Die Neurowissenschaft des Entscheidens – Diskussion in der Küche

Ich muss gerade wichtige Entscheidungen treffen, so richtig große und das ist echt schwer. Ich habe schon alle Ratschläge ausprobiert: Habe Pro-Contra Listen geschrieben, mir überlegt, welche Konsequenzen meine Entscheidungen in 10 Jahren haben würden, habe mehr als nur eine Nacht darüber geschlafen und alle Münzen aus meinem Geldbeutel geworfen. Aber dem Zufall eine so wichtige Entscheidung lassen? Nein, da höre ich lieber auf mein Bauchgefühl, das sagt jedoch was ganz anderes als mein Kopf…

Was nun? Kennst du dieses Gefühl, sich nicht entscheiden zu können? Lass uns die Entscheidungsfindung erstmal zur Seite legen und einen Blick ins Gehirn werfen – hoffentlich wissen wir danach, wie wir besser Entscheidungen treffen. Jetzt musst du dich erstmal entscheiden: Liest du diesen Artikel von Anfang an durch oder springst du direkt zu den finalen Erkenntnissen am Ende?

Schnelle und langsame Entscheidungen? Was Neurowissenschaftler denken

Unsere Entscheidungen bestimmen unser Leben, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – kein Wunder also, dass sich verschiedene Geistes- und Naturwissenschaftler dem Thema mit Beobachtungen und Experimenten nähern. So existieren verschiedene Modelle und Theorien, die die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn nur teilweise abbilden.

Das wohl bekannteste Modell unterstützte der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman: die Dual-Process-Theorie. Ist dir aufgefallen, dass sich Entscheidungen sehr unterschiedlich anfühlen können? Ja? Kahneman auch. So treffen wir einige Entscheidungen sehr schnell, intuitiv, wohingegen andere Entscheidungen richtig anstrengend sind und lange Zeit benötigen, das beschrieb er als System 1 und System 2 1. Dieses Denkmodell hilft Denkfehler, Entscheidungsfallen und Wahrnehmungsverzerrungen zu verstehen.

Obwohl es zwar unterscheidbare neuronale Signaturen für intuitive und analytische Denkprozesse gibt, halten Neurowissenschaftler die Dual-Process-Theorie für ein deutlich vereinfachendes Schema der tatsächlichen Neurophysiologie 2,3. Vielmehr konnten sie zeigen, dass fast immer eine Mischung aus System 1 und System 2 Eigenschaften vorliegt und keinesfalls zwei getrennte Vorgänge im Gehirn stattfinden, sondern stark überlappende neuronale Netzwerke unter Beteiligung zahlreicher Gehirnareale eine Entscheidungsfindung ermöglichen 4.

Die neurophysiologische Grundlage: Eine Diskussion in der Küche

Nun stelle dir eine Entscheidungsfrage vor, beispielsweise, was du heute Abend essen möchtest – keine furchtbar schwere oder weitreichende Entscheidung, trotzdem läuft gerade ein hochkomplexes Stimmengewirr in deinem Gehirn ab. Stell dir vor, deine Hirnareale stehen gemeinsam mit dir in der Küche und schauen in den fast leeren Kühlschrank. Jedes hat eine Meinung. Und alle reden gleichzeitig.

Die Insula stöhnt erschöpft auf. Sie spürt in den Körper hinein und jammert: „Der Tag war so lange. Wir sind seit frühmorgens auf den Beinen, haben so viel Arbeit geleistet und kaum Mittagspause gehabt. Der Körper ist erschöpft, der Blutzucker im Keller. Wir brauchen etwas Warmes, Vertrautes, Belohnendes. Ein Burger, das ist das Richtige!“ 5.

Das Striatum meldet sich mit leuchtenden Augen: „Ich habe eine andere Idee. Erinnert ihr euch an den kunstvoll arrangierten Salat letzten Monat? Fast 200 Likes auf Instagram. Ich sage nur: sehr hohes Belohnungspotenzial.“ 6.

Der erfahrene Hippocampus erinnert: “Mag sein, dass der Salat schön war, aber nach dieser Mahlzeit vor genau 3 Wochen haben wir uns absolut nicht satt gefühlt. Aber nach dem Burger sind wir jedes Mal zufrieden auf dem Sofa eingeschlafen.” Die emotionale Amygdala stimmt nachdrücklich zu: „Genau. Und ich erinnere daran: Der Salat war furchtbar enttäuschend. Dagegen war der letzte Burger ein riesiger Genuss. Meine Priorität: positive Assoziation.“ 7.

Der dorsolaterale präfrontale Kortex, die Rationalität in Person, räuspert sich und schiebt eine Tabelle über die Küchenzeile: „Ich bitte um etwas Sachlichkeit. Budget: Der Burger kostet dreimal so viel wie der Salat. Zeit: Die Lieferung dauert 45 Minuten. Gesundheit: Wir hatten bereits zweimal diese Woche Fast Food. Mein Fazit: Pasta zu Hause, das ist schnell, günstig, ausreichend.“ 8.

Der orbitofrontale Kortex, ein leidenschaftlicher Genießer, runzelt die Stirn: „Ausreichend? Wir reden hier nicht von ausreichend! Wir reden davon, wie sich die Optionen gerade anfühlen. Und sind wir ganz ehrlich, Pasta fühlt sich heute nach gar nichts an. Aber Burger, der fühlt sich nach einem kleinen Triumph an!“ 9.

Die harmoniebedürftige ventromediale präfrontale Rinde lauscht geduldig und nickt langsam: „Ihr habt alle Recht. Es geht nicht nur um Kalorien oder Kosten. Es geht darum, was sich für uns als Person gerade insgesamt stimmig anfühlt. Und heute Abend fühlt sich Selbstfürsorge richtig an.“ 10.

Der anteriore cinguläre Kortex springt beunruhigt auf: „Konflikt erkannt! Verstand sagt Pasta, Wohlgefühl will Burger, Striatum träumt von Salatfotos. Ich kann hier keine Einigung feststellen. Ich erkenne Entscheidungsstress. Bitte um weitere Beratungszeit.“ 11.

Die parietale Rinde sortiert derweil ruhig im Hintergrund die Optionen nach Preis, Aufwand, Verfügbarkeit, Nährwert, rechnet und vergleicht die Auswahlmöglichkeiten, während der Rest der Diskussionsrunde noch streitet 12.

Die Basalganglien reden nicht lange. Effizient und unaufgeregt liefern sie als kleines Team (zu dem auch das Striatum gehört) das datenbasierte Erfahrungsvotum. „Wir haben die Daten der letzten Jahre ausgewertet,“ sagen sie knapp. „Burger nach langen Arbeitstagen: durchgehend positive Rückmeldung. Pasta bei Erschöpfung: solide, keine Beschwerden. Salat mit Fotoambitionen: gemischte Ergebnisse, erhöhter Aufwand, bei nur geringer Zufriedenheit. Unser Votum: Burger! Dopamin bestätigt unsere Prognose.“ Mehr haben sie dazu nicht zu sagen. Sie haben ihren Job bereits erledigt, während die anderen noch diskutieren 6.

Was für ein Diskussion… Jetzt ist klar, warum Entscheidungen treffen so schwierig ist!

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit der inneren Debatte wird die finale Entscheidung getroffen. Die Basalganglien haben genug Dopamin-Evidenz gesammelt. Der anteriore cinguläre Kortex meldet, dass der Konflikt ausreichend reduziert ist. Der präfrontale Kortex formuliert noch schnell eine rationale Begründung, weil er das letzte Wort haben will. Die Entscheidung: Burger! Du bestellst und die Diskussionsrunde löst sich auf.

Entscheidungsstarre – wenn das Gehirn stecken bleibt

Aber was passiert eigentlich, wenn die Diskussionrunde sich partout nicht einigen kann? Wenn der anteriore cinguläre Kortex im Dauerkonflikt bleibt, die Basalganglien keine klare Evidenz liefern und der dorsolaterale präfrontale Kortex in Endlosschleife abwägt? Dann befinden wir uns in Entscheidungsstarre.

Zu viele Optionen und erwartete Reue

Der Psychologe Barry Schwartz beschrieb ein verblüffendes Phänomen: Mehr Optionen bedeuten nicht mehr Freiheit, im Gegenteil bedeuten sie mehr Überforderung bei der Entscheidung 13. Genau diese Optionsüberflut ist ein besonderer Auslöser der Entscheidungsstarre. Studien mit funktionellen Bildgebungen des Gehirns zeigten, dass die Aktivität im Striatum und im anterioren cingulären Kortex einer umgekehrten U-Kurve folgt. Diese zentralen Entscheidungsakteure sind bei einer mittleren Anzahl von Optionen am aktivsten, wohingegen ihre Aktivität bei zu vielen Optionen wieder absinkt. Die Entscheidungskosten infolge der Abwägung übermäßiger Optionen übersteigen den Nutzen der Entscheidung 14

Ein wesentlicher Treiber der Entscheidungsstarre ist die Angst, eine falsche Wahl zu treffen. Diese kann so stark werden, dass letztendlich gar keine Entscheidung getroffen wird 15. Die erwartete Reue über die Entscheidung für eine Option, aber gegen eine andere gute Alternative, wird über die Amygdala und Insula vermittelt 16. Dieses Phänomen, in der Verhaltensökonomie als Verlustaversionseffekt bezeichnet, kann uns in hohem Maße im Entscheidungsprozess ausbremsen, da wir Verlust als deutlich schmerzhafter empfinden, als einen gleichwertigen Gewinn positiv wahrnehmen 17.

Das Ergebnis? Das Gehirn wählt die sicherste aller Optionen, nämlich gar keine Entscheidung zu treffen. 

Besser entscheiden – was die Forschung wirklich empfiehlt

Jetzt wissen wir was in unserem Gehirn passiert und können das für unsere großen wichtigen Entscheidungen nutzen. Hier sind Strategien, die neurobiologisch wirklich sinnvoll sind:

1. Entscheide zum richtigen Zeitpunkt
Entscheidungen treffen ist, wie wir gelernt haben, wirklich komplex und anstrengend. Nicht verwunderlich also, dass unser Gehirn nach intensiver Kopfarbeit erschöpft und impulsiver wird 18. Unsere Aufmerksamkeit und Entscheidungsgeschwindigkeit schwankt tageszeitabhängig, nutze deinen Tageszeitrhythmus zu deinem Vorteil im Entscheidungsprozess: Morgentypen entscheiden am besten morgens, Abendtypen besser abends 19.

2. Reduziere deine Optionen bewusst
Um nicht in die Falle der Optionsüberflut zu geraten, hilft eine einfache Regel: Grenze deine Auswahl auf eine moderate Anzahl an Alternativen ein, bevor du anfängst abzuwägen. Dein anteriorer cingulärer Kortex und Striatum werden es dir danken.

3. Hinterfrage deine Pro-Contra-Liste
Pro-Contra-Listen fühlen sich zwar rational an, sind es aber oft nicht. Der Confirmation Bias sorgt dafür, dass wir unbewusst die Argumente stärker gewichten und die Informationen suchen, die unsere bereits bestehende Tendenz bestätigen 20. Ein kleiner Trick könnte hier helfen: Schau deine Pro-Contra-Liste nach einiger Zeit nochmal speziell mit der Frage an, welche Argumente du übersehen haben könntest. Oder noch besser, bitte jemand Vertrautes, die Gegenseite zu vertreten.

4. Hör auf deinen Körper
Das Bauchgefühl ist kein mystischer Instinkt – es ist die Art, wie das Gehirn Körpersignale verarbeitet, manchmal bewusst als flaues Gefühl im Magen, beschleunigter Herzschlag oder plötzliches Aufatmen, manchmal ganz unbewusst. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre inneren Körpersignale besser wahrnehmen, tatsächlich auch bessere Entscheidungen treffen 21. Bauch und Kopf sind kein Widerspruch, sondern arbeiten zusammen. Die Kunst liegt darin, beide zu hören.

5. Schlaf drüber
Nicht als Aufschub, sondern als Strategie. Im Schlaf konsolidiert der Hippocampus Erinnerungen und verarbeitet Informationen neu 22. Darüber hinaus unterstützt Schlaf Problemlösung, Kreativität und emotionale Regulation – all das, was beim Entscheiden hilft 23!

6. Akzeptiere: Keine Entscheidung ist perfekt
Unser Gehirn wird immer Konflikte finden, das ist sein Job. Oft gibt es keine perfekte Entscheidung. Unser Ziel sollte es sein, nicht die beste aller möglichen Optionen zu suchen, sondern diejenige, die unsere Kernkriterien erfüllt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon nannte dieses Prinzip Satisficing, statt Maximizing – gut genug statt perfekt . Das entlastet das Gehirn enorm und macht uns tatsächlich zufriedener mit unserer Entscheidung 24.

Bildquellen:

Titelbild: generiert mit ChatpGPT
Abb. 2: FreePik
Abb. 3: generiert mit ChatGPT

Quellen

1. Kahneman, D. Thinking, Fast and Slow. 499 (Farrar, Straus and Giroux, New York, NY, US, 2011). 

2. Melnikoff, D. E. & Bargh, J. A. The Mythical Number Two. Trends Cogn Sci 22, 280–293 (2018). 

3. Williams, C. C., Kappen, M., Hassall, C. D., Wright, B. & Krigolson, O. E. Thinking theta and alpha: Mechanisms of intuitive and analytical reasoning. Neuroimage 189, 574–580 (2019). 

4. Levine, D. S. One or two minds? Neural network modeling of decision making by the unified self. Neural Networks 120, 74–85 (2019). 

5. Simone, L. et al. Anatomo-functional organization of insular networks: From sensory integration to behavioral control. Prog Neurobiol 247, 102748 (2025). 

6. Verharen, J. P. H., Adan, R. A. H. & Vanderschuren, L. J. M. J. Differential contributions of striatal dopamine D1 and D2 receptors to component processes of value-based decision making. Neuropsychopharmacology 44, 2195–2204 (2019). 

7. Gupta, R., Koscik, T. R., Bechara, A. & Tranel, D. The amygdala and decision making. Neuropsychologia 49, 760–766 (2011). 

8. Krawczyk, D. C. Contributions of the prefrontal cortex to the neural basis of human decision making. Neurosci Biobehav Rev 26, 631–664 (2002). 

9. Fellows, L. K. Orbitofrontal contributions to value-based decision making: evidence from humans with frontal lobe damage. Ann N Y Acad Sci 1239, 51–58 (2011). 

10. Klein-Flügge, M. C., Bongioanni, A. & Rushworth, M. F. Medial and orbital frontal cortex in decision making and flexible behavior. Neuron 110, 2743–2770 (2022). 

11. Botvinick, M. M., Cohen, J. D. & Carter, C. S. Conflict monitoring and anterior cingulate cortex: an update. Trends Cogn Sci 8, 539–546 (2004). 

12. Si, R., Rowe, J. B. & Zhang, J. Functional localization and categorization of intentional decisions in humans: A meta-analysis of brain imaging studies. Neuroimage 242, 118468 (2021). 

13. Schwartz, B. The Paradox Of Choice: Why More Is Less. The Paradox Of Choice: Why More Is Less https://works.swarthmore.edu/fac-psychology/198 (2004). 

14. Reutskaja, E., Lindner, A., Nagel, R., Andersen, R. A. & Camerer, C. F. Choice overload reduces neural signatures of choice set value in dorsal striatum and anterior cingulate cortex. Nat Hum Behav 2, 925–935 (2018). 

15. Anderson, C. J. The psychology of doing nothing: Forms of decision avoidance result from reason and emotion. Psychological Bulletin 129, 139–167 (2003). 

16. Bishop, S. J. & Gagne, C. Anxiety, Depression, and Decision Making: A Computational Perspective. Annu Rev Neurosci 41, 371–388 (2018). 

17. Canessa, N. et al. The functional and structural neural basis of individual differences in loss aversion. J Neurosci 33, 14307–14317 (2013). 

18. Blain, B., Hollard, G. & Pessiglione, M. Neural mechanisms underlying the impact of daylong cognitive work on economic decisions. Proceedings of the National Academy of Sciences 113, 6967–6972 (2016). 

19. Ingram, K. K. et al. Molecular insights into chronotype and time-of-day effects on decision-making. Sci Rep 6, 29392 (2016). 

20. Jonas, E., Schulz-Hardt, S., Frey, D. & Thelen, N. Confirmation bias in sequential information search after preliminary decisions: an expansion of dissonance theoretical research on selective exposure to information. J Pers Soc Psychol 80, 557–571 (2001). 

21. Werner, N. S. et al. Interoceptive awareness moderates neural activity during decision-making. Biol Psychol 94, 498–506 (2013). 

22. Lutz, N. D., Harkotte, M. & Born, J. Sleep’s contribution to memory formation. Physiol Rev 106, 363–483 (2026). 

23. Paller, K. A., Creery, J. D. & Schechtman, E. Memory and Sleep: How Sleep Cognition Can Change the Waking Mind for the Better. Annu Rev Psychol 72, 123–150 (2021). 24. Ge, X., Zhang, X., Li, Q., Zhang, Z. & Hou, Y. Maximizers Abandon More Before Decisions, Regret More After Decisions, and Re-Maximize More for Second-Time Decisions: Real-World Analysis of Online Consumer Behaviors. Pers Soc Psychol Bull 1461672251385756 (2025) doi:10.1177/01461672251385756.

Profilbild Corinna Kuhn

Veröffentlicht von

Mein Name ist Corinna Kuhn und ich studiere Medizin und Molekulare Medizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Im Rahmen meines Studiums lerne ich das Gehirn aus verschiedenen Perspektiven kennen: bei der intensivmedizinischen Behandlung von Patienten mit Demenz, in klinischen Studien der Nuklearmedizin zu Hirnmetastasen sowie durch die Forschung mit neuronalen Zelllinien. Besonders interessiere ich mich für die klinische Anwendung grundlegender Forschungserkenntnisse. Diese vielfältigen Zugänge möchte ich nutzen, um den noch offenen Fragen rund um unser Gehirn auf den Grund zu gehen.

7 Kommentare

  1. Wenn wir Entscheidungen treffen, dann hängt das Ergebnis oft davon ab, wieviel Zeit wir dafür haben (Kahnemann). Der Grund dafür ist einfach:

    Wenn wir eine/n neue/n Reiz/Gedanken/Situation verarbeiten, dann reaktiviert unser Gehirn SOFORT (= Kahnemann: System 1, schnell) eine vergleichbare Erfahrung aus dem Gedächtnis (predictive coding/processing). Das ist unsere wichtigste Überlebensstrategie, da damit ein sofortiges schnellstes Reagieren möglich ist (vergleichbar, wenn wir im Internet einen [LINK] anclicken: das ganze Wissen ist sofort verfügbar). Weil unser Gehirn aber Gedächtnisinhalte in hierarchisch AUF- bzw. AB-steigender Reihenfolge dazu reaktivert, kann es passieren, dass unsere Reaktion mit dem Wissensstand eines Kleinkindes erfolgt (AUF-steigend) oder aber mit dem gebildeten Wissen von Erwachsenen (AB-steigend). Entsprechend kann die Qualität unserer Entscheidung sein.

    Wenn wir aber Zeit für unsere Entscheidung haben (Kahnemann: System 2, langsam), dann können wir unsere erste Reaktion nochmals überdenken und korrigieren. Aus diesem Grund sind solche Entscheiungen meist besser.

    Ein weiterer Grund für unsere Entscheidungsfähigkeit ist unsere Erziehung bzw. unser Selbstvertrauen:
    Es gibt selbstbewusste Leute, welche überhaupt kein Problem damit haben, eine Entscheidung zu treffen – und es gibt Leute, welche sich nicht trauen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Solche Leute können sich nicht entscheiden und sind oft wie gelähmt, statt zu handeln und warten oft, dass jemand Anderer ihnen die Entscheidung abnimmt.

  2. Mir ist schon oft aufgefallen, dass bei Umfragen oder Psychologie-Tests die Ergebnisse sehr oft im Verhältnis 2/3 zu 1/3 bzw. 60% zu 40% oder 70% zu 30% ausfallen.

    Offenbar muss es im Gehirn eine Arbeitsweise geben, welche solche Entscheidungs-Ergebnisse ergibt.

    Beispiel:
    Man hat Fliegen auf eine Platform gesetzt und ein Licht eingeschaltet: 70% bewegten sich auf das Licht zu, 30 % davon weg.
    Dann hat man das Experiment mit den ´Wegläufer´-Fliegen wiederholt – mit dem gleichen Ergebnis: 70% bewegten sich auf das Licht zu, 30 % davon weg.

  3. Der Begriff PRIMING beschreibt, dass der Zustand von Neuronen im Gehirn bevor(!) ein neuer Reiz verarbeitet wird, darüber entscheidet, welche Reaktion dann erfolgt. D.h. ein identischer Reiz kann zu völlig unterschiedlichen Reaktionen bzw. Entscheidungen führen.
    DOI: 10.1016/j.cell.2015.02.018 Feedback from network states generate variability in a probalistic olfactory circuit

  4. Ich find’s interessant, dass wir kollektive Hirne bilden können – in denen jeder Mensch die Funktion eines Hirnareals übernimmt, und so mehr Hirnzellen dafür übrig hat. Auch bei der Partnerschaft scheint das Pärchen seine Hirnhälften zu einem Hirn zusammenzunähen – in der klassischen Ehe ist der Mann eher die linke und die Frau die rechte, bei den Simpsons ist’s umgekehrt, und im echten Leben wechselt’s von Situation zu Situation, was ja auch logisch ist – wenn das Pärchen doppelt so viel Hirnmasse zur Verfügung hat, kann es sich auch zwei Gehirne leisten. Hatte es zwar schon vorher, aber jetzt hat es vier – zwei individuelle, und zwei Konfigurationen für ein gemeinsames.

    […]

    Ich selbst bin sehr schlecht im Entscheiden: Will ich nach links, gehen meine Beine nach rechts, meine Instinkte lügen ständig, und selbst wenn ich die richtige Entscheidung kenne, wird mein Gehirn sie einfach unterdrücken, lieber die falsche treffen, und erst hinterher merke ich, dass dabei ein mulmiges Gefühl oder eine Erinnerung gezielt geblockt wurden. Selbst beim Tippen greifen die Finger instinktiv nach den falschen Tasten, ich muss jedes zweite Wort korrigieren. Und so wurde ich von den Neurosen und Fehlschaltungen in meinem Hirn, vor allem aber von all den Fettnäpfchen und Wänden, in die ich hineingelaufen bin, gnadenlos in die Position eines eher passiven Beobachters geprügelt worden.

    Kein guter Lifestyle. Wenn der Zufall Ihre Entscheidungen trifft, auch Marktmächte genannt, folgen Sie dem Weg des geringsten Widerstandes, und der führt immer nach unten, und unten ist eine verflucht heiße Herdplatte. Wie diese Metapher mit der Lebensrealität zusammenpasst, ist etwas kompliziert, tut sie aber.

    Und deswegen bin ich von allerlei Management, Handeln, Willen, Entscheidungen fasziniert, wie Scrat von der Nuss. Wir treffen unsere Entscheidungen nicht. Die Entscheidung treffen die Dinge, die wir gerade nicht haben oder haben können, sie schreiben das Menu, aus dem wir wählen können – etwas Anderes wählen heißt, sich die Nase an der Realität einzurennen. Wo Krieg ist, sehnen sich alle nach Frieden. Wo Frieden ist, sehnen sich alle nach Krieg. Deswegen brauchen wir ein Bisschen Krieg im Alltag, um uns nach Frieden zu sehnen und uns immer wieder für ihn zu entscheiden, auf der Straße, auf der Arbeit, in der Bahn.

    Aber wie die ganzen Brotkrumenspuren aus Mängeln und Belohnungen entstehen, die uns durchs Leben an der Nase herumführen, wie uns unser eigener Wille versklavt – das ist eine andere Geschichte.

  5. War das jetzt Küchenphilosophie , Psychologie für Willensschwache, Hilfe für Perfektionistinnen ?
    Würde meine Katze so denken, wenn sie vor der Maus steht ?

    Also, die Werbefachleute sagen, wenn die Auswahl für Fingernagellack die Zahl 5 übersteigt, dann wirkt das kaufhemmend.

    Trost, auch Männer haben solche Probleme, nur sind die entscheiungsfreudiger, weil sie eben nicht so weit denken.

    Ein wirklich gutes Thema !

    • Vielen Dank für das Interesse am Thema!

      Ich stimme vollkommen zu, obwohl wir und alle Tiere (auch die Katzen) tagtäglich zahlreiche Entscheidungen treffen und demnach eigentlich wahre Entscheidungsprofis sein sollten, merken wir beim genaueren Hinsehen, wie komplex Entscheidungen werden können, sobald Bewusstsein, Abwägung, Emotionen oder gesellschaftliche Erwartungen ins Spiel kommen.

      Und durch den Einsatz künstlicher Intelligenz wird das Ganze noch spannender: Wie „entscheiden“ eigentlich künstliche neuronale Netze und was unterscheidet ihre Prozesse von menschlicher Intuition oder tierischem Verhalten?

      Das gibt viel Stoff zum Weiterdenken!

      • Mensch und Computer
        Grob gesagt, ein Mensch entscheidet letztlich nicht nachdem was er will, sondern was er soll. „Alles Wollen ist letztlich ein Sollen“ frei nach Goethe.

        Und beim Computer ist das nicht viel anders, der entscheidet gemäß seiner Programmierung. Wenn es um sachliche Entscheidungen geht, dann wird der Computer sachlichen Argumenten folgen, weil er seine Antworten aus schon Gelesenem entnimmt.
        Wenn es um ethische Entscheidungen geht, folgt er auch der Mehrheit der Artikel darüber, je nach Kulturraum.

        Anmerkung : Künstliche Intelligenzen sind letztlich sprachlich orientierte Programme, die nur das antworten, was das Programm dazu vorgesehen hat.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren. -- Auch möglich: Abo ohne Kommentar.