Quick-Tutorial: Komet ISON finden mit Cartes du Ciel

Himmelslichter

Eine Leseranfrage hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ISON ja erst einmal gefunden werden will, bevor es ans Beobachten oder gar Fotografieren gehen kann. Bevor ich mein Bildbearbeitungstutorial fortsetze, werfe ich also erst einmal diese kurze Anleitung zum Auffinden des Kometen ein. Einen guten Anhaltspunkt liefern die von mir Anfang des Monats erstellten Karten, aber erstens sind die schon wieder veraltet, zweitens ist ISON eben (noch) nicht auffallend hell, was u. U. bessere Karten erforderlich macht, will man den Schweifstern mit einem Fernglas oder Teleskop sehen. Und drittens hilft das Tutorial auch beim Finden anderer Kometen.

Aufsuchkarten von Himmelsobjekten erstelle ich stets mit dem frei verfügbaren Programm Cartes du Ciel. Unter diesem Link kann man sich dieses sehr mächtige, von der Menuführung meiner Meinung nach aber etwas gewöhnungsbedürftige Programm herunterladen. Ich beschränke mich hier nur auf die für unseren Zweck erforderlichen Funktionen, eine allgemeine Dokumentation findet sich auf der Website und unter der Hilfefunktion des Programms, so weit ich weiß leider noch nicht auf deutsch.

Wenn das Programm installiert ist (es genügt für unseren Zweck, nur die Standard-Objektkataloge zu installieren), müssen wir zunächst Beobachtungsstandort und Beobachtungszeit definieren. Die Zeit soll unbedingt mit unserer beabsichtigten Beobachtung übereinstimmen, denn Kometen bewegen sich innerhalb weniger Stunden merklich weiter! Den Beobachtungsort stellen wir über Einstellungen->Beobachtungsort ein, die Zeit über Einstellungen->Datum/Zeit: cdc_tutorial_01Durch Aktivieren von Systemzeit benutzen verwenden wir die Systemzeit des Computers. Für die kommende Nacht also besser die Zeit fest vorgeben (auf die Stunde genau dürfte in der Regel ausreichen).

Als nächstes müssen wir die aktuellen Bahnelemente der zur Zeit sichtbaren Kometen in das Programm einlesen, aus denen dann die Ephemeriden (i. W. die Positionen) berechnet werden. Glücklicherweise müssen wir dazu keine Zahlenkolonnen von Hand eintragen (diese Funktion, für “eigene Objekte” etwa, exisitiert natürlich auch), sondern können die vom Minor Planet Center gelieferten Bahnelemente direkt über das Internet laden. Dazu auf Einstellungen->Sonnensystem klicken und den Reiter Komet aktivieren. Lade MPC Datei aktivieren und Herunterladen klicken:

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Im Beispiel oben wir die Datei COMET-2013-11-12.DAT heruntergeladen und im angegebenen Pfad gespeichert. Sie enthält die aktuellen Bahnelemente aller zur Zeit sichtbaren Kometen (mehrere hundert, man kann sich die Datei mit einem Editor anschauen) und wird ab jetzt für die Ephemeridenberechnungen verwendet. Es empfiehlt sich, diese Datei ab und zu zu aktualisieren (einfach neu herunterladen), da neue Kometen laufend gefunden werden und die Daten bekannter Kometen aktualisiert werden.

Als nächstes suchen wir unseren Kometen, er heißt bekannterweise C/2012 S1 (ISON). Dazu klicken auf Bearbeiten->Suchen oder direkt auf das kleine Fernglassymbol in der Werkzeugleiste:

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In das Eingabefeld links unter können z. B. wir die Buchstabencodierung und das Entdeckungsjahr C/2012 eintragen. Damit erhalten wir alle im Jahr 2012 entdeckten langperiodischen Kometen (Umlaufzeit um die Sonne > 30 Jahre) zur Auswahl, darunter auch C/2012 S1 ISON. Als erster Buchstabe kommt eigentlich nur C und P infrage (D für “verloren gegangene Kometen” und X für “unbekannte Bahn” beötigen wir i. d. R. nicht). “P/2010” würde bspw. alle 2010 entdeckten, kurzperiodischen (U<30 Jahre) ausgeben. Die veraltete Darstellung historischer Kometen (z. B. 2P/Encke) weicht von dieser allgemein gültigen Benennungsweise leider ab, wird aber immer noch verwendet.

Wir wählen also C/2912 S1 (ISON) aus, und das Programm springt an die Position des Kometen. Helle Kometen werden als Symbol mit Schweifrichtung und -größe dargestellt. Falls das nicht der Fall sein sollte, auf das Kometensymbol in der Werkzeugleiste klicken, und die Anzeige der Kometen aktivieren: cdc_tutorial_03bDie Anzeige sollte jetzt etwa so aussehen: cdc_tutorial_04Wie wir sehen, liegt Komet 2p/Encke nicht weit entfernt von ISON ebenfalls im Sternbild Jungfrau. Rechtsklick auf die Objekte liefert uns Informationen (Über …), zudem können wir auf den Kometen zentrieren sowie den Zoomfaktor einstellen (geht auch mit den Zoombuttons am rechten Bildrand). So können wir die gewünschte Genauigkeit unserer Aufsuchkarte einstellen.

Ein nettes Feature zum Schluss: Um die Bewegung des Kometen in den kommenden Stunden/Tagen/Wochen sichtbar zu machen, öffnen wir das Menü Einstellungen->Datum/Zeit erneut und aktivieren den Reiter Simulation: cdc_tutorial_05

Wir wählen nur Komet aus, damit die Anzeige nicht zu unübersichtlich wird. Wir können uns den Kometen jetzt mehrfach anzeigen lassen, im obigen Beispiel einmal pro Tag, für fünft Tage. Das sieht dann so aus: cdc_tutorial_06Cartes du Ciel berechnet auf Basis der MPC-Daten auch die Helligkeit des Kometen, und passt die Schweifgröße und -richtung im Laufe der Zeit an. Davon darf man sich aber nicht zu allzu weitreichenden Schlüssen über die Entwicklung des Kometen hinreißen lassen! Wie hell ISON wirklich wird, und wie hell und groß sein Schweif wird, weiss man immer erst hinterher. Comets are like cats, they have tails and do what they want…

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

4 Kommentare

  1. Das tut er schon lange, leider vermischt er auch inkompatible Messdaten, und sieht dadurch Aktivitätsabnahmen, wo tatsächlich Zunahmen zu erkennen sind. Ferrín kann ja viel voraussagen, aber entscheidend ist, dass der Komet momentan immer noch gesund aus sieht. Natürlich *kann* ISON noch auseinander brechen (wobei Ferrin sich explizit auf ein Auseinanderbrechen *vor* dem Perihel bezieht und ich höre gerade, dass neueste Erkenntnisse ergeben, dass sein Kern nun doch nur ~1km groß sein soll). Falls das passiert, wird Herr Ferrín sicher ausrufen, dass er’s ja schon immer gesagt hat…

  2. Pingback:Lesestoff und Informationsquellen zu Komet ISON › Himmelslichter › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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