Attention, Attention: ADHS
BLOG: HIRN UND WEG
Aufmerksamkeit lenkt, worauf wir reagieren, was wir ausblenden und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Besonders deutlich wird ihre Bedeutung, wenn sie schwer zu regulieren ist: wenn Gedanken abschweifen, Reize gleichzeitig um Priorität konkurrieren oder selbst einfache Aufgaben unerwartet viel Energie kosten. Für Menschen mit ADHS ist Aufmerksamkeit ein dynamischer Prozess, der zwischen Hyperfokus und Ablenkbarkeit schwankt.
Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie
Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.
- Anhaltende Aufmerksamkeit: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten
- Selektive Aufmerksamkeit: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden
- Wechselnde Aufmerksamkeit: Zwischen zwei Aufgaben wechseln
- Geteilte Aufmerksamkeit: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten
Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich.
Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3].
Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im ersten Teil.
Was ist ADHS?
Wenn von Aufmerksamkeitsstörungen die Rede ist, denken viele zunächst an hyperaktive Kinder. Tatsächlich ist ADHS jedoch eine komplexe neurobiologische Entwicklungsstörung, die Menschen jeden Alters betrifft, auch solche, die äußerlich ruhig und organisiert wirken. Im Kern liegt eine veränderte Regulation von Aufmerksamkeit zugrunde, die auf ein Ungleichgewicht in dopaminergen und noradrenergen Systemen zurückgeführt wird. Diese Neurotransmitter sind entscheidend für Motivation, Belohnungsverarbeitung und kognitive Kontrolle [4].
Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, die sich im Erwachsenenalter oft anders äußern: etwa durch Vergesslichkeit, häufiges Unterbrechen von Aufgaben oder Schwierigkeiten, Aufgaben konsequent zu Ende zu führen. Viele Betroffene haben zudem Probleme, irrelevante Reize auszublenden, was Alltagsanforderungen zusätzlich erschwert [5, 6].
Paradoxerweise berichten viele auch von sogenanntem Hyperfokus: Phasen intensiver, kaum kontrollierbarer Konzentration auf stark belohnende Tätigkeiten, in denen die Umwelt ausgeblendet wird. ADHS ist daher kein Mangel an Disziplin, sondern Ausdruck einer veränderten Reizverarbeitung.
ADHS: Ein Interview
Wann und wie wurde bei dir ADHS diagnostiziert?
Als ich neun Jahre alt war, wurde meinen Eltern empfohlen, mit mir einen Psychiater aufzusuchen, da ich ein sehr verhaltensauffälliges Kind war. Dort wurden dann alle möglichen Tests gemacht, unter anderem wurde ich auf ADHS getestet. Ich hatte das “Glück”, dass sich mein ADHS als Kind häufig so äußerte, wie man es sich bei stereotypen hyperaktiven Jungs vorstellt, sodass die Diagnose quasi auf der Hand lag.
Weshalb wurdest du getestet? Wie äußerte sich dein ADHS als Kind?
Ich war schon immer schlecht in der Schule. Gerade als Kind konnte ich mich kaum konzentrieren und habe sowohl mich selbst als auch die anderen Kinder abgelenkt. Ich hatte nur schlechte Noten und meine Hausaufgaben konnte ich erst nach mehreren Stunden beenden. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich so viele Gedanken im Kopf hatte, dass ich selbst keinen klaren fassen konnte. Oft war ich wahnsinnig sauer, weil ich das Gefühl hatte, nicht richtig denken zu können. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er in dichten Nebel gehüllt. In der Grundschule haben wir häufig Laufdiktate gemacht. Irgendwo im Raum hing ein Text, den man sich merken musste, um ihn dann am Platz auf Papier wiederzugeben. Bis ich am Platz war, hatte ich jegliche Information über den Text wieder vergessen.
Wie hast du die Diagnose im ersten Moment erlebt?
Ich weiß noch, dass ich mich sehr dafür geschämt hatte. Mittlerweile ist die Diagnose sehr wertvoll für mich, weil ich verschiedene Verhaltensweisen und Gefühle besser zuordnen kann, aber als Kind sah ich die Diagnose als den großen limitierenden Faktor, der mich davon abhalten wird “etwas zu erreichen”.
Wie sah die Therapie nach der Diagnose aus?
Nach der Diagnose bekam ich ein Medikament, das meine Aufmerksamkeit verbessern sollte. Dieses habe ich dann auch knapp fünf Jahre eingenommen. Ich habe mich dabei aber immer unwohl gefühlt, als wäre ich nicht mehr ich selbst. Leider hatte es mehr Nebenwirkungen als positive Effekte. Außerdem wurde mir Ergotherapie verschrieben, da ich im Alltag Probleme mit der Motorik hatte.
Wie schaffst du es deinen Alltag zu bewältigen?
Da ich keine Medikamente nehme, um meine Aufmerksamkeit zu verbessern, bin ich darauf angewiesen, mich nach ihr zu richten. Es gibt Tage, an denen ich mich auf nichts konzentrieren kann. Dann versuche ich, nur das Wichtigste zu erledigen. An anderen Tagen habe ich hingegen sehr viel Tatendrang und Fokus und kann alle anfallenden Aufgaben bewältigen. Am wichtigsten sind Akzeptanz und Vertrauen, dass ein besserer Tag kommen wird. Das fällt mir häufig noch schwer. Ansonsten strukturiere ich meine Tage sehr gut, stelle mir Erinnerungen auf dem Handy, plane eine grobe Wochenstruktur immer eine Woche im Voraus und versuche, Dinge wie Putzen, Wäsche waschen oder Einkaufen immer am selben Wochentag zu erledigen.
Wie erlebst du Umgebungsreize (Geräusche, visuelle Eindrücke, Gespräche)?
Ich bin sehr leicht von Umgebungsreizen überfordert. Wenn ich beispielsweise ein Gespräch führe und im Hintergrund ein Vogel zwitschert, kann ich mich nur schwer darauf konzentrieren und muss pausieren, bis das Geräusch leiser wird. Auch beim Autofahren habe ich große Probleme, all die Reize zu verarbeiten. Deshalb fahre ich mittlerweile nur noch Bahn. Einen Großteil meines Alltags verbringe ich außerdem mit Kopfhörern, weil laute oder viele Geräusche mich überfordern.
Hast du Phasen von Hyperfokus? Welche Vor- und Nachteile hat das für dich?
Meine große Leidenschaft ist die Naturwissenschaft, etwas, das ich mittlerweile auch studiere. Ich könnte stundenlang lernen und lesen, ohne meine Konzentration zu verlieren, und vergesse dabei alles um mich herum. Der Vorteil ist, dass ich dadurch in der Uni sehr gut bin. Der Nachteil ist jedoch, dass ich meine eigenen physischen und mentalen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehme. Ich vergesse zu trinken, zu essen, zur Toilette zu gehen und Pausen zu machen. Manchmal bin ich sechs Stunden lang konzentriert und bin danach völlig erschöpft.
Wie beeinflusst ADHS deine Stimmung oder Motivation?
Quasi alles, was ich tue, wird durch meine Motivation bestimmt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich in der Schule nur auf die Fächer konzentrieren konnte, für die ich mich interessierte. Mich durch Erdkunde, Geschichte oder Französisch durchzuschlagen, war eine Qual. Ich bin sehr glücklich, das Privileg zu haben, etwas zu studieren, das mich begeistert. In einer kaufmännischen Ausbildung wäre ich wahrscheinlich untergegangen. Wenn ich allerdings Tage habe, an denen ich Dinge tun muss, die mir keinen Spaß machen, komme ich wahnsinnig schwer aus dem Bett. Schon im frühen Kindesalter habe ich eine Depression entwickelt. So geht es vielen Menschen mit ADHS: Wenn die Lust fehlt, fällt man schnell in eine Sinnkrise.
Gehst du heute in Therapie?
Therapie ist seit vielen Jahren Teil meines Alltags. Ich bespreche dort viele Dinge und arbeite vor allem an den Komorbiditäten, die das ADHS mit sich bringt, wie beispielsweise Angststörungen oder Depressionen. Durch die Therapie habe ich gelernt, besser mit meinem Gehirn umzugehen, und ich habe Strategien entwickelt, die mir das Leben leichter machen.
Was würdest du anderen Betroffenen raten?
Versucht euch selbst zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass ihr euren Weg gehen werdet. Löst euch von Erwartungen und von Vorurteilen, die euch auferlegt wurden. Ihr seid nicht faul oder dumm, ihr erlebt die Realität nur anders. Seit sanft zu euch, nehmt Hilfe an und wählt einen Alltag, der für euch funktioniert!
Quellen
- Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., & Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382
- Kane, M. J., & Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin & Review, 9(4), 637–671. https://doi.org/10.3758/BF03196323
- Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. https://doi.org/10.1177/1073858411409051
- Skowronek, J., Seifert, A., & Lindberg, S. (2023). The mere presence of a smartphone reduces basal attentional performance. Scientific Reports, 13(1), Article 9363. https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4
- Del Campo, N., Chamberlain, S. R., Sahakian, B. J., & Robbins, T. W. (2011). The roles of dopamine and noradrenaline in the pathophysiology and treatment of attention‑deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 69(12), e145–e157. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036
- American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.)
- Heine, S., & Exner, C. (2021). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Zeitschrift für Neuropsychologie, 32(3), 141-157. https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329