Blind für das Offensichtliche: Wie aufmerksam sind wir wirklich?

Wir sind den ganzen Tag von Sinnesreizen umgeben: Es gibt eigentlich keinen Moment, in dem wir nicht etwas riechen, hören oder sehen, und auch der Geschmackssinn und der Tastsinn sind den ganzen Tag aktiv, damit wir als Organismus funktionieren können.
Doch wenn all diese Sinne gleichermaßen stark von uns wahrgenommen würden, dann hätten wir ein Problem: Denn unser Gehirn kann mit einer derart immensen Menge an Informationen nicht umgehen! Stellt euch mal vor, wie viele Eindrücke an einem der belebtesten Plätze der Welt auf uns einprasseln: der Times Square in New York City. Werbeschilder, Gerüche der Essensläden, hupende Taxis, Leute am Telefonieren – eine absolute Reizüberflutung! Doch trotz all dieser Informationen, die wir aufnehmen, sind wir in der Lage, uns entspannt auf unseren Weg zur U-Bahn-Station zu machen und den Rest um uns herum mehr oder weniger zu ignorieren. Aber wie machen wir das eigentlich?
Aufmerksamkeit im Alltag
Die Definitionen von Aufmerksamkeit unterscheiden sich stärker, als man annehmen könnte. Manche Forschende behaupten, dass wir überhaupt nicht wissen, was Aufmerksamkeit eigentlich ist, weil es ein so komplexes kognitives Konstrukt ist [1]. Doch wenn man versucht, es zu definieren, dann landet man oft hier: Aufmerksam zu sein bedeutet, bestimmte Informationen in seiner Umgebung zu ignorieren und seinen Fokus auf eine spezielle Sache zu richten [2]. Wenn sich beispielsweise während eines Vortrags die knarzende Tür öffnet und jemand zu spät hereinkommt, oder in der ersten Reihe irgendwo ein Handy klingelt, dann nehmen wir es zwar wahr, vergessen es jedoch nach wenigen Millisekunden wieder, weil unsere Aufmerksamkeit auf dem Vortrag lag und wir konzentriert zuhörten [3]. Diese Hintergrundinformationen, die nicht relevant sind, erreichen oft unser Bewusstsein gar nicht. Denn unser Gehirn nimmt zwar alle Reize auf, aber bewusst nehmen wir nur einen Bruchteil davon wahr, damit wir den Fokus auf die wichtigen Dinge nicht verlieren.
Und das ist gut so, denn man muss sich nur vorstellen, wie der Spaziergang über den Times Square aussehen würde, wenn wir alles, was wir mit unseren Sinnen aufnehmen, auch im Gehirn verarbeiten würden! Diese spezielle Form der Aufmerksamkeit nennt man selektive Aufmerksamkeit. Alle Sinneseindrücke werden wie durch einen Flaschenhals geleitet und nur ausgewählte Eindrücke durch höhere kognitive Verarbeitungsprozesse weitergeleitet. Ein schönes Video zur selektiven Aufmerksamkeit findet ihr hier:
Keine Sorge! Ihr seid bestimmt nicht die einzigen, die das Video jetzt direkt nochmal anschauen! Gar nicht so einfach, alles im Blick zu behalten, nicht wahr?
Die selektive Aufmerksamkeit lässt sich in zwei Formen unterteilen: automatische und kontrollierte Prozesse.
Automatische Aufmerksamkeit erfolgt unbewusst, schnell und ohne mentale Anstrengung. Ein typisches Beispiel ist, wenn man auf einer lauten Party plötzlich den eigenen Namen hört – obwohl man gerade in ein Gespräch vertieft ist und der Fokus auf den Gesprächspartner gerichtet ist, richtet sich die Aufmerksamkeit auf einmal automatisch auf den Ruf. Dieses Phänomen ist auch bekannt als Cocktail-Party-Effekt, also wenn der eigene Name sich den Weg ins Bewusstsein bahnt, obwohl man seine Aufmerksamkeit nicht bewusst auf diese Reize gerichtet hatte [4].
Die zweite Form ist die kontrollierte Aufmerksamkeit. Sie ist eine bewusste Steuerung und verbraucht geistige Ressourcen, weil wir uns etwas Neuem hinwenden. So konzentriert man sich etwa gezielt auf ein Gespräch und blendet dabei störende Hintergrundgeräusche aktiv aus [5].
Aufräumen mit Mythen
Entgegen der allgemeinen Annahme, dass Menschen fähig zu Multitasking sind (Frauen nach Gerüchten sogar noch besser als Männer), sagt die Forschung jedoch dazu, dass dies so nicht stimmt. Wir können unsere Aufmerksamkeit gut auf eine einzige Sache und nicht mehrere zeitgleich richten, es ist also eher ein Wechsel der Aufmerksamkeit, anstatt dass man vieles wirklich zeitgleich tut. Forschende sind außerdem der Meinung, dass das Bearbeiten von mehreren Aufgaben eher kontraproduktiv sei, zu mehr Stress, Fehlern und Müdigkeit führe und man doch lieber eine Aufgabe nach der nächsten abarbeiten sollte [6].
Eine weitere häufige Verwechslung ist, dass Aufmerksamkeit das gleiche wie Konzentration sei, dabei handelt es sich um zwei verschiedene kognitive Prozesse. Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, Reize aus der Umwelt wahrzunehmen und auszuwählen, während Konzentration die Fähigkeit ist, die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum auf eine Aufgabe oder einen Gegenstand zu fokussieren. Es beschreibt also die Intensität der Aufmerksamkeit.
Der letzte Mythos dreht sich um das Gerücht, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne kürzer als die eines Goldfisches sei [7]! Nach dem 2015 erschienen Artikel habe der Mensch eine Aufmerksamkeitsspanne von ca. 8 Sekunden, was eine Sekunde kürzer wäre als die des Goldfisches. Für diese Behauptung gibt es allerdings keine belastbaren wissenschaftlichen Belege. Unsere Aufmerksamkeit ist hochgradig vom Kontext abhängig, also wie interessiert und motiviert man sich einer Sache zuwendet. Und ich bin mir sicher, dass jeder schonmal länger als acht Sekunden lang ein spannendes Buch gelesen hat. Also keine Sorge: Die Idee einer starren Acht-Sekunden-Grenze ist ein Mythos [8].
Jetzt seid ihr an der Reihe!
Was meint ihr eigentlich – seid ihr wohl gut im Aufmerksam-Sein? Dann testet euch mal und macht den folgenden Test: Die Aufgabe ist, zu zählen, wie oft sich die Spieler des weißen Teams den Basketball zuwerfen:

Der unsichtbare Gorilla
Und? Wie aufmerksam seid ihr gewesen? Ich bin sicher, dass nicht jeder von euch den Gorilla gesehen hat, richtig? Aber wie kann es sein, dass so offensichtliche Dinge wie ein Gorilla in dem Video, unsere Aufmerksamkeit einfach nicht erreichen können?
Der Gorilla war deutlich für ca. neun Sekunden in der Mitte der Szenerie zu sehen, schlug sich auf die Brust, und lief dann unverrichteter Dinge wieder aus dem Video heraus, doch die wenigsten von euch haben ihn vermutlich wahrgenommen. Im Experiment von 1999 nahmen 192 Beobachter teil, wovon 46 Prozent den Gorilla ebenfalls nicht sahen! Dieses ist eines der bekanntesten Experimente überhaupt und zeigt, wie begrenzt unsere Aufmerksamkeit ist, wenn wir uns einer spezifischen Aufgabe widmen [9]. Alles, was gerade nicht wichtig für die Aufgabe ist, blendet unser Gehirn aus und verarbeitet die Informationen nicht. Es liegt also nicht daran, dass wir den Gorilla nicht sehen (die Eindrücke werden von unseren Augen ganz normal aufgenommen und ins Gehirn geleitet), es hat etwas mit sehr komplexen Wahrnehmungsdynamiken im Gehirn zu tun!
Auch eine spätere Studie mit dem charmanten Titel „Der unsichtbare Gorilla schlägt wieder zu“ („The invisible gorilla strikes again“) von 2013 hatte wieder etwas mit einem Gorilla zu tun, aber der Kontext war nun etwas anders: Forschende haben einen Gorilla in einem CT-Bild der Lunge versteckt (relativ offensichtlich für sogar Laien möchte man wagen zu sagen) und zeigten die CT-Bilder 24 erfahrenen Radiologen, die routinemäßig auf der Suche nach Lungenknoten waren. Die Radiologen untersuchten die Bilder nach Lungenknoten, die aber nicht vorzufinden waren. Der eingefügte Gorilla hingegen war 48-mal größer als ein durchschnittlicher Lungenknoten, und erstaunlicherweise haben 20 von 24 Ärzten den Gorilla nicht gesehen. Interessanterweise zeigten die Eye-Tracking- Ergebnisse, welche die Augenbewegungen der Ärzte auf dem CT-Bild genau verfolgten, dass die meisten der Ärzte sogar direkt auf den Gorilla geschaut, ihn jedoch anscheinend nicht wahrgenommen haben. Hättet ihr den Gorilla wohl gefunden? Dann schaut euch gerne das Video dazu an (Untertitel für die deutsche Übersetzung am besten aktivieren):
Das Experiment erweitert die erste Gorilla-Studie, indem es zeigt, dass nicht nur Laien wie wir, sondern auch erfahrene Suchende von der sogenannten Unaufmerksamkeitsblindheit („inattentional blindness”) betroffen sein können [10]. Es scheint, dass gerade dann, wenn man sehr aufmerksam auf eine bestimmte Sache fokussiert ist, andere Dinge leicht in den Hintergrund treten. Die Radiologen waren nicht unaufmerksam, sondern einfach besonders aufmerksam auf die wohlbekannten Lungenknoten fokussiert, sodass der heimlich platzierte Gorilla vom Gehirn einfach nicht weiterverarbeitet wurde.
Unaufmerksam im großen Kontext
Okay – jetzt aber genug von Gorillas. Was ist, wenn wir nicht durch eine andere Aufgabe abgelenkt werden – dann würden wir große Veränderungen doch bestimmt erkennen… oder? Hier geht es zum nächsten Video:
Diese Studie von 1998 zeigt die sogenannte Veränderungsblindheit (Change Blindness), ein Phänomen, bei dem wir große Veränderungen in unserer visuellen Umgebung nicht bemerken, obwohl sie absolut auffällig sind [11]. In dem Video wurde die erste Person durch das Ablenkmanöver mit der Tür heimlich durch eine andere Person ersetzt! Man könnte annehmen, dass dem Passanten sowas doch direkt auffallen sollte, doch die Ergebnisse zeigten, dass nur die Hälfte der Passanten die Veränderung bemerkten [12]!
Nun könnte man jedoch erwidern, dass die Passanten ihre Aufmerksamkeit auf die Stadtkarte gerichtet hatten, und es deshalb so schwer war, die neue Person zu identifizieren! Doch was ist dann mit diesem Video, testet euch hier gerne auch wieder selbst:
Wie habt ihr euch geschlagen? Bestimmt habt ihr nicht alle Veränderungen gesehen, obwohl ihr euch auf nichts anderes als genau das Video konzentriert habt, richtig? Hier und da habt ihr bestimmt gesehen, wie ein Auto zu einem Moped gemacht wurde, und dafür war eure Aufmerksamkeit verantwortlich, die genau im richtigen Moment sich das Auto gemerkt hat, und es im nächsten Bild mit dem Moped verglich [13]. Doch viele andere Veränderungen blieben unsichtbar. Die kleinen Schnitte, die immer wieder im Video eingebaut sind, ließen uns für einen kurzen Moment ohne visuelle Informationen, sodass Vergleiche zwischen den jeweiligen Bildern schwerer fallen. Obwohl wir uns die ganze Zeit auf die Szene konzentrieren, gehen die Unterschiede leicht verloren und wir bemerken nicht einmal, wie sich Stück für Stück die ganze Straße verändert hat! Man könnte sagen, dass man sprichwörtlich “den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht”.
Aufmerksamkeit ganz aktuell
Man kann sagen, dass unsere Aufmerksamkeit besonders einfach auf interessante, neue und überraschende Dinge geleitet wird. Und wie immer ist das alles evolutionär erklärbar. Plötzlich laute Geräusche oder Bewegungen signalisierten eine potenzielle Gefahr, und um sich in Sicherheit zu bringen wurde die Aufmerksamkeit nur noch darauf gerichtet. Wir sind absolut anfällig für solche Arten von Reizen, denn sie sind tief in uns verankert. Heutzutage haben wir natürlich nicht mehr das Problem von einem lauernden Raubtier angegriffen zu werden, sondern eher die Reizüberflutung durch den schnelllebigen Alltag und die sozialen Medien. Falls euch beispielsweise interessiert, was TikTok mit unseren Gehirnen macht, schaut gerne bei diesem Blogeintrag vorbei:
Ein weiterer, sehr interessanter Blogeintrag beschäftigte sich damit, wie das Leben mit ADHS, also dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, aussieht:
Fazit
Man könnte annehmen, dass unser Gehirn die Umwelt genauso abbildet, wie sie ist. Doch das scheint nicht der Fall zu sein und Forschende weltweit sind Stück für Stück dabei, die komplexe menschliche Wahrnehmung besser zu verstehen. Unser Gehirn scheint die Welt nicht 1:1 abzubilden, sondern so, dass es für uns nützlich ist! Aufmerksamkeit ist eine Methode des Gehirns, Aufgaben für uns umsetzbar angehen zu können, damit wir uns konzentrieren und Irrelevantes ausblenden können. Und obwohl man oft der Meinung ist, die absolute Kontrolle über sein Gehirn und seine Wahrnehmung zu haben und die Welt in ihrer Vollständigkeit wahrzunehmen, ist es bei dem Thema Aufmerksamkeit wohl eher so, dass unser Gehirn die Zügel in der Hand hält. Und vielleicht ist das auch gut so, denn dann können wir uns auf das fokussieren, was auch wirklich wichtig ist!
Quellen
[1] B. Hommel, C. S. Chapman, P. Cisek, H. F. Neyedli, J.-H. Song, and T. N. Welsh, ‘No one knows what attention is’, Atten. Percept. Psychophys., vol. 81, no. 7, pp. 2288–2303, Oct. 2019, doi: 10.3758/s13414-019-01846-w.
[2] J. Krummenacher, ‘Aufmerksamkeit im Dorsch Lexikon der Psychologie’, 2021, Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/aufmerksamkeit
[3] S. Landua, ‘Im Fokus bleiben: Was ist der Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration?’, Sabine Landua. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://sabine-landua.de/was-ist-der-unterschied-zwischen-aufmerksamkeit-und-konzentration/
[4] ‘Cocktail-Party-Effekt’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/cocktail-party-effekt/2294
[5] ‘Die selektive Aufmerksamkeit | NeuroNation’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.neuronation.com/science/de/die-selektive-aufmerksamkeit/
[6] ‘Average Human Attention Span Statistics & Facts [2024] | Samba Recovery’. Accessed: Aug. 27, 2025. [Online]. Available: https://www.sambarecovery.com/rehab-blog/average-human-attention-span-statistics
[7] K. McSpadden, ‘You Now Have a Shorter Attention Span Than a Goldfish’, TIME. Accessed: Aug. 30, 2025. [Online]. Available: https://time.com/3858309/attention-spans-goldfish/
[8] D. K. R. Subramanian, ‘Myth and Mystery of Shrinking Attention Span’, vol. 5, 2018.
[9] D. J. Simons and C. F. Chabris, ‘Gorillas in Our Midst: Sustained Inattentional Blindness for Dynamic Events’, Perception, Sep. 1999, doi: 10.1068/p281059.
[10] T. Drew, M. L. H. Vo, and J. M. Wolfe, ‘“The invisible gorilla strikes again: Sustained inattentional blindness in expert observers”’, Psychol. Sci., vol. 24, no. 9, pp. 1848–1853, Sep. 2013, doi: 10.1177/0956797613479386.
[11] ‘Change Blindness – an overview | ScienceDirect Topics’. Accessed: Aug. 28, 2025. [Online]. Available: https://www.sciencedirect.com/topics/social-sciences/change-blindness
[12] D. J. Simons and D. T. Levin, ‘Failure to detect changes to people during a real-world interaction’, Psychon. Bull. Rev., vol. 5, no. 4, pp. 644–649, Dec. 1998, doi: 10.3758/BF03208840.
[13] R. A. Rensink, J. K. O’Regan, and J. J. Clark, ‘To See or not to See: The Need for Attention to Perceive Changes in Scenes’, Psychol. Sci., vol. 8, no. 5, pp. 368–373, Sep. 1997, doi: 10.1111/j.1467-9280.1997.tb00427.x.
Bildquellen
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Wenn wir etwas neues wahrnehmen, dann reaktiviert unser Gehirn sofort eine vergleichbare bzw. identische Erfahrung aus dem Gedächtnis (Fachbegriff: predictive coding/processing). Diese reaktivierte Erfahrung wird kurzzeitig zu unserer aktuellen Wahrnehmung (d.h. wir ´sehen´ nur reaktivierte Bilder).
Dies ist unsere allerwichtigste Überlebensstrategie, da damit eine sofortige + schnellste Reaktion möglich ist.
Da bei den reaktivierten Erfahrungen kein Gorilla enthalten ist – sehen wir diesen meist auch nicht:
a) Wenn das Gehirn sofort wieder eine neue Wahrnehmung verarbeitet, dann bleibt der Gorilla weiterhin unbemerkt.
b) Wenn das Gehirn aber die reaktivierte Erfahrung mit der aktuellen Wahrnehmung vergleicht – dann kann es passieren, dass der Gorilla gesehen wird.
Kurz gesagt: ob wir den Gorilla sehen oder nicht – ist auf zwei unterschiedliche Verarbeitungsstrategien a)b) des Gehirn zurückzuführen.
off topic: Im Rahmen der sogenannten ´Nahtod-Erfahrung´(NTE) kann man deutlich NEUN ( !) unterschiedliche Arbeitsvarianten erkennen – wie ein/e Reiz / Gedanke / Situation systematisch und strukturiert verarbeitet wird.
Das Problem ist: NTEs werden von der Forschung aber nicht beachtet obwohl man dabei LIVE+DIREKT+BEWUSST erleben kann, wie das Gehirn arbeitet.
Man wird die Arbeitsweise des Gehirns niemals gut verstehen, wenn man ausgerechnet den direktesten Zugang dazu nicht erforscht.
Das regt tatsächlich die Fantasie an – die Tatsache nämlich, dass dem Beobachter Veränderungen entgehen, wenn die Veränderungen am Gesamtbild nur wenig ändern. Darauf könnte man eine ganze Geschichte aufbauen, etwa in der Vision, dass sogar die ganze Welt sich ändert ohne dass das jemandem auffällt. So etwa könnte eine zukünftige künstliche Superintelligenz die Weltherrschaft übernehmen indem sie zwar überall agiert und auftaucht, aber alles in kleinen, von einzelnen Beobachtern nicht wahrnehmbaren Schritten. Die Politiker etwa wären immer noch die Gleichen, doch die Instruktionen würden sie von der Superintelligenz erhalten. Auch der Wetterbericht im TV, die Chats im Internet und alles andere behielte bis auf subtile kleine Änderungen sein äusseres Erscheinungsbild bis dann eines Tages in einer grossen weltweit ausgestrahlten Sendung verkündet wird, die Welt sei jetzt zu 100% in den Händen der Superintelligenz und es beginne eine neue Ära.
Sehr interessanter Artikel, und auch sehr interessant gestaltet! 🙂
Meine Ergebnisse als Testperson sind ziemlich bescheiden bzw. wohl ziemlich repräsentativ…
Erstes Video: Von den 21 veränderten Dingen bei dem Detektiv-Video habe ich höchsten 5 oder 6 gemerkt…
Zweites Video: Ich habe keine 15 Pässe gezählt, sondern nur 10, und den Gorilla natürlich kein Bruchteil von Sekunde gesehen, obwohl er ganz deutlich zu sehen ist, wenn man es weiß. Das ist ja absolut verblüffend!
Drittes Video: Kein Gorilla auf Röntgenbild gesehen (ist aber dort genauso undeutlich wie die anderen Röntgen-Flecken…)
Viertes Video: Ich habe das Szenario vor sehr lange Zeit in einer TV-Sendung “Verstecke Kamera” in Frankreich gesehen, ganz lustig. Wohl mehr als die Hälfte der Passanten haben in der Tat den Austausch des Fragenden nicht bemerkt. Ich glaube allerdings, ich hätte es bemerkt, weil ich mich nicht auf Kartenlesen konzentrieren kann (ich kann es auch schlecht), dafür eher auf Menschen, die mich etwas fragen.
Fünftes Video: Ich habe auch nur 5 oder 6 Veränderungen im Straßenbild erkannt, obwohl es quasi komplett verändert wurde.
Ich würde also sagen, dass meine Ergebnisse die Relevanz der diesbezüglichen Studien und Ihrer Analyse über die Funktionsweise des Gehirns hier bestätigen.
——-
PS: Ich habe eine Anekdote in Erinnerung aus meinem Privatleben, die möglicherweise in diesem Kontext die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf das Wichtigste auch bestätigen würde. Als Jurastudentin in Frankreich habe ich damals Doktorarbeiten von Ökonomiestudenten an der Universität privat auf der Schreibmaschine nach Diktat getippt, um mir ein bisschen Geld zu verdienen – ich konnte sehr schnell und blind mit der 10-Fingern-Methode tippen (damals gab es noch keine Computer). Einmal wollte mir ein Doktorand einen kleinen Streich spielen und hat 2 oder 3 Minuten lang mitte im völlig sachlichen Diktat den Text eines ganz berühmten Chansons von Jacques Brel eingeflochten, das ich natürlich kannte, jeder kannte es in Frankreich. Ich habe es nicht bemerkt !! 🙁 Ich habe alles ernst die so getippte Seite abgegeben, obwohl es absolut offensichtlich war mit dem “falschen Text”… Ich habe mich sogar danach ziemlich geschämt, weil es wohl das Klischee bestätigen könnte, dass “Tippste” nicht verstehen, was sie überhaupt schreiben. Ich erkläre es mir jetzt so, dass ich mich beim Tippen einzig phonetisch auf die Worte konzentriert habe und auf deren korrekte schriftliche Umwandlung Buchstabe pro Buchstabe, wobei ihre Bedeutung und der Kontext völlig irrelevant waren.
@Lopez: “… wobei ihre Bedeutung und der Kontext völlig irrelevant waren.”
Na das ist doch schön und 👍🏻 ich beherrsche auch das Zehnfingersystem.
Wenn mich aber jemand fragt wo sich die einzelnen Buchstaben auf der Tastatur befinden, dann stehe ich auf dem Schlauch und weiß es meistens nicht – Scham? Nee, ich würde eher stinkig werden, wenn jemand sich einen Spaß daraus machen würde. 🙃👎👋🙂 Es wäre schön und machbar, wenn ich Dinge gestalten könnte ohne …!?
In dieser Illusionären konsum- und profitautistischen Welt- und “Werteordnung”, von gleichermaßen unverarbeitet-instinktiver Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und egozentriert-konditioniertem “Individualbewusstsein”, wo die Menschen sich von Kindesbeinen an fachidiotisch- und/oder einfach zu funktional-bewusstseinsbetäubter Suppenkaspermentalität auf wettbewerbsbedingt-konfuse Äußerlichkeiten bilden, ist nichts ein (begeisterndes) Wunder oder Phänomen für (auf)merk- und/oder denkenswerter Begrifflichkeit – Ihr braucht eine Befreiung vom Druck zu Bewusstseinsbetäubung in materialistischer “Absicherung”, damit die Menschen sich als Mensch fühlen und den Weg zur Kraft unseres Geistes finden, wo nichts mehr eine Aufmerksamkeit braucht, weil so gut wie alles geklärt ist und bleibt.
Offensichtlich sind die Probleme des zeitgeistlich-reformistischen Kreislaufes seit Mensch erstem und bisher einzigen GEISTIGEN Evolutionssprung, aber aufmerksam ist offenbar nur der geistige Stillstand …!?👋🥴
KinseherRichard schrieb (08.09.2025, 15:01 Uhr):
> Wenn wir etwas neues wahrnehmen, dann reaktiviert unser Gehirn sofort eine vergleichbare bzw. identische Erfahrung aus dem Gedächtnis (Fachbegriff: predictive coding/processing). Diese reaktivierte Erfahrung wird kurzzeitig zu unserer aktuellen Wahrnehmung (d.h. wir ´sehen´ nur reaktivierte Bilder). […]
Trifft diese Beschreibung auch auf Wahrnehmungen zu, die verbunden waren mit der o.g. “reaktivierten Erfahrung” (d.h. mit der/einer zurückliegenden Erfahrung, die zur neuesten vergleichbar bzw. identisch wäre) ?
Wie wäre denn eine “reaktivierte Erfahrung” ursprünglich ins Gedächtnis/Gehirn gelangt, wenn nicht vermittels Wahrnehmung von “direkten Sinnes-Eindrücken”, die damals neu waren ?
Besteht die damalige neue Erfahrung, die meinetwegen als “reaktivierte Erfahrung” ganz aktuell noch erinnerlich ist und wieder “getriggert” wurde, etwa ursprünglich (weitgehend) aus dem (Wieder-)“Sehen” von noch weiter zurückliegenden Erfahrungen/Bildern ? …
@Wappler
Unser Gehirn hat mehrere Reaktionsmöglichkeiten – dies erklärt, warum manche Menschen den Gorilla sehen und andere nicht.
Mit meinem Beitrag wollte ich auf eine Forschungslücke aufmerksam machen – denn die verschiedenen Arbeitsvarianten des Gehirns werden leider von der Forschung bisher nicht ernsthaft erforscht. Man wird aber die Funktionsweise des Gehirns nicht verstehen wenn man ausgerechnet eine seiner wichtigsten Eigenschaften nicht beachtet.
KinseherRichard schrieb (11.09.2025, 14:44 Uhr):
> […] Mit meinem Beitrag wollte ich […]
Vielen Dank für die Rückmeldung zu meinem obigen Kommentar (09.09.2025, 11:24 Uhr). Leider kann ich darin keine konkrete Antwort auf meine 3 vorgelegten Fragen erkennen. Das mag daran liegen, dass es mir damals noch nicht gelungen war, mein Anliegen zu einer einzigen Frage zuzuspitzen.
Das möchte ich hiermit (anhand eines Beispiels) aber nochmals versuchen; nämlich:
Falls ich demnächst (voraussichtlich im August 2026) den Film “Paw Patrol 3: Der Dino-Film” im Kino ansehe, werde ich dann/dabei (gemäß meinem Zitat aus Kommentar KinseherRichard, 08.09.2025, 15:01 Uhr) im Wesentlichen “reaktive Bilder” sehen, die ich (schon) wahrgenommen hatte, als ich (im Oktober 2023) bei “Paw Patrol 2: Der Mighty Film” im Kino saß.
Frage: Sind das (2023) im Wesentlichen genau jene “reaktiven Bilder” gewesen — bzw. werden das (2026) im Wesentlichen genau (wieder) jene “reaktiven Bilder” sein — die ich (schon) im August 2021 wahrnahm, als ich bei “Paw Patrol – Der Kinofilm” im Kino saß ?
(Usw.)
@Wappler
Ihre Frage habe ich schon beantwortet: Wenn wir einen neuen Reiz wahrnehmen, dann versucht das Gehirn sofort, vergleichbare Erfahrungen zu reaktivieren. Und wenn es nicht sofort etwas vergleichbares findet, dann kann es (es muss aber nicht!) Gedächtnisinhalte systematisch und strukturiert danach durchsuchen.
D.h. das Gehirn hat eine Reihe von Handlungsalternativen.
Ihre Frage ist deshalb nicht beantwortbar – da ich weder weiß, welche Erfahrungen in Ihrem Gedächtnis gespeichert sind, noch weiß ich, welche Arbeitsvariante gerade vom Gehirn benutzt wird.
Hinzu kommt, dass es eine wichtige Rolle spielt, auf was das Gehirn den Fokus seiner Aufmerksamkeit legt (siehe die beiden ´Gorilla´-Beispiele vom Blog-text). Denn der Fokus der Aufmerksamkeit (= Intensität neuronaler Aktivität) entscheidet mit, was wir wahrnehmen.
Dazu ein Beispiel:
Man hat Versuchspersonen Geräusche vorgespielt und die messbare neuronale Aktivität aufgezeichnet. Dann hat man diese Personen so hypnotisiert, dass sie diese Geräusche nicht hören. Als Ergebnis kam heraus, dass die Messkurven beider Versuchsvarianten im Verlauf identisch waren – die Messkurve im Hypnose-Zustand war aber um 1/3 weniger intensiv. Dies bedeutet, dass das Gehirn in beiden Fällen die Geräusche registrierte! Allerdings war im Hypnose-Zustand die Wahrnehmungsschwelle unterschritten.
(Es ist bekannt, dass die Intensität neuronaler Aktivitäten eine gewisse Schwelle überschreiten muss, damit eine bewusst erlebbare Wahrnehmung entsteht.)
Dieses Beispiel zeigt ein weiteres Problem auf: Die Intensität mit der Sie den Dino-Film betrachten, entscheidet mit, was Sie wahrnehmen.
@Wappler – Nachtrag
Unabhängig von unseren normalen Denkaktivitäten bewegen sich neuronale Aktivierungswellen – so wie eine LaOla-Welle – über Gehirnbereiche. Dies führt dazu, dass neuronale Aktivitäten verstärkt oder abgeschwächt werden können: Was wiederum beinflusst, welche Informationen wir Wahrnehmen
(Verstärkte neuronale Aktivierungen sind übrigens auch ein Grund für die Entstehung vom Aha-/Heureka-Moment bzw. dem Geistesblitz. )
KinseherRichard schrieb (14.09.2025, 13:28 Uhr):
> […] Die Intensität mit der Sie den Dino-Film betrachten, entscheidet mit, was Sie wahrnehmen.
Danke — Durch diese (oder so eine Art von) Qualifizierung bzw. Einschränkung wäre der fragliche erste Kommentar (KinseherRichard, 08.09.2025, 15:01 Uhr), aus dem ich zitierte, doch wesentlich weniger zwingend und anstößig, als er zunächst auch mich wirkte (und, für sich genommen, noch immer wirkt).
Jedenfalls passt es mir, wenn Fehl-Zuweisungen (und dabei denke ich in erster LInie an “impropere Darstellungen” der RT) mit “schwacher Intensität” im Sinne von “geringer Aufmerksamkeit” in Verbindung gebracht sind.