Rezension: Der Deep-Sky Beobachteratlas

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Über den Deep-Sky Beobachteratlas von Gerhard Stropek ist in Amateurastronomenkreisen viel Gutes zu hören gewesen. Das im Eigenverlag aufgelegte Werk erschien mir deshalb interessant, weil ich schon länger einen Atlas suchte, der Deep-Sky-Objekte jenseits der üblichen M- und NGC-Nummern zu bieten hat. Also ein Atlas für Fortgeschrittene, der aber doch die Bodenhaftung nicht verliert – so etwas fand ich auf dem deutschsprachigen Markt kaum. Ich habe den Atlas also bestellt und ihn im Oktober in drei Nächten intensiv nutzen können. Das Werk kann ich nur empfehlen.

Der Untertitel verrät eigentlich schon das Wesentliche: Der Deep-Sky Beobachteratlas ist „ein kommentierter Atlas der Sternhaufen, Nebel und Galaxien für den visuellen Beobachter“. Dass der Atlas im Eigenverlag erscheint, wirkte gleich sympathisch, denn das Hobby Astronomie lebt schließlich von der Eigeninitiative wie kaum ein zweites. Sehr beeindruckt war ich sofort von der Informationsdichte des Werks, das mehr als 2200 Deep-Sky-Objekte enthält. Die Tatsache, dass eine Reihe bekannter Deep-Sky-Beobachter bei der Beschreibung der Objekte mitgewirkt hat, macht den Atlas zu einem echten Amateurastronomenprodukt.

Die insgesamt 97 mit Cartes du Ciel erstellten Karten eignen sich sehr gut fürs Starhopping. Sie sind nummeriert, zwei Übersichtskarten erleichtern die Orientierung. Die Karten orientieren sich außerdem an markanten Sternkonstellationen und sind nicht regelmäßig an dem Koordinatennetz ausgerichtet, was dem Starhopper sehr entgegenkommt. Die Objekte werden pro Karte mitsamt ihrer wesentlichen Daten kurz beschrieben, einige sind auch abgebildet, wobei ausschließlich invertierte Fotografien der POSS-II Himmelsdurchmusterung verwendet werden. Zu vielen Objekten sind neben den abgekürzten und nicht immer hilfreichen Kurzbeschreibungen historischer Astronomen ausführliche Beschreibungen versierter Amateurbeobachter angegeben. Auch die Flächenhelligkeit eines Objekts fehlt nicht. Jede Karte verfügt außerdem über ein Sichtbarkeitsdiagramm, das die visuelle Helligkeit der Flächenhelligkeit gegenüberstellt. Auf diese Weise lässt sich schnell feststellen, ob ein Objekt mit dem verwendeten Teleskop möglicherweise sichtbar ist oder eher nicht.

Der "Stropek" ist zu einem festen Bestandteil meines Beobachtungsinventars geworden. Okulare und Zubehör gehören allerdings leider nicht zum Lieferumfang…

Verbesserungswürdig ist die Verteilung der Kartennummern über den Himmel, diese scheint oft willkürlich. Eine geordnete Nummerierung würde die Handhabbarkeit erleichtern. Ebenso fehlen die Bayer-Bezeichnungen der helleren Sterne in den Karten, auch das erschwert die Orientierung unnötig – hier könnte der Autor in zukünftigen Auflagen nachbessern. Dass der Atlas durchgehend auf Koordinaten verzichtet, scheint indes konsequent, den Dobsonauten, ohne Zweifel die Zielgruppe, werden diese Angaben nicht vermissen. Absolut positiv ist, dass der Beobachteratlas auf bunte Farben und Grafiken komplett verzichtet und so sie Lesbarkeit bei Rotlicht gewährleistet. Text und Karten sind ausreichend groß, um sie auch bei Beobachtungsbeleuchtung noch lesen zu können – dass schafft so manch kommerzielles Produkt nicht.

Dass der Atlas auf Fotografien statt auf Zeichnungen setzt, fand ich zuerst problematisch, aber nach der ersten Nacht schon nicht mehr: Zeichnungen sind zwar näher am teleskopischen Anblick, aber auch sehr subjektiv. Was ein x-beliebiger, wenn auch sehr erfahrener, Deep-Sky-Fachmann im Teleskop sieht ist eben selten das, was ich im Teleskop sehe – selbst wenn es das gleiche Teleskop ist. Und manchmal scheinen mir solche Zeichnungen, gerade die der „Profis“, ein gewisses Maß an Phantasie nicht zu entbehren. Ich finde es besser, wenn der verwendete Atlas in dieser Hinsicht nicht beeinflusst. Die Fotografien sind da objektiver, und auch bei ihnen habe ich mir angewöhnt, sie möglichst erst hinterher anzuschauen, wenn ich mir ein eigenes Bild im Okular machen konnte.

Der Atlas bildet den von Mitteleuropa aus sichtbaren Himmel bis -35° Deklination ab. Die Grenzgröße der abgebildeten Sterne beträgt in der Regel 9mag, in bestimmten Fällen auch 9,3 bzw. 8,3mag. Datengrundlage für die Sterne ist der Tycho 2-Katalog, die Deep-Sky-Objekte sind meist dem SAC-Katalog Version 7.7 entnommen. Dieser enthält Objekte des NGC/IC-Katalogs, also auch sämtliche Messier-Objekte und alle für kleine Teleskope interessanten Beobachtungsziele. Somit bietet der Katalog auch für Einsteiger genug Material, wenngleich er sich hauptsächlich an versierte Deep-Sky-Beobachter mit mittelgroßen bis großen Teleskopen richtet.

Eine typische Doppelseite mit Karte, Übersichtskarte, Sichtbarkeitsdiagramm (rechts oben) und Objektbeschreibungen.

Für diese bietet der Katalog mit ausgewählten Objekten aus weniger bekannten Katalogen ein reichhaltiges Betätigungsfeld. So flossen die Planetarischen Nebel des Abell-Katalogs und die Kugelhaufen des Palomar-Katalogs ebenso ein wie eine Vielzahl kompakter Galaxiengruppen des Hickson- und Superthin-Galaxien des RFGC-Katalogs in den Stropek ein. Auch enthält er eine Auswahl hellerer (wobei das „hell“ hier eher relativ zu verstehen ist) Protoplanetarischer Nebel, Quasare und Galaxiengruppen des Shakhbazian-Katalogs. Durch die Objektfülle des Stropek kann man also gleich in der nächsten klaren Neumondnacht loslegen, ohne sich vorab selbst durch eine aufwändige Objektrecherche zu mühen.

Gerade die „besonderen“ Objekte macht den Stropek für Beobachter mit großen Dobsons interessant, die Besitzer kleinerer und mittlerer Geräte müssen sich darauf einstellen, längst nicht alle Objekte des Atlas’ sehen zu können. Wobei – hat man den Atlas erst einmal zur Hand, versucht man sich vielleicht auch mal an Objekten im Grenzbereich, die man vorher womöglich gar nicht kannte. In den drei Nächten, die ich bisher mit dem Stropek arbeiten konnte, hatte ich daher so manches Aha-Erlebnis. Unter einem wirklich dunklen Himmel sind so manche Extermobjekte auch für 10" oder 12" erreichbar, wenn auch meist an der Wahrnehmungsgrenze.

Deshalb empfehle ich den Deep-Sky Beobachteratlas gerade für Amateurastronomen, die schon Erfahrungen in der Deep-Sky-Beobachtung gesammelt haben und sich nach neuen Herausforderungen umsehen. Es muss auch nicht ein Dobson jenseits von 18" sein. Unter 10" würde ich aber auch nicht gehen.

Dass der Atlas keinen Verlag gefunden hat ist bedauerlich für die Verlage. Andererseits ist der Atlas auch kein massentaugliches Produkt sondern richtet sich an eine Teilmenge der selbst nicht riesigen Amateurastronomengemeinde. So jedenfalls haftet dem Stropek etwas wunderbar (und im besten Sinne des Wortes) „Amateurhaftes“ an, denn das Wort Amateur kommt schließlich von amare: lieben. Und wer sein Hobby liebt, der schiebt (seinen Dobson)!

Clear Skies!

Diese Rezension bezieht sich auf die 1. Auflage des Beobachteratlas’. Der Atlas ist direkt bei Gerhard Stropek auf der Website www.beobachteratlas.de zu beziehen. Hier gibt es auch Probeseiten zum Ansehen. Der Preis von 49,90€ relativiert sich schnell, wenn man bedenkt, dass hier eine Einzelperson ein wirklich gehaltvolles Buch ohne große Auflage auf den Markt bringt.

Übrigens: In der Dezemberausgabe von Sterne und Weltraum erscheint eine Rezension vom Kollegen Stefan Oldenburg. Ich kenne sie bislang selbst nicht (so wie Stefan diese Rezension nicht kannte) und ich bin mal gespannt, zu welchem Resultat er gekommen ist!

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Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

11 Kommentare

  1. keine Bilder

    Ein Buch ohne bunte Bilder ist doch heute völlig out, schon erst recht ein Buch über Astronomie. Was soll man denn mit so einem langweiligen Ding ohne Bilder machen? Ich will auch bunte Bilder haben, wenn ich schon so viel Geld ausgeben muss für so ein Buch!

  2. Rüschtüüüsch, keine Bilder!

    “Ein Buch ohne bunte Bilder ist doch heute völlig out, schon erst recht ein Buch über Astronomie.”

    Ihre Meinung. Wie ich aber oben schieb, handelt es sich um einen Beobachteratlas, dessen Verwendung hauptsächlich Nachts erfolgt, bei entsprechend schwacher Beleuchtung. Da wären bunte Bilder sinnlos, weil nachts alle Katzen grau sind. Aber was solls.

    Treffe ich ins Schwarze, wenn ich davon ausgehe, dass Sie gar nicht der Walter Knoll sind, für den Sie sich ausgeben?

  3. @Bunte Bilder

    Ich will auch bunte Bilder haben, wenn ich schon so viel Geld ausgeben muss für so ein Buch!

    Na was, da können Sie doch wohl mit einer Schachtel Buntstifte selbst Abhilfe schaffen. Wie man in der Abbildung in Jans Artikel sieht, haben die Autoren zwischen den unregelmäßig verteilten schwarzen Punkten verschiedener Größe in den Grafiken (was mögen die wohl zu bedeuten haben?) jede Menge weißen Platz gelassen, den Sie nach eigenem Gusto farbig ausfüllen können. Wo ist also das Problem?

  4. Also…

    …ich fände es viel interessanter, wenn man die einzelnen schwarzen Punkte gemäß dem Travelling Salesman Problem miteinander verbindet!
    Der Autor hat ja offensichtlich schon im Land “Eridanus” damit begonnen.
    Und wenn das Buch insgesamt 97 Aufgaben hat, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis doch ganz in Ordnung. ;o)

  5. keine Bilder

    Ich habe bis jetzt den Tri-Atlas verwendet und kann mir deshalb nicht vorstellen, dass man in der Dunkelheit bei Rotlicht bunte Bilder braucht.

  6. Beitrag in SuW

    Meinen Beitrag “Ein El Dorado für Deep-Sky-Beobachter” im aktuellen “Sterne und Weltraum” gibt es auf der SuW-Website zum kostenlosen Download:

    http://www.astronomie-heute.de/artikel/1054867

    Allerdings muss ich all Jene enttäuschen, die in dem SuW-Artikel etwas ganz anderes erwarten als Jan Hattenbach hier schreibt: Jans und meine Rezension liegen inhaltlich dicht beieinander. Wie sollte es auch anders sein, ist der “Beobachteratlas” von Gerhard Stropek doch genau das “Werkzeug”, auf das alle visuellen Deep-Sky-Beobachter im deutschsprachigen Raum lange gewartet haben.

    Ein Haken des Beobachteratlas findet sich jedoch weder in obigem Beitrag noch im SuW-Artikel: Jeder Deep-Sky-Fan wird – durch die Arbeit mit “dem Stropek” inspiriert – fortan von einem größeren Teleskop als dem eigenen träumen… 😉

    Clear Skies, Stefan

  7. Größenwahn

    “Jeder Deep-Sky-Fan wird – durch die Arbeit mit “dem Stropek” inspiriert – fortan von einem größeren Teleskop als dem eigenen träumen… ;-)”

    Wer redet nur von träumen: Die Beobachtergruppe West wird in Kürze mit der Konstruktion eines 20-Zöllers beginnen 🙂

  8. Aufrüstung

    Wer redet nur von träumen: Die Beobachtergruppe West wird in Kürze mit der Konstruktion eines 20-Zöllers beginnen 🙂

    Träume blieben langweilig, wenn man nicht wenigstens versuchte, sie zu realisieren. 🙂 Die Beobachtergruppe Süd wird daher einen 25-Zöller in Angriff nehmen. 😉

  9. Ich sehe da sich ein gefährliches Wettrüsten anbahnen. Sicher ist nur, dass der Westen in keinem Falle nachegeben wird!

  10. gefährliches Wettrüsten

    Sicher ist nur, dass der Westen in keinem Falle nachegeben wird!

    Wenn das so ist, wird die Beobachtergruppe Süd die Planung eines 30-Zöllers bekannt geben, heimlich aber einen 40-Zöller bauen!

  11. Nicht, dass das noch ausgeht wie in Korea!

    Da fällt mir spontan der Werbespruch der Fertigdobsonindustrie ein:

    “Baust du noch oder guckst du schon?”

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