Wer entdeckte die “Cassinische Teilung”?

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Astronomiegeschichte muss keine staubtrockene Quellenexegese sein. Den Beweis dafür traten nun sechs Laienschauspieler in Aachen an. Auf eine ungewöhnliche Art inszenierten sie ein spannendes Kapitel der Wissenschaftshistorie: Wer hat die berühmte "Cassinische" Saturnringteilung wirklich als Erster entdeckt – Giovanni Cassini, wie es in den Lehrbüchern steht? Oder doch sein Teleskopbauer Guiseppe Campani?

Für Walter und Reinhard Oberschelp ist die Sache klar: Entdecker der Saturnringteilung war nicht Cassini, sondern Campani, und zwar im Jahr 1664, mehr als 10 Jahre vor Cassinis vermeintlicher Erstsichtung! Der italienische Teleskopbauer hatte die Ringteilung nicht nur gesehen, sondern auch als solche erkannt, wie die Brüder Oberschelp anhand von Originalquellen belegen können [1]. Und Cassini hat demzufolge auch von Campanis Entdeckung gewusst, sich trotzdem als Erstentdecker dargestellt. Mehr als dieser in Rom konnte auch Cassini in seiner Pariser Sternwarte nicht gesehen haben, denn dort beobachtete er zwar mit den besten Teleskopen ihrer Zeit – doch die stammten aus Campanis Werkstatt! Dumm für Campani, dass er seine Entdeckung nicht veröffentlichte, sondern nur privat weitergab. 

 

Auf der Wissenschaftsnacht der RWTH Aachen am 13. November 2009 wurde dieses Thema nun auf eine besonders unterhaltsame Weise dargeboten: in Form einer szenischen Lesung, vorgetragen von Laiendarstellern. Walter Oberschelp hatte den historischen Stoff in eine dramaturgische Form gebracht, und gemeinsam mit Mitarbeitern der Sternwarte Aachen aufbereitet.  

Die dargestellte Szene spielt im Jahr 1676 in der Pariser Sternwarte. Mehrere Personen, darunter Cassini, Campani, Christiaan Huygens sowie Jean-Baptiste Colbert, Minister unter Louis XIV, führen darin ein Gespräch, das vom Kontext her möglich, aber in dieser Form fiktiv ist. Im Mittelpunkt des Gesprächs steht natürlich Saturn mit seinem Ring – doch auch andere Probleme der damaligen Astronomie, etwa das der endlichen Lichtgeschwindigkeit oder Keplers Somnium, werden thematisiert. Astronomie und astronomische Sachverhalte sollen so dem Publikum auf unterhaltsame Weise näher gebracht und authentisch erlebbar werden – und das ist auch hervorragend gelungen!  

Für alle, die mehr über die historischen Saturnbeobachtungen Cassinis, Campanis, Huygens und anderer erfahren wollen, hält Professor Walter Oberschelp am 11. Dezember einen Vortrag. Beginn ist um 20:00 Uhr im Forum der VHS Aachen, Peterstraße 21-25, 52062 Aachen.

[1] Oberschelp, W. und R.: Cassini, Campani und der Saturnring. In: Der Meister und die Fernrohre: das Wechselspiel zwischen Astronomie und Optik in der Geschichte: Festschrift zum 85. Geburtstag von Rolf Riekher, Acta Historica Astronomiae, Vol. 33 (2007), Verlag Harry Deutsch, ISBN: 381711804X, 9783817118045


 

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

1 Kommentar

  1. Und erst die Fußnoten!

    Das herrliche Stück war zuvor auch auf der Jahrestagung der FG Geschichte der VdS aufgeführt worden, zum Gaudium des fachkundigen Publikums, das der zentralen These der Oberschelps zu Campanis Priorität nicht widersprach. (Auch wenn dieser nur einen Helligkeitssprung im Ring und keine konkrete Lücke beschrieb.)

    So richtig goutieren konnte ich viele Feinheiten der Handlung bzw. des Textes aber erst bei der Lektüre der 57 Fußnoten des Skripts, die natürlich nicht verlesen werden und die z.Z. auch nicht öffentlich zugänglich sind: Außer dem genannten Paper steckt noch vieles mehr an konkreter historischer Recherche in dem Stück. Wir beraten uns gerade, wie man das Ganze am effektvollsten publizieren könnte – einfach so den Text ins Web stellen möchte Oberschelp dann doch nicht.

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