Der Mensch, Gottes Geschöpf

BLOG: Hinter-Gründe

Denk-Geschichte(n) des Glaubens
Hinter-Gründe

Vor Jahrzehnten, vielleicht in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, las ich einmal in einer Illustrierten: Aus den Tiefen des Weltalls könne der schwindende Glaube an Gott möglicherweise doch neue Kraftzufuhr bekommen. In Quasaren, Schwarzen Löchern (oder was auch immer da angeführt wurde) sei eine Kraftquelle entdeckt worden, die auf verborgene Weise ununterbrochen pulsiert. Mag ja sein, das mit dieser Kraft, dachte ich mir, doch damit soll der Glaube was anfangen? Können Glaubende sich an solch einem Gott orientieren, ihm glauben? Und wie mit ihm kommunizieren?!
Ja, ich weiß, auch in kirchlichen Kreisen scheint eine gewisse Wissenschaftsgläubigkeit zu grassieren: Man läuft dazu allem Möglichen und Unmöglichen hinterher. Wenn in der Kosmologie etwa sich Gesichtspunkte ergeben, die ähnlich klingen zu gewissen biblischen Vorstellungen, können manche nicht widerstehen. Am Anfang war unser ganzes Universum eine große Energiestrahlung? Wunderbar, heißt’s in einigen kirchlichen Kreisen, das entspreche doch dem Schöpfungsbericht: zuerst das große Licht des ersten Schöpfungstages und erst viel später die Sonne. Der Glaube, vielleicht nicht wissenschaftlich bewiesen aber doch mit naturwissenschaftlichen Gütesiegeln bestückt? Frank J. Tipler und Werner Gitt lassen grüßen.
Diese Art von Unterstützung des Glaubens durch Naturwissenschaftler lassen sich Christen öfters gerne gefallen. „Unterstützung“? Man könnte dazu auch „Übergriff der Naturwissenschaft auf die Religion“ sagen – etwas, das man sich sonst natürlich, etwa Hawking gegenüber, indigniert und streng verbittet. Aber wenn ein Physiker sich positiv gegenüber Gottes Möglichkeiten etwa im Urknall äußert? Dann kann es theologisch noch so abstrus sein – kirchliche Stimmen bleiben nicht aus, die ihm Beifall zollen. Warum fragt man nicht ebenso nach Gottes Möglichkeiten etwa in der Stromerzeugung? Wir wären damit der eigenen Fragestellung des Glaubens schon etwas näher – bedenkt man den gerechten Umgang mit den Ressourcen. Und hier könnte man und müsste weiterfragen: Gott und die Atomkraft? Gott und der Biosprit? Gott und das große Geld? Letzteres war für Jesus als Problem noch wichtig.

 

Versuchung Jesu  
Duccio di Buoninsegna
Temptation on the Mount 

(Wikimedia)
 
Denn da geht’s uns als Menschen direkt an: Wie gestalten wir Leben? Wie kommen wir mit uns selbst und anderen zurecht? Da wird’s jedenfalls heikel, auch wenn die wirklich wichtigen Fragen sich nicht durch Messergebnisse verifizieren lassen, nicht durch einfaches Ja oder Nein zu entscheiden sind. Doch: Hier steht’s auf des Messers Schneide, was es für Menschen heißen kann, so zu leben, dass sie ihrer nicht gerade bescheidenen Selbstbezeichnung „homo sapiens“ möglicherweise doch noch gerecht werden – dass sie Menschlichkeit bewahren und fördern. Weisheit und Einsicht gehört zumindest dazu. Und das verknüpft sich für mich, das darf sich damit verknüpfen, dass Menschen sich als „Geschöpfe“ verstehen. Das möchte ich hier erklären.
 
Das Netzwerk des Lebens 
Fangen wir dazu ganz klein an – bei dem, was jeder Mensch doch entdecken kann, der in diese Welt hineinwächst:

Ich lebe von Voraussetzungen, die ich nicht selber geschaffen habe. Da sind biologische Vorgegebenheiten; dazu Nahrung und Kleidung. Sprachliche und sonstige kulturelle Rahmenbedingungen, die mich prägen. Schließlich auch Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten und entsprechende Erwartungen. Das alles bei jedem Menschen in unterschiedlicher Mischung und Dosierung, nicht einmal bei eineiigen Zwillingen völlig gleich. Jeder Mensch ist einmalig, weiß aber (oder könnte es wissen), dass das nicht seine eigene einmalige Leistung ist. Es ist natürlich gut, wenn er Leistung einbringen kann und diese Kraft, aus der er lebt, auch positiv weiter treiben. Der Mensch, der klein anfängt, muss ja nicht klein bleiben. Aber auch der groß Gewordene wird sich darauf rückbesinnen, woraus er lebt:
wie in einem ihn umgebenden Klima, aus dem er lebt oder wie in einem fein gesponnenen Netz, dessen Fäden er nicht erfunden sondern vorgefunden hat und an denen er hoffentlich gut weiterknüpfen wird.
Es ist dabei nicht entschieden, worauf es hinaus läuft; das Lebensklima kann den Menschen stärken oder lähmen, ihn auch ersticken oder vergiften. Oder im anderen Bild: Das Netz des Lebens kann zu eng oder zu weitmaschig werden; er kann gut aufgehoben sein oder es kann ihn würgen und er kann abgehängt werden oder herausrutschen. Ja, auch Fäden zerreißen; und Risse im Netz des Lebens können schmerzen. Dass da dennoch immer wieder Mut und Vertrauen möglich werden, das bleibt eine ständige Aufgabe – die der Einzelne aber auch nicht allein bewirken kann sondern davon abhängt, wie vor ihm schon an den Fäden des Lebens gewirkt wurde und auch neben und nach ihm gewirkt wird. Die letzten Ursachen dieser Gesamtzusammenhänge liegen weit außerhalb der Reichweite des einzelnen Menschen. Und er soll zwar an ihnen verantwortlich mitwirken; doch auch die letzten Auswirkungen seines Handelns liegen außerhalb seiner Reichweite.

Schöpfung
  Schöpfung, Dieter Schütz
pixelio.de

Der Mensch, der sich seiner bewusst wird, wird sich wohl auch solcher Gesamtzusammenhänge bewusst. Aber um sie nicht nur wie hier theoretisch zu benennen, sondern in ihnen zu leben und damit umzugehen – dazu besannen sich Menschen seit urvordenklichen Zeiten auf ihre ureigenste Fähigkeit und Möglichkeit: Sie haben deshalb das, was ihnen widerfährt und sie prägt, menschlich ansprechbar gemacht – auch ihre gemeinsamen Zielvorgaben in ein menschlich ansprechbares Bild hineinprojiziert – ins Bild ihres Gottes oder ihrer Götter.
Sie wollten nicht nur „alles so nehmen, wie es kommt“ – nicht nur schlucken, sondern verhandeln. So bekam das „Warum“ ein Gesicht; und auf das „Wozu“ konnte man sich verständigen – sich auch vergewissern, dass man mit anderen in der gleichen Zielrichtung zusammenwirkt. Ja, den ganzen Lebensbereich – die „Welt“ – hat man sich auf solche Weise immer wieder menschlich aneignen können: Unser Gott hat sie geschaffen, er wird sie auch erhalten müssen. Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht – sie werden in einem sinnvollen Verhältnis bleiben müssen. Und allen Widerwärtigkeiten zum Trotz – hier können wir genießen und arbeiten. (Vgl. 1. Mose 8 und Psalm 104).
Das ist die Quelle dessen, dass Menschen sich als Geschöpfe verstehen. Und zwar nach dem Verständnis wohl aller Religionen keiner für sich allein – als Solipsist; er würde ja genau die Quelle trüben, aus der er lebt. Es ist dabei auch gut, dass Menschen sich nicht nur der Wirkzusammenhänge unter den Menschen selbst bewusst werden, sondern dieses Bewusstsein ausdehnen auf den Zusammenhang mit den Tieren, den Pflanzen, ja der ganzen „Welt“. Wie etwa Luther sagt: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen“.

Konstruktives und Konstruiertes
Natürlich wurden mit dieser Ausdehnung des Schöpfungsgedankens – auch mit den bereits in der Antike immer wieder neuen Weltbildern – nicht nur die ursprünglichen Erzählungen reichhaltiger sondern auch die Aussagen über Gott begrifflich ausgestaltet und dabei öfters mal auch überstrapaziert, überdreht. Beispielsweise war es schon immer ein berechtigtes Anliegen, dass Gott nicht mit seiner Schöpfung verwechselt werden dürfe – damit kein Mensch vor einem andern in die Knie gehen müsse und kein anderes Geschöpf göttlich verehrt werde – damit auch als „nur natürlich“ erklärte Vorfindlichkeiten nicht automatisch normativ fürs Verhalten werden. Doch aus diesem berechtigten Anliegen wurde nicht nur Gott der Schöpfung gegenüber gestellt sondern auch als letzte Konsequenz eine „Schöpfung aus dem Nichts“ erklärt. Das wurde auch für viele Theologen zur unhinterfragten Glaubensaussage; und nun müssen sie sich bemühen zu verstehen, was das im „Dialog mit den Naturwissenschaften“ konkret bedeuten kann. Aber ob das für die Theologie selbst „etwas bedeuten“ muss, ob das überhaupt von Bedeutung ist – das wäre wohl interessanter… Man könnte auch sagen: Da beäugen einige misstrauisch die Hypothesen von Naturwissenschaftlern etwa bezüglich des Big Bang oder des Verhältnisses von Geist und Materie – derweil würde Gottes Anspruch und Verheißung auf ganz andere Betätigungsfelder führen, etwa mitzumachen mit dem Bauhandwerker aus Nazareth, der sich längst mit den Mühseligen und Geplagten solidarisiert. Man kann es auch ganz einfach mit Luther sagen: Da versteigen sich manche in den Himmel und merken nicht, dass Gott auf der Erde angekommen ist. Besser wäre es, sich als Geschöpf in dieser und für diese Schöpfung zu verstehen und zu engagieren.

Erde schützen

Erde schützen
ThorbenWengert
pixelio.de

Offener denken – weiter gehen

Ein entsprechendes Selbstverständnis und Engagement, das ist selbst kein wissenschaftliches Programm, aber dafür können wissenschaftliche Erklärungen sehr hilfreich sein. Man sollte sie rundum benützen, um beispielsweise zu verstehen, welches Verhalten vom Menschen, dem angeblichen „homo sapiens“, sinnvollerweise erwartet werden kann und was von ihm, der doch zugleich sich und die anderen in der Schöpfung mit am meisten gefährdet, noch zu befürchten ist. Wissenschaft kann und soll ihren Beitrag geben, die Wirkzusammenhänge im Netz des Lebens zu beleuchten.
Doch dass dieses nicht von allem möglichen anderen, z.B. durch politische Interessen, korrumpiert wird oder verschütt geht – dazu sind nicht nur Kenntnisse nötig sondern Lebensweisheit und Lebenseinsicht, Vertrauen und Mut. Christen üben das weniger durch Lehrveranstaltungen ein als durch gemeinsame Gebete, Lieder, Feste. Und sagen zu der Lebenshaltung, die auf diese Weise zünden soll, „Glaube“.
Dieser Begriff ist natürlich religiös besetzt. Es bleibt für die, die entsprechende Lebenshaltung und Lebensengagement ohne religiöse Ingredienzien initiieren wollen, eine spannende Herausforderung, wie sie das machen und zwar nicht nur in individueller Einsamkeit und Freiheit sondern breitenwirksam, so dass sich Menschen gemeinschaftlich für solche Ziele einsetzen. Dazu könnten Christen, die nicht nur meinen, ihre traditionellen Vorstellungen verteidigen zu müssen, aus ihrer Erfahrung – den Erfolgen und den Sackgassen der Kirchengeschichte – vielleicht sogar einen fruchtbaren Dialog anzetteln.
Damit nicht die ideologischen Rechthaber und nicht die schrecklichen Vereinfacher das Feld behalten, sondern die Schöpfung bewahrt wird und Menschlichkeit aufblüht.

 

 

Veröffentlicht von

Hermann Aichele Jahrgang 1945. Studium evang. Theologie in Tübingen, Göttingen und Marburg (1964-70), Pfarrer in Württemberg, jetzt im Ruhestand. Hinter die Kulissen der Religion allgemein und besonders des in den christlichen Kirchen verkündeten Glaubens zu sehen, das war bereits schon in der Zeit vor dem Studium mein Interesse: Ich möchte klären, was gemeint ist mit den Vorstellungen des Glaubens, deren Grundmaterialien vor Jahrtausenden geformt wurden - mit deren Über-Setzung für uns Heutige man es sich keinesfalls zu leicht machen darf und denen gegenüber auch Menschen von heute nicht zu leicht fertig sein sollten.

10 Kommentare

  1. Auch der Glauben ist korrumpierbar

    ‘Wissenschaft kann und soll ihren Beitrag geben, die Wirkzusammenhänge im Netz des Lebens zu beleuchten.
    Doch dass dieses nicht von allem möglichen anderen, z.B. durch politische Interessen, korrumpiert wird oder verschütt geht – dazu sind nicht nur Kenntnisse nötig sondern Lebensweisheit und Lebenseinsicht, Vertrauen und Mut.’

    Wann dürfen wir z. B. endlich erleben, dass Gläubige sich nicht mehr vor den politischen Karren gewisser ‘C-Parteien’ spannen lassen…?

    Spätestens dann, wenn diese in Kriege ziehen oder – wie jüngst – überführte Betrüger wortreich und publikumswirksam mit dem Mäntelchen geheuchelter Nächstenliebe zu schützen trachten, sollte sich doch jeder Gläubige, der hier nicht protestiert, vom lieben Gott als Sünder ertappt fühlen.

  2. Sehr schöner Text!

    Da Du Dich in der sehr erfolgreichen Reihe nun mit Gott als Schöpfer und der Distanz von Theologie(n) und empirischen Wissenschaften befasst hast, würde mich Deine Einschätzung zu Abbé Lemaitre und der Entdeckung des Urknalls interessieren. Wäre das nicht einmal ein Thema?

    @Gunnar

    Wann endlich werden ein-gebildete Menschen aufhören, selbstgerecht sich für moralisch und intellektuell hohereertig zu halten?

  3. Umgekehrt!

    Gott, ein Geschöpf der Menschen, erscheint viel glaubwürdiger.
    Wenn sich diese Ansicht durchsetzen kann, wird den endlosen Religionskriegen die Grundlage entzogen, ein Segen für die Menschheit.

  4. Danke,, und um ein paar Ecken gedacht

    Danke der Nachfragen, und der kritischen Anmerkung zu den Bildern.
    Zu Letzterem: Na vielleicht sollte ich nicht um jeden Preis Bilder zusammenklauben, die auch noch nichts kosten dürfen…
    Zur Parteipolitik – @Gunnar Glitscher:
    Das ist hier nicht so meine Sache. Es wäre sonst ein spannendes Beispiel dafür, wie (politische/wirtschaftliche) Interessen und (religiöse oder auch andere ideologische) Ideen sich in die Quere kommen können. Aufpassen muss man wohl auf allen Seiten – besonders wenn man meint, für eine gerechte Sache einzutreten und dazu entsprechende Feindbilder braucht. Das C hat ja immerhin den positiven Nebeneffekt, dass man die Parteien, die sich das anhefteten und also ihrem Anspruch nach christlich sind, besonders deutlich an ihrem Anspruch messen kann. Und stellt dem C gar kein so schlechtes Zeugnis aus: Da gibt es Erwartungen! Ist natürlich schlecht, wenn diese Parteien sich selbst eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen. Oder befreundete Organisationen. Dazu gehören mal mehr und mal weniger auch Kirchen. Dies ist jedoch wenigstens protestantischerseits sehr durchmischt und lässt sich nicht so eindeutig festlegen wie Sie es meinen. Ich erinnere an Margot Käßmann.
    Auf eine entsprechend bissige Bemerkung in der Guttenberg-Geschichte von wegen unterstützenden kirchlichen Äußerungen suchte ich danach: Außer den Militärdekanen (wen wundert’s?) fand ich nichts Offizielles oder Offiziöses. Breit war jedenfalls die kirchliche Unterstützung nicht. Und muss man immer nur Äußerungen mit höheren Weihen für authentisch halten? An der Basis sieht’s öfters anders aus.

    Ja, und @Michael Blume – Danke für das Lob. Dabei siehst Du wohl, wie ich mich von einer gewissen Richtung absetze.
    Zu Lemaitre. Ich finde es natürlich ganz spannend, dass da ein Kleriker die Wissenschaft weiter gebracht hat. Und sein Verdienst soll man – auch wenn inzwischen manches wohl überholt ist – nicht kleinreden. Kleriker und andere Pfarrer haben an verschiedensten Stellen auch die Naturwissenschaft weiter gebracht. Ich kenne mich allerdings bei Lemaitre (über das Niveau von Schulwissen) nicht aus. Es wäre wohl möglich, dass bei seiner Theorieformulierung auch theologische Interessen im Spiel waren. Es gab zumindest schnelle theologische Vereinnahmungen (wie bei Relativitäts- und Quantentheorie) und aus einem entsprechenden Grund (bei Ostblockmarxisten) auch Gegnerschaft. Ich möchte es nicht ankreiden, wenn bei der wissenschaftlichen Suche auch ideologische oder religiöse Interessen mitspielen. Ich würde vermuten, dass es öfters außer-wissenschaftliche Antriebe gab – politische und wirtschaftliche und eben nicht zuletzt auch religiöse und sonst ideologische. Ist aber erst recht gut, wenn das sauber deklariert und dann auch auseinander gehalten werden kann.

    Und soeben sehe ich @Steffen Rehm:
    Menschen haben um ihre Geschöpfe sehr oft schon Kriege geführt; aber wo denn genau wegen der Gottes-Vorstellung? Die soll Grundlage von Kriegen sein? Das wäre interessant.
    Interessant ist jedenfalls auch, dass bereits Affen, denen man keine Religion zum Vorwurf machen kann, Kriege kennen.

  5. @Aichele

    Eine Antwort aus aktuellem Anlass:

    Christliche Werte

    Angeregt durch den TV-Bildschirm während der Guttenberg-Fragestunde im Bundestag und weiteren Sendungen zu Thema.

    Vorbemerkung: Bundeskanzlerin M. und Minister zu G. legen großen Wert auf das hohe C im Namen ihrer Parteien, deren Werte sie in der Politik vertreten wollen.

    Bundestag, 23.2.2011
    Demonstrative Einigkeit der christlich geprägten Ethik zeigte sich an diesem Tag im Bundestag, als die (Aus-)Reden des verlogenen Selbstverteidigungsministers ständig vom klatschenden Fußvolk seiner Partei unterbrochen wurden.

    Noch dreister waren die Reden seiner Verteidiger aus den Reihen der CDU/CSU und sogar der „Liberalen“ Partei. Die Abgeordneten der herrschenden Pateien logen aggressiv bis zum Realitätsverlust in die Mikrophone.

    Lügen, das können sie, darin sind sie Meister, wenn es um die Stabilisierung ihrer Macht geht, da sind sie im ständigen Training, davon leben sie.
    Ihre zweite Natur, die äußere Fassade besteht neben Anzug, Krawatte und geföhntem oder gegelten Haaren überwiegend aus Worten. Eine genaue Trennung von Wahrheit und Lüge ist dabei nicht immer möglich und auch unbequem.

    Offensichtlich wurde der katholische Minister aus adligem Haus durch seine christliche Ethik nicht vom dreisten Lügen in Universität und Bundestag abgehalten.

    Was hat Lügen mit der Religion zu tun, darf man fragen.

    Nun, wenn man z.B. glauben muß und darauf alle Menschen davon überzeugen möchte, daß Jesus aus Wasser Wein machen konnte, von einer Jungfrau geboren wurde, vom Tod zu ewigem Leben wiederauferstanden ist, und daß es einen Gott und einen Teufel gibt, dann wird man nicht über eine scharfe Unterscheidungsfähigkeit zwischen Realität und Phantasie verfügen, und man glaubt in vielen Dingen eher den Traditionen seiner Phantasie als den nüchternen Erkenntnissen eines Naturwissenschaftlers.

    Die Religionen füllen seit Urzeiten diesen Mangel an realistischen, wissenschaftlichen Erkenntnissen mit Phantasiegestalten (Manitu, Wotan, Jupiter usw.) und religiösen Vorschriften aus. Ludwig Feuerbach brachte es auf den Punkt.

    Wer heute noch seinen mittelalterlichen Erkenntnissmangel mit religiösen bzw. phantasierten Welterklärungen kompensieren möchte, der negiert nicht nur die moderne Wissenschaft sondern auch die breite Blutspur, die von den drei abrahamitischen Religionen durch die Weltgeschichte bis in die Gegenwart gezogen wurde. Ein derartig Geblendeter kann kein Garant der Wahrheit sein.

    Man bedenke: Allen drei Religionen Abrahams gemeinsam ist das göttliche Gebot: Du sollst nicht töten! Und ebenso gemeinsam: Die größten Massenmörder werden von diesen Religionen heilig gesprochen (von Moses über Mohammed, Karl den Großen bis zum Selbstmordattentäter).

    Diese systembedingte Schizophrenie kann schon in den abrahamitischen Wurzeln diagnostiziert werden. Ich hoffe, sie ist heilbar im Lauf der Zeit, momentan ist sie noch weltweit lebensgefährlich wirksam, jene Geisteskrankheit eines Nomadenführers vor dreieinhalb Jahrtausenden.

  6. Wurzel allen Übels? @Steffen Rehm

    Ja, wundert Sie vielleicht: ich finde es gut, dass Sie der Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge auf der Spur sind. Aber, wie gesagt, Parteipolitik ist hier nicht meine Sache, und all zu billige Parteipolemik sowieso nicht.
    Ja, wenn Sie einerseits von “Einigkeit der christlich geprägten Ethik“ in der Unterstützung von Lügen schreiben und andererseits davon, dass “christliche Ethik nicht vom dreisten Lügen … abgehalten“ habe – dann kommt ja auch bei Ihnen eine etwas zweideutige Bewertung dieser Ethik heraus: Hätte sie nicht eigentlich vom Lügen abhalten müssen? Das müsste man vielleicht genauer in den Blick nehmen.
    Ähnlich “Was hat Lügen mit der Religion zu tun, darf man fragen“ . Die Frage stellen sich ja auch Christen. Und hinter der Frage könnte ja auch bei Ihnen doch die Unterstellung heraus blitzen, dass es eigentlich ein Widerspruch wäre.
    Nun, solchen Widersprüchen kann man öfters auf die Spur kommen. Sie suchen diese dort, wo Religion ist; und haben sich darauf eingeschossen. Ich würde doch vorschlagen, dass man zumindest die Verquickung mit Macht(ansprüchen) mit einbezieht. Und wer in dieser Verquickung die Grundursache des Übels sieht – der könnte auch bei Christen Verbündete finden.

    Und ich möchte doch auch zum eigentlichen Thema des Blogbeitrags zurücklenken. Nicht unabsichtlich schrieb ich:
    „Gott und die Atomkraft? Gott und der Biosprit? Gott und das große Geld? Letzteres war für Jesus als Problem noch wichtig“ .
    Also, um Gottes und der Schöpfung willen geht es um lebenspraktische Wahrhaftigkeit, im (Überlebens-)Interesse der Menschengemeinschaft.
    Und es geht um die spannende Herausforderung wie man sich gemeinschaftlich für gute Ziele einsetzen kann. Dazu (über ideologische Gräben hinweg und mit positiven Beispielen für Wahrhaftigkeit) einen fruchtbaren Dialog anzuzetteln, das wäre eine feine Sache.

  7. @Aichele / Worte sind wie Samen!

    Sie schreiben:
    “Was hat Lügen mit der Religion zu tun, darf man fragen“ . Die Frage stellen sich ja auch Christen. Und hinter der Frage könnte ja auch bei Ihnen doch die Unterstellung heraus blitzen, dass es eigentlich ein Widerspruch wäre.“

    Sicher , Lügen ist ebenso wie Morden ein Widerspruch zu den heiligen Geboten, denen die drei abrahamitischen Religionen verpflichtet sind.

    Dieser „schizophrene“ Widerspruch erscheint mir aber systemimmanent, weil laut Bibel bereits die Religionsstifter Abraham und Moses sich nicht an diese Gebote gehalten haben.
    Abraham log, als er seine Frau an den Pharao verkuppelte, und Moses log und mordete massenhaft. Kein Wunder also, wenn deren Nachfahren es mit dem Dekalog nicht immer genau nahmen. Das ging natürlich nur durch die Verquickung mit der Macht, die von den Priestern der drei Religionen immer angestrebt wurde (Ausnahme: Jesus und die Ur-Christen bis zu Konstantins Zeiten).
    Ich stimme Ihnen zu, daß der Naazarener nach den Erzählungen der Evangelisten ein moralisch und intellektuell hochstehender Mensch war, aber mit dem Christentum der letzten 1500 Jahre hat er kaum etwas gemeinsam.
    Heute würde er sich wohl nicht einer christlichen Gemeinschaft anschließen,
    eher kann ich ihn mir als Atheist vorstellen.
    Genial finde ich seine Gleichnisse vom Samariter und vom Sähmann
    und den Spruch: „Wer sich frei von Schuld fühlt, der werfe den ersten Stein“.

  8. Quo usque tandem…?

    Also, der liebe Gott weiß alles. Steffen Rehm alles besser. Nach dem, wie Sie sich jetzt auch bei Hussein Hamdan geäußert habe, würde ich vorschlagen, Sie machen sich mal kundig über Stil und Methoden in den Geschichten älterer Völker. Und wie man in Märchen, Mythen, Sagen, Legenden, Balladen… seit alters her Lebenswahrheiten und -weisheiten erzählt hat.
    Sie könnten sich beispielsweise auch über die Geschichte der Beschneidung und die verschiedensten Gesichtspunkte dazu bei den verschiedensten Völkern kundig machen. Und bei Ihrer Behauptung, „dieser Wahnsinn mit ‚Gottes Worten’ “ habe “immer nur den Mächtigen gedient“, könnte ich noch etwas mehr Geschichtsunterricht empfehlen. Stimmt ja nicht nur nicht für die ersten christlichen Jahrhunderte (wie Sie gerade noch bemerkten), sondern auch nicht einmal fürs europäische Mittelalter.
    Die Geschichte der Religionen nur diagonal zu lesen, schlägt in jede Diskussion nur Schneisen der Verwüstung. Ahnungen sind zwar sonst Sache der Religionen; aber etwas mehr Ahnung würde einer wirklichen Diskussion nicht schaden. Da mache ich nicht weiter.

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