Leuchtendes Vorbild

BLOG: Himmelslichter

ein Blog über alles, was am Himmel passiert
Himmelslichter

Einen interessanten, wenn auch nicht gerade originellen Einfall hatte man jüngst am Gymnasium der Stadt Hückelhoven. Um die Schule "attraktiver zu gestalten" und ins "Bewusstsein zu rücken" wird nun ein Teil des Gebäudes angeleuchtet – die Kuppel der Schulsternwarte.

(c) Lenz/Zeitungsverlag AachenSo liest es sich in einem Artikel des Lokalblatts Aachener Zeitung. Den Einfall hatte demzufolge Walter Woltery, der Schulleiter des Gymnasiums, nach gemeinsamem Nachdenken mit seinem Hausmeister. Dass ein Schulleiter seine Schule attraktiver gestalten möchte, ist löblich. Die meisten von Wolterys Kollegen wären vielleicht auf die Idee gekommen, das Geld in die Austattung der Schule zu investieren. Nicht so Woltery. Der hatte eine viel bessere Idee und telefonierte mit den Eventmanagern der Firma Ruhrtal-Produktion, wo man sich naturgemäß begeistert zeigte. Und schwupps waren die Lampen auf dem Dach. Manch andere Anschaffung im öffentlichen Schulwesen dauert schon mal länger. (Foto: Lenz/Zeitungsverlag Aachen)

Wenig originell ist diese Idee, weil das Anleuchten aller möglichen Gebäude und Gegenstände nun wirklich schon lange Mode ist. Interessant deswegen, weil es ausgerechnet ein astronomisches (Astronomie, das war das mit den Sternen) Gebäude ist, das nun zum allnächtlichen Ergrauen des Himmels beiträgt. Aber weil die Lampen ja so sparsam sind (auch das vergisst der Artikel nicht, zu erwähnen) strahlt die Kuppel nun in neuem Licht, zunächst einmal vier Wochen lang. Dann werde man sehen, wie hoch die Kosten sind und entscheiden, ob die Lampen für immer an bleiben [*]. Aber selbst der Bürgermeister soll begeistert sein über die Bereicherung der Hückelhovener Skyline (sic!) und so wird sich schon irgendwo überflüssiges Geld finden lassen, das anderswo einfach nicht zu gebrauchen ist. 

Wolterys Schulsternwartenkuppel strahlt also als "buntes Wahrzeichen in der Nacht", wie die Aachener Zeitung treffend beschreibt. Man könnte ergänzend hinzufügen: Mit den Sternen um die Wette. Aber was hat eine Schulsternwarte schon mit den Sternen zu tun? Ob die Kuppel jetzt noch für etwas anderes genutzt wird, als zur Dekoration? Wer weiss. Ich freue mich jedenfalls schon auf das nächste ATH, die Amateurastronomiemesse, die jedes Jahr in eben jener Schule stattfindet. Dann kann ich mir dieses leuchtende Wahrzeichen mit eigenen Augen ansehen.  (Oder mir eine Messe pro Jahr sparen.)

(*)Wobei man das auch einfach ausrechnen könnte. 5 x 400 Watt sind 2 kW Anschlussleistung. Nach 2000 Stunden Attraktivitätssteigerung kommen 4000 kWh zusammen. Einen Strompreis von 0,18 ct/kWh zugrunde gelegt sind das 72€ reine Stromkosten. Nicht wirklich viel, allerdings kommen noch Wartungs- und Austauschkosten hinzu. Bei 2000 Betriebsstunden halten die Lampen nicht einmal ein Jahr, wenn man davon ausgeht, dass sie Nacht für Nacht wenigstens 6 Stunden leuchten. 

Edit: Öhm, der Preis kam mir beim erneuten Durchlesen doch etwas niedrig vor. Tatsächlich waren 0,18 /kWh gemeint. Ich jedenfalls zahle in Aachen 20,46 ct/kWh, und bei dem Preis kommt man dann schon auf satte 818,40 €! (Also zum Mitschreiben: Rund 800 Euro plus Wartungskosten pro Jahr für das Anleuchten einer Sternwartenkuppel.) Was man mit so einer Summe so Sinnvolles anfangen könnte…

Den Fehler bitte ich zu entschuldigen – ich habe schließlich in Nordrhein-Westfalen rechnen gelernt…

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

16 Kommentare

  1. Strahlendes Wahrzeichen

    Hallo,
    ich finde das eine sehr ungünstige symbolträchtige Handlung.
    Als ob der Himmel nicht genug strahlen würde,
    als ob der Himmel zu langweilig wäre.
    Außerdem sehr gutes Vorbild für die Schülerinnen und Schüler, die mal abgesehen davon, dass sie ohnehin in Zukunft eher einen grauen als funkelnden Sternenhimmel zu Gesicht bekommen, auch noch vermittelt bekommen, dass sich die Aneignung astronomischen Wissens nicht lohnt, weil andere kulturelle Wahrzeichen wichtiger sind(z.B.: die Kuppel einer Sternwarte – wie paradox).
    Außerdem wird vermittelt das man trotz des Klimaawandels unnütz Energie verschwenden kann, wenn die Lampe nur sparsam ist(noch paradoxer). Die Kosten jedenfalls sind das kleinste Problem, streicht man doch einfach die Anschaffung von ein paar Stühlen.
    Und da versteh ich dann auch die Anhänger des ganzen Bildungsprotests, denn ich nehm einfach mal an, dass die Schülervertretung sicherlich kein Interesse an einem Licht geäußert hat, dass Nachts funzelt wenn die Schülerinnen und Schüler schlafen (sollten). Ich hoffe, dass diese blinkende Anlage wenigstens keine in der Umgebung wohnenden Schüllerinnen oder Schüler in ihrem verdienten Schlaf stören oder alsbald erkannt wird, das diese Stadt mehr zu bieten hat als ein paar Lampen, die jede x-beliebige Stadt haben könnte.

    Ich wünsche allen eine Dunkle Nacht
    Viele Grüße
    T. Röser

  2. Na dann …

    > Lichter um eine Sternwarte sind
    > ähnlich geistreich wie der Gebrauch
    > eines Staubsaugers während eines
    > Sinfoniekonzerts.

    … oder ein Furz während einer Gedichtlesung.

    Welche Fächer unterrichtet(e) denn der Herr Schuldirektor Woltery? Wahrscheinlich keine Naturwissenschaft, oder?

    Dass eine Schule eine eigene Sternwarte hat, ist schon beeindruckend. Was sagen denn die Nutzer dieser Einrichtung zu dieser brillianten Idee?

  3. Ist eigentlich schon mal Jemand auf die Idee gekommen, den Leerkörper – zerfeihung Lehrkörper – einmal einem PISA Test zu unterziehen?
    Vielleicht lassen sich da Verbindungen finden zum miesen Abschneiden unserer Kinder?
    Nur so eine Idee…

  4. Leuchtendes Vorbild

    Meine Gratulation zur Illumination!
    Hobbyastronomen und ganze Schulen reichen Petitionen gegen die Luftverschmutzung durch angestrahlte öffentliche und Firmengebäude ein und hier beleuchtet man freiwillig ausgerechnet noch eine Sternwartenkuppel.

    Erwas Denken vorher wäre ggf. sinnvoll gewesen.

    Ich bitte die Schulleitung, diese Verschwendung auch öffentlicher Gelder von Steuerzahlern rückgängig zu machen.

    Winfried Berberich
    (Hobbyastronom und Firmeninhaber ohne Außenbeleuchtung)

  5. Beleuchtete Sternwarte

    Ich frage mich ernsthaft, wwie weit der Beleuchtungswahn in unserem Land noch geht? Muss denn unbedingt jeder Baum, jedes Haus, jeder irgendwie als wichtig deklarierte Bau angestrahlt werden? Alles spricht vom Klimawandel, aber vor allen die Lichtkünstler und Illuminaten der Städte schert das kaum, so lange man das auch nur irgendwie wirtschaftlich oder kulturell begründen kann. Und das im Jahr der Astronomie!!!

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr

    Manfred Holl

  6. Besser auf ein Instrument sparen

    Ich kenne die Kuppel, ich war mit dem Leiter der Astro-AG (Herrn Lebek, von dem diese Idee bestimmt nicht stammt!) vor einigen Jahren dort drin. Die Kuppel ist leer, einzig ein verloren wirkendes 150mm Zeiss-Cassegrain steht drin. Sieht aus, als waere waehrend der Bauphase das Geld fuer ein adaequates Instrument ausgegangen.

    Auch wenn es aufwendiger erscheint, wuerde es doch von mehr Weitsicht zeugen, z.B. mit Hilfe von Sponsoren ein groesseres Instrument anzuschaffen, das dann auch abends fuer die Oeffentlichkeit zugaenglich waere.

    DAS wuerde die Attraktivitaet von Hueckelhoven steigern und die Schule bekannt machen. So koennte jeder mal durch ein Teleskop schauen, sowas bleibt in Erinnerung und tut etwas fuer die Volksbildung. Anstatt die Attraktivitaet einer Stadt durch solche Funzelei zu steigern. Als wenn sich jetzt die Leute unten auf der Strasse auf Liegestuehlen breitmachten um mit einem “ahh, schoen” die beleuchtete Kuppel anzuschauen …

  7. Im Astrotreff-Forum hat sich nun auch der Leiter der Astro-AG des Gymnasiums und Veranstalter der ATH-Messe zu Wort gemeldet: http://www.astrotreff.de/…amp;whichpage=3#414095

    Seinen Aufruf, sich doch per email an das Sekretariat des Gymnasiums zu wenden, unterstütze ich. Aber bitte denkt daran, dass nur eine höflich und sachlich vorgetragene Kritik eine Chance hat, auch angehört und ernst genommen zu werden!

    Die nächst ATH werde ich selbstredend auch wieder besuchen, allein schon aus Solidarität mit den Mitgliedern der astro-AG Hückelhoven!

  8. Willkommen im Tal der Ahnungslosen

    Das ist der größte Schwachsinn den ich die letzte Zeit gesehen oder gelesen habe !!! Bald belecuhteh wir die VLT’s des Nachts 🙁

    Unmengen überflüssiges CO2 wird in die Luft geblasen, die Steuergelder für den Strom sinnlos und hirnlos verbrannt. Ja und nebenbei wird wieder mal der Lehrauftrag verfehlt !

    Unseren Kindern den bald, dank solcher geistreichen Installationen, unsichtbaren Sternhimmel näher zubringen. Naja was soll man da noch dazu sagen !!

    Richard Müller

    Diplom Mathematiker und Astrofotograf

  9. Lichtverschmutzung

    Wahnsinn !!!

    – oder als Rektor eines Gymnasiums von Physik und Astronomie keine Ahnung!

    – in der Politik wäre jetzt ein Rücktritt fällig.

  10. Lächerlich, dieser untauglicher Versuch, Aufmerksamheit zu erringen. SO macht man das:

    http://www.stimme.de/…en/region/art16305,1724069

    Man muss nur einmal richtig Geld in die Hand nehmen. 200.000 Euro – wie viele Schulsternwarten man damit beleuchten könnte?

    Ist übrigens nichts Neues: http://www.kosmologs.de/…-der-horror-geht-weiter

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