Das absolute Gehör

Menschen mit absolutem Gehör können einen beliebigen Ton ohne vorherigen Referenzton benennen oder erzeugen. Etwa einer von 10.000 Erwachsenen hat diese Fähigkeit, ich bin Eine davon. Man kann es sich etwa vorstellen wie das Identifizieren von Farben. Während eine durchschnittliche Person alle Farben um sich herum ohne Nachdenken erkennt, kann sich eine farbenblinde Person nicht einmal vorstellen, wie Farben aussehen. Wenn ich einen Ton höre, egal ob von einer Geige oder zwei zusammengestoßenen Weingläsern, weiß ich intuitiv im selben Moment, um welchen Ton, also um welche Frequenz es sich handelt. Ich kann meine Instrumente ohne Stimmgerät stimmen, die Tonarten von allen Liedern erkennen und diese auf vielen Instrumenten nachspielen.

Die Fähigkeit gilt als Gabe, doch häufig verkompliziert sie mein Leben. Schiefe Töne oder verstimmte Instrumente stören mich so sehr, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann oder sogar unter körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen leide. Und glauben Sie mir, man wird erstaunlich häufig mit schiefen Tönen konfrontiert… Doch nun erst einmal von vorne.

Wie hören wir überhaupt?

Beim Hören gelangen Töne in Form von Schallwellen ins Außenohr und bringen das Trommelfell zum Vibrieren. Durch diese Vibration werden die Gehörknöchelchen im Mittelohr zum Schwingen gebracht. Die Schwingungen erreichen das Innenohr und werden in der sogenannten Cochlea auf Haarzellen übertragen, die diese in elektrische Aktionspotenziale umwandeln. Über den Hörnerv gelangen die Impulse in die primäre Hörrinde des auditiven Cortex, der in der Schläfenregion liegt und etwa die Größe eines Daumennagels hat.

Ähnlich wie andere Felder im Gehirn, die Sinneseindrücke verarbeiten, ist die primäre Hörrinde tonotop aufgebaut. Das kann man sich etwa wie den Aufbau einer Klaviertastatur vorstellen. Frequenzen, die aufeinander folgen, werden auch im Gehirn nebeneinander verarbeitet, sie haben also ein festgelegtes anatomisches Korrelat. Anschließend werden Hörinformationen an die assoziativen sekundären und tertiären Hörrinden weitergeleitet. Diese dienen der Bewertung und dem Abgleich der Information mit Bekanntem. Eine besonders große Rolle spielt hierbei das Wernicke-Areal, das für das Sprachverständnis verantwortlich ist.

Zurück zum Thema. Was ist es nun, das Menschen mit absolutem Gehör von anderen unterscheidet?

Auf die Größe kommt es an

Obwohl es immer noch als weitgehend ungeklärt gilt, welche neuronalen Zusammenhänge genau hinter dem Tonhöhengedächtnis stecken, veröffentlichten Keith Schneider und sein Team 2019 einen interessanten Ansatz. Sie führten einen Versuch durch, in dem sie die tonotope Anordnung im Gehirn von Absoluthörern, Berufsmusikern ohne absolutes Gehör und „normalen Menschen“ kartographierten. Dazu wurden die Probanden mit verschiedenen Frequenzen konfrontiert und die zugehörige aktive Hirnregion mittels MRT eingefangen und dokumentiert.

Das Ergebnis: Alle Testpersonen mit absolutem Gehör hatten einen um die Hälfte größeren auditiven Cortex als die Vergleichsgruppen. Das größere Volumen bietet Platz für die Wahrnehmung zusätzlicher Zwischenfrequenzen, die bei Menschen ohne absolutes Gehör nicht im gleichen Maß differenziert werden können. Die feiner verarbeiteten Signale aus der Cochlea liefern wesentlich mehr Informationen und können durch einen Prozess, den Schneider „ensemble coding“ nennt, für eine exakten Tonhöhenbestimmung verrechnet werden.

Diese Erkenntnisse deuten auf einen genetischen Faktor hin, dennoch wird das absolute Gehör auch durch musikalische Früherziehung oder das frühe Lernen von Tonsprachen wie Mandarin beeinflusst. Musikschüler aus China etwa besitzen viermal häufiger ein absolutes Gehör als ihre Klassenkameraden aus den USA. Ein ganz genaues Verständnis des absoluten Gehörs gibt es also noch nicht, jedoch zeigt uns dieses Phänomen einmal mehr, wie viel es im menschlichen Gehirn noch zu erforschen gibt.

Literatur

  • Keith Schneider et al. (2019): Larger Auditory Cortical Area and Broader Frequency Tuning Underlie Absolute Pitch. [Online im Internet]. URL: https://www.jneurosci.org/content/39/15/2930. [Stand 10.09.2022]
  • Thomas Huber (2019): Das absolute Gehör. [Online im Internet]. URL: https://at.neuroth.com/magazin/absolutes-gehoer/. [Stand 10.09.2022]
  • MedLexi (2022): Auditiver Cortex. [Online im Internet]. URL: https://medlexi.de/Auditiver_Cortex. [Stand 10.09.2022]
  • Eva Rudolf-Müller (2022): Auditive Wahrnehmung. [Online im Internet]. URL: https://www.netdoktor.de/anatomie/auditive-wahrnehmung/[Stand 10.09.2022]

Veröffentlicht von

Mein Name ist Louisa Sohmen und ich bin Medizinstudentin in Hamburg. Da ich erst am Anfang meines Studiums stehe, konnte ich noch keine eigenen Erfahrungen in der wissenschaftlichen Forschung sammeln, allerdings kann ich mir gut vorstellen, später in einem solchen Bereich tätig zu werden. Die Komplexität des menschlichen Gehirns faszinierte mich schon immer, weswegen ich mich sehr freue, mich hier regelmäßig mit spannenden Fakten auseinandersetzen zu können.

14 Kommentare

  1. Na, das ist ja mal was richtig Spannendes. (IMHO)

    Nicht nur, dass, wenn Sie einen Ton hören, im selben Moment intuitiv wissen, um welchen Ton / welche Frequenz es sich handelt, sondern dass dieser Ton auch noch irgendwie stante pede bewertet wird, also als angenehm oder „richtig“ bzw. schief oder „falsch“ empfunden wird.

    Faszinierend, kann ich da nur sagen.

    Danke für den Beitrag!

  2. Schiefe Töne oder verstimmte Instrumente stören mich so sehr,

    „Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden“, erkannte schon Wilhelm Busch und das gilt meistens auch für mich.
    An einem Wohnort habe ich mich aber gewundert, wieso die die mittlere der drei Stundenglocken so einen schrillen, nervenden Ton macht. Aber niemand anderes schien es zu stören. Als ich mein erstes Hörgerät bekam, war der Effekt auch weg, wenn ich es trug.

  3. Etwa einer von 10.000 Erwachsenen hat diese Fähigkeit, ich bin Eine davon.

    Wow!

    Dr. Webbaer meinte von Anfang an besondere, äh, Besonderheit feststellen zu können, viel Erfolg weiterhin.
    Dr. W ist ein fürchterlicher Hör-Banause, sozusagen, er ist mittlerweile in der Lage seine präferierte Musik, Hard-Rock und Metal in Instrumentlagen zu unterteilen, abär noch gar nicht so lange!

    Sehr interessant.
    LG
    WB

  4. @Louisa Sohmen

    Gibt es Musikrichtungen oder Musikinstrumente, die Sie aufgrund ihres absoluten Gehörs bevorzugen, bzw. ablehnen?

    • Rein musikalich bevorzuge ich auf jeden Fall klassische Musik, das kann aber genauso gut an meiner musikalischen Ausbildung wie am absoluten Gehör liegen. Es gibt wenig Musikrichtungen, die ich konsequent ablehne, aber je mehr sich die Dissonanzen häufen (wie etwa bei Zwölftonmusik), desto unangenehmer ist die Musik für mich.

  5. Man könnte also sagen: Menschen mit absolutem Gehör haben ein inneres Organ, welches ihnen Sinnesleistungen und (Hör-) Urteile ermöglicht, die anderen, Menschen ohne dieses innere (Sinnes-) Organ verwehrt bleiben.
    Vielleicht gilt dasselbe ja auch für andere geistige Leistungen. Vielleicht haben ja Menschen mit einem starken, untrüglichen Gerechtigkeitsgefühl eine Art inneres Gerechtigkeitsorgan, einen Hirnteil, in dem solche Urteile vollzogen werden und der grösser ist als bei anderen Menschen, deutlich grösser also als bei Menschen, denen es egal ist, ob es gerecht oder ungerecht zugeht.

    • Das gesuchte “innere Organ” ist der Cortex. Wie Frau Sohmen berichtet, zeigte sich bei untersuchten Menschen mit absoluten Gehör, dass der Cortex-Bereich, der die vom Hör-Organ gelieferten Signale verarbeitet, etwas ausgedehnter ist, als bei Durchnitts-Menschen. Es ist häufiger nachgewiesen worden, dass besonders in Anspruch genommene Regionen des Cortex eines Menschen oder anderen Tieres ausgedehnter sind als durchschnittlich genutzte. Insofern ist es naheliegend, dass eine intensive Musikausbildung mit entsprechender dauerhafter Ausübung die Voraussetzungen für das Vermögen schafft, Töne exakt zu bestimmen. Ich selbst stamme aus einer musikalisch aktiven Familie und kann seit meinem Jugendalter absolut hören (allerdings höre und praktiziere ich auch gern Jazz, insbesondere Free Jazz, und mag plazierte Dissonanzen, ebenso Schönberg, Alban Berg oder Webern, selbst abseits davon radikalere Komponisten wie Stockhausen).

      Ein “inneres Gerechtigkeitsorgan” wird es kaum geben, allein schon, weil Gerechtigkeit nichts absolutes ist. Ein wohlhabender mittelständischer Unternehmer wird es als ungerecht empfinden, dass er Steuern zahlen muss, die in Form von Bürgergeld (s)einem gekündigten Arbeiter zugute kommen. Letzterer sieht es genau umgekehrt. Denn der Unternehmer denkt, dass sein Einkommen allein auf seiner persönlichen Leistung beruhe während der Arbeiter nur kostet. Das zuständige “Organ” zur Behebung dieses widersprüchlichen Gerechtigkeitsempfindens wäre allgemein der Verstand, der das Verhältnis der beispielhaft genannten disparat empfindenden Parteien erklärt und auf dessen Grund zurückführt. Aber das ist ein anderes Thema.

      • Ihre Beobachtungen decken sich vollständig mit meinen. Ich hatte seinerzeit Musik als Hauptfach, und in unserem Kurs waren 3 Mitschüler, die das absolute Gehör hatten. Alle haben schon in sehr jungen Jahren mit einem Instrument begonnen und immer sehr intensiv geübt (einer mit einem falsch gestimmten Klavier, weswegen er alle Töne zuverlässig einen Halbton zu tief angegeben hat). Deswegen bin ich auch immer davon ausgegangen, dass das absolute Gehör erlernbar ist. Übrigens hatten die auch kein Problem mit dissonanter Musik, obwohl in unserem Kurs auch das ganz harte Zeug drankam, z.B. Boulez, Le Marteau sans maitre. Vermutlich handelt es sich bei einer Abneigung gegen Dissonanzen auch um Gewohnheit.

      • Ich selbst stamme aus einer musikalisch aktiven Familie und kann seit meinem Jugendalter absolut hören (allerdings höre und praktiziere ich auch gern Jazz, insbesondere Free Jazz, und mag plazierte Dissonanzen, ebenso Schönberg, Alban Berg oder Webern, selbst abseits davon radikalere Komponisten wie Stockhausen). [Kommentatorenfreund ‘Polio’]

        Ebenfalls sehr interessant, haben Sie eine Meinung zu sozusagen gitarren-orientierter zeitgenössischer Musik?
        Bonusfrage :
        Hat es aufgrund Ihres “absoluten Gehörs” Vorteile gegeben, vielleicht auch als Musikant?

        Mit freundlichen Grüßen
        Dr. Webbaer

  6. Louisa Sohmen schrieb (18. Sep 2022):
    > Menschen mit absolutem Gehör können einen beliebigen Ton ohne vorherigen Referenzton benennen oder erzeugen. […]

    Das Benennen eines bestimmten gehörten Tons, bzw. das Erzeugen (nicht nur irgendeines beliebigen Tons, sondern wiederum jeweils eines bestimmten), versteht sich wohl jeweils in Referenz zum Ton-Namen in einer bestimmten Tonleiter, und somit auch jeweils in Referenz zu einem bestimmten Frequenzwert (typischer Weise angegeben in der Frequenz-Einheit “Hertz”).

    Menschen mit absolutem Gehör haben aber vermutlich eine (gegenüber anderen ausgeprägtere) Fähigkeit, die auch ohne diese Art von abstrakter, ggf. erlernbarer Referenzierung auskommt, und die somit auch schon im frühen Vorschulalter gepflegt und womöglich geübt werden kann:

    Wenn sie einen bestimmten vorherigen Referenzton gehört (oder sich vorgestellt, und sich als solchen gemerkt) haben, und wenn dieser längst verklungen ist und danach auch noch verschiedenste andere Geräusche gehört wurden, dann können sie (trotzdem) von jedem weiteren bestimmten Ton besonders genau (sowohl richtig, als auch präzise) angeben, ob dieser höher als der Referenzton war, oder tiefer, oder von gleicher Tonhöhe (Frequenz).

    Und die Ausübung dieser Fähigkeit ist auch hinsichtlich mehrerer verschiedener (einzeln gemerkter) Referenztöne “auf einmal” vorstellbar, und sicherlich auch praktizierbar.
    (Zur Selbstkontrolle bzw. zum Üben eignen sich natürlich Referenzton-Quellen, die jeweils geeignet genau und zeitnah bzw. wahlweise erneut hörbar sind.)

    Stimmt’s?
    (Ich selbst habe diese besonders ausgeprägte Hör- und Merkfähigkeit nämlich zugegebenermaßen nicht; aber zumindest meine eigene Erfahrung beim Identifizieren von Farben, die ja ohnehin noch weiter verbreitet sein soll.)

    • Wenn mich jemand anlügt, oder einfach nur die Unwahrheit geredet wird, kann ich das sehr schnell sehen, hören und manchmal auch riechen, aber wenn ich vor der Wahl stehen würde, welches Sinnesorgan ich für diese holographische Realität behalten möchte, dann ist es das hören, weil diese Fähigkeit besonders inspirierend ist, auch wenn ich zunehmend vieles an Misstönen / “Volksmusik” ausblenden muss.

  7. Eine Frage, die sich beim mir im Bezug auf das absolute Gehör immer wieder stellt ist, an welchem Referenzsystem macht man fest, ob ein Ton zu tief oder zu hoch ist?

    Der Kammerton a’, der normalerweise als Referenzton hergenommen wird, hat ja im Laufe der Geschichte durchaus schon verschiedene Frequenzen von 435 Hz (in Frankreich) bis zu 453 Hz (Großbritannien) oder gar 461 Hz (die sog. “hohe Stimmung” in Österreich) gehabt. Heute üblich sind 440, 442 bzw. 443 Hz.

    Und ein c” wird basierend auf diesen verschiedenen Referenztönen natürlich auch unterschiedlich klingen. Würden Sie ein a’ vom Boston Symphic Orchestra (die üblicherweise auf 440Hz stimmen) als “falsch” aber eines der Berliner Philharmoniker (die üblicherweise auf 443Hz stimmen) als “richtig” bezeichnen? Und wie wirkt sich in dem Kontext die wohltemperierte vs. reine Stimmung aus? Wandelt sich das absolute Gehör also mit der Zeit und passt sich an die vorherrschenden Klanggewohnheiten an?

    • Ich denke, das persönliche Referenzsystem hängt hauptsächlich mit der musikalischen Umgebung zusammen. Als ich ein Jahr in Kanada verbracht habe und dort im Orchester spielte, war ich anfangs sehr irritiert, weil das Kammerton A dort eine andere gängige Frequenz hat als bei uns. Die Umgewöhnung hat allerdings nicht lange gedauert und anschließend kam mir das deutsche A wieder komisch vor.

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