Schwester des späteren US-Präsidenten John F. Kennedy. Auf Drängen des Vaters wurde bei der 23-Jährigen im Jahr 1941 eine Lobotomie durchgeführt, um ihre Lernschwierigkeiten und impulsiven Ausbrüche zu kontrollieren. Der Eingriff führte zu schweren kognitiven Einschränkungen: Sie war danach kaum mehr sprachfähig und verbrachte den Rest ihres Lebens in einer Pflegeeinrichtung [19].
Ein weiterer bekannter Fall ist der von Howard Dully, der 1960 im Alter von nur zwölf Jahren eine Lobotomie durch Freeman erhielt – obwohl keine psychiatrische Diagnose vorlag. Dully verstarb im Februar dieses Jahres (2025).
Mit der Entwicklung moderner Psychopharmaka verlor die Lobotomie zunehmend an Bedeutung. In Deutschland werden seit den 1970er Jahren keine Lobotomien mehr durchgeführt – nicht zuletzt wegen der gravierenden ethischen und medizinischen Bedenken gegenüber einem Eingriff, der nicht nur das Verhalten, sondern das Wesen eines Menschen irreversibel verändern konnte [18].
Quellen
- Ackerknecht, E. H. (o. D.). Deutsche Biographie – Gall, Franz Joseph. Abgerufen am 25. August 2025, von https://www.deutsche-biographie.de/sfz19813.html
- Flinker, A., Korzeniewska, A., Shestyuk, A. Y., Franaszczuk, P. J., Dronkers, N. F., Knight, R. T., & Crone, N. E. (2015). Redefining the role of Broca’s area in speech. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 112(9), 2871–2875. https://doi.org/10.1073/pnas.1414491112
- Binder, J. R. (2015). The Wernicke area: Modern evidence and a reinterpretation. Neurology, 85(24), 2170–2175. https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000002219
- O’Driscoll, K., & Leach, J. P. (1998). “No longer Gage”: an iron bar through the head. Early observations of personality change after injury to the prefrontal cortex. BMJ, 317(7174), 1673–1674. https://doi.org/10.1136/bmj.317.7174.1673a
- Harlow, J. M. (1999b). Passage of an iron rod through the head. Journal of Neuropsychiatry, 11(2), 281–283. https://doi.org/10.1176/jnp.11.2.281
- Suzuki, Y., & Tanaka, S. C. (2021). Functions of the ventromedial prefrontal cortex in emotion regulation under stress. Scientific Reports, 11(1), 18225. https://doi.org/10.1038/s41598-021-97751-0
- Funahashi, S., & Andreau, J. M. (2013). Prefrontal cortex and neural mechanisms of executive function. Journal of Physiology – Paris, 107(6), 471–482. https://doi.org/10.1016/j.jphysparis.2013.05.001
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- Weintraub, P. (2019, 1. November). When faces made the case for lobotomy. NIH Record. Abgerufen am 11. Mai 2025, von https://nihrecord.nih.gov/2019/11/01/when-faces-made-case-lobotomy
- Wikimedia Commons. (o. D.). Phineas Gage. Abgerufen am 11. Mai 2025, von https://de.wikipedia.org/wiki/Phineas_Gage#/media/Datei:Phineas_Gage_GageMillerPhoto2010-02-17_Unretouched_Color_Cropped.jpg


