Attention, Attention: Aufmerksamkeit und ADHS
BLOG: HIRN UND WEG
Du sitzt mit einem Buch am Schreibtisch und hast dir zehn feste Minuten vorgenommen, in denen du dich voll darauf konzentrieren willst. Doch bereits nach kurzer Zeit erscheint dein Smartphone auf dem Tisch. Erst unbewusst, dann bewusst. Eine Kurznachricht, ein kurzer Blick auf Social Media, und schon ist die Lektüre wieder in den Hintergrund gerückt. Innerhalb von fünf Minuten bist du nicht mehr bei dem Text, sondern springst durch kanalübergreifende Inhalte. Ein alltägliches Szenario, das viele von uns kennen. Es zeigt, dass Aufmerksamkeitsdefizite nicht automatisch eine Krankheit sind, sondern tief in unseren Alltagsroutinen verankert sind.
Aufmerksamkeitsformen
Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.
- Anhaltende Aufmerksamkeit: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten
- Selektive Aufmerksamkeit: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden
- Wechselnde Aufmerksamkeit: Zwischen zwei Aufgaben wechseln
- Geteilte Aufmerksamkeit: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten
Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. Wenn du beispielsweise in einem offenen Büro arbeitest, musst du permanent entscheiden, welche Geräusche du ignorierst (Telefonate, Gespräche) und welche du beachtest (eine Nachricht von Kollegen, eine wichtige E‑Mail). Gleichzeitig willst du dich aber eigentlich auf deinen eigenen Text konzentrieren.
Die Neuroanatomie der Aufmerksamkeit
Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. Diese Netzwerke bezeichnet man oft als Aufmerksamkeits‑ bzw. Vigilanz‑Netzwerke: Sie sorgen dafür, dass du schlagartig auf ein plötzliches Geräusch reagieren kannst, gleichzeitig aber auch für längere Zeit auf einen Text oder eine Konversation fokussiert bleibst. Wenn diese Netzwerke überfordert, überreizt oder geschwächt sind, bricht der Fokus zusammen und du landest wieder beim Handy.
Alltägliche Aufmerksamkeitsstörungen
Es ist wichtig zu verstehen, dass unaufmerksames Verhalten nicht automatisch als Störung einzustufen ist. Viele Menschen fühlen sich leicht ablenkbar und von den Reizen überfordert.
Im Alltag gibt es viele Faktoren, die unsere Aufmerksamkeit schwächen können. Sei es die digitale Ablenkung durch klingelnde Smartphones, Instagram-Reels und TikToks oder auch nur das kurze Checken der E-Mails. Stress und Schlafmangel können weitere Faktoren sein, die die Aufmerksamkeit im Alltag schmälern. Auch wenn wir zu viele Informationen gleichzeitig erhalten, etwa in einem Café oder Großraumbüro, kommt es häufig zu einem Overload: Wir können uns dann auf keinen der Reize konzentrieren und alles ballt sich zu einer Wolke undefinierbaren Rauschens im Gehirn.
Digitale Aufmerksamkeits-Killer
Digitale Technologien haben unsere Gehirne so trainiert, dass jede Nachricht, jeder Ping und jede neue Benachrichtigung wie ein kleines Dopamin-Spiel wirken. Das Gehirn lernt: „Schnelle, unberechenbare Reize lohnen sich.“ Gleichzeitig wird es aber immer schlechter darin, geduldig bei einer einzigen, weniger reizvollen Aufgabe zu bleiben, wie dem Lesen eines Buches oder dem Bearbeiten einer komplexen Aufgabe. Die alleinige Anwesenheit eines Smartphones während einer Aufgabe kann die Konzentration negativ beeinflussen [4].
Eine Studie aus dem Jahr 2017 ergab, dass eine höhere Nutzungshäufigkeit von Facebook auf Smartphones beispielsweise mit einem geringeren Volumen grauer Substanz im Nucleus accumbens einhergeht. Dieser gehört zum Belohnungssystem [5].
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Stress und Aufmerksamkeit
Sogenannte Exekutivfunktionen, welche hauptsächlich vom präfrontalen Kortex gesteuert werden, sind kognitive Prozesse die zielgerechtes Verhalten, Selbstregulation und anpassungsfähiges Denken ermöglichen. Zu den Exekutivfunktionen gehören Arbeitsgedächtnis, Inhibition und kognitive Flexibilität.
Das Arbeitsgedächtnis beschreibt die Fähigkeit, Informationen vorübergehend im Kopf zu halten und zu manipulieren, zum Beispiel wenn man sich eine Telefonnummer merkt, um sie zu wählen. Die Inhibition ist die Fähigkeit, automatische oder impulsive Reaktionen zu unterdrücken, Ablenkungen zu widerstehen und den Fokus zu halten. Die kognitive Flexibilität ist die Kompetenz, das Denken schnell an neue Anforderungen oder Perspektiven anzupassen.
Akuter Stress behindert die Funktion des Arbeitsgedächtnisses, der kognitiven Flexibilität und der Inhibition [6]. Das Gehirn kommt in einen Zustand, in dem es eher „reagiert“, statt „plant“.
ADHS: Mehr als nur unruhig
Wenn es um Aufmerksamkeitsstörungen geht, denken viele Menschen an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und im zweiten Gedanken sofort an zappelige Kinder. Doch die Realität ist komplexer: ADHS betrifft Menschen jeden Alters – oft sogar solche, die nach außen ruhig und organisiert wirken. Im Kern handelt es sich um eine neurobiologische Entwicklungsstörung, bei der bestimmte Schaltkreise im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten.
Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Erwachsene zeigen diese häufig in abgeschwächter Form: Sie verlieren schnell das Interesse, unterbrechen andere im Gespräch oder vergessen Termine. Dahinter steckt kein Mangel an Willenskraft, sondern eine veränderte Regulation der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin. Diese Botenstoffe steuern Motivation, Belohnung und Aufmerksamkeit [7, 8, 9]. Gleichzeitig leiden viele Betroffene darunter, dass ihr Gehirn Reize weniger gut filtern kann. Einem Gespräch folgen, während draußen ein Vogel zwitschert, scheint ein Ding der Unmöglichkeit.
Gegensätzlich zu den Konzentrationsschwierigkeiten berichten viele Betroffene von einem sogenannten Hyperfokus. In einem Hyperfokus können sich ADHSler auf bestimmte Aufgaben geradezu festbeißen: stundenlang vertieft in ein Projekt, Spiel oder Hobby. Der Hyperfokus entsteht, wenn ein Thema das Belohnungssystem stark aktiviert. Dann schaltet das Gehirn in einen Zustand intensiver Konzentration, der jedoch ebenso schwer zu kontrollieren ist wie die Ablenkbarkeit selbst. Betroffene berichten, dass sie im Hyperfokus häufig ihre Umwelt ausblenden, vergessen zu essen oder auf Toilette zu gehen.
ADHS ist keine Frage von „zu wenig Disziplin“, sondern Ausdruck eines Gehirns, das Reize anders filtert. Mit der richtigen Unterstützung – etwa durch Verhaltenstherapie, Strukturtraining oder Medikamente – können Betroffene einen Umgang mit ihrem ADHS finden.
In der Entwicklung von Kindheit bis Erwachsenenalter verläuft ADHS oft nicht linear. In vielen Kindern sichtbare Hyperaktivität verlagert sich bei Erwachsenen häufig in innere Unruhe, Organisationsprobleme oder chronische „Überforderung in der Alltagsplanung“. Frauen mit ADHS werden häufig erst spät diagnostiziert, da sie weniger auffällig rastlos wirken und eher als „zerstreut“ oder „verträumt“ wahrgenommen werden [8].
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Dieser Text wurde in Zusammenarbeit mit einer betroffenen Person geschrieben.
Quellen
- Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., & Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382
- Kane, M. J., & Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin & Review, 9(4), 637–671. https://doi.org/10.3758/BF03196323
- Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. https://doi.org/10.1177/1073858411409051
- Skowronek, J., Seifert, A., & Lindberg, S. (2023). The mere presence of a smartphone reduces basal attentional performance. Scientific Reports, 13(1), Article 9363. https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4
- Montag, C., Markowetz, A., Blaszkiewicz, K., Andone, I., Lachmann, B., Sariyska, R., Trendafilov, B., Eibes, M., Kolb, J., Reuter, M., Weber, B., & Markett, S. (2017). Facebook usage on smartphones and gray matter volume of the nucleus accumbens. Behavioural Brain Research, 329, 221–228. https://doi.org/10.1016/j.bbr.2017.04.035
- Shields, G. S., Sazma, M. A., & Yonelinas, A. P. (2016). The effects of acute stress on core executive functions: A meta‑analysis and comparison with cortisol. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 68, 651–668. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2016.06.038
- American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.)
- Heine, S., & Exner, C. (2021). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Zeitschrift für Neuropsychologie, 32(3), 141-157. https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329
- Del Campo, N., Chamberlain, S. R., Sahakian, B. J., & Robbins, T. W. (2011). The roles of dopamine and noradrenaline in the pathophysiology and treatment of attention‑deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 69(12), e145–e157. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036
„Einem Gespräch folgen, während draußen ein Vogel zwitschert scheint ein Ding der Unmöglichkeit.“
Beispielhaft betrachtet zeichnet es ja Führungskräfte aus, besonders die weiblichen , dass sie zwei unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig bewältigen können.
Männliche Führungskräfte können das nur eingeschränkt, sie dominieren eine Aufgabe und lösen die andere nur halbherzig.
Bei Wissenschaftlern ist die „vollkommene“ Konzentration für eine Aufgabe sogar die Vorausetzung für die Lösung eines Problemes. Von dem Chemiker Kekulé wird berichtet, dass er die Lösung zur Struktur des Benzoles , den Benzolring , geträumt hat.
Und wer selbst programmiert, dabei muss man mindestens zwei Stunden lang ungestört über eine Struktur nachdenken können.
Also, bevor man solche Leute therapieren will, die Gesellschaft braucht auch solche Menschen.