Déjà-vu

Fünf Männer und eine Frau laufen durch ein leeres Treppenhaus. Durch das Dach des Treppenschachts dringt ein wenig Licht, welches von dem vielen Staub in der Luft reflektiert wird. Das Gebäude sieht verlassen aus. Putz bröckelt von den Wänden und die dunkle Holztreppe, die die Gruppe hinauf geht, sieht abgenutzt aus. Sie tragen lange Ledermäntel und Sonnenbrillen, obwohl es im Treppenhaus düster ist. Neo ist der Letzte der Gruppe. An einem Durchgang fällt ihm eine schwarze Katze auf. Die Katze miaut ein wenig und huscht um die Ecke. Gerade als Neo weitergehen will, sieht er die gleiche Katze noch mal um die Ecke huschen. Neo zieht vor erstaunen die Augenbrauen hoch und sagt: „Whoaaa Déjà-vu“, was das Team in Panik versetzt.

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Dies ist eine Szene aus dem Film „Matrix“. In diesem Film leben die Menschen in einem Computerprogramm. Maschinen, die die Welt erobert haben, nutzen simulierte Realität, um die Menschheit von der Wirklichkeit abzulenken und ihren Stoffwechsel als Energiequelle zu nutzen.

Ein Déjà-vu entsteht dann, wenn das Programm beim Umbauen von Simulationen Pannen verursacht….. Nur für den Fall, dass wir uns doch nicht in der Matrix befinden, hier eine wissenschaftlichere Betrachtung des Déjà-vu Phänomens.

Was ist ein Déjà-vu

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Der Name Déjà-vu kommt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „schon mal gesehen“. Benutzt wurde der Begriff etwa ab Mitte des 19 Jahrhunderts im medizinischen Kontext, um falsche Vertrautheit/Bekanntheit zu benennen. [1]

Die meisten Menschen beschreiben ein Déjà-vu als das Gefühl, eine Situation oder sonstige Sinneseindrücke schon mal erlebt zu haben, auch wenn sie wissen oder vermuten, dass dies nicht sein kann. Typischerweise hält dieses Gefühl jedoch nur für kurze Zeit an und tritt häufiger bei jungen Leuten auf. 

Warum wir Déjà-vus empfinden und wie sie entstehen, kann noch nicht mit Sicherheit beantwortet werden, jedoch gibt es verschiedene Ansätze, welche die Entstehung von Déjà-vus erklären. Hier drei der am häufigsten diskutierten Theorien:

Optical Delay Theory

Chris Moulin ein Neuropsychologe vom Institute of Psychological Sciences der University of Leeds, erklärt die „ Optical Delay Theory “ so: Informationen werden vom rechten Blickfeld in die linke Gehirnhälfte und vom linken Blickfeld in die rechte Gehirnhälfte transportiert (weitere Informationen dazu im split brain Beitrag). Von dort wandern die Informationen weiter zu ihrer Ziel-Hirnregion. Die oft zitierte Theorie besagt nun, dass die Informationen von einem Auge manchmal schneller ins Gehirn gelangt als vom anderen und wir so die Situation zweimal erleben. 2006 wurde diese Theorie jedoch weitgehend widerlegt, da auch blinde Menschen Déjà-vus empfinden können. Auch Hirnscanns der blinden Probanden zeigten die typischen Muster eines Déjà-vus.[2,3]

Umwelt Theorie

Eine weitere Theorie ist die Umwelt Theorie. Sie besagt, dass wir ein Déjà-vu erleben, wenn wir eine neue Umgebung mit Orten aus unserer Erinnerung vergleichen. Ein Déjà-vu entsteht öfter beim Reisen. Wenn die neue Straße in Paris nun denselben Aufbau oder architektonische Aufteilung hat wie unsere beliebteste Shopping-Straße, dann kommt uns das bekannt vor. Auch Szenen aus einem Film oder einem Traum werden laut dieser Theorie mit der Realität verwoben und erzeugen Déjà-vus. [2]

Epileptiker Theorie

Eine der am weitesten verbreiteten Theorien ist die Epileptiker Theorie. Die Nervenzellen in unserem Gehirn kommunizieren mit der Weiterleitung von elektrischen Impulsen.

Epilepsie ist eine Erkrankung, bei der Teile des Gehirns unkontrolliert und stetig Signale abfeuern und unseren Denkapparat dadurch blockieren und unter Dauerbeschuss stellen. Epileptiker** erleben häufiger ein Déjà-vu kurz vor oder nach einem epileptischen Anfall. Es wurde gezeigt, dass Schaltkreise, die für Vertrautheit zuständig sind (Temporallappen), von den „fehlerhaften“ elektrischen Signalen geflutet werden. Die Reize könnten diese Regionen fälschlicherweise aktivieren und ein Déjà-vu verursachen. Laut dieser Theorie sind Déjà-vus also kleine Störungen oder „mini Anfälle“ im Temporallappen.[4] Unterstützt wird diese These dadurch, dass das Déjà-vu Gefühl bei Epileptikern nicht spezifisch ist. Das bedeutet das Déjà-vu Gefühl ist nicht nur auf eine Sache beschränkt, sondern kann während eines Epilepsie Anfall zwischen verschiedenen Objekten wechseln. Auch auf Personen oder Dialog Fetzen kann sich das Gefühl beziehen, je nachdem, worauf sich der Proband mit Epilepsie momentan fokussiert. Zudem kann ein Déjà-vu auch künstlich erzeugt werden durch Stimulation des medialen Teils des Temporallappens. [4]

Zusammenfassung

Es gibt auch pathologische Formen des Deja-vus. Jedoch sind erfahrungsgemäß gelegentliche Déjà-vus kein Grund zur Sorge. Egal wo Déjà-vus herkommen, ob wir jetzige Erlebnisse mit Erinnerungen verknüpfen oder doch fehlgeleitete Reize spüren, jeder Mensch empfindet ab und zu Déjà-vus… und man muss keine Angst haben, dass Agent Brown auftaucht und die Matrix zerbombt.



** Interessiert euch das Thema Epilepsie? Dann schreibt mir das doch in die Kommentare und ich werde vielleicht einen Beitrag darüber machen.


Literatur

[1] https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00415-005-0677-3

[2] https://www.bbc.co.uk/programmes/articles/6cPQ9PjVvPfgjjDRlqbBLT/deja-vu-eight-things-you-probably-havent-heard-before

[3] O’Connor AR, Moulin CJ. Normal patterns of déjà experience in a healthy, blind male: challenging optical pathway delay theory. Brain Cogn. 2006 Dec;62(3):246-9. doi: 10.1016/j.bandc.2006.06.004 . Epub 2006 Aug 4. PMID: 16890338 .

[3] https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/was-passiert-bei-einem-deja-vu

[4] R. Carter (2018) The brain in minutes: Quercus Science

Veröffentlicht von

Ronja Völk ist Masterstudentin für Molekulare Biotechnologie an der Universität Heidelberg. Im Zuge Ihres Studiums hat sie vielerlei Praktika absolviert, unter anderem am Deutschen Krebsforschungszentrum und in Harvard im Bereich Neurologie. Sie ist begeisterte Leserin von Wissenschaftsmagazinen und liebt es, ihr Wissen mit anderen zu teilen. (Für Ihr näheres Umfeld ist sie auch gerne mal Umwelt-/Medizin-/ Impf-/Corona-Expertin.) Das zeigt, wie hoch der Bedarf an einfacher, verständlicher Wissenschaftskommunikation ist.

6 Kommentare

  1. Déjà-vus oder jamais-vus erklären vielleicht generell unsere Wahrnehmung. Sie deuten darauf hin, dass es für uns wichtig ist, ob wir etwas schon mal gesehen, erlebt, gehört haben oder eben nicht. Neues verarbeiten wir womöglich anders als schon bekanntes. Das würde gut zur Theorie des predictive coding passen. Gemäss Wikipedia besagt diese Theorie:

    Predictive Coding (auch als Predictive Processing bekannt) ist eine Theorie der Gehirnfunktion, bei der das Gehirn ständig ein mentales Modell der Umgebung generiert und aktualisiert. Das Modell wird verwendet, um Vorhersagen des sensorischen Inputs zu generieren, die mit dem tatsächlichen sensorischen Input verglichen werden. Dieser Vergleich führt zu Vorhersagefehlern, die dann verwendet werden, um das mentale Modell zu aktualisieren und zu überarbeiten.

    Tatsächlich wissen wir ja meistens, was uns erwartet, wenn wir etwa erwachen. Und wenn die Erwartung zutrifft, wissen wir sehr viel: nämlich wo wir sind, wohin wir gehen können, ja sogar wer wir sind. Und so ergeht es allen Menschen und wohl auch allen höheren Tieren. Nicht aber unbedingt Robotern, die mit rudimentären Formen von künstlicher Intelligenz versehen sind. Und auch nicht selbstfahrenden Autos. Doch das könnte mit ein Grund sein, dass Roboter und selbstfahrende Autos noch nicht so gut mit unserer Umwelt zurecht kommen wie unsereins.

  2. Ein wenig off topic, weil nur zum Film Matrix.
    Die Ausgangssituation dieses Filmes verstößt leider gegen den Energieerhaltungssatz:
    “Gegen Ende des Krieges verdunkelten die Menschen den Himmel, um die Maschinen an der Sonnenenergiegewinnung zu hindern.
    Die Maschinen reagierten jedoch, indem sie menschliche Körper zur Energiegewinnung nutzten.”
    Ohne die pflanzliche Photosynthese wäre das aber gar nicht möglich.
    Erstens müsste zuerst die Energie in die Menschen hineinkommen, und zweitens wäre es effizienter, andere Energiewandler zu verwenden, falls energiereiche Substanzen doch noch vorhanden wären.
    Ein kalorisches Kraftwerk wäre besser als Menschen auf Ergometer-Fahrrad-Dynamos, und Zitteraale wären besser als menschliche Gehirne.
    Eine bessere Idee wäre es gewesen, die Menschen zur Informationsverarbeitung und Speicherung zu verwenden, so ähnlich wie in der Episode “Todesstation” der Serie “Enterprise”.
    Ein Bild zu meinem Text:
    http://members.chello.at/karl.bednarik/MATRIX-2.JPG

    • Zitat:“ Die Ausgangssituation dieses Filmes verstößt leider gegen den Energieerhaltungssatz“
      Der Inhalt des Films verstösst so ziemlich gegen alles. Dass er so gut ankam beim Publikum liegt wohl unter anderem daran, dass ihm eine Art Verschwörungstheorie zugrunde liegt und Verschwörungstheorien kommen beim Publikum immer gut an, was sich etwa am Verkaufserfolg von The Da Vinci Code (Verschwörungsthema als Hintergrund) , einem Film mit viel Publikum trotz schlechten Kritiken, ablesen lässt.

      Übrigens: Auch ein Déjà-vu – Erlebnis könnte mit einer Verschwörungstheorie erklärt werden (aber was kann schon nicht mit einer Verschwörungstheorie erklärt werden).

  3. “Schon mal gesehen”
    Vielleicht haben sie vergessen dass man auch in nächtlichen Träumen “sehen” kann. Unser Unterbewusstsein hält Träume für Realitäten und speichert sie nach dem Prinzip der Ähnlichkeit ab. Wenn uns also im täglichen(bewussten) Leben
    Reize begegnen, die solche Traumvisionen antriggern, kann ein Gehirn ,frei nach dem Ähnlichkeitsprinzip, Zusammenhänge konstruieren die der Verstand dann als Deja vu erlebt. Wir haben dann unsere eigenen Traumkonstrukte schon mal gesehen

  4. Déjà-vu´s können auch entstehen, wenn wir etwas erleben und dann kurz davon abgelenkt werden. Wenn wir dann das Gleiche nochmals bemerken – dann haben wir noch das erste Erlebnis im Kurzzeitgedächtnis und wenn dann die zweite Version dieser Situation dazu kommt – haben wir ein déjà-vu

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