EMDR: Wie Augenbewegungen Traumata verarbeiten können

Traumafolgestörungen sind für Betroffene eine enorme Belastung, die ihr Leben massiv einschränken können. Von den vielen psychotherapeutischen Verfahren, die Heilung bringen können, sticht eines besonders hervor: Die EMDR. EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ („Desensibilisierung und Neubearbeitung durch Augenbewegungen“) und bewirkt Abhilfe nicht nur durch das Konfrontieren des Traumas, sondern vor allem auch durch horizontale Augenbewegungen. Doch wie genau funktioniert das eigentlich?
Was ist Trauma?
Bestimmte Prozesse in unserem Gehirn können unter extremen traumatischen Stress nicht mehr so ablaufen, wie sie es regulär tun. Eine häufig verwendete Metapher, um diese Störung in der Informationsverarbeitung zu erklären, ist die eines Kleiderschrankes. Unser Gedächtnis funktioniert regulär nämlich ein wenig so wie ein gut organisierter Kleiderschrank. Wir erleben neue Dinge, unser Gehirn nimmt diese auf und wandelt sie in Erinnerungen um. Wie wenn wir ein neues Kleidungsstück kaufen, falten wir es säuberlich und legen es in das richtige Fach. Wenn wir uns an etwas zurückerinnern wollen, können wir den Schrank öffnen, an das richtige Fach treten und die Erinnerung aus dem Stapel herausziehen. Während eines Traumas ist keine Zeit dafür vorhanden. Alles passiert zu schnell, der Körper steht unter Schock und das gibt uns keine Zeit, die Erlebnisse angemessen zu verarbeiten. Deswegen hat das neue Erlebnis noch keinen festen Platz im Schrank, die Klamotte wird viel eher quasi zerknittert reingeworfen. Kommt nun ein Reiz, der an dieses Trauma erinnert, fliegt die Kleiderschranktür leicht auf, das Kleidungsstück fällt heraus und überwältigt uns. Die Erinnerung ist noch nicht abgespeichert, sie fliegt im Schrank herum und unser Gehirn kann sie ohne Sortierung gar nicht als klare Erinnerung einordnen. Eher fühlt sich das Erlebte so an, als würde es im Hier und Jetzt wieder passieren, immer und immer wieder.
Genau das beschreibt das Hauptsymptom einer PTBS: Das Wiedererleben. Es kann in Form von Flashbacks auftreten, in denen sich die betroffene Person plötzlich wieder in die traumatische Situation zurückversetzt fühlt und nicht mehr unterscheiden kann, was Erinnerung und was real ist. Auch in Albträumen können wir Traumata wiedererleben. Dass das Erlebte nicht verarbeitet werden kann, wird durch die Vermeidung der Erinnerung oder jeglicher Reize und Gedanken, die die Erinnerung aktivieren (sogenannten Triggern) unterstützt. Die ständige Alarmbereitschaft, in die der Körper gerät, wenn er davon ausgehen muss, dass die Gefahr nach wie vor besteht, äußert sich in einer anhaltenden erhöhten körperlichen Erregung und Reaktionsfähigkeit, die sich z.B. in Schreckhaftigkeit äußern kann. Hinzu kommen Überzeugungen oder Erwartungen über sich selbst, andere oder die Welt.
Zu den neurobiologischen Grundlagen von Trauma geht es hier.
Was macht Traumatherapie?
Posttraumatische Belastungsstörungen werden primär durch Psychotherapie behandelt. Das Ziel der Therapie ist es, das Trauma in eine klassische Erinnerung umzuwandeln. Dafür muss der Schrank geöffnet, das herumfliegende Kleidungsstück sorgfältig herausgenommen, gemeinsam gefaltet und dann korrekt einsortiert werden. In der Psychotherapie ist das der Mechanismus der Traumakonfrontation. Betroffene werden schrittweise mit angstauslösenden Reizen oder Situationen konfrontiert. Ziel ist, dass sie sich an diese gewöhnen, oder die Situation neu bewerten lernen können.
Die EMDR kombiniert eine Art dieser Konfrontation mit sogenannter bilateraler, also beidseitiger Stimulation. Entwickelt wurde dieses Verfahren in den 1980er und 90er-Jahren von der klinischen Psychologin Dr. Francine Shapiro. Shapiro berichtet, dass sie bei einem Spaziergang durch den Park bemerkt habe, dass belastende Gedanken und Ängste, die sie bezüglich ihrer Krebsdiagnose hatte, besser wurden, während sie sich umsah und ihre Augen bewegte. Was sie zunächst an Bekannten und Kolleginnen und Kollegen zu testen begann, wurde rasch zu einem Protokoll, welches sie in kontrollierten Studien einsetze und versprechende Ergebnisse in der Behandlung von Traumapatientinnen und -patienten zeigten.
Der Ablauf von EMDR
Das von Shapiro entwickelte Behandlungsprotokoll sieht acht Phasen vor:
- Anamnese: Vorgeschichte, traumatische Erlebnisse, Behandlungsziele
- Vorbereitung: Schaffung eines sicheren Rahmens, Erklärung der Therapie
- Beurteilung: Identifizierung eines belastendes Erlebnis und Vergegenwärtigung damit verbundener Gedanken, Emotionen und Körperbilder
- Desensibilisierung: Patient/innen konzentrieren sich auf das Ereignis, während die bilaterale Stimulation (z.B. Augenbewegungen) einsetzt
- Installation: Entwicklung und Verankerung eines positiven Selbstbilds und positiver Gedanken entgegengesetzt der negativen Assoziation
- Körperscan: Analyse, wo im Körper noch negative Empfindungen spürbar sind
- Abschluss: Ende der Sitzung, eventuell Einsatz von Techniken der Stabilisierung
- Neubewertung: Prüfung in der nächsten Sitzung, ob die Veränderungen stabil sind, oder ob an der Erinnerung weitergearbeitet werden sollte
EMDR & aktueller Forschungsstand
Seit ihrer Entwicklung in den 80er-Jahren konnte die Wirksamkeit der EMDR in zahlreichen randomisiert kontrollierten Studien und Meta-Analysen gut belegt werden. Studien zeigen, dass sich 80 Prozent von PTBS-Patientinnen und Patienten nach einer Behandlung mit EMDR deutlich entlastet fühlen. Damit ist EMDR genauso wirkungsvoll wie andere Trauma-fokussierte Psychotherapieverfahren. Der wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie hat das Verfahren 2006 als wissenschaftlich begründete Psychotherapiemethode anerkannt. Auch internationale Behandlungsleitlinien empfehlen die Behandlung von Trauma durch EMDR.
Mittlerweile wächst auch die Forschung in der Behandlung anderer Störungsbilder und EMDR wird nachweislich wirkungsvoll eingesetzt, um unter anderem Depressionen oder Angststörungen zu behandeln.
Was passiert bei EMDR im Gehirn?
Auch wenn die neurologischen Grundlagen von EMDR immer noch diskutiert werden, gibt es mittlerweile einige Untersuchungen, die sich angeschaut haben, was während der Therapie mit EMDR eigentlich im Gehirn passiert. Mittels EEG wurde in verschiedenen Studien die elektrische Aktivität bestimmter Hirnregionen gemessen. Während einer EMDR-Sitzung wird das Traumagedächtnis bewusst aktiviert (der metaphorische Kleiderschrank wird geöffnet). Dabei kommt es zunächst zu einer verstärkten Aktivierung in präfrontalen und limbischen Hirnregionen, insbesondere im orbitofrontaler Kortex und in der Amygdala. Diese Areale sind mit emotionaler Bewertung, Angstverarbeitung und Entscheidungsverhalten verbunden. Im weiteren Verlauf der Sitzung, insbesondere mit Fortschreiten der bilateralen Stimulation, verlagert sich die Aktivität nachweislich in posterior gelegene Gehirnbereiche, darunter der fusiforme Gyrus und visuelle Assoziationsareale im temporo-okzipitalen Kortex. Diese Verlagerung der Aktivierungsmuster könnte ein Hinweis darauf sein, dass die belastende Erinnerung in das autobiografische Gedächtnis integriert werden und so ihre pathologisch starke emotionale Aufladung abnimmt.
Eine zentrale Rolle in pathologischen Angstreaktionen spielt die Amygdala, die ein Kerngebiet der Furchtverarbeitung darstellt. Gesteuert wird sie unter anderem von dem dorsolateralen präfrontalen Kortex. Nach mehreren EMDR-Sitzungen zeigten sich in Studien eine reduzierte Aktivität der Amygdala und eine verstärkte Aktivität des dorsolateralen präfrontalen Kortex, was auf eine verbesserte Emotionskontrolle hinweist, wodurch die Angstreaktion schwächer ausfällt. EMDR scheint also auf bestimmte Netzwerke im Gehirn einzuwirken und diese strukturell verändern zu können.

Eine Frage, die die Forschung vielseitig diskutiert, ist die nach dem eigentlichen Wirkmechanismus der EMDR. Hat die bilaterale Stimulation wirklich einen Einfluss auf den Wirkprozess, oder wirkt eigentlich doch ganz klassisch vor allem die Konfrontation mit dem Trauma? Dieser Frage gingen Forschende aus Südkorea nach. Sie ließen Mäuse eine Furchtreaktion erlernen, indem sie ihnen in Verbindung mit einem abgespielten Ton leichte Elektroschocks verpassten. Nach einer Zeit erstarrten die Mäuse schon bei alleinigem Abspielen des Tons. Wenn sie nun oft genug den Ton ohne gleichzeitig auftretenden Elektroschock hörten, lernten sie irgendwann wieder, dass keine Gefahr mehr besteht, die Starre lässt nach. Eine zweite Gruppe von Mäusen bekam nicht nur den Ton vorgespielt, sondern auch LEDs dargeboten, die in ihrem Käfig von rechts nach links aufleuchteten. Diese Gruppe von Mäusen verlernte das Erstarren deutlich schneller als die Gruppe, die keine LEDs oder auch konstant leuchtende oder parallel blinkende LEDs hatten. Die bilaterale Stimulation bewirkte schnellere Erholung von der Trauma-Simulation. Des Weiteren beschäftigten sich die Forschenden mit den neurologischen Korrelaten dieser Befunde. Sie fanden, dass in der EMDR-Bedingung mehr Neuronen in einer Region des Mittelhirns, dem Colliculus superior, aktiviert wurden und diese Aktivierung hing stark mit der Erstarrungsreaktion der Mäuse zusammen. Der Colliculus superior ist unter anderem für Aufmerksamkeitsprozesse zuständig. Ähnliche Muster zeigten sich mit dem Colliculus superior verbundenen Thalamus, der wiederum hemmend auf die Amygdala einwirkt. Die gehemmte Amygdala bewirkt schließlich eine Verminderung der Stärke der auftretenden Angstreaktion. Wenn eine dieser Verbindungen künstlich lahmgelegt wurde, verschwand der positive Effekt, den die LEDs auf die Furchtreaktion hatten. Das bedeutet, dass in diesem Zusammenhang durchaus von einer kausalen Beziehung zwischen dem genannten Netz und der Wirkung bilateraler Stimulation auszugehen ist.
Zuletzt wird die Wirkung von EMDR häufig mit dem Arbeitsgedächtnis in Verbindung gebracht. Die gleichzeitige Verarbeitung einer belastenden Erinnerung und einer zusätzlichen Stimulation beansprucht kognitive Ressourcen. Es ist schwierig, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, wodurch die emotionale Intensität der Erinnerung abschwächt, deren Verarbeitung erleichtert wird.
Wir wissen bis jetzt, dass EMDR zu messbaren Veränderungen in neuronaler Aktivität, Verbindungen zwischen Hirnregionen und möglicherweise auch deren Struktur führt. Die Methode unterstützt eine Neuorganisation traumabezogener Netzwerke im Gehirn und unterstützt die Reintegration in das autobiografische Gedächtnis – der Kleiderschrank wird aufgeräumt.
Fragen an die Expertin
Ich habe Susanne Götz, Diplom-Psychologin, EMDR-Therapeutin und -Supervisorin und Vorstandsmitglied von EMDRA Deutschland e.V. gefragt, was EMDR ihrer Meinung nach so spannend und besonders macht.
Das hat sie gesagt:
„Dass es eine so schnelle Wirkung erzielt und zu rascher Erleichterung bei Patienten führt. Auch, dass der Patient den Prozess der Heilung individuell durchlaufen kann. Als Therapeutin begleite ich diesen Prozess, ich mache die Ausrichtung und die Planung, aber der Heilungsprozess darf sehr individuell durchlaufen. Während des Prozessierens [der Phase der bilateralen Stimulation, in der das Trauma verarbeitet wird], gibt es kein richtig und kein falsch.“
Außerdem berichtet sie, dass der Prozess der Traumatherapie durch die bilaterale Stimulation schneller gehe und die Studienlage ebenfalls belegt, dass die Therapie eine lang anhaltend gute Wirkung habe.
Für sie sei es besonders, dass EMDR ganzheitlich arbeite: „Der Prozess bezieht den Körper, die Emotionen und die Gedanken mit ein. Es werden nicht nur die kognitiven Aspekte, sondern auch die Körpererinnerung der traumatischen Situation behandelt“.
Ich habe Frau Götz auch gefragt, welche Potenziale in der aktuellen Forschung zu EMDR noch nicht ganz ausgeschöpft sind. Die Antwort kam prompt: „Depression, Suchterkrankungen, Schmerzerkrankungen und Angststörungen. Hier fehlen uns vor allem Zahlen, denn in der Praxis sieht man die deutlichen Effekte schon. EMDR kann hier viel bewirken, weil in der Entstehungsgeschichte den Störungen oft belastende Ereignisse zugrunde liegen.“

Final lässt sich sagen, dass wir noch mehr randomisiert kontrollierte Studien brauchen, um zu verstehen, wie genau EMDR wirkt, bei welchen Störungsbildern es noch wirkt und ob hier eventuell auch Unterschiede in den Wirkmechanismen vorliegen. Wie so oft bleibt es spannend.
Autorin des Beitrags ist Lea Anthes. Sie war bis Mitte 2024 Mitglied des Redaktionsteams und verfasst seitdem ab und an Gastbeiträge.
Quellen
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