Attention, Attention: Aufmerksamkeit und Neglect

Aufmerksamkeit ist das unsichtbare Steuerpult unseres Alltags: Sie entscheidet, worauf wir reagieren, was wir ignorieren und wie wir unsere Umwelt erleben. Oft merken wir erst, wie zentral sie ist, wenn sie ins Wanken gerät, wenn Gedanken abschweifen, Reize überfluten oder scheinbar Selbstverständliches plötzlich schwerfällt. Von fokussiertem Arbeiten bis zum gleichzeitigen Verarbeiten mehrerer Reize leistet unser Gehirn hier Erstaunliches. Doch was passiert, wenn diese Systeme gestört sind und wie lässt sich Aufmerksamkeit gezielt stärken?
Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie
Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.
- Anhaltende Aufmerksamkeit: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten
- Selektive Aufmerksamkeit: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden
- Wechselnde Aufmerksamkeit: Zwischen zwei Aufgaben wechseln
- Geteilte Aufmerksamkeit: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten
Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich.
Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3].
Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im ersten Teil.
Konzentrationsprobleme bei Depression und Angststörungen
Neben ADHS ist die Aufmerksamkeit auch bei anderen psychischen Störungen, vor allem bei Depressionen und Angststörungen, deutlich beeinträchtigt.
Bei Depressionen sind insbesondere die präfrontalen Kontrollprozesse und die Verarbeitungsgeschwindigkeit im Gehirn runtergefahren [4]. Das hat zur Folge, dass längere Aufmerksamkeitsphasen extrem erschöpfend werden. Man kann sich zwar noch konzentrieren, aber nur für sehr kurze Zeiträume. Ähnlich wie ein Smartphone, dessen Akku dauerhaft bei 10 Prozent hängt.
Parallel dazu spielt das Stress‑ und Belohnungssystem eine Rolle: Bei Depressionen ist die Sensitivität für Belohnung häufig herabgesetzt, während die Reaktion auf Stress und negative Reize erhöht ist [5, 6]. Das Gehirn bleibt länger an negativen Gedanken „hängen“, was die Aufmerksamkeit verbrauchen kann: Betroffenen fällt es schwer, sich auf positive oder neutrale Aufgaben zu richten, weil der interne Fokus ständig auf negativen Themen kreist.
Ähnlich funktioniert es bei Angststörungen und Überforderung. Hier ist das Gehirn ständig in einer Art Hypervigilanz‑Modus: Es sucht automatisch nach Bedrohungen, Bewertet alles, was passiert, aus der Sicht „ist das gefährlich?“ und ist damit viel weniger frei für konkrete, zielgerichtete Aufgaben [7].
Neglect: Wenn das Gehirn eine Hälfte „vergisst“
Stellen Sie sich vor, Sie schauen auf einen gefüllten Teller mit Nudeln, aber Sie nehmen nur die rechte Seite des Tellers wahr. Oder Sie stehen vor dem Spiegel und rasieren nur die rechte Seite Ihres Gesichtes. So geht es vielen Betroffenen von Neglect.
Der Begriff Neglect (englisch für „Vernachlässigung“) bezeichnet eine Wahrnehmungsstörung, die häufig infolge einer Schädigung einer Gehirnhälfte auftritt, meist der rechten. Beeinträchtigt sind dabei insbesondere die räumliche Aufmerksamkeit, das räumliche Arbeitsgedächtnis, die Raumrepräsentation in verschiedenen Bezugssystemen sowie die Initiierung von Bewegungen auf der kontralateralen, also der der Verletzung gegenüberliegenden, Seite [8].
Betroffene „übersehen“ dadurch alles, was sich auf der gegenüberliegenden Seite ihres Körpers oder des Raumes befindet. Bei Schädigung der rechten Gehirnhälfte, zum Beispiel nach einem Schlaganfall, kommt es zu einem einem sogenannten linksseitigen Neglect: Sie ignorieren Objekte, Personen oder sogar ihre linke Körperhälfte, obwohl sie sehen können.
Die Ursache liegt nicht in den Augen, sondern im Gehirn. Therapieversuche beinhalten zum Beispiel aktives Explorieren und Orientieren oder langsame Bewegungen der fehlenden Seite [9].

Traumatische Hirnverletzungen
Schädel-Hirn-Traumata (SHT) sind Verletzungen des Schädels und Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung, wie Unfälle, Stürze oder Schläge. Primäre Schäden entstehen direkt durch die mechanische Kraft, sekundäre durch Schwellungen, Blutungen oder Druckanstieg im Schädel.
Eine Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) ist ein leichtes SHT 1. Grades. Sie verursacht typischerweise Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und eine kurze Bewusstlosigkeit [11].
Betroffene zeigen posttraumatische Leistungsschwäche mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen: Die Fähigkeit, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, schwindet; die Aufmerksamkeit erlischt rasch, Denkprozesse verlangsamen sich. Ermüdbarkeit steigt außerdem extrem, Ruhepausen werden notwendig [12].
Aufmerksamkeits-Boost
Aufmerksamkeit ist ein trainierbarer Zustand und sie lässt sich mit gezielten Strategien erstaunlich gut kultivieren. Ein bewährter Ansatz ist das Pomodoro-Prinzip: 25 Minuten konzentriertes Arbeiten, gefolgt von einer fünfminütigen Pause. Diese „Aufmerksamkeitsintervalle“ nutzen die natürliche Schwankung der mentalen Energie, verhindern Überforderung und helfen, fokussiert zu bleiben. Entscheidend ist dabei, die Arbeitsphase wirklich störungsfrei zu halten.
Push-Benachrichtigungen oder das ständige Wechseln zwischen Apps kann zu „Aufmerksamkeitsbrüchen“ führen. Daher lohnt es sich, Mitteilungen zu bündeln, das Smartphone außer Reichweite zu legen oder sogar „Focus Mode“-Einstellungen zu nutzen.
Auch Bewegung spielt eine zentrale Rolle: sie kann die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin fördern, die mit Wachheit und Motivation verbunden sind. Besonders effektiv ist regelmäßige Aktivität. Bewegung in der Natur kann uns besonders gut tun.
Ein weiterer Schlüssel liegt in gezielten Achtsamkeitsübungen, etwa kurzen Meditationen oder Atempausen im Alltag. Solche „Mini-Reset“-Momente trainieren das Gehirn, Ablenkung zu bemerken, ohne ihr zu folgen.
Schließlich können auch Schlaf, Ernährung und Umfeldgestaltung die Konzentration beeinflussen.
Quellen
- Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., & Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382
- Kane, M. J., & Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin & Review, 9(4), 637–671. https://doi.org/10.3758/BF03196323
- Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. https://doi.org/10.1177/1073858411409051
- Semkovska, M., Nikolic, J., Dølven, S., & Roth, H. N. (2026). Systematic review and meta-analysis of executive function following remission from major depression. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 11(2), 171–179. https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006
- Liu, Z., Wang, M., Zhou, X., Li, Y., Zhang, T., & Chen, H. (2022). Reduced neural responses to reward reflect anhedonia and inattention: An ERP study. Scientific Reports, 12, 17432. https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9
- Lee, J. S., Mathews, A., Shergill, S., & Yiend, J. (2016). Magnitude of negative interpretation bias depends on severity of depression. Behaviour Research and Therapy, 83, 26–34. https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007
- Wermes, R., Lincoln, T. M., & Helbig-Lang, S. (2018). Anxious and alert? Hypervigilance in social anxiety disorder. Psychiatry Research, 269, 740–745. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086
- Vossel, S., Kukolja, J., & Fink, G. R. (2010). Neurobiologische Grundlagen des Neglects: Implikationen für neue Therapieansätze. Fortschr Neurol Psychiatr, 78(12), 733–745. https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition (S2k-Leitlinie) (Registernummer 030-126l, Langversion 1.0). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf
- Neurolutions. (o. D.). Navigating left neglect. https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/ (Abbildung)
- DocCheck Flexikon. (o. J.). Commotio cerebri. DocCheck Flexikon. Abgerufen am 20. April 2026, von https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie & Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. (o. J.). Schädel-Hirn-Trauma – Auswirkungen und Folgeschäden. Neurologen-und-Psychiater-im-Netz. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/