Frühlingsgefühle

Nach den dunklen Wintermonaten beginnt die Welt wieder zu erwachen. Die Tage werden länger, die Sonne wärmt das Gesicht, Vögel zwitschern in den Bäumen und erste Knospen sprießen aus dem Boden. In dieser Zeit scheint auch in uns etwas aufzubrechen – Energie, Tatendrang und Lebensfreude kehren zurück. Was wir „Frühlingsgefühle“ nennen, hat dabei nicht nur mit Romantik oder Glücksmomenten zu tun, sondern auch mit tiefgreifenden biologischen und psychologischen Prozessen, die sich positiv auf unsere mentale Gesundheit auswirken.

Mental Health

Die Weltgesundheitsorganisation definiert psychische Gesundheit (“Mental Health”) als „einen Zustand des Wohlbefindens, in dem ein Mensch sein Potenzial voll ausschöpfen, die normalen Belastungen des Lebens bewältigen, produktiv arbeiten und erfolgreich in seiner Gemeinschaft wirken kann“ [1].

Es gibt viele interagierende Faktoren, die die psychische Gesundheit beeinflussen können. Dazu zählen soziale, wirtschaftliche, psychologische, physiologische, verhaltensbezogene, umweltbedingte, genetische und epigenetische Einflüsse [2].

Biochemie der Frühlingsgefühle

Sobald mehr Sonnenlicht auf unsere Haut und in unsere Augen gelangt, verändert sich unser Hormonhaushalt. Die Sonne wirkt als natürlicher Taktgeber für unseren Körper. Über die Zirbeldrüse (auch Epiphyse genannt) und Hormone und Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und Melatonin steuert sie unsere Stimmung, Energie und unseren Schlaf.

Das Licht regt die Serotoninproduktion an. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird und für Ausgeglichenheit und Optimismus sorgt. Es wurde festgestellt, dass die Produktion dieses Hormons in den Wintermonaten sinkt [3]. Gleichzeitig steigt durch mehr Aktivität und Bewegung auch der Dopaminspiegel, was Motivation und Antrieb fördert [4]. Weniger Dunkelheit bedeutet außerdem, dass die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin sinkt [5]. Das macht uns tagsüber wacher und mental präsenter. Viele Menschen spüren diesen Wechsel bewusst. Wir wollen wieder raus, Dinge unternehmen und uns bewegen. 

Natur als mentale Medizin

Neben der Biochemie hat auch die Umgebung selbst einen enormen Einfluss auf unsere Psyche. Neonreklamen, Lärm und Luftverschmutzung sind umweltbedingter Stress. Vor allem Stadtbewohner sind davon betroffen. Er kann zu einer schlechteren psychischen Gesundheit, erhöhter Müdigkeit und Stress führen [6].

Regelmäßiger Aufenthalt im Grünen kann Stress reduzieren und sogar das Konzentrationsvermögen verbessern [7]. Schon kurze Spaziergänge im Park oder Wald können das Stresshormon Cortisol senken und für Entspannung sorgen [8].

Die Natur entzieht uns dem ständigen Reizfluss digitaler Geräte und schenkt uns etwas, das in der modernen Welt selten geworden ist, natürliche Stille. Selbst zwanzig Minuten im Grünen, in denen man das Rascheln der Blätter oder das Spiel von Licht und Schatten wahrnimmt, genügen oft, um eine spürbare innere Ruhe zu erzeugen und die Konzentration des Stresshormons zu senken [8].

Farben und Licht

Der Frühling ist auch ein Fest der Farben. Nach Monaten in Grau und Brauntönen sehen wir wieder sattes Grün, kräftiges Gelb und leuchtendes Blau. Dieses Farbspektrum wirkt stimmungsaufhellend und kann positive Emotionen fördern [9]. Auch das Beobachten von Grünpflanzen kann sich positiv auf Stimmung und Anspannung auswirken. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen echten Pflanzen und Plastikpflanzen [10].

Eine kleine Achtsamkeitsübung kann helfen, diese Wirkung bewusst zu verstärken:
Gehe nach draußen und konzentriere dich auf eine Farbe, etwa Grün. Suche fünf Dinge in unterschiedlichen Nuancen dieser Farbe. Das fördert Präsenz, schärft die Wahrnehmung und lässt dich die Umgebung intensiver erleben.

Die Sprache der Vögel: akustische Achtsamkeit

Kaum ein Geräusch signalisiert so deutlich den Beginn des Frühlings wie Vogelgesang. Naturklänge haben eine entspannende Wirkung auf das Gehirn. Sie senken den Puls, reduzieren Angst und können Aktivität in stressassoziierten Hirn-Regionen reduzieren [11].

Das Hören von Vogelstimmen kann Ängstlichkeit bei gesunden Menschen verringern. Vogelstimmen signalisieren in natürlichen Ökosystemen oft ein intaktes Habitat: Aktive Vögel zwitschern vor allem, wenn keine Raubtiere oder Störungen in der Nähe sind – bei Gefahr schweigen sie oder wechseln zu Alarmrufen. Vielleicht ist das der Grund, warum uns ihr Klang so beruhigt [12].

Wer bewusst zuhört, kann darin eine einfache, aber kraftvolle Achtsamkeitsübung finden:
Öffne morgens das Fenster, atme tief ein und fokussiere dich ganz auf die verschiedenen Tonhöhen und Rhythmen. Schon wenige Minuten bewussten Hinhörens können helfen, das Gedankenkarussell zu stoppen und Ruhe zu finden.

Bewegung und Aktivität

Mit den längeren Tagen kommt auch die Lust, wieder aktiver zu werden. Viele beginnen wieder zu laufen, fahren Rad und verbringen mehr Zeit im Freien. Bewegung setzt Endorphine frei, kurbelt die Dopaminproduktion an und kann so unsere mentale Gesundheit unterstützen [13, 14]. Körperliche Aktivität kann nicht nur bei depressiven Symptome helfen, sondern auch die Resilienz gegenüber Stress stärken [15, 16].

Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen. Schon regelmäßige, moderate Bewegung, ein Spaziergang, ein lockerer Lauf, Pilates im Park, genügt, um Körper und Geist zu beleben. Bewegung im Freien vereint mehrere Faktoren: Licht, frische Luft, Bewegung und soziale Begegnung. 

Quellen

  1. World Health Organization. (2014). Mental health: A state of well-being. World Health Organization. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-health-strengthening-our-response
  2. Meyer-Lindenberg, A. (2014). Social neuroscience and mechanisms of risk for mental disorders. World Psychiatry, 13(2), 143–144. https://doi.org/10.1002/wps.20121
  3. Lambert, G. W., Reid, C., Kaye, D. M., Jennings, G. L., & Esler, M. D. (2002). Effect of sunlight and season on serotonin turnover in the brain. The Lancet, 360(9348), 1840–1842. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)11737-5
  4. Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., & Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), Article 829. https://doi.org/10.3390/brainsci11070829
  5. Boyce, P., & Kennaway, D. J. (1987). Effects of light on melatonin production. Biological Psychiatry, 22(4), 473–478. https://doi.org/10.1016/0006-3223(87)90169-7
  6. Ulrich, R. S., Simons, R. F., Losito, B. D., Fiorito, E., Miles, M. A., & Zelson, M. (1991). Stress recovery during exposure to natural and urban environments. Journal of Environmental Psychology, 11(3), 201–230. https://doi.org/10.1016/S0272-4944(05)80184-7
  7. Kondo, M. C., Jacoby, S. F., & South, E. C. (2018). Does spending time outdoors reduce stress? A review of real-time stress response to outdoor environments. Health & Place, 51, 136–150. https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2018.03.001
  8. Gao, J., Mancus, G. C., Yuen, H. K., Watson, J. H., Lake, M. L., & Jenkins, G. R. (2023). Changes in cortisol and dehydroepiandrosterone levels immediately after urban park visits. International Journal of Environmental Health Research, 33(2), 206–218. https://doi.org/10.1080/09603123.2021.2013454
  9. Jonauskaite, D., & Mohr, C. (2025). Do we feel colours? A systematic review of 128 years of psychological research linking colours and emotions. Psychonomic Bulletin & Review, 32(4), 1457–1486. https://doi.org/10.3758/s13423-024-02615-z
  10. Jeong, J. E., & Park, S. A. (2021). Physiological and psychological effects of visual stimulation with green plant types. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(24), Article 12932. https://doi.org/10.3390/ijerph182412932
  11. Jo, H., Song, C., Ikei, H., Enomoto, S., Kobayashi, H., & Miyazaki, Y. (2019). Physiological and psychological effects of forest and urban sounds using high-resolution sound sources. International Journal of Environmental Research and Public Health, 16(15), Article 2649. https://doi.org/10.3390/ijerph16152649
  12. Stobbe, E., Sundermann, J., Ascone, L., & Voderholzer, U. (2022). Birdsongs alleviate anxiety and paranoia in healthy participants. Scientific Reports, 12, Article 16414. https://doi.org/10.1038/s41598-022-20841-0
  13. Marques, A., Marconcin, P., Werneck, A. O., Ferrari, G., Gouveia, É. R., Kliegel, M., Peralta, M., & Ihle, A. (2021). Bidirectional association between physical activity and dopamine across adulthood—A systematic review. Brain Sciences, 11(7), 829. https://doi.org/10.3390/brainsci11070829
  14. Goekint, M., Bos, I., Heyman, E., Meeusen, R., Michotte, Y., & Sarre, S. (2012). Acute running stimulates hippocampal dopaminergic neurotransmission in rats, but has no influence on brain-derived neurotrophic factor. Journal of Applied Physiology, 112(4), 535–541. https://doi.org/10.1152/japplphysiol.00306.2011
  15. Noetel, M., Sanders, T., Gallardo-Gómez, D., Taylor, P., Del Pozo Cruz, B., van den Hoek, D., Smith, J. J., Mahoney, J., Spathis, J., Moresi, M., Pagano, R., Pagano, L., Vasconcellos, R., Arnott, H., Varley, B., Parker, P., Biddle, S., & Lonsdale, C. (2024). Effect of exercise for depression: Systematic review and network meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ, 384, Article e075847. https://doi.org/10.1136/bmj-2023-075847
  16. Childs, E., & de Wit, H. (2014). Regular exercise is associated with emotional resilience to acute stress in healthy adults. Frontiers in Physiology, 5, 161. https://doi.org/10.3389/fphys.2014.00161
  17. Südwestrundfunk. (2025, 20. März). Darum beginnt der Frühling in der Natur immer früher. SWR. https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/klimawandel-fruehlingsanfang-immer-frueher-100.html

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Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.

3 Kommentare

  1. “ Neonreklamen, Lärm und Luftverschmutzung sind umweltbedingter Stress. Vor allem Stadtbewohner sind davon betroffen“
    Neon weiß ich nicht, aber Lärm ist ein ganz wesentlicher Punkt der viel zu wenig gesehen wird. Ich halte Straßenlärm für einen wesentlichen Beziehungskiller bei allen Beziehungsformen, neben den ohnehin schon gefährlichen Wirkungen auf die Gesundheit.
    Umso skandalöser daß es ihn noch gibt denn wir haben schon seit Jahren die technischen Möglichkeiten ihn komplett zu eliminieren.

  2. Frühlingsgefühle, was fehlt noch ?
    Die Liebe !
    Leute, räumt eure Winterkleidung weg, wer verliebt sich in eine Person mit Winterkleidung ? Männer , kürzt eure Winterbärte, und bringt das Auto in die Waschanlage ! auch ein Auto kann sexy sein.

    Und schaltet bei eurem Radio einen anderen Sender ein. Wir haben jetzt Frühling !
    Wer in der Nähe der französischen Grenze wohnt, der ist im Vorteil .
    Chanson d’amour im Radio gehört und schon liegt dir die Welt zu Füßen.

    Und das Essen. Wintergerichte mit viel Kalorien sollten jetzt out sein.
    Italienisch ist jetzt angesagt. Mit viel Gemüse !

    Und als Belohnung kommt der Osterhase.
    Übrigens heißt Frühling auf italienisch primavera, das ist doch prima oder nicht ?

  3. Sehr schöner Beitrag, den ich aus eigener Erfahrung voll und ganz bestätigen kann. Gleich geht’s auf’s Fahrrad zur ersten längeren Ausfahrt in diesem Jahr 😀🚴‍♂️☀️

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