Binge Eating

Als Elena 13 Jahre alt war, machte sie ihre erste Diät mit ihrer Mutter. Damals wollte sie unbedingt in Kleidergröße XS passen und machte eine Saftkur. Was darauf folgte, war eine über zehn Jahre andauernde Essstörung, die von Magersucht über Bulimie bis hin zum Binge Eating reichte.

Wie wird Hunger reguliert?

Hunger entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, von denen viele noch nicht komplett erforscht sind.

Ist der Magen leer, wird dort das Hormon Ghrelin ausgeschüttet, welches zum Hypothalamus gelangt. Gleichzeitig sinkt nach längerer Nahrungsabstinenz der Blutzucker, was zusätzliche Hungersignale an den Hypothalamus sendet [1]. 

Nach dem Essen fällt der Ghrelinspiegel wieder ab [2], gleichzeitig wirkt Leptin entgegen, ein Hormon aus dem Fettgewebe, das dem Gehirn signalisiert: Die Energiespeicher sind voll, du kannst aufhören zu essen [3]. In übergewichtigen Menschen ist der Abfall von Ghrelin nach dem Essen geringer [2].

Weitere Sättigungshormone wie Cholecystokinin (CCK), Peptid YY (PYY) und GLP‑1 werden im Darm nach Nahrungsaufnahme freigesetzt und bremsen den Appetit [4].

Insulin aus der Bauchspeicheldrüse senkt nicht nur den Blutzucker, sondern wirkt auch im Gehirn appetithemmend und ist an der langfristigen Regulation des Körpergewichts beteiligt [5].

Der Hypothalamus ist eine Region im Zwischenhirn, die unter anderem die Nahrungsaufnahme, aber auch Atmung, Kreislauf, Körpertemperatur und Sexualverhalten steuert [6]. Dort kommen viele der hormonellen Signale zusammen. Es gibt Neuronengruppen, die entweder appetitanregend (orexigen) oder appetithemmend (anorexigen) wirken und je nach Hormoneingang aktiviert oder gehemmt werden [7]. Ghrelin aktiviert vor allem die orexigenen Neurone, während Leptin und Insulin die anorexigenen Neurone aktivieren [8].

Welche Rolle spielt Belohnung beim Essen?

Essen dient nicht nur als Energiequelle, sondern auch als „Belohnung“. Dabei spielt der Neurotransmitter Dopamin, der eine positive Wirkung hat, eine Rolle. Dopamin-Neuronen aus dem ventralen tegmentalen Areal, einer Region im Mittelhirn, die eine zentrale Rolle im Belohnungssystem spielt, feuern, wenn wir etwas Leckeres riechen oder sehen, in den Nucleus accumbens. Das weckt Lust und Motivation, es zu essen [9].

Hormone wie Ghrelin verstärken das: Sie unterstützen die Dopaminausschüttung und machen vor allem Süßes oder Fettiges unwiderstehlich [10, 11].

Die Amygdala, eine Region, welche für Emotionen zuständig ist, bewertet, wie “tröstlich” Essen wirkt. Konkret verstärkt chronischer Stress die Verbindungen zwischen der Amygdala und belohnungsbezogenen Hirnarealen und erhöht so die Lust auf kalorienreiche Nahrungsmittel [12]. Stress reduziert die Verbindungen zwischen Hirnregionen, die für die Selbstkontrolle zuständig sind, wodurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen zu belohnenden Lebensmitteln wie Süßigkeiten oder Fast Food greifen [13].

Welche Rolle spielt Stress?

Cortisol, das Stresshormon, kann das Hungergefühl vor allem bei länger anhaltendem Stress deutlich steigern. Es wirkt dabei sowohl direkt auf den Stoffwechsel als auch indirekt über das Belohnungssystem im Gehirn [14].

Kurzfristig erhöht Cortisol in Stresssituationen den Blutzucker, um schnell Energie bereitzustellen, der Körper ist im “Alarmzustand”, der Körper stellt die Nahrungsaufnahme hinten an, denn er ist im “Fight or Flight”-Modus. Bei chronisch erhöhtem Cortisol, z.B. ausgelöst durch psychische Störungen oder äußere Einflüsse, verschiebt sich der Effekt: Das Hungergefühl nimmt zu, besonders die Lust auf kalorienreiche, süße und fettige Lebensmittel [15].

Erhöhte Glukokortikoidspiegel, zu denen auch Cortisol gehört und die bei psychischem Stress auftreten, führen zu verstärktem Hunger und zu einer verringerten regionalen Hirndurchblutung in unter anderem den mit Belohnung, Motivation sowie der Nahrungsaufnahme und Kontrolle assoziierten Regionen [16].

Nicht alle Menschen reagieren gleich auf Stress: Bei manchen führt Stress zur Appetitlosigkeit, bei anderen zu “emotionalem Essen”. Faktoren wie Genetik, Schlafqualität, Bewegungsverhalten und psychische Verfassung beeinflussen, ob Cortisol eher zu mehr oder zu weniger Essen führt.

Was ist Binge Eating?

Das Hauptsymptom der Binge Eating Disorder (BED) sind „Essanfälle“, bei denen Betroffene innerhalb kurzer Zeit große Mengen an Essen zu sich nehmen und dabei das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren [17]. Die Betroffenen essen in diesen Phasen besonders schnell und haben das Gefühl, nicht aufhören zu können. Oft hören sie erst auf, wenn sie sich unangenehm voll fühlen. Während und nach einer solchen Attacke folgen häufig Scham, Ekel und Schuldgefühle. 

Im Gegensatz zur Bulimie (Ess-Brech-Sucht) greifen von Binge-Eating-Betroffenen nicht zu gewichtsreduzierenden Mitteln wie Erbrechen, Hungern oder exzessivem Sport.

Ursachen für Binge Eating

Zu den Risikofaktoren gehören psychische und körperliche Einflüsse. Dazu gehören zum Beispiel negative Kindheitserfahrungen, elterliche Depressionen, Anfälligkeit für Übergewicht und negative Kommentare über Figur, Gewicht und Essverhalten [18]. Betroffene berichten, dass das Verbieten bestimmter Lebensmittel (z.B. Süßigkeiten) oder radikale Diäten ein Trigger für eine Essattacke sein können.

Scham und Zwang

Betroffene berichten von einer großen Scham nach einer Essattacke. Sie haben das Gefühl von Kontrollverlust und ekeln sich teilweise vor sich selbst. Häufig essen sie auch Dinge, die sie gar nicht essen wollen, wie Elena, die in einer Essattacke eine Packung Kräuterbutter gelöffelt hat. Diese Scham führt häufig zur Isolation: Es wird heimlich gegessen, gemeinsames Essen wird gemieden.

Binge Eating wird durch zwanghafte Essattacken gekennzeichnet: Betroffene essen schnell, ohne Hunger, bis zum Völlegefühl und können nicht aufhören. Symptome einer Zwangsstörung (OCD) sind hierbei häufig mit denen einer Essstörung komorbid. Die Gedanken Betroffener kreisen fast ständig obsessiv um Essen und Körperbild. Perfektionismus und Kontrollbedürfnis verbinden beide Störungen [19].

Interview mit einer Betroffenen

Wann begann das gestörte Essverhalten bei dir?

Es begann, als ich 13 war und meine erste Diät machte. Damals wollte ich unbedingt in eine Kleidergröße XS passen und wollte deshalb abnehmen, obwohl ich nie dick war. Was folgte, waren unterschiedliche Essstörungen. Zu sehen, wie die Zahl auf der Waage immer weiter abnahm, entwickelte sich zu einer Sucht. Jedes Mal freute oder schämte ich mich unglaublich wegen der Zahl auf der Waage. Ich entwickelte eine Magersucht und war immer mal wieder untergewichtig.

Und wie entwickelte sich das zum Binge Eating?

Nach einer Zeit konnte ich das geringe Gewicht nicht mehr halten. Zeitweise aß ich für 1-3 Tage gar nichts und hatte deshalb immer stärkere Essattacken. Als Jugendliche habe ich dann immer versucht dem entgegenzuwirken, damit ich nicht zunehme. Ich trieb exzessiven Sport oder erbrach das zugeführte Essen. Mit der Zeit hörte ich mit den Gegenmaßnahmen auf, weil ich gesundheitliche Probleme davon bekam, die Essattacken blieben allerdings, bis ich Mitte zwanzig war, was dann auch zu Übergewicht führte.

Wie beeinflusst deine Essstörung deinen Alltag? z.B. Arbeit/Studium, Beziehungen, Finanzen, Gesundheit?

Ich denke sehr häufig ans Essen. Wie viel ich gegessen habe, wie viele Kalorien wohl die Mahlzeit vor mir hat, wann und was ich als nächstes essen werde. Wie viel muss ich noch abnehmen, um mein Wunschgewicht zu erreichen? Manchmal halten mich diese Gedanken vom Schlafen oder Arbeiten ab. 

Vor allem früher hatte die Essstörung große Auswirkungen auf meine Beziehungen und Finanzen: Ich wollte nie mit anderen Menschen essen, denn wenn ich begonnen hatte, konnte ich mich nur schwer wieder stoppen, dafür schämte ich mich sehr. 
Während meiner Essattacken kaufte ich immer unglaublich viele Sachen ein oder bestellte Essen für viel Geld, wodurch ich am Ende vom Monat immer nur wenig übrig hatte. Vor allem als ich mein Studium begann und viel Prüfungsstress hatte, aß ich unglaublich viel. 

Auch meine Gesundheit litt unter der Essstörung. Durch das Erbrechen hatte ich immer häufiger Halsschmerzen und mein Zahnschmelz nutzte sich durch die Magensäure ab. Aber ich hatte auch Verdauungsprobleme durch das große Volumen an Essen.

Welche Rolle spielen Gewicht, Körperform oder Aussehen?

Seit ich 13 bin, also seit nun fast 15 Jahren, bin ich unzufrieden mit meinem Körper. Bis heute freue ich mich, wenn die Zahl auf der Waage runtergeht, und bin enttäuscht, wenn sie steigt. Die meiste Zeit fühle ich mich unwohl mit meinem Aussehen und kritisiere mich selbst.

Wie fühlt sich das an, wenn du einen solchen “Essanfall” erlebst?

Es überkommt mich wie ein extremer Zwang oder eine Sucht nach etwas. Ich beginne erst etwas zu essen, was ich mir “verboten” habe, zum Beispiel ein Stück Schokolade. Darauf folgt dann die gesamte Packung. Danach geht es wahllos weiter und ich esse zum Teil Dinge, die ich gar nicht essen möchte oder mir nicht mal schmecken. Einmal habe ich eine ganze Packung Kräuterbutter gelöffelt. Das geht dann häufig so lange, bis mir schlecht wird oder ich starke Schmerzen habe.

Gibt es bestimmte Auslöser, die deine Symptome verstärken?

Ein großer Trigger ist es, wenn ich mir Lebensmittel verbiete oder mich versuche auf eine bestimmte Menge an Kalorien zu beschränken. Sobald ich das mache, beginnt der extreme Zwang, es essen zu wollen und große Volumina in mich reinzustopfen. Außerdem ist Hunger auch ein großer Auslöser; ich darf nicht zu hungrig werden und muss immer gesättigt sein, um keine Heißhungerattacken zu bekommen.

Was hilft dir bei deiner Essstörung?

Ich bin mittlerweile in Therapie und medikamentös eingestellt, was mir sehr hilft. Außerdem hilft es mir, meinen Körper nicht als etwas zu betrachten, das bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Ich muss nicht schlank sein oder schön aussehen, um mir Nahrung zu „verdienen“, und das, was ich esse, muss nicht „gesund” sein. 

Anmerkung: Elenas Name wurde aus Datenschutzgründen geändert. Sie hat den Text vollständig gelesen und ihr Feedback eingebracht, um das Bewusstsein für das Thema zu stärken.

Quellen

  1. Kojima, M., & Kangawa, K. (2005). Ghrelin: Structure and function. Physiological Reviews, 85(2), 495–522. https://doi.org/10.1152/physrev.00012.2004
  2. English, P. J., Ghatei, M. A., Malik, I. A., Bloom, S. R., & Wilding, J. P. (2002). Food fails to suppress ghrelin levels in obese humans. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 87(6), 2984. https://doi.org/10.1210/jcem.87.6.8738
  3. Baskin, D. G., Blevins, J. E., & Schwartz, M. W. (2001). How the brain regulates food intake and body weight: The role of leptin. Journal of Pediatric Endocrinology & Metabolism, 14(Suppl 6), 1417–1429.
  4. Barakat, G. M., Ramadan, W., Assi, G., & Khoury, N. B. E. (2024). Satiety: A gut–brain relationship. Journal of Physiological Sciences, 74(1), 11. https://doi.org/10.1186/s12576-024-00904-9
  5. Woods, S. C., Lutz, T. A., Geary, N., & Langhans, W. (2006). Pancreatic signals controlling food intake: Insulin, glucagon and amylin. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, 361(1471), 1219–1235. https://doi.org/10.1098/rstb.2006.1858
  6. Saper, C. B., & Lowell, B. B. (2014). The hypothalamus. Current Biology, 24(23), R1111–R1116. https://doi.org/10.1016/j.cub.2014.10.023
  7. Sohn, J. W. (2015). Network of hypothalamic neurons that control appetite. BMB Reports, 48(4), 229–233. https://doi.org/10.5483/bmbrep.2015.48.4.272
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  9. Baik, J. H. (2021). Dopaminergic control of the feeding circuit. Endocrinology and Metabolism, 36(2), 229–239. https://doi.org/10.3803/EnM.2021.979
  10. Perelló, M., & Zigman, J. M. (2012). The role of ghrelin in reward-based eating. Biological Psychiatry, 72(5), 347–353. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2012.02.016
  11. Abizaid, A. (2009). Ghrelin and dopamine: New insights on the peripheral regulation of appetite. Journal of Neuroendocrinology, 21(9), 787–793. https://doi.org/10.1111/j.1365-2826.2009.01896.x
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  13. Maier, S. U., Makwana, A. B., & Hare, T. A. (2015). Acute stress impairs self-control in goal-directed choice by altering multiple functional connections within the brain’s decision circuits. Neuron, 87(3), 621–631. https://doi.org/10.1016/j.neuron.2015.07.005
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  17. Amianto, F., Ottone, L., Abbate Daga, G., & Fassino, S. (2015). Binge-eating disorder diagnosis and treatment: A recap in front of DSM-5. BMC Psychiatry, 15(1), Article 70. https://doi.org/10.1186/s12888-015-0445-6
  18. Fairburn, C. G., Doll, H. A., Welch, S. L., Hay, P. J., Davies, B. A., & O’Connor, M. E. (1998). Risk factors for binge eating disorder: A community-based, case-control study. Archives of General Psychiatry, 55(5), 425–432. https://doi.org/10.1001/archpsyc.55.5.425
  19. Williams, B. M., Brown, M. L., Sandoval-Araujo, L., Russell, S., & Levinson, C. A. (2022). Psychiatric comorbidity among eating disorders and obsessive-compulsive disorder and underlying shared mechanisms and features: An updated review. Journal of Cognitive Psychotherapy, 36(3), 226–246. https://doi.org/10.1891/JCPSY-D-2021-0011

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Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.

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