Die schlafende Sonne

BLOG: Himmelslichter

ein Blog über alles, was am Himmel passiert
Himmelslichter

Am Dienstag veröffentlichte das SIDC die (vorläufige) internationale Sonnenfleckenrelativzahl für den Monat August: Sie lautet 0,0 – oder "Null-Komma-Null", wie explizit betont wird. Im ganzen Monat August gab es demnach keinen Sonnenfleck. Wer es noch nicht mitbekommen hat, der weiss es spätestens jetzt: Es ist zur Zeit wirklich sehr ruhig auf der Sonne.

Das SIDC ist das Solar Influences Data Analysis Center des königlich belgischen Observatoriums in Brüssel. Seit 1981 veröffentlicht es die offizielle Sonnenfleckenrelativzahl. Diese Zahl ist eine wichtige Kenngröße für die Aktivität unseres Heimatgestirns und wird auch heute noch nach der Methode des Schweizer Astronomen Rudolf Wolf bestimmt. Es handelt sich dabei im Prinzip um die Anzahl der sichtbaren Sonnenflecken, gewichtet mit der Anzahl der Sonnenfleckengruppen (die meisten Flecken kommen nicht einzeln, sondern gruppiert vor) und unter Berücksichtigung der Beobachtungsbedingungen (etwa der Größe des Teleskops, seines Standorts, oder der Wetterbedingungen). Diese Sonnenfleckenrelativzahl wird dann über verschiedene Zeiträume (täglich, monatlich oder jährlich) gemittelt. Und so sah die Meldung des SIDC für den Monat August nun aus:

 							:Issued: 2009 Sep 01 0716 UTC 	:Product: documentation at http://www.sidc.be/products/ri 	#--------------------------------------------------------------------# 	# MONTHLY REPORT ON THE INTERNATIONAL SUNSPOT NUMBER                 # 	# from the SIDC (RWC-Belgium)                                        # 	#--------------------------------------------------------------------# 	Provisional International monthly mean Sunspot Number for 	August 2009 : 0.0 (zero point zero) 	all zeroes 	Provisional daily International Sunspot Numbers for August 2009 :  	1..  0    6..  0   11..  0   16..  0   21..  0   26..  0   31..  0 	2..  0    7..  0   12..  0   17..  0   22..  0   27..  0 	3..  0    8..  0   13..  0   18..  0   23..  0   28..  0 	4..  0    9..  0   14..  0   19..  0   24..  0   29..  0 	5..  0   10..  0   15..  0   20..  0   25..  0   30..  0 	 	

Ziemlich viele Nullen! Die Relativzahl Null-Komma-Null bedeutet schlicht, dass im August 2009 kein einziger Sonnenfleck zu sehen war. Müssen wir uns nun Sorgen um die Sonne machen? Wohl eher nicht. Zwar muss man eine ganze Weile in den Aufzeichnungen zurückblättern, um auf eine solche Häufung von Nullen zu treffen – bis zum Juni 1913, um genau zu sein. Seit Erfindung des Teleskops jedoch wurde schon häufiger eine völlig fleckenfreie Sonne beobachtet, und das manchmal länger als einen Monat lang. So war auch der Mai 1913 fleckenfrei, richtig langweilig war es für die Sonnenfleckenbeobachter aber in den Jahren 1822/23 und besonders vom Herbst 1809 bis zum Sommer 1811. Einundzwanzig Monate lang fand man damals fast keinen Fleck auf der Sonne. Bekannt ist diese Epoche reduzierter Sonnenaktivität heute als das Daltonsche Minimum.

Die Zahl der Sonnenflecken schwankt in einem etwa 11-jährigen Zyklus, das weiss man, seit dem man regelmäßig mit Teleskopen die Sonne beobachtet. Der Aktivitätszyklus der Sonne ist aber ein 22jähriger, denn das Sonnenmagnetfeld polt sich etwa alle 11 Jahre um – ein Vorgang, der nicht vollständig verstanden ist. Aber erstens ist der Sonnenfleckenzyklus alles andere als regelmäßig, Schwankungen von mehreren Jahren sind gewöhnlich, mal sind es 9, mal eher 14 Jahre. Auch die Ausprägung der Maxima und Minima der Sonnenaktivität ist unterschiedlich. So waren auch die Maxima zu beginn des 19. Jahrhunderts während des Daltonschen Minimums geringer, als zum Beispiel in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Im langfristigen Vergleich waren die vergangenen Jahrzehnte von einer eher starken Sonnenaktivität geprägt, die sich in recht hohen Sonnenfleckenzahlen manifestierte. Nun stecken wir also inmitten in einem ausgeprägten Minimum. Möglich, dass das ein Ausreißer ist, möglich auch, dass das "moderne Maximum" der Sonnenaktivität zu Ende geht, und dass wir wie am Anfang einer Periode reduzierter Sonnenaktivität stehen, dem "modernen Minimum". Wie stark dieses Minimum ausgeprägt sein wird, ist unbekannt, aber der Blick auf die langjährige Statistik zeigt zumindest, dass es nichts Ungewöhnliches wäre.

Die Anzahl der Sonnenflecken schwankt in einem etwa 11-jährigen Zyklus, dem ein 22-jähriger Zyklus der Sonnenaktivität zugrunde liegt: das Magnetfeld der Sonne polt sich periodisch um. Somit sind Phasen geringer Sonnenkaktivität (und damit geringer Sonnenfleckenzahlen) nichts Ungewöhnliches, auch besonders ausgeprägte Minima hat es immer wieder gegeben. (Bild: Wikipedia)

Was gewöhnlich ist und was nicht ist ohnehin schwer zu sagen, wenn man über die Aktivität der Sonne spricht. Unsere Beobachtungen der Sonnenflecken erstrecken sich über gerade einmal vier Jahrhunderte – ein viel zu kurzer Zeitraum, als dass man alleine daraus allzu weit reichenden Schlüsse ziehen könnte. War etwa das so genannte Maunder-Minimum, als von etwa 1650 bis 1700 die Sonnenaktivität fast ganz zum Erliegen gekommen schien, ein ungewöhnliches Phänomen, oder etwas, dass alle paar Jahrhunderte einmal auftritt? Untersuchungen mit Hilfe der Radiocarbonmethode zeigen, dass es auch vor Beginn der regelmäßigen Sonnenfleckenbeobachtungen ausgeprägte Aktivitätsminima gab. Die starke Sonnenaktivität des ausgehenden 20. Jahrhunderts war demnach außergewöhnlich hoch wie seit 8000 Jahren nicht mehr

Wie sich die Sonnenaktivität in den nächsten Jahren entwickeln wird, ist eine spannende Frage. Irgendwann wird es sicher wieder unruhiger auf unserem Zentralgestirn zugehen, ungefähr so ungemütlich, wie vor ziemlich genau 150 Jahren. Am 2. September 1859 ereignete sich nämlich der stärkste je registrierte Sonnensturm und löste spektakuläre Polarlichterscheinungen aus und legte Telegrafenleitungen lahm, übrigens während eines eher mäßigen Maximums. Die Polarlichter waren damals sogar in Zentralamerika und im Mittelmeerraum sichtbar. Unsere heutige, technisierte Gesellschaft würde allerdings von so einem Weltraumunwetter mehr als nur Polarlichter mitbekommen. Manch einer fürchtet sich deshalb schon vor den Jahren 2012/13, wenn die Sonnenaktivität wieder steigen soll. Diese Angst ist völlig irrational. Sie begründet sich alleine auf der Annahme, dass das nächste Maximum der Sonnenaktivität in etwa so hoch ausfallen wird, wie dasjenige von 1859. Doch erstens sollte man zur Zeit weder Wetten auf dass Wann noch auf das Wie hoch des nächsten Maximums abschließen. Und außerdem können starke Sonnenstürme jederzeit, also auch während reduzierter Sonnenaktivität auftreten. Aber es ist wohl kaum zu vermeiden, dass gewisse Zeitungen mit großen Buchstaben für kleine Hirne irgendwann wieder den Untergang der Welt durch die Sonne heraufbeschwören…

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

9 Kommentare

  1. Die Sonnenflecken wirken sich doch kaum auf die abgestrahlte Energie oder das Spektrum aus, von schlafen ist also keine Rede. Also könnten weniger Flecken uns doch kalt lassen.

  2. Bedeutúng von Sonnenflecken

    @adenosine: Jan hat’s doch geschrieben. Die Zahl der Sonnenflecken korreliert mit der Sonnenaktivität. Und wenn die nachlässt, was beispielsweise im Maunder-Minimum der Fall gewesen sein könnte, dann würde uns das in der Tat “kalt lassen”, und zwar im exakten Wortsinn.

  3. Das Ereignis im Oktober 2003

    Jetzt starren alle wie gebannt auf die außergewöhnlich geringe Sonnenaktivität. Das außergewöhnlich starke Ereignis im Oktober 2003, immerhin auch schon wieder 3 Jahre nach dem eigentlichen Maximum des Zyklus, ist anscheinend vergessen, dabei war das ebenso ungewöhnlich, nämlich eine der stärksten überhaupt je registrierten CMEs.

    http://www.space.com/…my/solar_flare_031028.html

  4. Sonnenaktivität und Erderwärmung

    Wenn ich mir dann die Resultate der Arbeit von Lean und Rind (am 8.9. zitiert bei spaceweather.com) anschaue, können wir beruhigt weiter CO2 in die Luft schleudern, die geringe Sonnenaktivität reduziert ja die weitere Erderwärmung …

    Andreas

  5. Klimaerwärmung und Sonnenflecken

    Ich habe den Bezug zur Erderwärmung bewusst ausgespart, denn wann immer man das Thema “Sonnenaktivität und ihr Einfluss auf das Erdklima” anspricht, tauchen jene Internettrolle auf die wie die Pawlowschen Hunde auf die Nennung ihres Reizwortes reagieren. Die mit den vielen Ausrufezeichen und den debilen Umgangsformen.

    Es ging zunächst mal nur um die momentan geringe Aktivität der Sonne, und mein Artikel sollte deutlich machen, dass daran nichts, aber auch gar nichts ungewöhnlich ist.

    Aber da Lean und Rind nun einmal genannt wurden, hier noch gleich ein lesenswerter Link dazu: http://www.scienceblogs.de/…ression-auch-tut.php

  6. Kausalketten und Kausalnetze

    Die Herrschaften, die aus der jetzigen Situation etwas ableiten wollen, hatten vor 6 Jahren aber genau das Gegenteil aus ihren Excel-Sheets, oder womit sie das Klima vorhersagen wollen, herausbekommen, denn da war die Sonnenaktivitaet noch ungewoehnlich hoch.

    Es ist immer sehr verlockend fuer das menschliche Denken, alles in Kausalketten zu betrachten. Man macht X, deswegen passiert Y. Macht man X nicht, passiert Y nicht. In vielen Vorgaengen des taeglichen Lebens ist dieser Ansatz passend.

    Deswegen gefaellt er uns ja so gut, und wir alle erliegen gern der Versuchung, nicht nur wenn es um Klimawandel geht (und was dazu fuehrt), und wenn es um Klimawandel und seine Ursachen geht, dann auf beiden Seiten der Diskussion.

    So ein komplexes System wie das Weltklima funktioniert aber nicht so. Man hat hier Kausalnetze, nicht Kausalketten. Macht man X, fuehrt das zu A, B und C, wobei A und B gegenseitig abschwaechende, A und C nicht korrelierte und B und C gegenseitig verstaerkende Effekte sind. Gleichzeitig wirkt aber X zyklisch, aber dann auch noch Y und Y, die ebenfalls zyklisch, konstant, oder linear sein koennen.

    Und schon kann man sich jeglichen simplen Kausalkettenansatz in die Haare schmieren.

  7. POLARLICHTER

    Hallo Sternengucker.
    Ich habe gehört das es auch in Deutschland möglich ist sie zu sehen, aber sie nur 2 Tage vorgesagt werden können, wie kommt man den an Informationen wo und wann sie auftreten?
    liebe Grüße Jule*

  8. @Julia Rother

    Polarlichter in Deutschland sind schon recht selten, v.a. wenn die Sonne ruhig ist wie zur Zeit. Im Norden des Landes sind sie häufiger als in der Mitte oder im Süden.

    Es stimmt dass man die Wahrscheinlichkeit für Polarlichtaktivität kurzfristig voraussehen kann. Eine gute Quelle für Informationen rund um die Polarlichter ist die seite des Arbeitskreises Meteore:

    http://www.meteoros.de/

    insb. die Polarlicht-Seiten:

    http://www.meteoros.de/polar/polwarn.htm

    und die Links auf dieser Seite! Hier werden wichtige Werte wie Sonnenwind, Ausrichtung des Erdmagnetfeldes, globaler K-Index und die Lage des Polarlichtovals aktuell dargestellt. Erklärungen finden sich auf der Seite.

    Gerade wenn es ernst wird, lohnt sich der Blick in das Polarlicht-Forum. Wenn sich etwas tut, kann man das idR hier verfolgen:

    http://www.meteoros.de/forum.htm

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