Der Esel im Stall von Bethlehem und die Sehnsucht nach Menschlichkeit

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Denk-Geschichte(n) des Glaubens
Hinter-Gründe

Warum eigentlich konnte der Esel im Stall von Bethlehem nicht an der Myrrhe des Königs Balthasar rumschnuppern? Und die Hirten vom Feld – haben sie nicht auch den Stern gesehen? Sie haben nicht – ganz einfach, weil die in der Bibel gar nicht so schön zusammenkommen wie die Figuren in unseren Weihnachtskrippen heutzutage. Erst da sind sie friedlich vereint: Maria und Josef und das Kind in der Mitte. Dazu die Hirten und die Heiligen drei Könige. Ja und Ochs und Esel gehören auch wie selbstverständlich dazu. Doch auf diese Weise kommen sie in Bethlehem nie zusammen, wenn man mal in der Bibel nachschaut.
Dort stehen Ochs und Esel nicht im Stall sondern „stehen“ im Buch des Propheten Jesaja – einer Schrift, die in ihren ältesten Teilen etwa 700 Jahre vor Christus entstanden ist. Und da heißt es im ersten Kapitel (Vers 3): Ihr wisst nicht, wohin ihr gehört; Ochs und Esel wissen’s besser: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn…“ Damit fängt eine Bußpredigt gegen Israel an. Nun, das sind ganz andere Zusammenhänge; aber weil das so schön zu unseren Krippenfiguren passt, wanderten Ochs und Esel, die ihres Herrn Krippe “kennen”, aus Jesaja eben nachträglich in die Weihnachtsgeschichte. Aber nur in die nach Lukas. Der erzählt ja, Maria und Josef hätten wegen einer Steuerschätzung (die sich so sicher nicht datieren lässt wie es bei Lukas klingt) nach Bethlehem gemusst und dort Quartier gefunden in einer „Herberge“. Doch die müsste man sich nicht als Stall (und nicht mit manchen frühen Legenden als Höhlenquartier) vorstellen. Sondern als Karawanserei, wie man sie im Orient hier und da noch besichtigen kann: eine alte Form des „Gasthofs“, ein ummauerter Hof, in dem Reisende zumeist gemeinsam mit den Lasttieren, etwa Kamelen oder Eseln, nächtigen konnten. Das Vieh in die Ecke angebunden, dabei die Futtertröge; eine Vesperstelle und ein Liegeplatz für die Menschen vielleicht näher beim Feuer. Vornehmere konnten vielleicht in einem angrenzenden Gebäude nächtigen; die Knechte und das einfache Volk jedenfalls im Hof.
Karawanserei

Caravanserai of Qalat el-Mudiq,  Innenhof
– sicher größer als eine in Bethlehem –
By Bernard Gagnon, via Wikimedia Commons

Ja, und wenn dort ein Kind geboren wurde, was immer wieder auch mal vorkam, hat man es am sichersten im Futtertrog untergebracht. Vielleicht in einer windgeschützten Ecke. So wird sich’s Lukas vorgestellt haben. Kann sein, dass er auch schon an einen Esel oder an einen Ochsen dachte. Aber er hat sonst den „Stall“ gar nicht geschildert. Denn so idyllisch wie uns wird es ihm ja nicht vorgekommen sein. Er erzählt von den Hirten, die dazu kommen: raue Gesellen aus der Nacht, oft von den „Anständigen“ verachtet als Gesindel, dem nicht über den Weg zu trauen ist. Ist schon etwas, dass ausgerechnet diese Outlaws als erste die Friedensbotschaft Gottes hören und sie ausbreiten sollen. Renommiertere Zeugen muss der Himmel nicht haben.
Oder doch? In der ganz anderen Geschichte des Matthäus sieht es renommierter aus. Aber nur zunächst, wenn wir an die „Heiligen drei Könige“ denken, die nach Bethlehem kommen. Doch von ihnen erzählt Matthäus ja gar nicht, sondern von einer Gruppe Magier, die aus dem Osten kommen, um einem astrologischen Zeichen zu folgen. (Kann übrigens sein, dass entgegen vielen heutigen Vermutungen dieser Stern nicht am Himmel zu suchen ist; etwa in der Konjunktion von Jupiter und Saturn, sondern in Symbol-Mythen um Cäsar und Augustus – diesen entwendet) Sie suchen den neu geborenen König zuerst im Palast in Jerusalem, machen dabei Herodes misstrauisch und kommen schließlich nach Bethlehem in das Haus, in dem Maria und Joseph wie selbstverständlich wohnen.
Bis dahin sind sie noch nicht, wie bei Lukas, unterwegs. Erst wegen der Sache mit dem Kindermord in Bethlehem (der sonst über Herodes nicht bezeugt ist; aber zu dem passt’s ja…) müssen sie allerdings nach Ägypten fliehen. Nach einigen Jahren, weil sie hören, der böse Herodes sei gestorben, möchten sie wieder zurück nach Bethlehem. Sie trauen sich aber nicht richtig, denn der Sohn des Herodes, Archelaus könnte auch so einer sein wie sein Vater. Und finden dann einen sichereren Ort, Nazareth in Galiläa. Ersatzweise! Denn bis dahin weiß (in der Erzählung des Matthäus) Josef offensichtlich noch gar nicht, dass er mal dort wohnen sollte – Gott muss es ihm erst im Traum sagen. Und das muss wiederum einer erzählerischen Anmerkung dienen: Nach Nazareth geht’s, denn Jesus soll ein „Nazoräer“ heißen. (Hängt vielleicht mit einer messianischen Etikettierung Jesu zusammen: er sei der verheißene „Spross aus Davids Stamm“)

Ich finde es jedenfalls interessant, wie Matthäus und Lukas in ihren Evangelien die beiden konkurrierenden Orte Nazareth und Bethlehem und die anderen Erinnerungs-(Bruch)stücke an mögliche historische Zusammenhänge ganz unterschiedlich zusammen puzzeln und erzählerischen Zwecken dienstbar machen. Da muss der Stern her, der sonst für andere Herren aufstrahlt. Und da singen, anders als bei Vergil, Engel – ausgerechnet vor Hirten, den dunklen Gestalten der Nacht. Sie singen von der Geburt des göttlichen Kindes und einem den Menschen verheißenen Frieden – angesichts einer brutalen Steuereintreibung zur Aussaugung der Länder, im eisernen Griff des Römischen Friedens, der „Pax Romana“.
Doch noch interessanter, wie für uns alle die Gestalten, die ursprünglich in den verschieden aufgebauten Erzählungen nie zusammentrafen – wie die dann im Lauf der nachbiblischen Erzähltraditionen doch in ein einheitliches Krippenbild eingezeichnet werden. Die Magier aus dem Osten, die zu heiligen drei Königen werden und zu “Vertretern der Völkerwelt“ – die Hirten vom Feld, dazwischen friedlich Ochs und Esel. Und in der Mitte von allem: Vater und Mutter und das Kind. Eine heilige Familie, eine heile Welt. Für uns in Europa auch meist ausgemalt als „mitten im kalten Winter“, in einer der längsten Nächte, „wohl zu der halben Nacht“. Ist ja bekannt: 25. Dezember – Tag der unbesiegbaren Sonne, Tag der Kaiserkrönung und auch des Mithraskultes.

  Nativity Scene Zilina
Krippenszene in Zilina
von Juloml, via Wikimedia Commons

Ja, da spürt man eben, wie Menschen durch Jahrhunderte hindurch eine Weihnachtsgeschichte geformt haben, eine Sehnsuchtsgeschichte: Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit; und Sehnsucht nach Frieden. Nicht nur Mensch und Gott sind miteinander versöhnt, sondern auch Mensch und Tier. Und eben auch der Mensch mit dem Menschen: die großen Könige aus der Ferne, die Repräsentanten der Völker, und die rauen Gesellen der Nacht, die Hirten vom Feld. Einmal wenigstens sollen sie alle zusammen gehören dürfen, einmal wenigstens die Gegensätze vergessen, die sonst unter Menschen herrschen…
Diese Sehnsucht darf nicht verstummen. Denn genau sie ist für Menschen besser als die abgekarteten Maßstäbe, die sonst in unserer Welt gelten. Darum gewissermaßen als Lockimpuls für die Männer, die sonst drauf aus sind, stark zu wirken: Die angesehenen und weitgereisten „Könige“ aus dem Orient – gemeinsam mit den Hirten werden sie an einem Ort, an dem man sonst eher die Nase rümpft, vor einem Kind knien.
Das ist natürlich unrealistisch; aber genau so wurde die göttliche Sehnsuchtsgeschichte, die Geschichte menschlicher Sehnsucht geformt: Einmal nicht das Große und Mächtige anbeten – einmal nicht vor den Großen in die Knie gehen. Sondern das Kleine, das Zarte und Zärtliche behutsam pflegen. Ein Kind in der Mitte des Geschehens, ein schutzloses, ein hilfloses. Ja, man darf wohl dazu setzen: sich in die leiseren Pulsschläge des Lebens einfühlen. „Und jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt“, so formuliert eine alte Hoffnung, bei Jesaja. Und in einem neueren Adventslied wird das umgesetzt: Wir sind drauf aus, dass kein Kind mehr „nachts erschrocken schreit, weil Stiefel auf das Pflaster schlagen“. Wie oft noch müssen Kinder erschrocken schreien – und Erwachsene darüber weinen, dass Kinder zu Opfern ihrer Gewaltanbetung werden? Für eine menschengerechtere Welt muss man doch etwas machen wollen und machen können.

Und da noch einmal der Esel. Er gehört zwar nicht unbedingt in die Weihnachtsgeschichte, doch unbedingt zu Jesus. Für ihn wird das Reittier der armen Leute zum markanten Zeichen, wie er in Jerusalem einreitet: Ein König der Landstraße, dem sie keinen roten Teppich anbieten können, aber ihre Kleider. Das bringen sie ihm entgegen, denn da, durch ihn, wird die Hoffnung entfacht: Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Letzten werden die Ersten sein. Die Kleinen, die zu spät und zu kurz Gekommenen, sie sollten aufrecht gehen können – aufstehen aus der ihnen zudiktierten Ohnmacht und einstehen für den schon in der “Weihnachtsgeschichte” angesagten Frieden, für eine neue Gerechtigkeit.

Diese Sehnsucht darf nicht verstummen; sie zu spüren und auf ihrer Spur weiter zu kommen, das ist und bleibt heilsam.

Veröffentlicht von

Hermann Aichele Jahrgang 1945. Studium evang. Theologie in Tübingen, Göttingen und Marburg (1964-70), Pfarrer in Württemberg, jetzt im Ruhestand. Hinter die Kulissen der Religion allgemein und besonders des in den christlichen Kirchen verkündeten Glaubens zu sehen, das war bereits schon in der Zeit vor dem Studium mein Interesse: Ich möchte klären, was gemeint ist mit den Vorstellungen des Glaubens, deren Grundmaterialien vor Jahrtausenden geformt wurden - mit deren Über-Setzung für uns Heutige man es sich keinesfalls zu leicht machen darf und denen gegenüber auch Menschen von heute nicht zu leicht fertig sein sollten.

6 Kommentare

  1. Wunderschön!

    Da sieht man: Gute Theologie braucht keine Angst vor Religionsgeschichte haben, sie kann das so “Freigelegte” bergen und lehren. Danke für den schönen Blogpost – und frohe Weihnachten!

  2. Sehnsucht nach “Menschlichkeit”

    Gerechtigkeit und Menschlichkeit wird es nicht ohne eigenes “TUN” geben. Ich weiß nicht ob es schon einem mal aufgefallen ist: Hiobsbotschaften wie Massenentlassungen werden gerne vor Weihnachten bekannt gegeben – bewusster Zynismus der Mächtigen oder gar gegenüber dem Glauben und der Hoffnung? In wie weit ist sich die “Kirche ” ihrer Verantwortung zur Gerechtigkeit und dem Frieden bewusst? Alle offene Fragen bei dem die Antworten der Verantwortlichen nur als Ungenügend bezeichnet werden kann. Dem steht gegenüber über 2000 Jahre Kriege im Namen des Glaubens, Hexenverfolgung und noch heute Segnung von mörderischen Waffen …….. Jesus hätte es schwer in unserer Zeit – und das Kreuz wäre wieder schnell genagelt.

  3. Stimmt, wenn Jesus heute noch mal kommen würde, hätte er es schwer. Aber wenn man die Schriften mal genau liesst, dann hatte er es damals auch nicht wirklich leicht gehabt. Und je nach dem, wo man als Mensch heut zu Tage hin kommt, hat man es auch nicht leicht, wenn man sich als Christ zu erkennen gibt. (Wie?! – Du glaubst daran? – Wie bist du denn drauf?)

  4. Wenn Jesus heute kommen würde….

    Ja, stimmt schon „wenn Jesus heute noch mal kommen würde, hätte er es schwer“ – danke den beiden Kommentatoren für diese Zuspitzung. Das hat übrigens Kästner schön charakterisiert – passt ja jetzt auch in die Weihnachtszeit: „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“, zB HIER: http://www.youtube.com/watch?v=lCieC2Wn8oU .
    Auf eine andere Weise Dostojewski, Der Großinquisitor , der Anfang als Film HIER: http://www.youtube.com/watch?v=e43VcoWSJyk .
    Vermutlich der ganze Text HIER: http://www.gutenberg.org/…36/38336-h/38336-h.htm
    Ich fürchte bloß, dass sich das „Schwer Haben“ heutzutage etwas verlagert: Weg von den ziemlich konkreten Auseinandersetzungen um Machtansprüche (unter anderem der zentralen religiösen Institutionen bzw ihrer Vertreter) und hin zu Auseinandersetzungen darüber, welche weltbildhaften Vorstellungen noch glaubhaft sind. Aber Jesus hat es sich nicht mit Glaubensvorstellungen und Weltbildern schwer gemacht sondern mit den Menschen und ihren verqueren Lebenseinstellungen, in denen sie sich und andere manchmal ganz brutal verfangen…Da kommt es auch für Christen drauf an, wie und wofür sie sich engagieren.

  5. Esel für arme Leute?

    Diese Behauptung ist, denke ich, anachronistisch.

    Der Esel war damals nicht gerade billig.

    Ein armer Mensch konnte sich sicher keinen Esel leisten.

  6. Einordnend

    Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.

    Bertolt Brecht, Das Lied von der Moldau

    Die Letzten werden die Ersten sein.

    NT, Matthäus 19,30

    Die Kleinen, die zu spät und zu kurz Gekommenen, sie sollten aufrecht gehen können – aufstehen aus der ihnen zudiktierten Ohnmacht und einstehen für den schon in der “Weihnachtsgeschichte” angesagten Frieden, für eine neue Gerechtigkeit.

    Hmm, …, …, …, Hermann Aichele.

    MFG
    Dr. W (der schon einmal frohe Weihnachtstage wünscht!)

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