Was sieht man im Teleskop?

BLOG: Himmelslichter

ein Blog über alles, was am Himmel passiert
Himmelslichter

Wer das erste Mal durch ein astronomisches Teleskop blickt, lernt sie kennen, die unbequeme Wahrheit: Das Weltall ist blass, farblos und ziemlich dunkel. Zumindest für das am Okular klebende menschliche Auge. Sieht man mal von Sonne und Mond ab, erfüllt nichts die hohen Erwartungen an Farbenpracht und überwältigender Brillianz, die man dank der Meisterwerke digitaler Astrofotografen – Amateuren wie Profis – an die Schönheiten des Kosmos stellt.

Oder erhoffen Sie tatsächlich, beim Besuch in der Volkssternwarte so etwas hier “live” zu sehen?

Bild: NASA, ESA, M. Robberto, Hubble Space Telescope Orion Treasury Project Team

Ganz abgesehen davon, dass uns schon flüchtige Blicke über unseren alltäglichen Tellerrand in die Tiefe des Alls dank Beleuchtungswahn und Lichtverschmutzung zunehmend verwehrt werden (wir dafür aber die Auslagen der Konsumwelt auch weit nach Mitternacht gut ausgeleuchtet betrachten können) – wir müssen es einsehen: für das Nachtsehen sind wir nicht gemacht. Unsere Augen sind das erste Sinnesorgan, dass uns bei schwächelndem Tageslicht im Stich lässt. Nachts sind alle Wasserstoffnebel grau.

Die paar Photonen, die selbst beim Blick durch ein ordentliches Amateurteleskop die Netzhaut kitzeln, locken keine Zäpfchen mehr aus ihrem Tiefschlaf. Gute Nacht, photopisches Sehen. Bleiben noch die Stäbchen, die uns zumindest ein paar letzte Hell-Dunkel-Kontraste wahrnehmen lassen. Und so sieht obiges Nebelchen dann eben in einem gar nicht mal so kleinen Teleskop wirklich aus:

Video vom YouTube-Kanal EquatorialPlatform.

Ganz nett übrigens, wie zu Beginn des Videos das gesamte Sternbild Orion zu sehen ist – der Nebel (es handelt sich um den “Großen Orionnebel” M42) ist mit dem bloßen Auge gerade eben als diffuses Lichtfleckchen zu sehen.

Die Planeten sind dagegen hell genug, um selbst ohne Hilfsmittel Farbunterschiede wahrnehmen zu können, ebenso wie die hellen Sterne. Venus erscheint den meisten gleißend weiß, Jupiter eher gelblich, Saturn blassgelb und Mars – natürlich – orange-rot. Aber auch hier ist die Enttäuschung bei jedem vorprogrammiert, der so ein Bild gerne mal im Teleskop sehen will:

Bild von Hans Kirch, Monschauer Sternfreunde

Denn wir leben ja leider unter dieser ärgerlichen Lufthülle, der Erdatmosphäre, die partout nicht ruhig sein kann. Die Turbulenzen können unterschiedlich stark sein, aber meist sorgt die Luftunruhe für ein mehr oder weniger verzerrtes Bild im Teleskop. Das ist ungefähr so, als wolle man eine (laminierte!) Zeitung lesen, die am Boden eines Swimmingpools liegt. Das geht vielleicht allenfalls ansatzweise, wenn kein Schwimmer im Wasser ist:

Video vom YouTube-Kanal EquatorialPlatform.

Ich weiß nicht, wie viele Kaufhausteleskope nach ein- oder zweimaligen Gebrauch auf Nimmerwiedersehen im Keller verschwinden, aber es dürften tausende im Jahr sein. Natürlich sind die meisten auch totaler Schrott, die sich ob ihrer meisterlichen feröstlichen Fertigung allenfalls zum Angucken eignen, aber nicht zum Durchgucken. Aber selbst wer es geschafft hat, einen dieser farbenprächtigten Nebel und knackscharfen Planeten, die es im Netz und in bunten Druckerzeugnissen zu bewundern gibt, zu finden, der braucht zuerst mal eine hohe Frustrationstoleranz.

Den durchs Teleskop gucken will gelernt sein. Es braucht Zeit. Wer sich ernsthaft damit beschäftigt, lernt nicht nur etwas über die Objekte, die er betrachtet, sondern auch über sein Instrument und über sich selbst. Bei einem Fernseher ist es egal, ob ich weiss, wie er im einzelnen funktioniert. Ich muss ihn nur einschalten. Bei einem Teleskop geht das nicht.

Letztlich lernt man die Leistungen derjenigen Beobachter zu schätzen, die mit teilweise noch sehr viel einfacheren Mitteln auskommen mussten. Und die dabei Dinge entdeckten, die nie zuvor jemand gesehen hat. Man lernt auch zu verstehen, warum sie manchmal auch Dinge sahen, die überhaupt nicht da waren. Aber das wäre eine andere Geschichte…

Dank an Tobias für den Tipp mit dem Video!

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

4 Kommentare

  1. @ Hattenbach

    “Die paar Photonen, die selbst beim Blick durch ein ordentliches Amateurteleskop die Netzhaut kitzeln, locken keine Zäpfchen mehr aus ihrem Tiefschlaf. Gute Nacht, photopisches Sehen. Bleiben noch die Stäbchen, die uns zumindest ein paar letzte Hell-Dunkel-Kontraste wahrnehmen lassen.”

    Krittelei und Frage zu/an einem ansonsten schönen Beitrag:

    Das “Zäpfchen”, die Uvula, sitzt hinten am weichen Gaumen, wahlweise, in Form eines Suppositoriums, am anderen Ende des Verdauungstraktes. Das weiss ich sicher!

    Was ich nicht so sicher weiss, ist, ob der Astronom, der durch’s Fernrohr schaut, nicht doch mit der Macula lutea, also doch mit dem _zapfen_-bewehrten, photopischen Teil seines visuellen Systems arbeitet.

  2. Trotzdem toll!

    Ja, die Zahl der nichtgenutzen Kleinteleskope dürfte jetzt nach den ersten paar Wochen nach Weihnachten wieder einen neuen Peak erreichen – vom Wetter ganz zu schweigen. Ich würde auch sagen, man sollte nicht einfach kaufen, sondern lieber bei einem Astroverein vorbeischauen und dort vielleicht sogar aktiv mitwirken.

    Was mich trotz Internet und Co. immerwieder begeistert ist, dass die Himmelsobjekte eine handfeste Realität bekommen. Ich weiß gar nicht, wie ich das anders sagen soll, aber ein tolles Jupiterbild von Hubble ist irgendwie abstrakt – so richtig real wird Jupiter erst, wenn ich ihn selber sehe. Vielleicht kann man das mit dem Zoo vergleichen. Immer nur Tierfilme gucken ersetzt nicht, einmal einen echten Löwen zu sehen. Als Dobsenschubser freut es mich auch, einfach Dinge zu finden – sich am Himmel auskennen.
    Das Fotografieren hat natürlich seinen eigenen Reiz, wenn dann der graue Nebel pötzlich rot und grün auf dem Monitor erstrahlt und man selber Dinge sichtbar macht, die man vorher nicht gesehen hat.

    Schon ein geiles Hobby, wären nur nicht so oft Wolken und diese dämliche Lichtverschmutzung. Jetzt schalten wir schon alle AKWs ab, dann könnten wir die Lampen nachts doch auch abschalten. Wo sind die Ökoterroristen, wenn man sie braucht? 😉

  3. Neue Beleuchtungskonzepte @Lichtecho

    “Jetzt schalten wir schon alle AKWs ab, dann könnten wir die Lampen nachts doch auch abschalten. Wo sind die Ökoterroristen, wenn man sie braucht?”

    Viele Städte und Gemeinden schalten nachts, aus Energiespargründen, die Straßenbeleuchtungen ganz oder teilweise ab. Das wird aber nicht von “Ökoterroristen” entschieden, sondern ist Sache der zuständigen Kommunen. Diese müssen allerdings auch für eine ausreichende Beleuchtung auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen sorgen, sonst können sie bei Unfällen u.U. haftbar gemacht werden.
    Die Leute von Naturschutzbund Deutschland, die hier hoffentlich nicht unter das Label “Ökoterroristen” fallen, unterstützen Städte, Landkreise und Gemeinden bei der Planung und Durchführung von neuen und sparsameren Beleuchtungskonzepten, die sich bestimmt auch positiv auf die Sternenbeobachtung auswirken werden.

    http://www.nabu.de/…leuchtung/projekt/10222.html

  4. Loesung statt Problem bitte

    Hier fehlt doch was – wie ein Amateur bei all den geschilderten Problemen mit einem Amateurteleskop z.B. den Jupiter, so verschwommen auch sein mag, findet.

    Galileo hat vor 450 Jahren auch durch
    ein Heim-Teleskop Jupiter und vier seiner Hauptmonde entdeckt, welches
    wohl lausiger als alle angeblich schlechten Chinafabrikate jemals
    waren.

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