Asteroidenjäger Sentinel – die NASA steigt aus

Bereits Ende September war bekannt geworden, dass die Nasa die Zusammenarbeit mit der privaten „B612-Foundation“ für den Betrieb eines Asteroiden-Frühwarnsatelliten namens „Sentinel“ eingestellt hat. Ein Rückschlag für private Initiativen, die vor folgenschweren Asteroideneinschlägen warnen und seit Jahren mächtig PR-Wind machen.

[tl;dr]: Ein eigentlich sinnvolles Projekt zur Asteroidensuche hat Finanzierungsprobleme, jetzt ist auch noch die Nasa als Partner ausgestiegen. Das Scheitern seiner angstbasierten PR muss man aber nicht betrauern.

Rauchspur des etwa 20 Meter großen Himmelskörpers, der am 15. Februar 2013 über dem russischen Tscheljabinsk explodierte. Fenster gingen zu Bruch, rund 1000 Menschen vurden verletzt. Bild: Alex Alishevskikh

Rauchspur des etwa 20 Meter großen Himmelskörpers, der am 15. Februar 2013 über dem russischen Tscheljabinsk explodierte. Fenster gingen zu Bruch, rund 1000 Menschen wurden bei der Explosion des Miniasteroiden in der Atmosphäre verletzt. Bild: Alex Alishevskikh

Die B612-Foundation, die bislang nicht einmal ansatzweise die nötigen Gelder für das Projekt aufgebracht haben soll, hat laut Nasa einen wichtigen Meilenstein nicht erreicht: den Start der eigentlichen Entwicklung des Satelliten. Der Starttermin hat sich folgerichtig bereits mehrfach verschoben, von anfangs 2016 auf jetzt frühestens 2019. Um nicht weitere Ressourcen zu binden, werde das Space Act Agreement (SAA) mit der Initiative daher beendet.

Die Meldung kam für mich seinerzeit zur Unzeit, weswegen sie im Wust der täglich einprasselnden Neuigkeiten zunächst unterging. Vergangene Woche aber veröffentlichte der Astronom und Blogger Ethan Siegel einen Kommentar zum Nasa-Ausstieg, was mich wieder an das Thema erinnerte. Siegels Urteil: Gut so – der Plan, der Milliarden Dollar kosten würde, ist reine Verschwendung. Das Risiko, wirklich einmal von einem Asteroiden getroffen zu werden, rechtfertige den Aufwand nicht.

Asteroidenexperten kritisieren seit längerem die PR-Strategie der B612-Foundation und der mit ihr eng verwobenen Initiative „Asteroid Day“ als überzogen und angstbasiert. Für Sterne und Weltraum (deutsch) und Sky&Telescope (englisch) habe ich das Thema vor einigen Monaten zusammengefasst (Lesetipp!).

Die Kritik ist aus meiner Sicht berechtigt. In Promotionsvideos wie dem folgenden vermittelt die B612-Foundation den Eindruck, die Erde werde fortwährend von gefährlichen „Massenvernichtungswaffen“ aus dem All bombardiert und es sei reines Glück, dass es nicht schon längst zur Katastrophe gekommen ist.

Tatsache ist aber, dass keiner der im Video dargestellten und irreführend „impact“ genannten Boliden eine echte Bedrohung für die Menschheit oder auch nur einen Teil derselben war. Ja – ein Asteroid der 40-Meter-Klasse kann unter sehr ungünstigen Bedingungen eine Stadt zerstören und in Tscheljabinsk wurden Menschen verletzt. Mit dem Verweis darauf, dass solche sogenannten „City-Killer“ im statistischen Mittel alle 100 Jahre vorbeischauen und der damit verbundenen Suggestion, wir stünden praktisch unter permanenter Bedrohung, verkennt die B612-Foundation aber eine wichtige Tatsache: Nur drei Prozent der Landfläche der Erde ist urbanisiert, die Zielscheibe ist also sehr, sehr klein. [1]. In all den Jahrtausenden, in denen die Menschheit schon auf diesem Planeten Städte baut ist folglich noch keine einzige von einem Asteroiden vernichtet worden ist (dafür aber nicht gerade wenige von eben diesen Menschen selbst).

Sentinell soll auf einem Orbit nehe der Venusbahn stationiert werden. Von dort könnte auch der Bereich innerhalb der Erdbahn nach Asteroiden abgesucht werden, der von Erd Erdoberfläche aus nicht beobachtbar ist. Bild: B612-Foundation

Sentinel soll auf einem Orbit nahe der Venusbahn stationiert werden. Von dort könnte er auch der Bereich innerhalb der Erdbahn nach Asteroiden absuchen, der von Erdoberfläche aus nicht beobachtbar ist. Bild: B612-Foundation

In einem Punkt stimme ich Siegel also zu: Das Risiko durch kleine Asteroiden (der ~40-Meter-Klasse) ist aufgebauscht. Damit endet unsere Übereinstimmung aber. Sentinel wäre ein Früherkennungssatellit geworden (vielleicht wird er es auch noch, die B612-Foundation will auch ohne Nasa weitermachen), und es spricht nichts dagegen, den Himmel verstärkt nach potentiellen Störenfrieden abzusuchen. Die Idee ist, Sentinel innerhalb der Erdbahn um die Sonne kreisen zu lassen, um so auch den Bereich des erdnahen Weltraums anzusuchen, den erdgebundene Teleskope nicht erreichen können. Das wäre gut. Anders als Siegel bin ich nicht der Meinung, dass Asteroiden überhaupt keine Gefahr für die Menschheit darstellen, beziehungsweise dass wir uns um sie kümmern sollen, wenn „unsere Spezies noch ein paar tausend Jahre“ durchhält.

Das – von B612 und Asteroid Day hausgemachte – Problem liegt meiner Meinung nach bei der Definition von „Störenfried“. Große Asteroiden mit Durchmessern von 100 Meter oder mehr sind in der Tat eine Bedrohung: Sie sind zwar viel seltener als die sogenannten „City-Killer“, würden bei einem Einschlag aber nicht nur lokale Schäden verursachen. Ein 100m-Brocken kann halbe Kontinente verwüsten [2]. Wir kennen längst noch nicht erdnahen Asteroiden dieser Klasse (Schätzungen gehen von bis zu 1000 noch unentdeckten aus), und es wäre dumm, sie zu ignorieren. Es müssen Mittel aufgebracht werden, um diese potentiell gefährliche Asteroiden rechtzeitig zu erkennen. Rechtzeitig heißt: Jahrzehnte im Voraus.

Wer aber harmlose Miniasteroiden dämonisiert und zu potentiellen „City-Killern“ macht, erzeugt zwar Aufsehen, handelt sich aber ein Glaubwürdigkeitsproblem ein. Sentinel soll sich nämlich gar nicht auf diese Zwerge, sondern völlig richtig auf die Problembärkategorie 100m+ konzentrieren. Würde auch die PR der Initiative das korrekt transportieren, könnte man natürlich nicht so werbewirksame Videos wie das obige produzieren. Die Entdeckung aller Kleinkörper unter 100 Meter (es sind vermutlich mehr als eine Million in Erdnähe) würde Milliarden Dollar kosten, sagen Experten – eine enorme Summe für ein (im Vergleich zu anderen Naturkatastrophen) geringes Risiko [3].

Die Asteroidensuche muss ein. Unter Dauergefahr, wie Videos wie das obige suggerieren, steht unser Planet aber auch nicht. Sentinel wäre ein gute Sache, aber dass sich die Fundingcrowd offenbar nicht von Panik-PR beeindrucken lässt (so lese ich die schleppende Finanzierung des Projekts), hat auch etwas Positives.

[1] Das ist gerade für Stadtbewohner komplett kontraintuitiv, weswegen die die Argumentation der B612-Foundation auch so gut wirkt.

[2] Die Menschheit auslöschen kann auch so einer nicht. Ein zweiter „Dinokiller“ müsste einen Kilometer oder mehr durchmessen, und dass so einer nicht in Sicht ist, wissen wir bereits.

[3] Solche Kleinkörper würden dann ohnehin erst kurz vor Aufprall entdeckt, womit sich die Frage stellt, wie man solche Miniasteroiden dann „bekämpfen“ soll. Über Sinn und Unsinn einer besonders drastische Idee einer dänischen Initiative (die genau die gleiche PR-Schiene fährt wie die oben genannten) habe ich mich bereits geäußert.

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen.

Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss.

Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera.

Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“.

jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de

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  1. Miniasteroide sind potenzielle City-Killer wie Tscheljabinsk gezeigt hat. Behauptung: Miniasteroide mit dem Potenzial eine ganze Stadt auszlöschen sind etwa alle hundert Jahre zu erwarten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Miniasteroid eine Stadt wirklich trifft ist tatsächlich sehr klein, aber sie besteht.
    Kilometergrosse Asteroide mit dem Potenzial globaler Auswirkungen sind dagegen deutlich seltener als in einer Million Jahre zu erwarten. Jan Hattenbach denkt, nur die Gefahr von globalen Auswirkungen (im Extremfall Ende der menschlichen High-Tech-Zivilisation) lohne den Aufwand einer systematischen Asteroidensuche. Ähnliche Überlegungen wie Jan Hattenbach hat übrigens auch Markus Pössel in Asteroiden haben ein Hollywood-Problem angestellt – nur kommt er genau zum gegenteiligen Gesamturteil: Markus Pössel glaubt, dass die sytematische Asteroidensuche sich lohnt. Trotzdem sind Jan Hattenbachs und Markus Pössels Überlegungen insoweit ähnlich, als dass sie nur die nähere Zukunft im Visier haben. Ihnen geht es also darum, was man gerade heute, im Jahr 2015, unternehmen soll um Asteroiden zu suchen oder/und abzuwehren. Meiner Ansicht nach sollte man aber in grösseren Zeitskalen denken, in Zeiträumen von 50 bis 200 Jahren, denn das sind auch adäquate Zeiträume für das Asteroiden-Impakt-Problem.

    Wir sollten bei der Asteroidensuche an die Entwicklung der Astronomie in den nächsten 50 bis 100 Jahren denken.
    In 50 Jahren wird es mindestens 3 Klassen von Teleskopen für die Himmelsbeobachtung geben.
    1) Grosstelesope für die Beobachtung eines kleinen Raumbereichs im Stil von European Extremely Large Telescope, Thirty Meter Telescope, Giant Magellan Telescope,
    2) Teleskope für die Durchmusterung (Surveys) um den ganzen Himmel oder die ganze Milchstrasse abzusuchen. Beispiele für solche spezialisierten Teleskope sind das Large Synoptic Survey Telescope (LSST) oder Gaia.
    3) Teleskope um Himmelsereignisse zu registrieren und weiterzuleiten. Himmelsereignisse zeigen sich in schnellen Veränderungen von Lichtkurven wie sie bei Okkultationen, Mikrogravitationslinseneffekten, Supernovausbrüchen und so weiter vorkommen. Zu dieser Klasse zähle ich den Swift-Satelliten, der Gammastrahlenausbrüche registiert. In Zukunkft wird es für die Beobachtung des gesamten Himmels wohl Teleskope wie das Evryscope geben.

    Die Asteroidenbeobachtung sollte mit Teleskopen der Klassen 2) (Surveys) und 3) durchgeführt werden. Wenn man die Asteroidenbeobachtung als Aufgabe für die nächsten 50 bis 100 Jahre betrachtet, dann sollte man überlegen wie man mit zukünftigen Teleskopen der Klasse 2) und 3) Asteroiden systematisch beobachten und entdecken kann. Dann sollte man Instrumente der Klassen 2) und 3) so auslegen, dass sie falls möglich auch die Asteroidenbeobachtung übernehmen können.

    Kurzzusammenfassung: Die Asteroidenbeobachtung und -entdeckung sollte als Langfristaufgabe angegangen werden. Zukünftige Survey- und Event-Teleksope sollten immer auch in Hinsicht auf die Aufgabe gebaut werden, Asteroiden (und hier vor allem Near Earth Objects) zu entdecken und zu beobachten.

  2. Zitat: ” Nur drei Prozent der Landfläche der Erde ist urbanisiert, die Zielscheibe ist also sehr, sehr klein. Nein, 3% sind nicht sehr sehr klein. Dass ein Astronom 3% als sehr sehr klein bezeichnet verwundert mich angesichts der Grössenskalen, die es in der Astronomie gibt.

    Fazit: In 100 Jahren fällt ein Citiy-Killer auf die Erde und trifft mit 3% Wahrscheinlichkeit eine Stadt. Also wird in 5’000 Jahren mindestens eine Stadt mit fast 100%-iger Sicherheit getroffen. Die totale Zerstörung etwa Londons wäre wohl ein Schaden, der mehrere Billionen Dollar betragen würde. Solch ein Risiko sollte man nicht eingehen, auch wenn “nur” alle 5000 Jahre eine Stadt vernichtet wird.

    • Korrektur: 3% der Landfläche sind nur 0.75% der Erdoberfläche und diese Erdoberfläche wird 1 Mal in 100 Jahren von einem Citiy-Killer getroffen. Anstatt alle 3500 Jahre müssten wir nur alle 13’300 Jahre mit der Zerstörung einer Stadt rechnen. Das scheint mir aber immer noch ein recht grosses Risiko.

    • @ Martin Holzherr

      “In 100 Jahren fällt ein Citiy-Killer auf die Erde und trifft mit [0,75] % Wahrscheinlichkeit eine Stadt. Also wird in [13.300] Jahren mindestens eine Stadt mit fast 100%-iger Sicherheit getroffen.”

      Wie haben Sie das denn gerechnet?

      Ich komme bei 133 Einschlägen von “City-Killern” auf eine Wahrscheinlichkeit von ca. 35 %, dass die jede City verfehlen. [(1-0,0075) hoch 133]. Zu 65 % würde ich nicht “fast sicher” sagen.

      Falls Sie davon ausgehen, dass in 13300 Jahren die Städte etwas größer wären, sollten Sie auch bedenken, dass wir – wenn ich an dieser Stelle noch von wir reden darf – möglicherweise schon alle weit unter der Oberfläche leben, sei es die Oberfläche des Meeres, der Erde, des Mondes oder des Mars. Das könnte zusätzlichen Schutz gewähren.

      Apropos Kometen und Flugzeuge vs. Autos, Kennen Sie die Geschichte von Hans Guck-in-die-Luft (Der Struwwelpeter; Heinrich Hoffman)?

      “Vor die eignen Füße dicht,
      Ja, da sah der Bursche nicht”

      Mit bekannten Folgen.

      • Meine 13’300 Jahre bis der nächste Asteroideneinschlag passiert ist ist nur eine grobe Abschätzung. Der Einschlag kann natürlich viel früher passieren. Einschläge von kilometergrossen Asteroiden sind dagegen sehr unwahrscheinlich. Für solche grosse Asteroiden passt ihr Argument sehr gut:

        Falls Sie davon ausgehen, dass in 13300 Jahren die Städte etwas größer wären, sollten Sie auch bedenken, dass wir – wenn ich an dieser Stelle noch von wir reden darf – möglicherweise schon alle weit unter der Oberfläche leben, sei es die Oberfläche des Meeres, der Erde, des Mondes oder des Mars. Das könnte zusätzlichen Schutz gewähren.

        Bei grossen Asteroiden dürfen sie 13’300 Jahre durch 1’330’000 Jahre ersetzen. Nach ihrer Logik müssten wir grossen Asteroiden überhaupt keine Aufmerksamkeit schenken.

  3. “… müssten wir nur alle 13’300 Jahre mit der Zerstörung einer Stadt rechnen”

    Das ist Panikmache! Weltweit sterben 600.000 Menschen pro Jahr im Straßenverkehr. Das wären in 13300 Jahren also 8 Milliarden. Et voilá, die Menscheit hat sich mit dem Auto umgebracht.

    Das ist eben der Haken bei Statistiken, man kann alles daraus lesen. Ich schlage vor, wir beruhigen uns und fahren besser weniger Auto als Geld in den Unsinn von Meteoritensuche zu stecken. Denn auch die Entdeckung eines Kollisionskörpers ändert wenig an seinem Einschlag. 🙂

    • @Tom: Ihre Argumentation geht am Problem meilenweit vorbei. Ja es sterben 600’000 Menschen pro Jahr im Strassenverkehr. Aber heisst das, dass die 3000 Menschen, die im Jahr 2001 im World Trade Center durch einen Anschlag gestorben sind, nicht zählen oder von minderer Bedeutung sind. Wohl kaum! Die Zerstörung einer ganzen Stadt ist immer eine Katastrophe und kann nicht mit normalen Todesfällen verglichen werden. Das gilt übrigens sogar in der Medizin. Die Mediziner unterscheiden einem “normalen Todesfall” und einem aussergewöhnlichen Todesfall. Ein aussergewöhnlicher Todesfall könnte ein Mord sein. Ein Mord wird nicht gleich behandelt wie ein normaler Todesfall. Die Zerstörung einer Stadt ist ebenfalls nichts “Normales”.

      • @Tom: Zugegeben. Sterben im Verkehr ist auch ein aussergewöhnlicher Todesfall. Aber Verkehrstote lassen sich dennoch nicht aufrechnen gegen Tote bei Naturkatastrophen oder Kriegen.
        Die Menschheit verhält sich auch ganz anders. Weltweit gibt es wohl weniger als 600’000 Erdbebentote pro Jahr. Trotzdem wird in immer mehr Ländern in den Erdbebenschutz investiert. Würde ein Stadt wie Istanbul durch ein Erdbeben zerstört werden, wäre das eine Katastrophe, auch wenn weniger als 600’000 Menschen sterben.

      • Au contraire, ich finde, Toms Kommentar trifft das Problem ganz gut: Geht man mal davon aus, dass das Leben gefährlich ist und idR mit dem Tod endet, kann man sich fragen, wie groß das Risiko ist, von einem bestimmten Ereignis (Straßenverkehr, Lungenkrebs, Asteroiden) ins Jenseits befördert zu werden. Hat man das getan, kann man sich fragen, welche Maßnahmen und welcher Aufwand berechtigt sind, ein bestimmtes Risiko zu minimieren (Sicherheitsgurtpflicht, Anti-Raucher-Kampagnen, Atombomben im Orbit).

        Eine nüchterne Risikoabschätzung fondet bei der B612-PR nicht statt, da wird ein winzig kleines Risiko überproportional aufgebläht.

        Im übrigen finde ich eine Unterscheidung zwischen “außergewöhnlichen” (Asteroiden) und “normalen” (Straßenverkehr) Todesfällen nicht angebracht. Der Vergleich mit der Medizin ist untauglich, dort geht es um die Unterscheidung zwischen natürlichen (das Leben endet meistens tödlich, s.o.) und unnatürlichen Todesfällen (zu denen man sowohl Asteroidentodesfälle als auch Straßenverkehrstodesfälle zählt).

        • @Jan Hattenbach: Eine Risikoabschätzung hat Markus Pössel in seinem Artikel > Asteroiden haben ein Hollywood-Problem gemacht:

          Die Einschätzung “relativ wenig” kann man z.B. an Risikoabschätzungen festmachen, die Asteroideneinschlägen, auf die Einzelperson umgelegt, dieselbe Wahrscheinlichkeit zuordnen wie Flugzeugabstürzen (Chapman & Morrison 1994). Sprich: Für einen zufällig ausgewählten Menschen ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem großen Asteroideneinschlag ums Leben zu kommen, vergleichbar mit der Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen. Dabei spielen natürlich im Hintergrund unterschiedliche Zahlenfaktoren eine Rolle: Flugzeugabstürze sind weitaus häufiger als große Asteroideneinschläge, aber letztere fordern eben auch eine ungleich höhere Zahl von Todesopfern.

          Im Vergleich mit unserem Umgang mit Flugzeugabstürzen und den zu ihrer Verhinderung dienenden Sicherheitsmaßnahmen dürfte alles, was wir in punkto Asteroiden unternehmen, in der Tat nicht besonders viel sein.

          • Bitte hier nichts durcheinander werfen: Diese Aussage bezieht sich auf einen *großen* Asteroiden, nicht auf die 40-m-“City-Killer”. Die ganz großen Dinger (1km und mehr) sind zu über 95% entdeckt und kommen auch nicht einfach so aus dem Nichts. Was die Entdeckung der Mittelklasse angeht (100m-1000m) – da muss noch mehr getan werden – vll. auch mit Sentinel – insofern kein Widerspruch. Nur: Die PR konzentriert sich auf harmlose Boliden – Warum? Um das Ganze dramatischer wirken zu lassen?

        • PS: Um das noch mal klarzustellen: Ich kritisiere nicht die Asteroidensuche oder Sentinel an sich als “aufgebläht”, sondern die PR von B612 und Asteroid Day. Es soll auch nicht so getan werden, als würde das Thema völlig ignoriert: Es *wird* nach erdnahen Asteroiden gesucht (s. z.B. die verlinkten Artikel).

    • Sie schreiben: “Denn auch die Entdeckung eines Kollisionskörpers ändert wenig an seinem Einschlag. “.
      Dazu: Die Entdeckung eines Kollisionskörper ermöglicht
      1) Die Evakuation der Bevölkerung im Auftreffgegbiet
      2) Asteroidenablenkung falls genügen früh entdeckt.

  4. Na ja, bei einem Anschlag ums Leben zu kommen ist wohl deutlich unwahrscheinlicher als im Auto… Sie argumentieren mit außergewöhnlichen Ereignissen, die es in die Zeitung schaffen, an den wahren Gefahren ändert das leider nichts.
    Sie wollen evakuieren? Wohin? Wieviel Zeit geben Sie sich? Eine Stadt allein wird nicht reichen, da der genaue Einschlagort erst kurze Zeit vorher bestimmbar ist.
    Sie wollen den Körper ablenken? Die zeitlich hinreichende Methode würde ich gern einmal kennen lernen.

    • Es hätte im Falle von Tscheljabinsk schon genügt, die Bevölkerung in der betroffenen Region dazu aufzurufen, von Fensterscheiben wegzutreten, um die Zahl der Verletzten erheblich zu reduzieren. Ob eine solche Vorwarnung, gerade bei diesen kleinen Miniasteroiden, aber wirklich so sinnvoll ist, darüber sollte man zumindest mal nachdenken. Sie könnte auch eine Panik verursachen, deren Folgen schwerwiegender sein könnte als die direkte Einwirkung des Asteroiden.

      Zum Thema Ablenken gibt es, sofern die Vorwarnzeit in der Größenordnung Jahrzehnte beträgt, schon einige Vorschläge. Zum Beispiel einer der ESA, das seit Jahren als Konzeptstudie schlummert und gerne mal zu entsprechende Vorträgen werbewirksam präsentiert wird. Da könnte man auch mehr tun – aber auch hier geht es nicht um die “40m-Citykiller” sondern um die größeren Brocken.

      • Ach, das Don-Quijote-Konzept ist doch schon lange mausetot. Wenn das jetzt noch irgendwo aufs Tapet kommt, kann man getrost weghören, eine e-mails checken oder sich einen Kaffee holen gehen. Verpassen wird man nichts.

        Es wurde jahrelang herumgemacht, aber nie wirklich eingestiegen. Problematisch ist vor allem, dass bei der Größenklasse, die man für die Demonstration einsetzen wolle, die Messung des Effektes schwierig werden würde.

        Das lag daran, dass man die Sache falsch angegangen ist. Es ging bei der ESA immer darum, einen einzelnen Asteroiden zu rammen und so die Machbarkeit der Ablenkung durch hochgeschwindigkeitsimpakte zu erproben. Aber die Messung der Bahnperiode vorher und lange dauert einfach zu lange. Es ist schwierig, aus dem “Rauschen” d.h., as der Masse der anderen kleinen Bahnänderungen, die nicht vom Impakt herrühren, den kleinen Effekt des Impakts herauszufiltern.

        ESA-typisch war die Reaktion stets “Was, es geht nicht? dann lasst uns doch mal sehen, ob es billiger geht.” Hä? Ja, genau.

        JHU/APL in den USA und das Observatoire de la Côte d’Azur in Nizza hatten einen anderen Ansatz: “Lasst uns mal sehen, wie man es anders machen könnte.” Deren Konzept, gewissermaßen Don Quijote reloaded, hört auf den Namen DART. Der kleine, aber feine Unterschied in diesem Konzept ist, dass die einen Asteroidenmond in einem Binärsystem rammen wollen. Der hat eine Umlaufperiode von 12 Stunden, ein Effekt dürfte also um Größenordnungen leichter feststellbar sein, als wenn man das bei einer heliozentrischen Bahn versuchen würde.

        Die ESA erwägt die Mitarbeit im Form einer weiteren Sonde, die schon vor dem Impakt durch die US-Sonde vor Ort sein soll. Die so zustande kommende Doppelmission, falls sie zustandekommt, hieße AIDA und wäre wirklich ziemlich cool und auch wissenschaftlich ausgesprochen wertvoll.

        – Untersuchung eines binären Systems
        – Nahuntersuchung (inklusive Lander und Cubesats) eines primitiven Asteroiden
        – Untersuchung eines Asteroiden mit einer Rotationsperiode nahe an der kritischen Grenze von rund 2.2 h
        – Möglichkeit zur Beobachtung eines Hochgeschwindigkeitsimpakts
        – Möglichkeit zur in-situ-Untersuchung pristinen, primitiven Auswurfmaterials
        – Diverse technologische Experimente, z.B. zur Laserkommunikation und zur autonomen Navigation

        Eben weil da wissenschaftlich so viel dahinter steckt, obwohl es sich wirklich um eine kleine Sonde mit überschaubarem Risiko handelt, wette ich, dass die ESA jetzt wieder kalte Füße kriegt und aussteigt.

        Wer hält dagegen? Falls es einer wagt, hoffe ich, dass ich verliere. Nach der C-Min in einem Jahr werden wir es wissen.

  5. Ist die Risikoabschätzung für 40m-Brocken in der richtigen Grössenordnung? Ein Einschlag eines solchen Objektes ist nicht nur dann gefährlich, wenn er eine Stadt genau trifft, sondern auch, wenn er in ungünstige Meeresgebiete um eine Küstenstadt einschlägt. Was passiert, wenn so ein Brocken ins westliche Mittelmeer, vor der ostküste der USA oder zwischen Japan und Korea ins Meer stürzt?
    Alleine das könnte das Risiko in die nächste Grössenordnung verschieben.
    Ausserdem ist vollkommen unklar, wieviele Atens und Apollos es in dieser Kategorie gibt, weil der Weltraumm innerhalb der Erdbahn dramatisch unterbeobachtet ist. Auch dafuer ist das von B612 vorgeschlagene Beobachtungskonzept *genau* richtig.

    • “Was passiert, wenn so ein Brocken ins westliche Mittelmeer, vor der ostküste der USA oder zwischen Japan und Korea ins Meer stürzt?”

      Ich vermute mal: Das größte Risiko käme dann von einer Flutwelle, ähnlich eines Tsunamis? Dann würde ich die Frage stellen: Wie viele Tsunamis sind schon durch Asteroideneinschläge verursacht worden, wie viele durch Erdbeben? Und weiter: Wäre ein funktionierendes Tsunami-Wansystem da nicht ausreichend – es “kümmert” sich um die viel häufigeren erdbebeninduzierten Tsunamis und nimmt gleich noch einen eventuellen Asteroidentsunami mit?

      “Ausserdem ist vollkommen unklar, wieviele Atens und Apollos es in dieser Kategorie gibt, weil der Weltraum innerhalb der Erdbahn dramatisch unterbeobachtet ist. Auch dafuer ist das von B612 vorgeschlagene Beobachtungskonzept *genau* richtig.” Kein Widerspruch – s.o.

      • Ob ein Tsunami-Warnsystem nicht ausreicht? Ein state-of-the-art Warnsystem, wie es auch in Fukushima eingesetzt wurde, kann, abhaengig von den Umstaenden, Opferzahlen reduzieren.
        Warum versuchst du, den moeglichen Schaden eines 40m Brockens abzuschaetzen, indem du annimmst, dass er nur dann Schaden anrichtet, wenn er genau in die Stadt selber einschlaegt? Das ist schlicht falsch. Ein solcher Brocken kann kuestennahe Staedte auch dann verwuesten, wenn er in eben diese Gewaesser einschlaegt.
        Diese sollen-wir-nicht-lieber-das-und-das-tun-Argumentation ist deswegen unnuetz, weil ein objektiver Umgang mit der Bedrohung durch Asteroiden uns nicht davon abhaelt, Tsunamiwarnsysteme zu installieren. oder?!

  6. Ah, jetzt kommt der Tsunami dazu. Auch hier wieder viele Konjunktive. Warnbojen vor Sumatra haben aber durchaus mehr Sinn als solche Beobachtungs- und Vermeidungsideen bei Meteoriten. Ich erinnere noch einmal an den Strassenverkehr. 🙂 Ich finde es auch immer wieder interessant, dass diese spekulativen Vorschläge aus der Space-Lobby kommen. Motto: Wir reden Gefahren groß und verdienen gut daran.

    • Um zu beurteilen, ob eine Gefahr gross geredet wird oder nicht, muss man erstmal wissen, wie gross sie in Wirklichkeit ist. Genau dazu schlaegt B612 die Sentinel-Sonde vor. Da Sie die Groesse der Gefahr anscheinend auch ohne Beobachtung des Weltraums innerhalb der Erdbahn einschaetzen koennen, frage ich mal: Woher?

      • *Wird* Sentinel denn substantiell etwas zum Zensus der 40-m-Asteroiden beitragen? Liest man da nach, erfährt man eher was zur 100+-m Klasse.

        Was die Tsunamigefahr angeht, die Wiederholung meiner Frage: Wäre ein funktionierendes Tsunami-Wansystem da nicht ausreichend?

        • Das weiss keiner, da Sentinel z.Zt. unzureichend definiert ist. Sicher ist allerdings, dass es ohne eine geeignete Sonde mit einem aehnlichen Konzept nicht gehen wird.

        • Da landen wir dann vermutlich bei der Frage, ob man den Einschlag ggf. verhindern könnte und ob das auch das ultimative Ziel ist – oder ob es wirklich nur darum geht, rechtzeitig Bescheid zu wissen, wer wann und für wie lange die Flucht in andere Gegenden antreten muss.

          Immerhin ist es ja nicht so, als könnte man mal eben für ein paar Tage alle Bewohner einfach in den Urlaub schicken, dann das Wasser aufwischen und schon ist alles wieder beim Alten. Ein Tsunami zerstört ja je nach Größe auch einen guten Teil der Infrastruktur. Ob wir das verhindern wollen, hängt wahrscheinlich u. a. davon ab, was aufwändiger wäre: Den Asteroiden nach Möglichkeit abzulenken, oder alles neu aufzubauen. So oder so wüsste ich aber auch bei einem 40-Meter-Brocken lieber vorher Bescheid, statt ihn auf den Kopf zu bekommen mit dem Argument “Naja, is ja nur ‘n winziges Gebiet, bisschen Schwund is immer”.

          @Rainer: Gibt es Berechnungen, welche Schäden bei Asteroidengröße X nach Aufschlag im Meer in Entfernung Y mindestens auftreten würden? Wellenhöhe? Erwartete Größe des Überschwemmungsgebietes? Ich schätze, das ist ziemlich komplex, weil es je nach geographischen Verhältnissen, Besiedelungsdichte etc. variiert, oder?

  7. Ah, Strassenverkehr. Sollte sich eine Gesellschaft nur dann um den Umgang mit Risiken kuemmern, wenn es um (mutmasslich) mehr Tote pro Zeiteinheit geht als bei Unfalltoten?

  8. Um diverse Gefahren einschätzen zu können, bedarf es simpelster historischer Recherche und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Da sieht es dann zu den Meteoriten SEHR dünn aus. Und ja: Man sollte sein Investment an diese Wahrscheinlichkeiten anpassen und nicht spektakulär daherkommen. Emotionale und daher subjektive Entscheidungen sind kein guter Ratgeber. Diese NEO-Programme und die Phantastereien zu deren Ablenkung sind Unsinn. Übrigens sieht die NASA offenbar ähnlich. Ansonsten viel Spaß bei der Mittelakquise.

    • >Um diverse Gefahren einschätzen zu können, bedarf es simpelster historischer
      >Recherche und Wahrscheinlichkeitsrechnung

      Nein, man muss beobachten und rausfinden, was im Weltraum Sache ist. Insbesonder hat niemand eine Ahnung, wie gross die Asteroidenflussdichte im Raum zwischen Erde und Sonne ist. Das weiss kein Mensch, du auch nicht.

    • Nein, SEHR dünn ist die Impaktstatisitk nicht wie allein schon das Unterkaptitel Frequency and risk der Wikipedia beweist. Ein Beispiel: Alle 60 Jahre schlägt ein 20 Meter grosser Meteorit ein und es gilt immer noch die Einschätzung von Eugene Shoemaker: “The late Eugene Shoemaker of the U.S. Geological Survey estimated the rate of Earth impacts, concluding that an event about the size of the nuclear weapon that destroyed Hiroshima occurs about once a year

      Wenn wir wiederum annehmen, 3% der Landfläche und damit ungef¨ähr 0.75% der Erdoberfläche seien urbanisisert kommen wir auf einen Einschlag vergleichbar der Zündung einer Hiroshima-Bombe in ein städtisches Gebiet etwa alle 150 Jahre. Das scheint mir ein doch recht grosses Risiko. Ein Risiko vergleichbar dem durchschnittlichen Erdbebenrisiko.

      Es gibt ein nicht vernachlässigbares Risiko eines Meteoriteneinschlags in ein städtisches Gebiet. Doch das heisst nicht, dass die Menschheit möglichst schnell ein Asteroidenwarnsystem aufbauen sollte. Vielmher sollte bei jedem grossen Teleskopprojekt, das grosse Himmelsbereiche durchmustern will oder Himmelereignisse registrieren will, auch an die Detektion von Asteroiden gedacht werden.

      • “…kommen wir auf einen Einschlag vergleichbar der Zündung einer Hiroshima-Bombe in ein städtisches Gebiet etwa alle 150 Jahre. Das scheint mir ein doch recht grosses Risiko. Ein Risiko vergleichbar dem durchschnittlichen Erdbebenrisiko.”

        Irgendetwas scheint an Ihrer Statistik nicht zu stimmen, wenn ich mir die Zahl der durch Erdbeben un die durch Asteroiden zerstörte Städt in der Menschheitsgeschichte anschaue. Oder wissen Sie da mehr als ich?

        Die Abbildung im verlinkten Wikipedia-Artikel wird auch von B619 und Asteroid Day verwendet, um ihre Schock-Propaganda zu untermauern. Bitte genau hinschauen: Es handelt sich dabei allesamt um *Airbursts*, also Asteroiden, die in der Atmosphäre zerplatzt sind. Es handelt sich *nicht* im “Impakte” (jedenfalls nicht in der landläufigen Bedeutung von “Einschlägen auf dem Erdboden”), auch wenn dieses Wort (“impact”) von den Advokaten der Asteroidengefahr gerne (und, wie ich vermute, mit voller Absicht) irreführend verwendet wird.

        • Nach Eugene Shoemaker gibt es jedes Jahr einen Hiroshima vergleichbaren Impakt auf der Erdoberfläche. Warum hat es bis jetzt noch keine Städte/Vorstädte getroffen? Nun, nur schon vor 100 Jahren war die urbanisierte Landfläche wohl nur 0.5% und nicht 3% der Erdobefläche wie das heute der Fall ist. Vor 100 Jahren waren die meisten Gebiete so ländlich und unterentwickelt, dass ein Einschlag ein rein lokales Ereignis blieb. Das trifft ja auch auf das Tunguska-Ereignis zu, welches quadratkilometerweise Wald fällte, aber weltweit so wenig Echo fand, dass nicht einmal sofort eine Expedition losgeschickt wurde.

    • >Um diverse Gefahren einschätzen zu können, bedarf es simpelster historischer Recherche und >Wahrscheinlichkeitsrechnung.

      Das waere dann richtig, wenn es einen dem Problem angemessenen Datensatz gaebe. Den gibt es aber nicht, da erst seit wenigen hundert Jahren kontinuirliche globale Beobachtungen gibt.

  9. Die Geologen können so etwas auch, aber sehr viel billiger. Zumindest für geologisch jüngere Zeiträume kennen wir die Zahl und Größe größerer Krater und können entsprechend extrapolieren. Wir wissen ja zum Beispiel auch, wieviel Sterne es gibt, beobachten sie aber nicht. Das ist eigentlich sehr simpel…

  10. @Rainer Kresken: Leute, die von der Materie mehr Ahnung haben als du oder ich, meinen, dass Sentinel mit was-auch-immer-für-einem-Design nie und nimmer die z.B. implizit von Asteroid Day geforderte Verhundertfachung der Asteroidenentdeckungsrate bewerkstelligen kann. Die bedeutete nämlich die Erfassung all der ~40m-Brocken, die völlig überzogen als “City-Killer” dargestellt werden. Diese Dinger sind sehr klein, und alles andere als einfach rechtzeitig zu entdecken, in dem Sinne, dass z.B. eine Bahnbestimmung wie bei größeren Asteroiden möglich ist. Das, so sagen die Experten, würde Milliarden von Dollar kosten, für ein Risiko, dass, da kann man sich noch so sehr winden, winzig ist im Vergleich zu anderen.

    Das weiss auch B612, so behaupte ich mal, denn schaut man näher hin auf das, was zu Sentinel bekannt ist, liest man eher etwas zu größeren Asteroiden. Trotzdem wird mit den harmlosen Kleinasteroiden Angst gemacht.

    • Es tatsaechlich egal, wie die Sonde heisst und ob sie von B612, der Nasa, der ESA von sonstwem gebaut wird und wie empfindlisch sie zunaechst mal ist. Haupsache, sie und evtl Nachfolgemissionen werden bald gebaut, damit man mal endlich weiss, was Sache ist.

  11. >Das, so sagen die Experten, würde Milliarden von Dollar kosten, für ein Risiko, dass, da kann man
    >sich noch so sehr winden, winzig ist im Vergleich zu anderen.

    Das ist sehr hilfreich, denn man kann mit Milliarden von Dollar ja auch so sinnvolle Sachen machen wie 50km Autobahn bauen oder den atomaren Weltuntergang vorbereiten.
    Von der Versicherungsbranche kann man ueberigens lernen, dass nicht die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses wichtig ist, sondern das Produkt aus Wahrscheinlichkeit und finanziellem Schaden, wenn das Ereigniss eintritt.
    Alle wissen uebrigens vorgeblich, das die Wahrscheinlich ganz, ganz winzig ist, aber keiner wwiss, woher man das weiss. Woher weisst du das denn?

      • Falsch, die Groesse der Asteroidenflusses im Weltraum zwischen Erde und Sonne steht nirgendwo, denn da hat noch niemand angemessen hingeschaut.

        • Den Fluss kleiner Asteroiden in Erdnähe weiss man sehr wohl, den kann man auf der Zahl der Airburst ableiten, den Herr Holzherr oben verlinkt hat.

          Die Einschlagshistorie und die Zahl durch Asteroiden zerstörter Städte, sowie die Zahl der Flutwellen und hinterlassener Krater all der “City-Killer” der verhangenen Jahrtausende kann man ebenfalls ohne ausgefeilte und teure Weltraumtechnologie herausfinden.

          • Ach so, wusste nicht dass das so einfach ist. und das man aus Airburst einfach auf die Asteroidenpopulation bis zu bedrohlichen PHAs hochrechen kann. Dann bauen wir wohl doch lieber 20 km Autobahn.

  12. „Das ist sehr hilfreich, denn man kann mit Milliarden von Dollar ja auch so sinnvolle Sachen machen wie 50km Autobahn bauen oder den atomaren Weltuntergang vorbereiten.“

    Neue Projekt müssen sich selbst legitimieren und nicht über solche Vergleiche. Alles andere ist unredlich!

    „Alle wissen uebrigens vorgeblich, das die Wahrscheinlich ganz, ganz winzig ist, aber keiner wwiss, woher man das weiss.“

    Habe ich schon erklärt!

    „…die Groesse der Asteroidenflusses im Weltraum zwischen Erde und Sonne steht nirgendwo, denn da hat noch niemand angemessen hingeschaut.“

    Auch dazu habe ich mich und Jan Hattenbach schon geäußert!

  13. „Das waere dann richtig, wenn es einen dem Problem angemessenen Datensatz gaebe. Den gibt es aber nicht, da erst seit wenigen hundert Jahren kontinuirliche globale Beobachtungen gibt.“

    Ja was denn nun? Wenn uns alle hundert Jahre ein Ding auf den Kopf fällt, sollten wenige 100 Jahre als Basis nicht so schlecht sein. Doch auch hier gilt der geologische Befund. Wir wissen durchaus mehr als über die letzten 1000 Jahre.

  14. Man kann die Sache unter den verschiedensten Aspekten hin und her wenden, aber entscheidend ist doch, sich darüber klar zu werden, was wir wollen.
    Und das kann doch in erster Linie nur dies sein: Vermeidbare Asteroidentreffer vermeiden.

    Da uns der Hammer wirklich jederzeit(!) treffen kann (der nächste Impakt lässt sich auch mit besten Statistiken nicht vorhersagen), müssen wir also 1. möglichst viel über die Dinger wissen u. 2. die Technik entwickeln, die es ermöglicht, vermeidbare Impakte zu verhindern. Alles spricht also für die Realisierung von Sentinel und Co.

  15. Das stimmt aber nur bei unendlichen finanziellen Ressourcen! Daher muss vor 1. und 2. eben definiert werden, was “vermeidbare Asteroidentreffer” in Wirklichkeit heißen. Ohne diese Definition sind entsprechende technische Überlegungen unseriös. Und daran hapert es auch in der hiesigen Diskussion.

  16. @Tom Die Umsetzung von Missionen wie Sentinel würde sicher keine Weltwirtschaftskrise auslösen – also machen. Nur so erfahren wir mehr über die Asteroidenpopulation, was für Abwehrmaßnahmen unerlässlich ist.
    Die Binsenweisheit, dass nicht alles Wünschenswerte und Sinnvolle auch technisch realisierbar und finanzierbar ist, darf uns nicht davon abhalten, im finanzierbaren Rahmen Vorsorge gegen natürliche Ereignisse zu treffen, die große Verwüstungen mit sich bringen oder gar den Bestand unserer Spezies bedrohen.
    Welche dieser künftigen Ereignisse vermeidbar sind und welche nicht, hängt vor allem von uns ab. Zur Zeit könnten wir keinen einzigen drohenden katastrophalen Impakt abwehren. Wer sich persönlich damit zufrieden geben möchte, kann dies tun, kann aber nicht für diejenigen sprechen, die verantwortungsvoller mit der Thematik umgehen möchten.

  17. Generell fällt auf, dass die Beführworter der Impaktorsuche wiederholt Katastrophenszenarien zeichnen (Wetuntergang, Sätdtvernichtung) und gleichzeitig die Kosten klein darstellen indem Extrembeispiele dargelegt werden (Bankenrettung, Rüstung). Besser wäre eine nüchterne Beleuchtung der wahren Risiken unter Berücksichtigung der Kosten. Außerdem währe es hilfreich, das Thema in den historischen Kontext des bisher erreichten Wissens zu setzen. Es reicht nicht aus, so zu tun, als würden wir mit diesem Thema erst heute beginnen. Technologiebegeisterung und Angst helfen hier nicht weiter und machen die Diskussion nicht besser.

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